{"id":25651,"date":"2025-11-25T08:04:48","date_gmt":"2025-11-25T07:04:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25651"},"modified":"2025-11-24T18:11:18","modified_gmt":"2025-11-24T17:11:18","slug":"roemer-138-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-138-10\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 13,8-10"},"content":{"rendered":"<h3>Sprachen der Liebe | 1. Advent | 30.11.2025 | R\u00f6mer 13,8-10 | Sven Keppler |<\/h3>\n<p><strong>I.<\/strong><br \/>\n\u201eHans, kommst Du mal bitte?\u201c \u2013 \u201eKleinen Moment, ich hab gerade noch was in der Hand.\u201c \u2013 \u201eHans, ich muss mit Dir reden.\u201c \u2013 \u201eMoment, sofort.\u201c \u2013 \u201eIch halte das nicht mehr aus, Hans!\u201c \u2013 \u201eHelga, was hast Du denn?\u201c \u2013 \u201eNie hast Du Zeit f\u00fcr mich. Immer hei\u00dft es: Kleinen Moment, gleich. Und \u00fcberhaupt: Nie zeigst Du mir, dass Du mich liebst. Dass Du gerne mit mir zusammen bist. Immer bist Du mit irgendetwas besch\u00e4ftigt. Wann hast Du mich eigentlich zuletzt in den Arm genommen?\u201c<\/p>\n<p>Hans ist sprachlos. F\u00fcr ihn kommen die Vorw\u00fcrfe seiner Frau aus heiterem Himmel. Dabei war er doch gerade dabei, ihren F\u00f6hn zu reparieren. Heute Morgen erst war er kaputt gegangen. Vor einer Stunde hatte sie ihm das Ger\u00e4t gegeben. Und jetzt war er schon fast wieder heile. Nur noch ein Test.<\/p>\n<p>Helga braucht nur einen Wunsch zu \u00e4u\u00dfern. Sie braucht nur ein kleines Signal zu senden, dass sie seine Hilfe braucht. Und schon ist er f\u00fcr sie da. F\u00fcr ihn ist das der Weg, wie er ihr seine Liebe zeigt. Andere l\u00e4sst er schon mal warten. Aber ihr liest er die W\u00fcnsche sozusagen direkt von den Lippen ab. Erst vor kurzem hat er ihr ein Wandschr\u00e4nkchen gebaut, dass sie sich mal in einem Nebensatz gew\u00fcnscht hatte.<\/p>\n<p>Und jetzt diese Vorw\u00fcrfe! Er versteht sie nicht. Es stimmt ja: Wenn er etwas f\u00fcr sie repariert, zieht er sich in den Keller zur\u00fcck. Er ist dann nicht bei ihr, um sich mit ihr zu unterhalten. Gro\u00dfe Worte machen ist sowieso nicht sein Ding. Gef\u00fchlvolle Liebeserkl\u00e4rungen auch nicht. Aber er zeigt ihr sein Liebe eben durch einen reparierten F\u00f6hn. Seine Frau scheint sich jedoch etwas anderes zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, um die Liebe geht es in unserem Predigttext. Ein kurzer Abschnitt aus dem Brief, den Paulus an die Gemeinde in Rom geschrieben hat. Ich lese aus Kapitel 13: [R\u00f6mer 13,8-10]<\/p>\n<p><strong>II.<br \/>\n<\/strong><em>Wer den andern liebt, der hat das Gesetz erf\u00fcllt.<\/em> Blo\u00df: Was ist eigentlich genau gemeint mit dieser Liebe? Lieben kann man ja auf ganz unterschiedliche Weise. \u201eIch liebe die Berge!\u201c \u201eIch liebe Schokolade!\u201c \u201eIch liebe meine Kinder.\u201c \u201eIch liebe meine Arbeit.\u201c<\/p>\n<p>Der eine tr\u00e4umt von einer hei\u00dfen Liebesnacht. Die andere von einer romantischen Beziehung. Einer sp\u00fcrt ganz viel N\u00e4chstenliebe, seit er einer Fl\u00fcchtlingsfamilie hilft. Eine andere sehnt sich danach, endlich mal von einem anderen Menschen ohne Vorleistungen geliebt zu werden.<\/p>\n<p>Der Paartherapeut Gary Chapman unterscheidet f\u00fcnf verschiedene Sprachen der Liebe. Seine B\u00fccher sind zu Bestsellern geworden. Begeisterte Leserinnen und Leser schreiben S\u00e4tze wie: \u201eDas beste Buch, das ich je gelesen habe, es hat mein Leben ver\u00e4ndert!\u201c Vielleicht hilft er uns ja, das Geheimnis der Liebe ein bisschen besser zu verstehen.