{"id":2557,"date":"2020-04-15T09:25:39","date_gmt":"2020-04-15T07:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2557"},"modified":"2020-04-15T09:25:39","modified_gmt":"2020-04-15T07:25:39","slug":"auftauchen-und-mutig-aufbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/auftauchen-und-mutig-aufbrechen\/","title":{"rendered":"Auftauchen und mutig aufbrechen!"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Jesaja 40, 26 \u2013 31 |\u00a0verfasst von Klaus Wollenweber |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<\/p>\n<p>Liebe Gemeindemitglieder zu Hause in der N\u00e4he und in der Ferne,<\/p>\n<p>\u201eQuasimodogeniti\u201c = \u201egleichsam wie Neugeborene\u201c \u2013 so stellte man sich in der fr\u00fchen christlichen Kirche die T\u00e4uflinge vor, wenn sie bei ihrer Taufe im Wasser untergetaucht waren und nun wie Neugeborene aus dem Wasser wiederauftauchten. Ein eindr\u00fcckliches, zeichenhaftes Geschehen war dieses und zugleich eine sichtbare Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Auferstehung Jesu: gestorben und wieder auferstanden, neu geboren!<\/p>\n<p>Damals kamen alle in der Osternacht getauften Christen in ihren wei\u00dfen Taufgew\u00e4ndern nochmals am Sonntag nach Ostern zum ersten Gottesdienst als neu getaufte Mit-Christen. Deshalb nennt man bis heute in katholischen Gebieten diesen Sonntag den \u201eWei\u00dfen Sonntag\u201c. Unsere christliche Taufe ist in dieser Weise eng mit der Botschaft von der Auferstehung Jesu verbunden, die ein Sch\u00f6pfungswerk Gottes ist. Und dieses \u00f6sterliche Sch\u00f6pfungsgeschehen \u00fcbersteigt alle menschliche rationale Vernunft und emotionale Vorstellungskraft, ist aber dennoch ein ermunterndes Zeugnis zum Aufbruch aus Tr\u00fcbsinn und Resignation \u2013 gerade auch in dieser eigenartigen \u201eCorona-Zeit\u201c, in der wir nur \u201egemeinsam getrennt\u201c Gottesdienste feiern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir auf diesem Hintergrund als Christen die eindringliche Botschaft des Zweiten Jesaja, der vor zweieinhalb tausend Jahren dem resignierten und verzweifelten Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft die Sch\u00f6pfungskraft des einen Gottes vor Augen h\u00e4lt: Jesaja 40, 26-31<\/p>\n<p><strong>26 Hebt eure Augen in die H\u00f6he und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er f\u00fchrt ihr Heer vollz\u00e4hlig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so gro\u00df, dass nicht eins von ihnen fehlt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: &#8222;Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vor\u00fcber&#8220;? <\/strong><\/p>\n<p><strong>28 Wei\u00dft du nicht? Hast du nicht geh\u00f6rt? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. <\/strong><\/p>\n<p><strong>29 Er gibt dem M\u00fcden Kraft und St\u00e4rke genug dem Unverm\u00f6genden. <\/strong><\/p>\n<p><strong>30 J\u00fcnglinge werden m\u00fcde und matt, und M\u00e4nner straucheln und fallen; <\/strong><\/p>\n<p><strong>31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht m\u00fcde werden. <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeindemitglieder, aus der eigenen Lebensgeschichte k\u00f6nnen manche von uns diese Situation nachempfinden, in der sich das Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft befindet: sie haben jahrelang zu ihrem einen Gott gebetet; sie haben von ihm erz\u00e4hlt und sich an ihn gehalten; sie sind nicht von ihm abgefallen und haben sich nicht den vielen anderen G\u00f6ttern zugewandt; sie haben der Botschaft von dem einen, barmherzigen und gn\u00e4digen Gott vertraut. Jedoch haben sie nichts von ihm gesp\u00fcrt; er hat sie nicht befreit; er hat sie nicht in ihre Heimat zur\u00fcckgebracht. Sie haben wie vor eine Wand gebetet und vergeblich geglaubt. Deshalb f\u00e4llt es ihnen in ihrer Entt\u00e4uschung leicht, auch die G\u00f6tzen der Babylonier anzubeten; denn ihr Gott hat sie vergessen.