{"id":25616,"date":"2025-11-18T14:35:17","date_gmt":"2025-11-18T13:35:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25616"},"modified":"2025-11-19T11:55:20","modified_gmt":"2025-11-19T10:55:20","slug":"roemer-21-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-21-11-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 2,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Anklage, die mit Vergebung abschlie\u00dft&#8220; | Buss- und Bettag | R\u00f6mer 2,1-11 | 19.11.25 | Markus Kreis |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott. Sieh an &#8211; der Jakob! Verkrachte Existenz und ziemlich kleinlaut. Kleinlaut und still k\u00f6nnte er auch sein, weil er ziemlich helle im Kopf ist. Er macht sich n\u00e4mlich seine Gedanken \u00fcber die Welt. Und manche mit viel Scharfsinn, die beh\u00e4lt er f\u00fcr sich, wenn er einen Vorteil draus zu ziehen wei\u00df. So wie bei der Sache mit dem Erbe. Da hat er seinen Bruder Esau in einem guten Moment abgepasst und ihm einen Vertrag aufgeschwatzt. Der Inhalt hob sich von dem ab, was damals \u00fcblich und g\u00e4ngig war, so neu war die Gesch\u00e4ftsidee. Und damit das in aller Neuheit tats\u00e4chlich erf\u00fcllt wird, hat Jakob seinen Vater Isaak get\u00e4uscht. Das Ganze hat auch zun\u00e4chst geklappt. Als der Betrug dann doch aufflog, ist er geflohen, um der Rache des Bruders zu entgehen. Im Ausland hat er dann Karriere gemacht, ist dank seiner Schl\u00e4ue trotz einigen Widerstands und geschickter Heirat sehr reich geworden. So sehr, dass er beschloss, in seine alte Heimat zu gehen und seinen Bruder Esau um Vergebung zu bitten. Vorsichtig wie er war, schickte er zwei, drei gro\u00dfe Trupps an Tieren und Treibern vor sich her, als der Bruder ihm signalisierte: Ich komme Dir entgegen, und zwar mit 400 Leuten. Vielleicht wollte Esau auch nur zeigen, dass er seit damals trotz allem zu etwas gekommen ist. Vielleicht wollte der sich aber auch r\u00e4chen und ihn massakrieren. Man kann ja nie wissen. Wenn Esau einen der Vortrupps \u00fcberfiel und er davon zu h\u00f6ren kriegte, konnte er immer noch ausweichen und abhauen. Falls Esau guter Dinge war, konnte er die Aufteilung anders erkl\u00e4ren: Ein Geschenk nach dem anderen abliefern, um bei Esau die Vorfreude wachsen zu lassen.<\/p>\n<p>Die zwei Lager auf Wanderschaft kamen sich immer n\u00e4her, schlie\u00dflich war beim Fluss Jabbok klar, dass man sich am n\u00e4chsten Tag begegnen w\u00fcrde. Kurz vor der Dunkelheit brachte Jakob alles \u00fcber die Furt des Flusses, seine Ehefrauen und Kinder, M\u00e4gde und Knechte, Treib- und Reittiere. Er selbst ging unter einem Vorwand noch einmal zur\u00fcck ans andere Ufer. Sicher ist sicher! Vielleicht hatte Esau die gleiche Idee wie er gehabt und Sp\u00e4htrupps entsendet. Du alter Drecksack, du l\u00e4sst Deine Familie im Stich! Jakob sch\u00e4mte sich und sp\u00fcrte sein kaltes Herz. Wer den Bruder \u00fcberlistet, dem f\u00e4llt es leicht, die eigene Gattin samt Kindern zu verraten. Aber er sah auch seine hart erk\u00e4mpften Felle davon schwimmen. Und statt dass es ihm sein Bruder \u00fcber die Ohren zieht, wollte er das Seine unbedingt behalten. F\u00fcr diesen Fall der F\u00e4lle: Er kann ja einfach abhauen, einen anderen Namen annehmen und woanders wieder anfangen. So geschickt wie er sich immer anstellt. Ist Vers\u00f6hnung das Risiko wert, das alles zu verlieren? Und wer wei\u00df, ob es eine Vergebung zweiter Klasse wird? Wenn sein Bruder also seiner Bitte