{"id":25646,"date":"2025-11-25T08:02:19","date_gmt":"2025-11-25T07:02:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25646"},"modified":"2025-11-24T18:00:19","modified_gmt":"2025-11-24T17:00:19","slug":"lukas-416-30-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-416-30-5\/","title":{"rendered":"Lukas 4,16-30"},"content":{"rendered":"<h3>1. Advent | 30.11.2025 | Lk 4,16-30 | <strong>Thomas Reinholdt Rasmussen<\/strong> |<\/h3>\n<p><strong>Im heutigen Evangelium bahnt sich etwas an<br \/>\n<\/strong>Man muss sagen, dass sich etwas anbahnt. Da braut sich etwas zusammen, und Ereignisse nehmen fast unmerklich Fahrt auf. Pl\u00f6tzlich ist die Stimmung in der Synagoge gekippt. Man d\u00e4chte, man h\u00e4tte f\u00fcr einen Moment ein wenig ged\u00f6st. Denn was ist passiert?<\/p>\n<p>Jesus kommt in die Synagoge. Er liest aus dem Propheten Jesaja, und alle freuen sich. Dann deutet er die Schrift und behauptet, dieses Schriftwort sei jetzt erf\u00fcllt. Auch dieses gibt keinen Anlass zur Entr\u00fcstung. Alle geben ihm, wie es heisst, ihren Beifall.<\/p>\n<p>Und auch als Jesus den Ton versch\u00e4rft und vom Schicksal eines Propheten in seiner Heimatstadt spricht, \u00e4rgert sich niemand. Die Stimmung schl\u00e4gt jedoch in dem Moment um, als Jesus den Text anhand von Ereignissen in Sidon und Syrien deutet. Dort erstreckte sich die Gnade Gottes auch auf jene, die nicht dazugeh\u00f6ren. Gottes Gnade greift nach denen, die aussen vor stehen.<\/p>\n<p>Das weckt Zorn. Ist Gottes Gnade denn ohne Grenzen? Sprengt Gottes Gnade Grenzen?<\/p>\n<p>Alle werden ausser sich vor Wut und wollen Jesus von einer Klippe st\u00fcrzen und ihn umbringen. Aber Jesus bahnt seinen Weg mitten durch sie hindurch.<\/p>\n<p><strong>Zwei Dinge im Gange<br \/>\n<\/strong>Zweierlei ist im heutigen Evangelium im Gange: zuerst die Emp\u00f6rung, dass das Evangelium Grenzen sprengt, indem das Schriftwort sich auch bei Menschen erf\u00fcllt, die nicht dazugeh\u00f6ren: Arme, Gefangene, Unterdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Und als Zweites die Tatsache, dass wir in einer nachchristlichen Welt leben. Wir h\u00f6ren es oft: unsere Zeit ist eine nachchristliche Zeit. In gewisser Weise leben wir schon lange so, und diese ist die nachchristliche Zeit. Die S\u00e4kularisierung hat sich immer weiter ausgebreitet. Neulich h\u00f6rte ich jemanden sagen, dass sich unsere Welt kaum weiter s\u00e4kularisieren l\u00e4sst. Alles ist s\u00e4kularisiert. Es besagt etwas \u00fcber die gegenw\u00e4rtige geistige Situation, dass wir denken, es gehe allein darum, dass die Zeit vergeht, und dass wir dadurch unmerklich in die nachchristliche Zeit geraten sind. Die Feststellung: &#8222;Jetzt leben wir halt im Jahr 2025&#8220; ist eine geistlose Behauptung, als ob die Tatsache, dass die Zeit vergeht, an sich Bedeutung h\u00e4tte. Denn was w\u00e4re, wenn Christus selbst die nachchristliche Zeit eingeleitet hat? Genau das erleben die Leute in der Synagoge. Es heisst ja, Jesus bahnte sich einen Weg zwischen ihnen. Jesus geht. Jesus verl\u00e4sst sie. Sie leben im buchst\u00e4blichen Sinne in einer Zeit nach Christus. Jesus verl\u00e4sst sie in ihrer damaligen Zeit. Auch damals konnte man in das Nachchristliche hineingeraten. Es geht also nicht um das Vergehen der Zeit. Es geht um die Beziehung zu Jesus.<\/p>\n<p><strong>Der christliche Glaube ist selbst nachchristlich<br \/>\n<\/strong>Das Christentum begr\u00fcndet eine nachchristliche Zeit im Kreuz Jesu. Wir leben alle \u2013 ungeachtet von Zeit und Ort \u2013 in einer nachchristlichen Zeit, denn wir leben nach dem Kreuzestod Jesu. Er hat uns verlassen.