{"id":25614,"date":"2025-11-18T14:36:30","date_gmt":"2025-11-18T13:36:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25614"},"modified":"2025-11-19T11:55:00","modified_gmt":"2025-11-19T10:55:00","slug":"roemer-21-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-21-11\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 2,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eWir alle fallen \u201c | Buss- und Bettag | 19.11.25 | R\u00f6m 2,1-11 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prozesse faszinieren. Die Boulevardmedien sind voll davon. Wenn die Medien erstmal angesprungen sind, gibt es kein Ansehen der Person. Es trifft jeden und jede. Auch die ganz oben fallen. Die Unternehmerin Christina Block muss sich wegen mutma\u00dflicher Kindesentf\u00fchrung verantworten, der \u00f6sterreichische Finanzberater Ren\u00e9 Benko wegen mutma\u00dflichen Betrugs und Prinz Andrew verliert alle seine Titel wegen seiner mutma\u00dflichen Verwicklungen in den Epstein-Skandal. Viele Menschen konsumieren solche Geschichten, viele interessiert das. Ich glaube, da geht es nicht nur um Sensationslust oder Voyeurismus, sondern auch um Gerechtigkeit und Gleichheit, um Schuld und Strafe, um Scham und S\u00fchne. Das sind schwierige Themen, wo viele Schieflagen m\u00f6glich sind. Der eine zeigt mit dem Finger immer nur auf andere, die andere sucht die Schuld immer nur bei sich selbst. Das ist auch nicht gut. Schuld sind auch mal die anderen. Manchmal inszenieren sich T\u00e4ter als Opfer oder Opfer werden zu T\u00e4tern gemacht. Es gibt Vorverurteilungen, Fehlurteile und Bauernopfer, Kavaliersdelikte, die keine sind, und diejenigen, die immer davonkommen. All das betrifft uns alle, mehr oder weniger, als Opfer oder als T\u00e4ter oder gleich beides zugleich. Wir alle laufen Gefahr, von anderen gerichtet zu werden oder selbst zu richten. Nicht nur in den Gerichtss\u00e4len, wo das Richten und Gerichtet-Werden seinen legitimen Ort hat und wo Recht gesprochen werden muss, damit Gesellschaft funktioniert und Leben gesch\u00fctzt wird. Geurteilt und verurteilt wird auch woanders &#8211; in den sozialen Medien, mit Blicken und mit Worten, mitten auf der Stra\u00dfe oder am Gartenzaum \u2013 und nicht immer geht es dabei gerecht zu.<\/p>\n<p>\u201eWer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein.\u201c (Joh 8,7) Jeder und jede ist schuldig. Nat\u00fcrlich muss man Unterschiede machen. Es gibt strafrechtlich relevante Verbrechen mit Opfern, die Unrecht erlitten haben, und T\u00e4tern, die Recht gebrochen haben und \u00fcber die Recht gesprochen wird. Aber es gibt auch jene Alltagsschuld, die uns alle betrifft und in die wir uns allzu leicht verstricken. Da mache ich mich schuldig, auch wenn ich es nicht will und es manchmal auch gar nicht wei\u00df. Wenn ich unwissend andere verletze, einfach weil ich eine Situation nicht richtig einsch\u00e4tzen kann und vielleicht Salz in eine Wunde streue, von der ich gar nicht wei\u00df, dass es sie \u00fcberhaupt gibt. Wenn ich billige Fast-Fashion kaufe, zahlt irgendwo auf der Welt irgendein anderer Mensch einen hohen Preis, weil er sich aus Not weit unter Wert verkaufen muss. Wenn ich exklusiven Life-Style-Kaffee konsumiere und nicht wei\u00df, dass ich damit Zwangsarbeit und Menschenhandel unterst\u00fctze, sorge ich daf\u00fcr, dass das System funktioniert und sich das Rad von Not, Ausbeutung und Ausweglosigkeit immer weiter dreht. Wegen