nachkommt, aber auf gro\u00dfen Macker macht. Oder ihn dann doch immer wieder erpresst mit dem alten Zeugs? So ging es die ganze Nacht, schlaflos w\u00e4lzte er sich hin und her, Angstschwei\u00df, Zittern und ein flauer Magen kurz vorm Erbrechen, sehr \u00fcbel das. Ihm wurde schwindelig, alles drehte sich, er verlor das Gleichgewicht, kam ins Rutschen st\u00fcrzte am Ufer b\u00e4uchlings auf einen fetten Stein der Furt. Eine H\u00fcftseite tat ihm sehr weh, als er wieder aufwachte. Wenn er Gl\u00fcck hatte, war sie nur geprellt. Ansonsten: Ein hinkender Hirte, der seiner riesigen Herde hinterher stolpert. Voll Sorge patschte er dann im Morgenrot \u00fcber den Fluss. Und Esau freute sich echt, ihn zu sehen. Was f\u00fcr eine Frage, vergeben? Klar doch! Wir sind doch eine Familie! Jakob blieb misstrauisch und vorsichtig. Die Gef\u00fchle Esaus waren ohne jeden Zweifel echt. Aber wer wei\u00df wie lange? Wenn er an Esaus Stelle gewesen w\u00e4re, w\u00fcsste er kaum, ob er seinem Bruder so eine Missetat vergeben k\u00f6nnte. Als Esau ihm seinen Beistand und seine Leute kostenlos andiente, gab er sich bescheiden und lehnte ab. Kleinlaut verschloss er in seinem Herzen, dass er sich so die Gefahr vom Hals hielte &#8211; falls Esaus Gesinnung ins Gegenteil kippen sollte. So tief sitzt sein Misstrauen, auch wenn ein anderer echt gro\u00dfz\u00fcgig ist. So scharf war er darauf, seine Macht zu wahren. Was Jakobs Herz angeht, ist Gott wirklich g\u00fctig, geduldig und langm\u00fctig gewesen. Um Vergebung bitten, und wenn man sich dabei auf die Lippen bei\u00dft und die Z\u00e4hne kaum auseinanderkriegt, das reicht. Ich vertraue, hilf meinem Misstrauen! Ich bin nicht w\u00fcrdig, dass Du eintrittst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und mein geknechtetes Leben wird wieder geheilt.<\/p>\n<p><em>R\u00f6mer 2,1-11<\/em><\/p>\n<p><em><sub>1<\/sub><\/em><em>Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. <sub>2<\/sub>Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht \u00fcber die ergeht, die solches tun. <sub>3<\/sub>Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? <sub>4<\/sub>Oder verachtest du den Reichtum seiner G\u00fcte, Geduld und Langmut? Wei\u00dft du nicht, dass dich Gottes G\u00fcte zur Bu\u00dfe leitet? <\/em><em><sub>5<\/sub><\/em><em>Du aber, mit deinem verstockten und unbu\u00dffertigen Herzen, h\u00e4ufst dir selbst Zorn an f\u00fcr den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, <sub>6<\/sub>der einem jeden geben wird nach seinen Werken: <sub>7<\/sub>ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unverg\u00e4nglichem Leben; <sub>8<\/sub>Zorn und Grimm aber denen, die streits\u00fcchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; <sub>9<\/sub>Tr\u00fcbsal und Angst \u00fcber alle Seelen der Menschen, die das B\u00f6se tun, zuerst der Juden und auch der Griechen; <sub>10<\/sub>Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.\u00a0<\/em><em><sub>11<\/sub><\/em><em>Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.