{"id":2565,"date":"2020-04-15T13:26:08","date_gmt":"2020-04-15T11:26:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2565"},"modified":"2020-04-15T13:26:08","modified_gmt":"2020-04-15T11:26:08","slug":"lieben-und-geliebt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lieben-und-geliebt-werden\/","title":{"rendered":"Lieben und geliebt werden"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu\u00a0Johannes 21,15-19 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von\u00a0Marianne Frank Larsen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Jeden Abend geht sie in das B\u00fcro ihres Mannes und sagt gute Nacht. Und jeden Abend steht sie und wartet darauf, dass er seinen Blick hebt vom Computer und ihr antwortet. Das tut er nie. In dem kleinen Buch das die d\u00e4nische Schriftstellerin Ida Jessen \u00fcber das Ende einer Liebesbeziehung schreibt, sitzt der Mann, den sie liebt, mit dem Computer auf dem Scho\u00df und den Blick fest auf den Schirm gerichtet. Er weigert sich aufzublicken und gute Nacht zu sagen. Obwohl sie ihn darum gebeten hat. Er meint, das sei ein irritierendes Verlangen, das sie an ihn stellt, <em>klebrig<\/em>nennt er es, so als klebe sie an ihm und begrenze so seine Freiheit, seinen Blick zu heben, wenn es ihm passt, und zu antworten, was\u00a0 er will. Ich komme gleich, sagt er jeden Abend, ohne den Blick zu heben. <em>Das eine Wort, was ich haben wollte, wolltest du nicht geben<\/em>, denkt die Autorin, wenn sie zur\u00fcckblickt; <em>es war wie eine Befreiung, als du dich von mir zur\u00fcckzogst, Abend f\u00fcr Abend.<\/em> <em>Warum sollte ich unruhig zu Bett gehen?<\/em><\/p>\n<p>Ja, denn die Sache ist ja die, wenn da jemand ist, den man liebt, dann will man auch geliebt werden. Das liegt ja im Wesen der Liebe, dass man nicht jemanden blo\u00df in die blaue Luft lieben kann, unabh\u00e4ngig davon, og er oder sie sich darum schert oder nicht. Liebt man jemanden, eine Mutter oder einen Vater, ein Kind oder einen Freund bzw. eine Freundin, ja dann liegt in der Liebe eine Sehnsucht, zu sp\u00fcren, zu h\u00f6ren oder zu sehen, dass man selbst eben von dem bestimmten lieben Menschen geliebt ist. Vielleicht nur dadurch, dass er den Blick hebt und gute Nacht sagt. Aber das bestimmt man ja nicht selbst. Man kann die Liebe nicht erzwingen bei einem anderen Menschen. Sie muss von selbst kommen, spontan und frei. Das ist es, wonach man sich sehnt. Und wenn das nicht geschieht, kann man nichts machen. Man kann nur in der T\u00fcr stehen jeden Abend wie Ida Jensen in ihren Erinnerungen<a href=\"applewebdata:\/\/1F3FA95C-4A6C-476C-981A-61F881D9D635#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und auf die Befreiung hoffen, die der andere geben kann \u2013 oder dass er sich zur\u00fcckzieht von einem. Und es tut weh, einen Menschen zu lieben, der einem nicht antwortet, den Bildschirm nicht aus den Augen l\u00e4sst und nicht aufblickt, um einem gute Nacht zu sagen.