{"id":25627,"date":"2025-11-20T07:51:05","date_gmt":"2025-11-20T06:51:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25627"},"modified":"2025-11-20T07:51:05","modified_gmt":"2025-11-20T06:51:05","slug":"matthaeus-2531-46-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2531-46-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,31-46"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Letzter Sonntag im Kirchenjahr | 23.11.25 | Matth\u00e4us 25,31-46 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Jan Sievert Asmussen<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gnadengabe des Vergessens<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen mit gutem Ged\u00e4chtnis sind anstrengend. Sie bemerken genau, was du sagst und tust. Sie k\u00f6nnen jederzeit darauf zur\u00fcckkommen und es dir vorwerfen: Ich erinnere mich, du hast mehrmals eines gesagt und anderes getan. Ich erinnere mich an deine frommen Versprechen. Ich erinnere mich, dass du mich immer wieder entt\u00e4uscht hast. Dieses und jenes aus der Vergangenheit wird aufgez\u00e4hlt, und mit jedem Vorwurf schr\u00e4nkt sich deine Freiheit ein. Dein Gegen\u00fcber kennt seine Leute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Solche Menschen mit gutem Ged\u00e4chtnis tun sich oft schlau auf Kosten anderer. Sie haben jedoch auch selber ihre innere Bilanz \u00fcber eigene Vers\u00e4umnisse, und die Liste w\u00e4chst st\u00e4ndig. Es taucht auf in unbewachten Momenten. Nachts, wenn die T\u00fcren zum Inneren offenstehen. Mit jedem Selbstvorwurf wird die Gefangenschaft schwerer. Nichts l\u00e4sst sich ungeschehen machen. Du hast gew\u00e4hlt, gehandelt und gesprochen, so wie du es getan hast. Keiner kann Worte zur\u00fccknehmen, denn sie haben den Mund verlassen. Der Selbstvorwurf ist die schwerste Seelenqual. Immer wenn ein Hauch von Optimismus aufkommt, kann die Erinnerung an das letzte Mal dich erdr\u00fccken. Du kaufst neue Topfpflanzen, aber auch die vorigen gingen ein. Du beginnst begeistert mit einem neuen Hobby, aber aus allen Schr\u00e4nken quillt es mit halbfertigen Projekten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Ged\u00e4chtnis hat immer Recht. Seine Tyrannei ist wohlbegr\u00fcndet und gerecht. Der z\u00fcnische Ton desjenigen, der dich daran erinnert, was du selbst vergessen hast, ist zwar herb, aber ganz berechtigt. Dennoch gibt es einen Wunsch, der sich meldet bei jedem neuen Schritt, den wir tun, selbst wenn es nur eine weitere Zirkelbewegung ist: Lass diese neue Idee, lass diesen neuen Plan etwas wirklich Neues sein. Lass mich in der Vorstellung leben, dass der Tisch rein ist und alles nochmals ganz v\u00f6llig offen liegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt nichts, womit wir nicht schon gescheitert sind. Wir sind gebunden. Das Wort \u201eS\u00fcnde\u201c ist der religi\u00f6se Begriff f\u00fcr diese Bindung: Du bleibst, was du warst. Du kannst keinem \u00fcberraschen. Alles, was du bist, ist bereits bis zum \u00dcberdruss bekannt. Deshalb wird der Morgen so sein wie der gestrige. Von dir selbst kommst du nie los. Die Vergangenheit hat dich im Griff.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was Befreiung, Vergebung und Erl\u00f6sung bedeuten kann. Nicht umsonst stammt das Wort Erl\u00f6sung <em>(d\u00e4nisch &#8222;frelse&#8220;)<\/em> von \u201efreier Hals\u201c, d.h. frei vom Halsring des Sklaven, der nicht \u00fcber den Kopf gezogen werden kann, sondern von au\u00dfen durchges\u00e4gt werden muss. Die Befreiung von dem W\u00fcrgegriff des Ged\u00e4chtnisses deiner selbst und der anderen braucht eine Art des Vergessens. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rt dein Peiniger auf, dich f\u00fcr das Vergangene zu tadeln. G\u00fctig geht die Zeit weiter. Oder jemand sagt: \u201eSo, jetzt wollen wir nicht mehr an diese Sache denken, jetzt ist es vergessen zwischen uns.