<\/em><\/p>\n<p>Hiob, das reimt sich fast auf Jakob. Wie Jakob war auch er ein helles K\u00f6pfchen. Machte sich wie der seinen Reim auf die Welt und war dar\u00fcber sehr erfolgreich und beg\u00fctert geworden. Und das alles auf rechtem Wege, ohne die Leute \u00fcbers Ohr zu hauen. Recht zu tun und gerecht zu sein, das lag ihm am Herzen. Er hatte sogar vor Gott jede Menge Ansehen. Und doch fiel das Leben hinterr\u00fccks \u00fcber ihn her. Er verlor alles, Familie, Tiere, Waren, Landbesitz und seine Gesundheit. So ging es nun eine geraume Zeit. Ein Abstieg, Wahnsinn. Vom Gro\u00dfhirten zum Herdentier geworden. Und dann noch den Anschluss an die Herde verloren. Zwar diskutierte er ab und an mit alten Freunden \u00fcber sein Ergehen. Aber die hatten nur Standardkram parat, so \u00e0 la: Du warst vielleicht doch nur nach au\u00dfen gerecht. Und tief in deiner Seele ein Drecksack, ohne es selbst zu bemerken. Und das ist jetzt die Rechnung daf\u00fcr. Oder: Wo bleibt dein positives Denken? Sag doch mal was Nettes oder Sch\u00f6nes! Oder: Sei still und f\u00fcge Dich, irgendwann, das wird schon wieder! Wie kannst Du nur Gott daf\u00fcr verantwortlich machen? Letztlich hatten die Freunde genug von seinen Klagen. Besonders, dass er auf seiner Unschuld bestand. Anklagen war aber sein einziges Ventil, um sich wenigstens ein klein wenig zu entlasten. Sonst f\u00fchlte er sich vollst\u00e4ndig zur Passivit\u00e4t verdammt. So viel Energie steckte trotz allem Elend und Siechtum noch in ihm drin. Inzwischen war das seinen Freunden alles zu viel. Wie sie damit umgingen, f\u00fchrte ihm nur noch mehr vor Augen: Ich bin im Grunde einsam und verlassen in der Welt. Niemand kann und will meine Klagen mehr h\u00f6ren. Die N\u00e4chte qu\u00e4lten ihn noch mehr, schlaflos w\u00e4lzte er sich und seine Gedanken hin und her. Angstschwei\u00df, Zittern, flau der Magen und \u00fcbel vor Hunger, W\u00fcrgen und leeres Erbrechen. Ihm wurde schwindelig, alles drehte sich, er verlor sein inneres Gleichgewicht. Das ist mega ungerecht, obwohl er doch immer gerecht gewesen ist. Und wo bleibt Gott? Was macht er dagegen? Was macht er f\u00fcr mich? Statt dass er wenigstens einen einzigen Finger r\u00fchrt! Absolut Nichts ohne einen Hauch. Gott? Den kannst du vergessen! Hiob lachte bitter. Oder vielleicht h\u00e4lt Gott gerade seinen Sabbat! Ganz nach dem dritten Gebot. Ja, das wird es wohl sein! Hiob verzog seine Miene zu einer Grinsefratze. Da kam ihm eine gute Idee. Vielleicht schaffe ich es auf diesem Weg, Gott in die G\u00e4nge zu kriegen! Hey Gott, Du da oben, wenn Du Dir eine Auszeit g\u00f6nnst &#8211; dann kannst Du doch auch mir eine g\u00f6nnen! Klagen ist schlie\u00dflich auch eine Art von Arbeit, von der es Erholung braucht. Kostet jede Menge Kraft. Und der Lohn ist, dass Dir daf\u00fcr kein Mensch etwas gibt &#8211; au\u00dfer einem Tritt in den Hintern. Dann gib Du Gott mir wenigstens etwas daf\u00fcr! Eine Auszeit! G\u00f6ttlich! Eine Pause vom Leiden und Anklagen. Himmlische Ruhe in meinem Herzen. Aus mit dem Gel\u00e4rm von Vergehen und Enden. Vielleicht halten es dann auch die Mitmenschen wieder besser mit mir aus. Das w\u00e4re doch schon mal was, oder? Hast Du geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Viel sp\u00e4ter geht die Geschichte gut aus. Hiob bekommt seine Auszeit. Nachdem er ausnehmend b\u00f6se von Gott behandelt worden ist, schenkt dieser ihm genauso ausnehmend Gutes. Unversehens tritt eine \u00c4nderung ein, Vergebung. Wenn aus heiterem Himmel eine b\u00f6se \u00dcberraschung f\u00fcr einen Gerechten kommen kann, dann genauso gut aus finsterem Himmel eine gute \u00dcberraschung. Auch f\u00fcr einen, der der Welt anr\u00fcchig vorkommt, vor Gott aber immer noch als gerecht dasteht. Gott befreit Hiob nicht nur vom Anklagen, sondern von Leid und Elend \u00fcberhaupt. Gott richtet es ein und Hiob wird voll hergestellt. Er kriegt sogar doppelt so viel als zuvor. Erfreut