{"id":25517,"date":"2025-10-15T08:05:33","date_gmt":"2025-10-15T06:05:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25517"},"modified":"2025-10-14T21:02:03","modified_gmt":"2025-10-14T19:02:03","slug":"jakobus-2-14-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-2-14-26\/","title":{"rendered":"Jakobus 2, 14-26"},"content":{"rendered":"<h3>Braucht der Glaube Werke? | 18. Sonntag n. Trin. | 19.10.2025 | Jakobus 2, 14-26 | Fritz Neubacher |<\/h3>\n<p><strong>Braucht der Glaube Werke?<\/strong><\/p>\n<p>Es war vor gut 2 Jahren, als der Bericht von Willi Steindl, einem Tiroler Extrembergsteiger durch die Medien ging. Er erz\u00e4hlte, dass auf dem K2, dem 2. h\u00f6chsten Berg der Welt die Sportler buchst\u00e4blich \u00fcber einen verungl\u00fcckten, sterbenden Kollegen dr\u00fcbergestiegen sind, um ihr Gipfelziel zu erreichen: Ohne den Versuch einer Rettung ist der 35-j\u00e4hrige Mohammad Hassan nach seinem Absturz am K2 gestorben. Angeblich hat er noch nach den F\u00fc\u00dfen anderer Bergsteiger gegriffen, um Hilfe zu bekommen. Diese seien jedoch einfach weitergegangen. \u201eEs hat sich niemand f\u00fcr ihn verantwortlich gef\u00fchlt&#8220;, sagte Steindl den Medien.<\/p>\n<p>Die hatten offenbar alle Wichtigeres im Kopf, als einem armen Verungl\u00fcckten zu helfen.<\/p>\n<p>Gibt es was Schlimmeres? \u2013 Ja, nat\u00fcrlich: Immer wieder lesen wir von Fahrerflucht mit unterlassener Hilfeleistung. Also: Da verursacht jemand einen Unfall mit Personenschaden \u2013 und l\u00e4sst den Verletzten einfach liegen, und haut ab. Das ist unglaublich gemein und niedrig \u2013 und dennoch tun das Leute.<\/p>\n<p>Nicht so spektakul\u00e4r, aber ebenso unfassbar und \u00e4rgerlich lagen die Untaten, die Jakobus anscheinend vor Augen hatte:<\/p>\n<p>Da gab es Arme und Reiche in der Gemeinde: Welche, die mit dem Gesch\u00e4ftemachen so besch\u00e4ftigt waren, dass sie keine Zeit daf\u00fcr hatten, die Not der einfachen Gemeindeglieder zu bemerken. Sie haben sie mit ein paar netten, nichtssagenden Worten abgespeist \u2013 und sind zu ihrem n\u00e4chsten Gipfeltreffen gejettet: \u201eDu frierst und hungerst? \u2013 Ui, das tut mir leid. Na, Gott wird dir helfen, verlass dich drauf.\u201c Und weg waren sie\u2026<\/p>\n<p>Jakobus wurmt das! Wenn er der Bruder von Jesus war (Wir wissen nicht sicher, ob der Autor dieses Briefes einer der Br\u00fcder Jesu, mit Namen Jakobus ist) \u2013 dann hatte er vielleicht dessen Worte im Ohr: \u201eAn den Fr\u00fcchten werdet ihr sie erkennen!\u201c Also gemeint ist: Ob jemand in Gottes neue Welt geh\u00f6rt, kannst du daran erkennen, ob dessen Leben Fr\u00fcchte hervorbringt, die diesem Gottesreich w\u00fcrdig sind \u2013 oder ob er nicht dazugeh\u00f6rt, und am Ende drau\u00dfen bleiben muss.<\/p>\n<p>Vielleicht hat Jakobus das den wohlhabenden, gesch\u00e4ftigen Gemeindegliedern br\u00fchwarm aufs Auge gedr\u00fcckt, vielleicht sogar mit ein wenig Zornesr\u00f6te im Gesicht: \u201eSchaut euch doch mal um in unserer Gemeinde: Da gibt\u2019s M\u00fctter, die wissen nicht, wie sie ihre Kinder satt kriegen sollen, und ihr wisst nicht, mit welchen ausgefallenen, exotischen K\u00f6stlichkeiten ihr eure Teller noch f\u00fcllen sollt!\u201c<\/p>\n<p>Und die? \u2013 Die waren nicht um eine Antwort verlegen!<\/p>\n<p>Die haben sich auf den gro\u00dfen Apostel Paulus berufen, der in seinem allseits bekannten Brief an die R\u00f6mer formuliert hatte: \u201eWir werden aus Glauben gerettet, und nicht aus den guten Taten!\u201c Also salopp gesagt: \u201egute Taten sind nett, arme Leute durchf\u00fcttern ist lieb!\u201c Sch\u00f6n, wenn ihr das tut, &#8211; aber ankommen tut es vor Gott auf etwas Anderes: auf den Glauben! Und den haben wir! Also, lieber Jakobus, stiehl uns nicht die Zeit, wir m\u00fcssen weiter!