solcher Vorw\u00fcrfe steht die Kaffeekette \u201eStarbucks\u201c gegenw\u00e4rtig in der Kritik. In unserer komplexen und globalen Welt lauert die subversive Alltagsschuld an jeder Ecke. Verwundungen von Menschen sind oft unsichtbar, Lieferketten br\u00fcchig und Steuerschlupfl\u00f6cher gro\u00df. Selbst mit \u00f6ko-fair und regional ist die Welt nicht zu retten, aber es macht sie ohne Zweifel besser und gerechter. Doch so sehr man sich auch bem\u00fcht, unser Leben ist mit Schuld durchzogen: Wir strampeln uns darin ab wie in einem Spinnennetz.<\/p>\n<p>Da war schon immer so. Seit Adam und Eva. Die erste Geschichte \u00fcber eine geschwisterliche Beziehung ist der Brudermord: Kain erschl\u00e4gt seinen Bruder Abel. Es steckt in uns allen: T\u00e4ter und Opfer. \u201eKain und Abel \u2013 das ist beinahe die Essenz der ganzen Weltgeschichte\u201c (Salcia Landmann). Man kann sich aus dieser Schuldgeschichte nicht ausklinken, selbst auf einer einsamen Insel mit kompletter \u00f6ko-fairer Selbstversorgung nicht. Denn dann \u00fcberl\u00e4sst man die s\u00fcndige Welt sich selbst, dann \u00fcberl\u00e4sst man sie den T\u00e4tern und l\u00e4sst die Opfer zur\u00fcck, dann \u00fcberl\u00e4sst man die Opfer den T\u00e4tern, l\u00e4sst sie allein, l\u00e4sst einfach zu, was geschieht. \u201eAn allem Unfug, der geschieht, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern\u201c (Erich K\u00e4stner).<\/p>\n<p>Jeder kann schuldig werden. Es gibt Situationen, in denen man es einfach nicht gut machen kann, auch wenn man es noch so gut meint, da gibt keine wirkliche gute L\u00f6sung, sondern nur die bestm\u00f6glichste. Wenn einander widerstreitende Pflichten oder Loyalit\u00e4ten kollidieren, wird jede emotionale, moralische oder juristische G\u00fcterabw\u00e4gung zur Gradwanderung. Es gibt nicht immer eine eindeutige Entscheidung f\u00fcr gut oder b\u00f6se. Manchmal muss man sich zwischen Optionen entscheiden, die beide etwas Schlechtes in sich tragen. Ein unl\u00f6sbares Dilemma, eine Tragik, der man nicht entrinnen kann. Man macht sich die Finger schmutzig, auch wenn man sich noch so oft die H\u00e4nde in Unschuld w\u00e4scht; man kann nur hilflos zusehen, wie die wei\u00dfe Weste immer mehr dunkle Flecken bekommt. \u201eMan kann auch schuldig werden, ohne es zu sein\u201c (Carl Zuckmeyer).<\/p>\n<p>Zurzeit brauen sich immer mehr Kriegswolken zusammen &#8211; in den Medien und im Bewusstsein vieler Menschen. Gaza, Ukraine, Sudan, das konkrete Nachdenken \u00fcber eine Wehrpflicht. Krieg ist genau so eine Situation, in der man verdammt ist, schuldig zu werden, was man auch tut &#8211; wenn man mitmacht, aber auch dann, wenn man sich zu entziehen versucht. Was w\u00e4re geschehen, h\u00e4tten die Alliierten dem W\u00fcten der NS-Diktatur einfach zugesehen ohne einzugreifen? Wie ist es heute mit jenen unl\u00f6sbaren Konflikten und Tyrannen, an denen jede Diplomatie scheitert, wo alle politischen Bem\u00fchungen ins Leere laufen? Irgendwann kommt der Punkt, an dem es nicht richtig machen kann, an dem man schuldig wird, so oder so: Wenn man bereit ist, zu t\u00f6ten \u2013 und Krieg ist immer T\u00f6ten von Menschen, egal auf welcher Seite \u2013, \u00a0aber auch wenn man das T\u00f6ten l\u00e4sst. Denn dann l\u00e4sst man zu, dass andere t\u00f6ten und wieder andere get\u00f6tet werden. Wenn Rechte von Menschen und V\u00f6lkern massiv verletzt werden, w\u00e4re Radikalpazifismus dann nicht unterlassene Hilfeleistung? Doch ist nicht auch jeder vermeintliche Feind ein Bruder und jeder get\u00f6tete Mensch Opfer eines Brudermordes? Ich f\u00fcrchte, niemand kommt da raus, am Ende alle sitzen auf der Anklagebank.