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Sprachen der Liebe. Menschen haben unterschiedliche Wege, ihre Liebe auszudr\u00fccken. Die erste Art ist <em>Lob und Anerkennung<\/em>: Menschen mit dieser Beziehungssprache loben die Menschen in ihrem Umfeld f\u00fcr alle m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Dinge. Sie sehen oft tolle Leistungen bei anderen und haben auch die Gabe, dies auszusprechen. So zeigen sie ihren Respekt, ihre Liebe und letztlich auch ihre Anerkennung.<\/p>\n<p>Der zweite Typ liebt die <em>Zweisamkeit<\/em>. Es geht diesen Menschen um die Zeit, die man bewusst gemeinsam verbringt. Die ungeteilte Aufmerksamkeit, ohne st\u00f6rende Telefonanrufe oder Freunde, die pl\u00f6tzlich vorbeikommen.<\/p>\n<p>Andere zeigen durch <em>Geschenke<\/em> ihre Liebe. Dabei spielt der materielle Wert keine Rolle. Der Geschenk-Typ sch\u00e4tzt es, wenn ein passendes Geschenk liebevoll ausgesucht wird. Besonders Kinder zeigen oft auf diesem Weg, dass sie jemanden m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Den vierten Typ kennen wir schon von Hans. Es sind die <em>Hilfsbereiten<\/em>. Und f\u00fcnftens schlie\u00dflich gibt es Menschen, die ihre Liebe durch <em>Z\u00e4rtlichkeit<\/em> ausdr\u00fccken. Das, wonach sich Helga anscheinend noch mehr sehnt als nach einem reparierten F\u00f6hn.<\/p>\n<p>Daran wird schon ein Problem sichtbar: Wer unterschiedliche Sprachen der Liebe spricht, versteht sich nicht unbedingt. Helga merkt vielleicht schon gar nicht mehr, dass Ihr Mann ihr durch seine Hilfsbereitschaft seine Liebe zeigt. Denn sie sehnt sich nach einer z\u00e4rtlichen Geste.<\/p>\n<p><strong>III.<br \/>\n<\/strong>Liebe Gemeinde, ich muss gestehen: Ich kenne das Buch von Chapman nur aus zweiter Hand. Aber die Unterscheidung dieser Typen finde ich ganz einleuchtend. Und auch die Grund\u00fcberzeugung: Menschen zeigen ihre Liebe auf ganz unterschiedliche Art. Dabei lieben die Z\u00e4rtlichen und die Zweisamen nicht mehr als die Hilfsbereiten. Sie zeigen ihre Liebe blo\u00df anders.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem glaube ich, dass jeder dieser Typen seine eigenen Grenzen hat. Und auch seine eigenen Fallen, in die er tappen kann. Es gibt bei jeder Art, die Liebe zu zeigen, ein Zuwenig und ein Zuviel.<\/p>\n<p>Zum Beispiel zu viel Geschenke. Manchmal sehe ich Kinderzimmer, die mir die Sprache verschlagen. Auf jeder freien Fl\u00e4che steht ein Playmobilgeb\u00e4ude, nat\u00fcrlich dicht mit Figuren bev\u00f6lkert. An den W\u00e4nden sind Regale angebracht, auf denen sich gigantische Lego-Raumgleiter reihen. Von den Decken h\u00e4ngt es herab und von den Fu\u00dfb\u00f6den t\u00fcrmt es sich auf \u2013 wie in einer Tropfsteinh\u00f6hle.<\/p>\n<p>Das Kind, das diese H\u00f6hle bewohnt, wird mit Liebe \u00fcbersch\u00fcttet. Von Eltern, Gro\u00dfeltern, Onkeln und Tanten. Aber haben sie im Blick, was dem Kind guttut? Was bringt die Familie dazu, enthemmt immer mehr zu schenken? Konkurrenz untereinander? Werben um die Liebe des Kindes? Schlechtes Gewissen, so selten Zeit zu haben?<\/p>\n<p>Das alles sind Motive, die mehr mit dem Schenkenden selbst zu tun haben als mit dem Beschenkten. Das ist ganz \u00e4hnlich, wie beim entgegengesetzten Fall: Wenn es zu wenig Geschenke gibt. Dann kann es an Desinteresse liegen, am Geiz oder an Gedankenlosigkeit. Wenn das gute Ma\u00df der Mitte gehalten wird, dann ist oft der geliebte Mensch im Blick. Wenn ein Zuviel oder ein Zuwenig herrscht, dann geht es oft weniger um den geliebten Menschen, sondern um einen selbst.