<\/p>\n<p>Das Entscheidende ist: So, wie es mit unserer Liebe ist, so ist es auch mit der Liebe Jesu im heutigen Evangelium. Denn es ist ja deshalb, dass Jesus wieder und wieder so fragt, wie er das tut: Petrus, liebst du mich? So eine Frage sagt etwas sowohl \u00fcber den, der fragt, als auch \u00fcber den, der gefragt wird. Denn so fragt man nur, wenn man selbst liebt und deshalb so gerne wissen m\u00f6chte, dass man von dem anderen geliebt ist. Und damit zeigt die Frage, dass Jesus nicht ganz anders liebt als wir. Wir glauben, dass es die Liebe Gottes ist, die sich in seinen Worten und H\u00e4nden verbirgt. Und dennoch ist er nicht erhaben \u00fcber die Sehnsucht, die in unserer Liebe liegt. Es ist ihm nicht gleichg\u00fcltig, wie Menschen auf die Liebe antworten, die er gibt. In dieser Hinsicht gleicht er einem verletzlichen Menschen wie uns. Oder in diesem Punkt gleicht die Liebe Gottes unserer Liebe. Er braucht die Antwort des Petrus und die Liebe des Petrus, und deshalb fragt er immer wieder \u2013 wie die Autorin, die jeden Abend zu ihrem Mann geht.<\/p>\n<p>Aber die Frage sagt ja auch etwas \u00fcber Petrus. Denn so wird man nur gefragt, wenn der andere Grund hat, zu zweifeln. Geliebte und Freude, Kinder und Eltern, die wissen, wo sie einander haben \u2013 die brauchen nicht zu fragen: Liebst du mich? Danach fragt man nur, wenn man einen Grund hat, an der Liebe des anderen zu zweifeln. Kein Wunder, dass diese Frage Petrus traurig macht.<\/p>\n<p>Aber die Sache ist ja die, dass Jesus einen guten Grund hat, im Zweifel zu sein, und das wird ganz deutlich, wenn wir h\u00f6ren, was Petrus antwortet: Du wei\u00dft, dass ich dich lieb habe. Das f\u00e4llt auf, wo doch die Frage lautete: Liebst du mich? <em>Ich habe dich lieb.<\/em> Das ist nicht dieselbe vorbehaltlose Hingabe, wie wenn man sagt: <em>Ich liebe dich. <\/em>So, indirekt, zeigt sich die Selbsterkenntnis bei Petrus. Denn das Gespr\u00e4ch im heutigen Evangelium findet nach Ostern statt. Nach der Nacht zum Karfreitag, wo Petrus drei Mal verleugnet hat, dass er Jesus kennt, und so seine eigene Beziehung mit dem Gefangenen im Hof des Hohen Priesters abgestritten hat. Als er darauf ankommt, hat er nicht den Mut, sich zu seiner Liebe zu dem Mann zu bekennen, mit dem sein eigenes Leben steht und f\u00e4llt. Das ist viel zu gef\u00e4hrlich. Aber auch tief besch\u00e4mend f\u00fcr Petrus, als der Hahn drei Mal kr\u00e4ht und er entdeckt, was er getan hat. Deshalb kann er nicht mehr die gro\u00dfen Worte in den Mund nehmen und sagen: Ich liebe dich. Petrus hat etwas \u00fcber sich selbst, seinen eigenen Mut und seine eigene Liebe gelernt. Und das ist eine Selbsterkenntnis, die in der beherrschten Worten liegt: Ich habe dich lieb.<\/p>\n<p>Drei Mal leugnete Petrus in jener Nacht im Hofe des Hohen Priesters, Jesus zu kennen. Drei Mal gab Jesus ihm die M\u00f6glichkeit, die Liebe zu erkl\u00e4ren, die er verleugnet hatte. Drei Mal steht Petrus nun zu seiner Selbsterkenntnis und seiner Liebe mit einer Wortwahl, zu der er stehen kann. Sie ist durch die Liebe hervorgerufen, die er in der Frage h\u00f6rt, die Jesus ihm stellt. Hervorgerufen, weil er in der Frage h\u00f6rt, dass er noch immer geliebt ist von dem, den er verraten hat. Auferstehung bedeutet <em>auch<\/em> das. Dass die Liebe, die verleugnet, getreten und begraben wurde, nun von den Toten aufersteht und wieder den Geliebten ruft.<\/p>\n<p>Vergebung kann in einer Weise zum Ausdruck kommen, die unsere eigene Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und die Schuld des anderen zur Schau stellt, so dass niemand im Zweifel ist. So aber handelt Jesus nicht. <em>Weide meine Schafe, <\/em>sagt er, und nicht <em>Sei Hirte f\u00fcr meine Schafe<\/em>. Ohne Erkl\u00e4rung. Und doch ist uns ganz klar, was sich hinter diesen Worten verbirgt. Drei Mal gibt Jesus Petrus die Aufgabe, die er f\u00fcr ihn hat. Drei Mal sagt er indirekt: Ich brauche dich. Ich vertraue dir. Auch wenn du mich