<\/p>\n<p><em>R\u00f6mer 2,1-11: 1\u00a0Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.\u20022\u00a0Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht \u00fcber die ergeht, die solches tun.\u20023\u00a0Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?\u20024\u00a0Oder verachtest du den Reichtum seiner G\u00fcte, Geduld und Langmut? Wei\u00dft du nicht, dass dich Gottes G\u00fcte zur Bu\u00dfe leitet?\u20025\u00a0Du aber, mit deinem verstockten und unbu\u00dffertigen Herzen, h\u00e4ufst dir selbst Zorn an f\u00fcr den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes,\u20026\u00a0der einem jeden geben wird nach seinen Werken:\u20027\u00a0ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unverg\u00e4nglichem Leben;\u20028\u00a0Zorn und Grimm aber denen, die streits\u00fcchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit;\u20029\u00a0Tr\u00fcbsal und Angst \u00fcber alle Seelen der Menschen, die das B\u00f6se tun, zuerst der Juden und auch der Griechen;\u200210\u00a0Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.\u200211\u00a0Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.<\/em><\/p>\n<p>Paulus greift Gedanken auf, die sich schon bei Jesus finden. \u201eRichtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet\u201c (Mt 7,1). Andere richten ist ja einfach, damit zieht man sich selbst aus der Schusslinie. Doch damit kommt man bei Jesus nicht durch. Alle sind schuldig, mehr oder weniger. \u201eWas siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?\u201c (Mt 7,3). Auch Paulus ermahnt die, die meinen, sich \u00fcber andere erheben und sie richten zu k\u00f6nnen und dabei Gerechtigkeit mit Selbstgerechtigkeit verwechseln. Das tut der Gemeinschaft nicht gut. Das zu betonen, finde ich wertvoll, wir sitzen doch alle in einem Boot, sind alle in kleine oder gro\u00dfe Schuldgeschichten verstrickt. Anstelle hart \u00fcbereinander zu richten w\u00fcrde ein gn\u00e4diger Umgang miteinander besser und angemessener sein. \u201eWas du nicht willst, dass man dir tut, das f\u00fcg auch keinem anderen zu.\u201c Wenn alle diese einfache, aber goldene Regel beachten w\u00fcrden, w\u00fcrden alle leichter leben, miteinander und vor Gott. <em>Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun.<\/em><\/p>\n<p>Aber das ist nicht alles, in Ethik und Moral ersch\u00f6pft sich das, was Paulus sagt, nicht. Es geht Paulus um mehr. Unser Predigttext ist nur ein Baustein in seiner Argumentation, die letztlich auf den <em>Reichtum von Gottes G\u00fcte, seine Geduld und Langmut<\/em> zielt. Doch dazu muss man sich eingestehen, wie es ist und wie man wirklich ist. Genau das w\u00e4re der Weg aus Angst und Schuld. Doch den versperren wir uns oft. Unsere Schutzmechanismen sind ausgefeilt; die Barrikaden, hinter denen wir uns verschanzen, hoch. Wer will schon schuld an etwas sein und sein Gesicht verlieren? Wer will schon zugeben, dass sein Leben voller Br\u00fcche und Schatten ist gerade in unserer Welt der Selbstoptimierung, wo man \u00fcber jeden Zweifel erhaben sein muss? Das ist schwer. Was entwickeln wir nicht alles f\u00fcr ausgefeilte Techniken, um dem zu entkommen? Dann verdr\u00e4ngt und leugnet man, dann rechtfertigt man sich vor sich selbst und vor den anderen, indem man alle Schuld von sich weist: \u201eIch kann nichts daf\u00fcr, anders ging es nicht, ich hatte ja nicht wirklich eine Wahl.