<\/p>\n<p>Hm: geh\u00f6ren gute Taten zu einem Glauben, der in Gottes Augen was z\u00e4hlt, dazu, oder nicht?<\/p>\n<p>Reicht es, sich zu Jesus zu bekennen, an die Vergebung zu glauben und die Auferstehung von den Toten, und all das, was wir im Glaubensbekenntnis gesagt haben, oder m\u00fcssen gute Taten sichtbar werden?<\/p>\n<p>Das ist die Frage, die uns der Jakobusbrief heute stellt. Ich w\u00e4re gespannt auf eure Antworten.<\/p>\n<p>Hier mein Versuch, das aufzul\u00f6sen:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst:<\/p>\n<p>\u00dcber sterbende Menschen achtlos hinwegsteigen, Fahrerflucht begehen, Arme einfach ihrem Schicksal \u00fcberlassen \u2013 all das geht gar nicht! Dar\u00fcber sind sich \u00fcbrigens alle Religionen einig! Das ist nichts genuin Christliches, das ist weltweit so! Und selbst wenn Weltmenschen so grausam und gef\u00fchllos sein k\u00f6nnen: Christinnen und Christen k\u00f6nnen und d\u00fcrfen das nicht! Wir haben den klaren Auftrag Jesu, unsere N\u00e4chsten zu lieben, wir kennen die Werke der Barmherzigkeit, wir sind dazu berufen, gute Fr\u00fcchte zu bringen, weil wir gute B\u00e4ume sind! Selbst Paulus, der ja der Hauptzeuge f\u00fcr die Glaubensseite ist, wei\u00df, dass die Liebe die H\u00f6chste unter den Dreien: Glaube, Hoffnung und Liebe ist, und er schreibt den Christen in Galatien, dass der Glaube z\u00e4hlt, der sich liebend t\u00e4tig erweist!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man dar\u00fcber diskutieren, wieviel Liebe gefordert ist.<\/p>\n<p>\u201eIch kann mich nicht um alle Armen dieser Welt k\u00fcmmern\u201c, sagen wir, und nehmen es als Argument, sich um niemand k\u00fcmmern zu wollen. Stimmt. Man kann sich nicht um alle in Not Geratenen k\u00fcmmern. Das \u00fcberfordert. Aber um Einen, um Eine, um Jemanden, der deine Hilfe braucht, kannst du dich k\u00fcmmern! F\u00fcr wen willst du konkret da sein? \u2013 Das ist die Frage.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns nicht um alle und nicht gleichzeitig k\u00fcmmern \u2013 das ist das Eine.<\/p>\n<p>Das Andere ist: Wir alle haben verschiedene M\u00f6glichkeiten! Der Eine kann gut zuh\u00f6ren, der andere kann das nicht. Aber er kann Einheizen, oder Heizungen reparieren, oder andere t\u00e4tige Hilfe leisten. Wir m\u00fcssen nichts, was wir nicht k\u00f6nnen. Und wir m\u00fcssen nicht das liefern, was der Bruder oder die Schwester neben uns auf der Kirchenbank so gro\u00dfartig kann. Aber wir k\u00f6nnen und sollen das einbringen, was wir k\u00f6nnen. So wird vielen auf vielerlei Weise geholfen!<\/p>\n<p>Also &#8211; Zwischenergebnis:<\/p>\n<p>Jakobus, du hast recht! Wir Christinnen und Christen sind aufgefordert, unserem Glauben gute Taten folgen zu lassen! Mehr oder weniger, selten oder h\u00e4ufiger, mit Spenden oder mit Hand anlegen \u2013 wie auch immer, aber: die guten Taten geh\u00f6ren zum Christen und zur Christin wie die N\u00e4sse zum Wasser.<\/p>\n<p>Aber:<\/p>\n<p>Jetzt das gro\u00dfe Aber! Jakobus hatte sich diesen Zustand seiner anvertrauten Menschen so zu Herzen genommen, dass er in seiner Argumentation \u2013 f\u00fcr mein Verst\u00e4ndnis \u2013 \u00fcbers Ziel hinausgeschossen hat. Er hat n\u00e4mlich formuliert, dass der Glaube allein \u2013 ohne Werke \u2013 gar nichts n\u00fctzt, am allerwenigsten rettet er dich im finalen Gericht. W\u00f6rtlich Vers 17: \u201eSo ist es mit einem Glauben, der keine Werke aufweist: F\u00fcr sich allein ist er tot.\u201c Und ein paar Zeilen weiter, Vers 22: \u201eDer Glaube wirkt mit dem Tun zusammen\u201c!