<\/p>\n<p>Ist dies nicht vergleichbar mit uns, wenn wir Krankheiten erfahren, beten und keine Besserung erfahren? Was ist, wenn das Coronavirus das pers\u00f6nliche Leben und das der ganzen Gesellschaft v\u00f6llig umkrempelt? Was ist, wenn wir unter unseren eigenen Fehlentscheidungen leiden, \u00fcber unseren bruchst\u00fcckhaften Vorstellungen verzweifeln, krumme Wege der Anbetung einschlagen und den Sinn des Lebens und das Vertrauen in Menschen verlieren? Wo bleibt Gott? Schlie\u00dflich sind wir hilflos, m\u00fcde und matt und ziehen uns vom Glauben an den auferstandenen Christus zur\u00fcck. Offensichtlich k\u00fcmmert Gott sich nicht um uns hier; er hat immer andere im Blick und ist an deren Seite. Wir sind au\u00dfen vor! Ich bin au\u00dfen vor! Seht doch auf die Kirchengemeinde: sie wird klein und kleiner; es wird immer schwerer, verantwortliche Menschen in den Kirchenvorstand zu bekommen; die Zahl der nicht getauften Menschen wird gr\u00f6\u00dfer. Was bleibt, ist Resignation und Pessimismus!<\/p>\n<p>Ich habe in einer Meditation zu diesem Predigttext den folgenden einpr\u00e4gsamen Spruch gelesen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Geht der Glaube zur T\u00fcr hinaus,<\/em><\/p>\n<p><em>kommt der Aberglaube durch\u00b4s Fenster.<\/em><\/p>\n<p><em>Verl\u00e4sst Gott das Haus,<\/em><\/p>\n<p><em>kommen die Gespenster.\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 (in Gottesdienst Praxis 1996, Band 2, S. 138 )<\/em><\/p>\n<p>Keineswegs! Keinesfalls! So h\u00e4mmert der Prophet Jesaja seinen israelischen Gl\u00e4ubigen seine aufmunternde Botschaft ein: \u201e<em>Wei\u00dft du nicht? Hast du nicht geh\u00f6rt? Der Herr, der die Enden geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich!\u201c <\/em>Ich \u00fcbertrage direkt: Wei\u00dft du nicht, liebes Gemeindemitglied? Hast du nicht geh\u00f6rt, was damals nach der Kreuzigung Jesu an Ostern geschehen ist? Dieses neue Sch\u00f6pfungs-geschehen rei\u00dft uns bis heute heraus aus dem Jammern und Klagen \u00fcber die Abwesenheit des Sch\u00f6pfergottes, \u00fcber seinen Tod und \/ oder \u00fcber seine Nicht-Existenz. Abgesehen davon, dass wir in Europa meist auf hohem Niveau jammern, werden wir aufgefordert: Wach auf und steh auf von der Nabelschau, dem egoistischen Blick nur auf die eigene Existenz! Erweitere dein Blickfeld! Da gibt es ein Sch\u00f6pfungsgeschehen, das nicht von Menschen erfunden und bewirkt wurde. Da ereignet sich in unserer Welt der Tod des Todes! Uns ist der weite Blick auf das Leben in der N\u00e4he Gottes er\u00f6ffnet!<\/p>\n<p>Und das hat seine Auswirkung auf unsere Verhaltensweisen: Wir unverm\u00f6genden, m\u00fcden, schnell zur Resignation neigenden Menschen bekommen neue Kraft und St\u00e4rke. Dabei k\u00f6nnen wir uns an die J\u00fcnger vor 2000 Jahren als Vorbilder erinnern: Sie waren wirklich verzweifelt, als ihr Meister und ihr Idol gefangen genommen und gekreuzigt wurde. Sie waren v\u00f6llig entt\u00e4uscht; denn ihre Lebenshoffnung war dahin! Aus Angst vor der eigenen Gefangennahme und Kreuzigung waren sie geflohen. Und dann wurden sie Zeugen der Sch\u00f6pfungsmacht Gottes; sie erlebten die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Sie bekamen pl\u00f6tzlich neue Kraft, \u201edass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.\u201c (Vers 31) Der Prophet \u00fcberschl\u00e4gt sich fast selbst mit diesem Bild und der Anh\u00e4ufung von Dynamik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die J\u00fcnger Jesu damals von sich aus, aus eigenem Impuls heraus, aufgrund eigener Erfindung und \u00dcberlegung loszogen und die Botschaft von der Auferstehung Jesu auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen weitererz\u00e4hlten. Und dass sie zugleich diese frohe Botschaft mit der Hoffnung auf die eigene Auferstehung und das Leben in der N\u00e4he Gottes selbst erfinden und verbinden konnten. Die Osterbotschaft ist ein Sch\u00f6pfungsgeschehen Gottes, das unsere Vernunft und unseren Verstand \u00fcbersteigt!