\u201c Oder man relativiert alles: \u201eDaran kann ich ja eh nichts \u00e4ndern, das m\u00fcssen andere tun, die mehr Einfluss und Macht haben.\u201c All das ist menschlich, allzu menschlich. Doch vielleicht ahnen wir manchmal, dass wir nicht bestehen k\u00f6nnen, dass wir dem <em>Urteil Gottes nicht entrinnen <\/em>k\u00f6nnen, dass wir uns immer wieder \u2013 oft vielleicht auch schuldlos \u2013 in Schuld verstricken? Und dann tut es weh, wenn das Gewissen bei\u00dft und die Zweifel nagen.<\/p>\n<p>Paulus \u00fcberf\u00fchrt die Menschen, f\u00fchrt sie heraus aus ihrer Selbstgerechtigkeit, f\u00fchrt ihnen ihre Grenzen vor Augen, f\u00fchrt sie so zu sich selbst und zum <em>Reichtum von Gottes G\u00fcte, seine Geduld und Langmut<\/em>. F\u00fcr mich spricht Paulus wie ein Staatsanwalt, aber einer, der anklagt, damit der Schuldige freigesprochen wird. \u201eTag des Zorns, Gericht Gottes\u201c \u2013 Erst klingt es schmerzhaft, doch vielleicht muss es manchmal wehtun, damit etwas wieder heil wird. Manche kennen das von medizinischen Behandlungen. Und es tut auch weh, Schuld einzugestehen, f\u00fcr etwas geradezustehen und um Verzeihung zu bitten. Aber danach kann man wieder aufrecht stehen und dem anderen ins Gesicht und sogar direkt in die Augen sehen. Und es tut auch weh, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, aber wenn man das erst geschafft hat, k\u00f6nnen aus Sackgassen neue Wege werden. Gottes Gericht stelle ich mir so \u00e4hnlich vor wie jene Momente, in denen durch den Schmerz hindurch ein neues Leben beginnt. Ich stelle mir Gottes Gericht wie einen Moment vor, in dem Licht in die dunkelsten Ecken meiner Seele f\u00e4llt, in dem ich klar sehe, wo ich mich selbst klar sehe, nicht wie in einem dunklen Spiegel (1 Kor 13,12), sondern nackt und ungeschminkt, ohne Filter und ohne Masken, die Schleier sind gel\u00fcftet und die Fassaden br\u00f6ckeln. Vielleicht ist es so. Dann sieht man sich ins Angesicht, so wie man ist. Es kann sein, dass einem das gar nicht gef\u00e4llt. Vielleicht sieht man in einen Abgrund. \u201eJeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht\u201c (Georg B\u00fcchner). Vielleicht falle ich in diesem Moment, vielleicht f\u00e4llt meine ganze Lebenskonstruktion wie ein Kartenhaus in sich zusammen, vielleicht f\u00e4llt mein Innerstes in 1000 St\u00fccke auseinander, vielleicht falle ich ins Bodenlose. Doch in Gottes Strafspruch ist Gnade gewebt, unermesslicher <em>Reichtum seiner G\u00fcte, Geduld und Langmut<\/em>. \u201eWir alle fallen. Diese Hand da f\u00e4llt. \/\/ Und sieh dir andre an: es ist in allen. \/\/ Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen \/\/ unendlich sanft in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt\u201c (Rainer Maria Rilke). Wir werden leben. Es liegt in Gottes Hand.<\/p>\n<hr \/>\n<p>PD Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\nHildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Martina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir alle fallen \u201c | Buss- und Bettag | 19.11.25 | R\u00f6m 2,1-11 | Martina Jan\u00dfen | &nbsp; Prozesse faszinieren. Die Boulevardmedien sind voll davon. Wenn die Medien erstmal angesprungen sind, gibt es kein Ansehen der Person. 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