<\/p>\n<p>DAS ist f\u00fcr uns evangelisch gepr\u00e4gte Menschen des Guten zu viel! \u2013 und ich will gerne erkl\u00e4ren, warum:<\/p>\n<p>Wenn es auf unsere Taten und Werke ankommt, ob wir vor Gott gerecht sind \u2013 wozu ist dann Jesus am Kreuz gestorben? Das ist doch der wichtigste Grund f\u00fcr sein Leiden und Sterben, und seinen ganzen Kreuzesweg, dass WIR eben NICHT in der Lage sind, uns selbst beim Schopf aus dem Sumpf zu ziehen!<\/p>\n<p>Und wenn Jakobus jetzt behauptet: Es kommt auf die Werke an, ob du gerettet bist, oder nicht: Dann entwertet er damit das Heilswirken Jesu! Dann k\u00f6nnen sich Menschen auf einmal selber erl\u00f6sen, und Jesus h\u00e4tte nicht sterben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>DAS aber war durch 2000 Jahre Kirchengeschichte eine Irrlehre, die immer wieder aufgeflackert ist, und die auch immer wieder bek\u00e4mpft werden musste! Gro\u00dfe Theologen haben ihr Leben investiert, um diese Falschlehre zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Athanasius der Gro\u00dfe zum Beispiel, gegen Arius, oder der Hl. Augustinus gegen Pelagius, oder Martin Luther gegen die damalige r\u00f6mische Kirche mit ihrem Ablasshandel. Sie haben hochgehalten, dass Jesus f\u00fcr unsere Erl\u00f6sung gestorben ist, und haben den Geschenkcharakter des Ewigen Lebens f\u00fcr uns Menschen bewahrt.<\/p>\n<p>Aber, k\u00f6nnte man sagen, genau betrachtet ist es bei Jakobus ja kein \u201eEntweder Glaube oder gute Werke\u201c \u2013 es ist ein miteinander, ein Zusammenwirken. Du brauchst Glauben, und du brauchst Werke. Das ist seine Botschaft.<\/p>\n<p>Stimmt, aber (das ist heute ein bissl Theologie, \u2026 ich hoffe, ihr seid noch dabei J):<\/p>\n<p>Wenn ich Jakobus folge, und den Werken einen heilsnotwendigen Wert beimesse, dann beginnt das Rechnen und Z\u00e4hlen: Wieviel muss es denn sein? Ein bisschen gute Werke reichen? Oder kommen nur die Besten in den Himmel? Ist es so wie beim Sport? Nur die 1. Liga z\u00e4hlt? Gibt\u2019s dann die Champions League der Gutmenschen? Und gibt es dann sowas wie Paralympics? Sonderwettbewerbe f\u00fcr moralisch Gehandicapte? Ihr merkt: Das funktioniert nicht. Die Sch\u00f6nheit und das Gl\u00fcck und die Weite und Fr\u00f6hlichkeit des Glaubens gehen verloren. All die Geschichten der Evangelien von Menschen, die verloren waren, und \u2013 ohne ihr Zutun \u2013 von Gott wiedergefunden worden sind, sprechen gegen diesen Ansatz, dass es auf die guten Werke ank\u00e4me!<\/p>\n<p>Deswegen, lieber Jakobus:<\/p>\n<p>Wir verstehen dein Anliegen: Es ist wirklich eine himmelschreiende Gemeinheit, dass Christinnen und Christen sich nicht um ihre verarmten Br\u00fcder und Schwestern k\u00fcmmern. Da sind wir bei dir. Wir versprechen dir, es besser zu machen! Wir k\u00fcmmern uns!<\/p>\n<p>Aber du darfst die ewige Errettung, das Heil der Menschen, und den Zugang zum Himmel nicht an die guten Werke kn\u00fcpfen. Das ist das, das f\u00fcr immer, und f\u00fcr alle, ein f\u00fcr alle Mal mit dem Namen Jesus verkn\u00fcpft ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rektor i.R. Fritz Neubacher<br \/>\nSt. Georgen im Attergau, \u00d6<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:Fritz.neubacher@aon.at\">Fritz.neubacher@aon.at<\/a><\/p>\n<p>Fritz Neubacher, Jahrgang 1958, Pfarrer der Evang. Kirche A. B. i. \u00d6.; bis 8\/23 Rektor des Werks f\u00fcr Evangelisation und Gemeindeaufbau, seither im Ruhestand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Braucht der Glaube Werke? | 18. Sonntag n. Trin. | 19.10.2025 | Jakobus 2, 14-26 | Fritz Neubacher | Braucht der Glaube Werke? Es war vor gut 2 Jahren, als der Bericht von Willi Steindl, einem Tiroler Extrembergsteiger durch die Medien ging. 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