{"id":25499,"date":"2025-10-07T21:49:18","date_gmt":"2025-10-07T19:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25499"},"modified":"2025-10-07T21:49:18","modified_gmt":"2025-10-07T19:49:18","slug":"lukas-141-11-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-141-11-3\/","title":{"rendered":"Lukas 14,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>17.Sonntag nach Trinitatis | 12.10.25 | Lukas 14,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Symposion und Anti-Symposion<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor fast 2400 Jahren schrieb der griechische Philosoph einen Dialog mit dem Titel <em>Symposion<\/em>. Er handelt von einer Gruppe von intellektuellen K\u00fcnstlern und Philosophen, die in einem kleinen geschlossenen Kreis zusammenkommen. Bei einem solchen Symposion isst und trinkt man, wohl gemerkt man trinkt bis man recht betrunken ist. Danach erhebt sich abwechselnd jeder Teilnehmer und beginnt \u00fcber ein im Voraus gew\u00e4hltes Thema zu meditieren und zu diskutieren. Im Symposion geht es um das Thema Liebe \u2013 die Frau, Eros und die Kunst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Teilnehmer werden von Sklaven bedient. Es ist eine geschlossene Gesellschaft. Nur f\u00fcr die Eingeweihten und Ausgew\u00e4hlten. Man muss aus einer aristokratischen Familie stammen, reich und intelligent sein, um teilnehmen zu k\u00f6nnen. Das ist ein exklusiver Kreis. Sklaven, Dienstleute, Arme, Kranke, Auss\u00e4tzige, die Ausgesto\u00dfenen und die Versager haben keinen Zugang. Sie haben nicht einmal eine Sprache. Niemand spricht von ihnen oder spricht ihre Sprache. Sie sind anonym, stumm, dumm, \u00fcbersehen \u2013 fast nicht existent.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcnfhundert Jahre sp\u00e4ter schreibt der Evangelist Lukas auch ein Symposion. Oder Symposion ist vielleicht zu viel gesagt, denn das Symposion des Lukas ist ein umgekehrtes Symposion \u2013 ein Anti-Symposion, das die ansonsten geltende unterdr\u00fcckende Hierarche, die wir bei Platon finden, v\u00f6llig umkehrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Anti-Symposion erstreckt sich \u00fcber Lukas 14,1-24 und besteht einleitend aus einigen kleinen Lehrgeschichten. Die Geschichten handeln u.a. davon, wen man einladen soll und wo man sich am Tisch hinsetzen soll. Lukas warnt davor, Freunde einzuladen, denn da bekommt man nichts anderes als gegenseitige Selbstbest\u00e4tigung \u2013 das kennen die meisten. Freunde sind schlimm zu Freunden, solange Freunde existieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gleichzeitig warnt er auch davor, sich am Haupttisch an den obersten Platz zu setzen im Verh\u00e4ltnis zu den normal angewiesenen Pl\u00e4tzen. Nicht wegen einen Klassengesetzes, sondern weil Lukas kritisch ist gegen die Instrumente der Macht inklusiv der Verwendung von Essen und Mahlzeiten aus Exklusivit\u00e4t und Ausschluss. Davon wissen wir vielleicht heute etwas, wo selbst die Wetteraussichten eingepackt werden in lukullische und \u00fcppige Gastronomie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gleichnis vom gro\u00dfen Gastmahl ist der H\u00f6hepunkt im lukanischen Anti-Symposion. Es ist ein Gleichnis, das vom Reich Gottes handelt. Wer zum Fest auf der einen Seite eingeladen ist und wer auf der anderen Seite zum Fest kommt. Das sind nicht dieselben. Die Eigeladenen entschuldigen sich und kommen nicht wegen Unterhaltssorgen und anderen\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0allt\u00e4glichen Problemen. Man k\u00f6nnte fragen, ob sie zu Platons Symposion gekommen w\u00e4ren, wenn sie die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tten. Daf\u00fcr kommen die, die nicht eingeladen waren. Sie haben n\u00e4mlich keine Entschuldigungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der K\u00f6nig ist Gott selbst. Der Diener ist sein Sohn Jesus Christus. Er geht hinaus zu den Marginalisierten auf Stra\u00dfen und Wegen ganz drau\u00dfen hinter den dichten W\u00e4ldern und verbotenen Gebieten, um alle die einzuladen, mit denen niemand essen oder reden will. Einladung mitten im schlimmsten Viertel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf diese Weise werden die Absagen der Eingeladenen zu Festmahlzeit der nicht Eingeladenen. Denn das Fest soll stattfinden \u2013 ganz gleich wer kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese beiden Erz\u00e4hlungen haben auf je ihre Weise miteinander konkurriert in der Geschichte der europ\u00e4ischen Zivilisation. Die geschlossene und exklusive Gesellschaft Platons auf der einen Seite und die offene und inklusive Mahlzeit des Lukas auf der anderen Seite. Die Spannung zwischen Geschlossenheit und Offenheit, zwischen Exklusion und Inklusion hat somit Spuren hinterlassen in europ\u00e4ischer und d\u00e4nischer Literatur und dem Interieur.