verraten hast, glaube ich daran, glaube ich daran, dass du mir dabei helfen kannst, was ich getan haben w\u00fcrde. Das ist vielleicht die sch\u00f6nste Art und Weise, in der einem vergeben werden kann: Indem der, den man verraten hat, einem Vertrauen entgegenbringt und einen erneut um Hilfe bittet. Petrus wird so nicht dadurch abgekanzelt, dass Jesus ihm vergibt. Im Gegenteil. Er wird aufgerichtet und mit dem betraut, womit der dienen kann. N\u00e4mlich ein Hirte zu sein f\u00fcr die Menschen, die zum Glauben an Jesus kommen werden. Sie vor Hoffnungslosigkeit und K\u00e4lte zu sch\u00fctzen und Nahrung zu finden f\u00fcr ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Liebe.<\/p>\n<p>Heute ist es unsere Liebe, nach der er fragt, auch dort, wo wir versagt haben und trotz der Menschen, die wir zur\u00fcckgewiesen haben. Uns gibt er den Auftrag, die Menschen zu lieben und zu sch\u00fctzen, die er uns anvertraut hat. So als brauche er uns und unsere Liebe. So als seien wir wertvoll f\u00fcr ihn. So als liebte er uns mit der Liebe, die hofft, dass wir den Blick heben und frei mit unserer Liebe antworten. Er erniedrigt uns nicht mit seiner Vergebung. Er richtet uns auf und sieht uns als Menschen, die etwas beitragen k\u00f6nnen. Und so erz\u00e4hlt das heutige Evangelium in der sch\u00f6nsten Weise, was Ostern f\u00fcr Petrus und f\u00fcr uns bedeutet: Vergebung. Denn hier begegnen wir einer Liebe, die wir nicht t\u00f6ten k\u00f6nnen. Sie steht trotzig aus dem Grabe auf. Und dann werden wir aufgerichtet. Weil er uns aufrichtet und uns braucht.<\/p>\n<p>Und dann zum Schluss: Das Gespr\u00e4ch mit Petrus findet an einem Morgen nach Ostern am See Genezareth statt. Jesus liegt nicht tot in seinem Grab, wie man meinen k\u00f6nnte. Er sitzt helllebendig am Strand und hat ein Feuer an gez\u00fcndet und wartet auf das Fr\u00fchst\u00fcck. Deshalb dichtet Hans Anker J\u00f8rgensen so sch\u00f6n i seinem Osterlied: <em>Es ist wie von m\u00e4chtigen H\u00e4nden erl\u00f6st sein vom Ertrinken im Dunkeln am Morgen unter Freunden.<a href=\"applewebdata:\/\/1F3FA95C-4A6C-476C-981A-61F881D9D635#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em> F\u00fcr mich ist auch das ein Bild f\u00fcr das Paradies: Am Wasser zu sitzen in der Morgensonne und einen Blick empfangen, der sagt: Man ist unter Freunden. So ist es bei Petrus und uns anderen, wenn wir dem auferstandenen Meister begegnen, heute und dereinst, wenn alles vorbei ist: <em>Es ist wie von m\u00e4chtigen H\u00e4nden erl\u00f6st sein vom Ertrinken im Dunkeln am Morgen unter Freunden.<\/em> Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sognepr\u00e6st Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p>DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p>mfl(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/1F3FA95C-4A6C-476C-981A-61F881D9D635#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ida Jessen: Ramt af ingenting, 2012.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/1F3FA95C-4A6C-476C-981A-61F881D9D635#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> D\u00e4nisches Gesangbuch Nr. 249, V. 5.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu\u00a0Johannes 21,15-19 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von\u00a0Marianne Frank Larsen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Jeden Abend geht sie in das B\u00fcro ihres Mannes und sagt gute Nacht. 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