<\/p>\n<p>Von dem Schweizer theologischen Schriftsteller Kurt Marti stammen die Zeilen:<\/p>\n<p><em>\u201eIhr fragt, wie ist die Auferstehung der Toten? \u2013 Ich wei\u00df es nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Ihr fragt, wann ist die Auferstehung der Toten? \u2013 Ich wei\u00df es nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Ihr fragt, gibt\u00b4s keine Auferstehung der Toten? \u2013 ich wei\u00df es nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich wei\u00df nur, wonach ihr\u00a0 n i c h t\u00a0 fragt: Die Auferstehung derer, die leben.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich wei\u00df nur, wozu er uns ruft: Zur Auferstehung heute und jetzt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeindemitglieder, die Botschaft von der Auferstehung als ermutigender Schritt nach vorne ist ein aktuelles Geschehen, keine Zukunfts-Verstr\u00f6stung! Jetzt bekommen wir Lebenden Kraft und St\u00e4rke \u2013 gleichsam im Widerstreit mit der Realit\u00e4t unseres gesellschaftlichen Umfeldes. Wir \u2013 das sind die, die \u201eauf den Herrn harren\u201c. \u201eHarren\u201c ist ein dynamischer Vorgang, kein Stille-halten und kein Abwarten, was so kommen mag. Nein! Harren ist ein nach vorne dr\u00e4ngendes Hoffen, weil der Sch\u00f6pfergott viel mehr vermag als ich, sein Gesch\u00f6pf. Er kann den Tod besiegen; er kann die Angst wegnehmen; er kann die m\u00fcden Knochen in Bewegung bringen. Und er kann dies nicht nur; er hat es getan! Daf\u00fcr ist Jesus Christus das Unterpfand. \u201e<em>Wei\u00dft du nicht? Hast du nicht geh\u00f6rt?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ich zitiere aus dem \u201eLiturgischer Kalender\u201c zum Ostersonntag ( R\u00fcdiger Jung ):<\/p>\n<p><em>\u201eOstern, Aufstand des Lebens gegen den Tod. <\/em><\/p>\n<p><em>Noch ist unser Leben vom Tod gezeichnet.<\/em><\/p>\n<p><em>Ostern, Aufstand der Freude gegen das Leid.<\/em><\/p>\n<p><em>Noch ist unser Leben vom Leid gezeichnet.<\/em><\/p>\n<p><em>Nur ahnend erfassen wir das Neue.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch wir trauen dir, Gott, zu, dass du alles verwandelst<\/em><\/p>\n<p><em>und dein Osterlicht heute durch uns leuchten l\u00e4sst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch uns leuchtet das Licht Gottes, liebe Gemeindeglieder. Nicht immer nur durch die anderen. W i r \u00a0hier h\u00f6ren diese Ermunterung heute. Wir sollen trotz Coronavirus fr\u00f6hlich und getrost sein. Wir k\u00f6nnen uns selbst fragen: Kann ich aufbrechen und mich mit missliebigen Familienmitgliedern und Nachbarn und Arbeitskolleginnen vers\u00f6hnen, ihnen gegen\u00fcber wenigstens friedfertig, barmherzig und gerecht sein? Ich w\u00fcnsche Ihnen und mir f\u00fcr diese neue Woche: Aufstehen! Aufbrechen aus dem alten Denkmuster: Ich kann doch nichts \u00e4ndern! Hin zu neuen Verhaltensweisen, die uns aus der Resignation z.B. auch \u00fcber die negative Entwicklung der christlichen Gemeinden und Kirchen in unserer Zeit herausrei\u00dft. Unserem schwachen Glauben werden Fl\u00fcgel geschenkt, wie Adler sie haben. Auferstehung hei\u00dft aufstehen und aufbrechen wie die Menschen, die gerade getauft sind und nun aus dem Taufwasser wie Neugeborene auftauchen. So sind wir!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lied: EG Nr. 116\u00a0 Er ist erstanden, Halleluja!<\/p>\n<p>Altbischof Klaus Wollenweber, Bonn<\/p>\n<p><a href=\"mailto:Klaus.Wollenweber@kkvsol.net\">Klaus.Wollenweber@kkvsol.net<\/a><\/p>\n<p>Viele Jahre Gemeindepfarrer in der Ev. Keuzkirchengemeinde Bonn; ab 1988 theologischer Oberkirchenrat in der EKU Berlin ( heute: UEK in Hannover ); ab 1995 Bischof der Ev. Kirche der schlesischen Oberlausitz mit dem Amtssitz in G\u00f6rlitz \/ Nei\u00dfe\u00a0 ( heute: Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ); seit 2005 im Ruhestand in Bonn. H\u00e4ufig aktiv in der Vertretung von Pfarrerinnen und Pfarrern in Bonn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jesaja 40, 26 \u2013 31 |\u00a0verfasst von Klaus Wollenweber | &nbsp; Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. 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