<\/p>\n<p>Das Wunderbare ist aber, dass wir zugleich im Advent leben. Denn trotz des Kreuzes ist Jesus auferstanden. Trotz der Ablehnung wird sein Wort verk\u00fcndigt. In unserer eigenen Perspektive leben wir in einer nachchristlichen Zeit. In anderer Perspektive, n\u00e4mlich der Perspektive Gottes, leben wir im Advent, in st\u00e4ndiger Erwartung, dass Gott zu uns kommt. Dass Gott zu uns kommt; auch trotz unserer selbst.<\/p>\n<p>Das ist die gnadenvolle Botschaft des Christentums: dass wir immer im Advent leben. Der Herr kommt. Er kommt auch zu uns, die wir unsere Zeit nachchristlich nennen. Auch wir leben in der grossen Perspektive in einer vorchristlichen Zeit. Wir leben im Advent.<\/p>\n<p>Der Kern des christlichen Glaubens ist also, dass der Herr kommt. Der Advent kommt auch zu uns. Und dieses Kommen, dieser Advent, ist nicht nur ein Kommen oder Advent f\u00fcr die, die dazugeh\u00f6ren. Die Leute in der Synagoge von Nazareth dachten so, und so denken viele auch in unserer Zeit. Das Evangelium ist jedoch gerade f\u00fcr die, die im Dunkeln sitzen, im Schatten des Todes, vielleicht sogar im Schatten ihres eigenen Todes, wie es f\u00fcr jeden von uns gilt, ganz gleich wie erfolgreich wir uns f\u00fchlen. Der Herr kommt. Wir leben im Advent. Das ist die Gnade.<\/p>\n<p><strong>Wir glauben an einen Gott, der uns will<br \/>\n<\/strong>Und das Gnadenhafte ist, dass wir an einen Gott glauben, der sich auf uns bezieht. Wir glauben an einen Gott, der Beziehung stiftet. Denn was ist Beziehung, wenn nicht die Bewegung auf Vergebung und Erl\u00f6sung hin?<\/p>\n<p>Schuld ist zerbrochene Beziehung. Schuld ist zerst\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis. Schuld macht einsam. Vergebung ist eine neue Br\u00fccke \u00fcber das Zerbrochene. Vergebung ist neue Beziehung. Vergebung ist ein neugeschaffenes Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Deshalb ist Advent auch die Erneuerung von Beziehungen. Es ist Erneuerung der Relation zwischen uns und Gott, und sodann zwischen Menschen auf Erden. Diese Erneuerung von Beziehung ist gerade das \u00c4rgernis des Evangeliums, das die Zuh\u00f6rer in der Synagoge so w\u00fctend macht. Denn die erneuerte Beziehung reicht \u00fcber die hinaus, die dazugeh\u00f6ren. Sie reicht ganz bis nach Sidon und Syrien. Sie erstreckt sich auch zu denen, die wir als falsch lebend oder denkend verurteilen. Auch f\u00fcr sie ist dieses Schriftwort in Erf\u00fcllung gegangen.<\/p>\n<p>Das \u00c4rgernis des Christentums liegt daher im Evangelium selbst und nicht in mangelnder Lebensf\u00fchrung, oder wie man theologisch sagen w\u00fcrde: das \u00c4rgernis liegt im Evangelium und nicht im Gesetz. Es ist nicht wirklich ein \u00c4rgernis, dass einige nicht so leben, wie sie sollen. Aber es ist ein \u00c4rgernis, dass Jesus in seiner Verk\u00fcndigung gerade sie in die Gnade einbezieht, so wie es im heutigen Evangelium geschieht. Gottes Wort sprengt Grenzen und schafft Verh\u00e4ltnisse, wo vorher keine waren.<\/p>\n<p>Deshalb leben wir alle ausnahmslos in einer nachchristlichen Zeit, denn wir leben jenseits des Kreuzes. Wir leben aber auch im Advent. Wir leben in der Hoffnung und Erwartung, dass der Herr kommt und unser Zusammenleben erneuert. Wir leben im Abschied und in Erwartung. Wir leben mit dem Tod als Vorzeichen, und wir sterben mit dem Leben als Vorzeichen. Zwischen Tod und Leben, doch durch die Hoffnung lebendig. Advent ist die grundlegende Hoffnung des Christen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Thomas Reinholdt Rasmussen<br \/>\nBischof von Aalborg<br \/>\ntrr(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent | 30.11.2025 | Lk 4,16-30 | Thomas Reinholdt Rasmussen | Im heutigen Evangelium bahnt sich etwas an Man muss sagen, dass sich etwas anbahnt. Da braut sich etwas zusammen, und Ereignisse nehmen fast unmerklich Fahrt auf. 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