<\/p>\n<p>Das ist genau so bei der Zweisamkeit. Auch da gibt es ein Zuviel. Wenn der Liebende Zweisamkeit einfordert. Immer mehr Kontakte abbricht, um die Geliebte oder den Freund f\u00fcr sich allein zu haben. Auch in solchen F\u00e4llen denkt der Liebende letztlich vor allem an sich selbst. An sein Bed\u00fcrfnis, die Geliebte ganz zu besitzen. Das ist genau so selbstisch wie das Gegenteil. Wenn man die Zweisamkeit meidet, weil man sich mit dem anderen langweilt.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich glaube, diese Beobachtung lie\u00dfe sich auch f\u00fcr alle anderen Ausdrucksformen der Liebe durchbuchstabieren. Ein Zuviel und ebenso ein Zuwenig sind meistens ein sicheres Zeichen, dass es den Liebenden vor allem um sich selbst geht. Ein gutes Ma\u00df kann dagegen darauf hindeuten, dass die andere Person im Blick ist. Und darum geht es ja bei der Liebe: Das Gegen\u00fcber mindestens genau so wichtig nehmen, wie sich selbst.<\/p>\n<p><strong>IV.<br \/>\n<\/strong>Paulus schreibt: <em>W<\/em><em>as da alles an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: \u201eDu sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst.\u201c<\/em> Wir sollen unsere Mitmenschen lieben \u2013 diese Forderung zieht sich durch das gesamte Neue Testament. Jesus hat in diesem Sinn gesprochen. Der gro\u00dfe Liebende, auf dessen Kommen in die Welt wir uns nun wieder vorbereiten. Ebenso sagen es die Briefschreiber. Und sie beanspruchen damit, das Alte Testament in seinem Kern zusammenzufassen.<\/p>\n<p>Aber das ist ja ein unglaublicher Anspruch! Lieben. Sich zu einem anderen Menschen hingezogen f\u00fchlen. Immer um diesen Menschen und sein Wohl zu kreisen. Aufgeregt zu sein in seiner N\u00e4he. Ein Leere zu empfinden ohne ihn. K\u00f6nnen wir so mit allen Menschen umgehen? Gelingt uns das nicht nur mit ganz wenigen?<\/p>\n<p>Erst recht, wenn diese Menschen es uns schwer machen. Weil sie \u00fcbellaunig sind. Hinter unserem R\u00fccken schlecht von uns reden. Weil sie im Beruf erfolgreicher sind als wir. Oder weil sie vielleicht sogar ein Verbrechen begangen haben. Auch die sollen wir lieben?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich glaube, Paulus hat einen ganz realistischen Umgang mit dieser \u00fcberw\u00e4ltigenden Forderung gefunden: <em>Die Liebe tut dem N\u00e4chsten nichts B<\/em><em>\u00f6ses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erf\u00fc<\/em><em>llung.<\/em> Die Liebe, die wir zu allen Menschen haben sollen \u2013 sie muss kein Gef\u00fchl sein, dass uns im Innersten ergreift und durchsch\u00fcttelt. Sie muss keine Sehnsucht sein, die uns schlaflose N\u00e4chte bereitet. Keine Hingabe, in der wir selbst uns aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Dem N\u00e4chsten nichts B\u00f6ses tun, auch das ist schon Liebe. Anderen Menschen nicht schaden \u2013 nicht ehebrechen, nicht t\u00f6ten, nicht stehlen, nicht begehren \u2013 das klingt so n\u00fcchtern und bescheiden, verglichen mit den Gef\u00fchlstiefen der romantischen Liebe. Aber genau besehen ist das schon eine Menge. Den anderen im Blick haben und ihm nichts B\u00f6ses tun. Wenn wir so miteinander umgingen, jeder in seiner eigenen Sprache und nach seinen eigenen M\u00f6glichkeiten \u2013 dann w\u00e4re schon eine Menge erreicht. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfarrer Dr. Sven Keppler<br \/>\nVersmold<br \/>\nsven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p>Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Vorsitzender des Versmolder Kunstvereins. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprachen der Liebe | 1. 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