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So erlebt man Vergebung: Obwohl das Ver\u00fcbte eigentlich gesehen immer noch ausgegraben werden kann, ist es absichtlich vergessen und wird nicht mehr hervorgeholt. Es wird immer noch erinnert, aber es sind nicht die S\u00fcnden der Vergangenheit, die in Erinnerung bleiben. Stattdessen wird nach vorne gedacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was uns am Leben h\u00e4lt, ist dass es jemanden gibt, der nach vorne gedenkt;\u00a0 der an das denkt, was Paulus in der heutigen Epistel \u201eewigen Trost und gutes Hoffen\u201c nennt (2Thess 2,16). Dass es noch M\u00f6glichkeiten gibt. So werden wir gest\u00e4rkt, schreibt Paulus, zu allem, was wir tun m\u00fcssen. Was geschehen, getan, zerst\u00f6rt und verloren ist &#8211; es verschwindet nicht aus der Welt, wird aber wie am sicheren Ort aufbewahrt, wovon es nicht mehr hervorgeholt wird. Das ist es, was wir in der Kirche unter dem Gericht Gottes verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus erz\u00e4hlt von Menschen, die zum Gef\u00e4ngnis kommen und einen Gefangenen treffen, den Jesus \u201eden Menschensohn\u201c nennt. Wie reagieren sie? Auch hier geht es um Ged\u00e4chtnis und Vergessen, ja geradezu um Selbstvergessenheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ged\u00e4chtnis: Das ist, zum Gefangenen im Gef\u00e4ngnis Stellung zu nehmen. Ein Gefangener? Was hat er wohl getan, seit er hier sitzt? Verdient er wirklich unsere Hilfe? Sicher nicht! Und falls wir ihm helfen, werden wir es auf keinen Fall vers\u00e4umen, bei jeder Gelegenheit darauf zu verweisen, dass wir f\u00fcr unsere G\u00fcte erinnert werden sollten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber so spricht nur, wer an das Ged\u00e4chtnis gebunden ist und die S\u00fcnde am Gefangenen festbindet. Ins Gef\u00e4ngnis kommen auch andere, die vergessen haben: Sie haken nicht der Identit\u00e4t und den Verdiensten des Gefangenen nach. Sie \u00fcberlegen auch nicht ihre eigenen Verdienste. Es gibt nur dieses Jetzt, in dem einem Gefangenen Brot und Wasser gereicht wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine gro\u00dfe Befreiung, in dieser Obhut solcher Besucher zu sein. Daher lobt Jesus diese Leute, die vergesslich sind, sowohl in Bezug auf andere als auf sich selbst. Das genau ist Gnade und Erl\u00f6sung und Vergebung: Dass wir nicht f\u00fcr unsere \u00dcbertretungen zur Rechenschaft gezogen werden, sondern dass es f\u00fcr uns einen Ort gibt,\u00a0 an dem wir leben k\u00f6nnen ohne die schwere Last der Vergangenheit. Ja, mehr noch: Im Gleichnis erinnert der Menschensohn sie an das, was sie getan haben. Aber ihre Antwort besteht nicht in einer Aufreihung ihrer guten Taten. Stattdessen rufen sie aus: \u201e\u00c4h, was haben wir eigentlich getan?\u201c Es ist bereits vergessen und nicht in einem biederen Ged\u00e4chtnis festgehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eVergebt einander \u2013 wie der Herr euch vergeben hat, so sollt ihr es auch tun\u201c, sagt Jesus. Gott ist der bewusst Vergessliche, der selbst die gro\u00dfen Vers\u00e4umnisse unter den Teppich kehrt: Sie sind nicht mehr und stehen nicht zwischen Gott und uns. Wir m\u00fcssen lernen, es ebenso zu tun: Alles Erinnerte abzulegen und einander nach bestem Verm\u00f6gen die M\u00f6glichkeit geben, neu anzufangen, ohne einander an die Vergangenheit festzubinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anderen so zu begegnen, wie in Vergessenheit, ohne fixiertes Vorwissen: Dazu ermutigt uns Gott, der uns bereits in Vergessenheit aufgenommen hat. Von dort kommt die Kraft, unser eigenes bitteres Ged\u00e4chtnis abzulegen und erneut zu vertrauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Woche, die heute beginnt, endet das alte Kirchenjahr. Ein neuer Advent beginnt. Denke einmal ein Jahr zur\u00fcck, zum letzten sp\u00e4ten Herbst. Jedes einzelne Ereignis seit damals ist jetzt Teil der Geschichte. Irgendwo, wir sagen: Bei Gott ist es aufgeschrieben. Aber das alles soll vergessen sein. Sonst k\u00f6nnten wir vor lauter Erinnerung nicht leben. Sonst k\u00f6nnte der Gott, der alles neu macht, nichts Neues machen. Zu Weihnachten gibt Gott sich noch einmal an eine Welt hin, an eine eigentlich widerlich dicke Akte in Gottes Ged\u00e4chtnis. Wie ein neugeborenes Kind, das alles neu macht, indem es von vorn beginnt und unbelastet ist von den S\u00fcnden der Vergangenheit: So kommt Christus zu uns. Jeden Tag &#8222;zum ewigen Trost und zur guten Hoffnung.&#8220; Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-3520 Farum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: jsas(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag im Kirchenjahr | 23.11.25 | Matth\u00e4us 25,31-46 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Jan Sievert Asmussen Gnadengabe des Vergessens Menschen mit gutem Ged\u00e4chtnis sind anstrengend. Sie bemerken genau, was du sagst und tust. 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