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich nenne zwei bekannte Beispiele aus der d\u00e4nischen Literatur.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine geschlossene Gesellschaft finden wir in Gustav Wieds <em>Livsens ondskab<a href=\"applewebdata:\/\/AF931CAA-A47A-405E-B435-3EB45FB9CF9F#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em>, wo die d\u00e4nischen Fresss\u00e4cke das Essen zu einer Loge von Gleichgesinnten gemacht haben. Hier existiert eine klare und ausdr\u00fcckliche Exklusivit\u00e4t. Wie Redakteur Heilbunth \u2013 der selbsternannte F\u00fchrer der Fresss\u00e4cke \u2013 es selbstironisch und imposant sagt: Wir sind \u201eexklumpsiv\u201c. Man muss n\u00e4mlich mindestens 240 Pfund wiegen, um ein Teil des Klubs der Fresss\u00e4cke zu sein, eine relativ hohe Summe Geld bezahlen, das der Arme nicht hat, und \u00fcber 50 Jahre alt sein. Die Fresss\u00e4cke sind also eine karikierte Ausgabe von Platons Symposion. Beide sind exkludierend. Sie sind geistlich und fleischlich Br\u00fcder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch wie gesagt: Ein Symposion hat auch ein Anti-Symposion. In der d\u00e4nischen Literatur ist Karen Blixen<a href=\"applewebdata:\/\/AF931CAA-A47A-405E-B435-3EB45FB9CF9F#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> ein herausragendes Beispiel. Nicht zuletzt in der Erz\u00e4hlung von <em>Babettes Gastmahl<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Geschichte handelt von zwei Propst-T\u00f6chter in dem Dorf Berlevaag, die dank der franz\u00f6sischen K\u00f6chin Babette Wirtinnen eines einmaligen Gastmahls werden. Als Babette eines Tages eine Pr\u00e4mie von 10.000 Franc gewinnt und die Gemeinde mit einem kostbaren franz\u00f6sischen Mahl auf eigene Rechnung bewirten will, geschieht in Berlevang etwas, was nie zuvor geschehen ist. Sie bereitet n\u00e4mlich ein Mahl f\u00fcr sie, das die Feindseligkeit und Kleinlichkeit, Exklusivit\u00e4t und Ausschlie\u00dfung vers\u00f6hnt, die sich langsam in die kleine Gemeinde eingeschlichen haben. Kleine Gemeinschaften haben auch ihre Konflikte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie Lukas erz\u00e4hlt sie vom Reich Gottes, aber sie tut das wohlgemerkt als K\u00fcnstlerin. Die Mahlzeit von Blixen ist n\u00e4mlich inkludierend. Sie ist ein Anti-Symposion. Da ist ja niemand in der kleinen Gemeinde, der ausgeschlossen ist. Im Gegenteil. Alle haben Teil an der Gemeinschaft. Auch die, die einander nicht m\u00f6gen. Auf diese Weise sprengt Blixen die standesm\u00e4\u00dfigen Relationen, so dass die verschiedenen Platzierungen in der sozialen Hierarchie ausgeglichen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In diesem Zusammenhang kein Wort vom Abendmahl in der d\u00e4nischen Volkskirche. Aber im Gegensatz zu der Exklusivit\u00e4t, die wir in der heutigen gastronomischen Performance vorfinden, ist die kirchliche Mahlzeit sicherlich das am meisten inkludierende, was wir haben. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 5881 Sk\u00e5rup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: ankj(at)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/AF931CAA-A47A-405E-B435-3EB45FB9CF9F#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Deutsch: Bosheit des Lebens.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/AF931CAA-A47A-405E-B435-3EB45FB9CF9F#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Deutsch Tania Blixen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.Sonntag nach Trinitatis | 12.10.25 | Lukas 14,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig | Symposion und Anti-Symposion Vor fast 2400 Jahren schrieb der griechische Philosoph einen Dialog mit dem Titel Symposion. Er handelt von einer Gruppe von intellektuellen K\u00fcnstlern und Philosophen, die in einem kleinen geschlossenen Kreis zusammenkommen. 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