sich am Leben seiner Enkel und Enkelenkel. Was Hiobs Gem\u00fct angeht, ist Gott auf die harte Art g\u00fctig, geduldig und langm\u00fctig gewesen. Gerade dann, wenn viele denken, dass es zwischen den zweien da l\u00e4ngst aus und vorbei ist. Gerade dann, wenn ein Mensch so \u00fcber Gott denkt und bei sich spricht: Ich klage Dich an, sch\u00f6n zu reden und b\u00f6se zu tun. Zeig mir und der Welt, dass ich mit diesem Vorwurf Unrecht habe! Ich bin w\u00fcrdig, dass Du eintrittst unter mein Dach, und sprich nur ein Wort, und mein geknechtetes Leben wird wieder gesund. Hiob hatte das reine Anklagen also mit einer Bitte verbunden. Und damit dr\u00fcckte sein Gesicht und seine Gestik schon mehr aus, als ewig nur Gott und alle Welt zu verklagen, sich nur als wehrloses Opfer zu f\u00fchlen. Damit hat er sich dieses Status entledigt, der ja die Mitmenschen entweder sprachlos oder aggressiv macht oder sie vor ihm abhauen l\u00e4sst. Viele Menschen besch\u00e4ftigen sich ja heute noch gerne aus der Ferne mit seinem Ergehen. Und \u00fcbrigens: F\u00fcr viele reicht heute ein Schicksalsschlag in einem einzigen Bereich des Lebens, der dann auf ihr ganzes Leben abstrahlt und alles darin zur H\u00f6lle werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Anklage, die mit Vergebung abschlie\u00dft. Also Abschlie\u00dfen entweder im Sinne von Vergebung als letztes Wort. Oder Abschlie\u00dfen im Sinne von Versperren, Vergebung ausschlie\u00dfen. Jakob und Hiob, zwei Grenzf\u00e4lle, zugegeben. Zwei Menschen, bei denen wir davon absehen sollen, mit dem Finger auf sie zu zeigen! Bei Hiob sieht es im Vordergrund so aus: <em><sub>8<\/sub>Zorn und Grimm aber denen, die streits\u00fcchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit. <\/em>Doch seine grimmige Anklage und Streitsucht ist berechtigt und packt Gott bei der Wahrheit seiner Worte. Wer auf Hiob mit dem Finger zeigt, der bekommt dann vielleicht stattdessen Gottes Zorn und Grimm ab. Und verliert damit die Zuh\u00f6rer, die sich wirklich f\u00fcr ein \u00fcbles Schicksal interessieren statt zu fliehen oder aggressiv zu werden.<\/p>\n<p>Und das h\u00f6rt sich nach dem inneren Hin und Her von Jakob dem Berechner am Jabbok an: <em><sub>9<\/sub>Tr\u00fcbsal und Angst \u00fcber alle Seelen der Menschen, die das B\u00f6se tun, zuerst der Juden und auch der Griechen;<\/em> Aber seine Macht zu wahren, das schlie\u00dft ein, andere um Vergebung zu bitten, statt es auszuschlie\u00dfen. Wer auf Jakob mit dem Finger zeigt, bei dem taucht der ganze Jammer auf, der hinter einem Macher ohne Makel stecken kann. Drohung, Vergeltung und Verrat wittern, wo es nur geht. Was leicht in Tr\u00fcbsal und Angst umschl\u00e4gt, wenn Mensch erkennt, dass jeder T\u00e4ter da auch schnell zum Opfer wird.<\/p>\n<p>Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Anklage, die ausnehmend gut mit Vergebung abschlie\u00dft. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Markus Kreis OStR<br \/>\nHirschkopfstra\u00dfe 9<br \/>\nD-69469 Weinheim<br \/>\nmarkus_kreis@web.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Anklage, die mit Vergebung abschlie\u00dft&#8220; | Buss- und Bettag | R\u00f6mer 2,1-11 | 19.11.25 | Markus Kreis | &nbsp; Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott. Sieh an &#8211; der Jakob! Verkrachte Existenz und ziemlich kleinlaut. Kleinlaut und still k\u00f6nnte er auch sein, weil er ziemlich helle im Kopf ist. 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