{"id":25653,"date":"2025-11-25T08:05:00","date_gmt":"2025-11-25T07:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25653"},"modified":"2025-11-24T18:17:59","modified_gmt":"2025-11-24T17:17:59","slug":"roemer-138-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-138-12-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 13,8-12"},"content":{"rendered":"<h3>Lichtmomente | 1. Advent | 30.11.2025 | R\u00f6mer 13,8-12 | Christoph Kock<\/h3>\n<p><strong>I. Sehnsucht nach Harmonie<br \/>\n<\/strong>Die erste Kerze auf dem Adventskranz. Noch vier Wochen und drei Tage bis zum \u201eFest der Liebe\u201c. Hohe Erwartungen, mit Weihnachten verbunden, werfen ihren Schatten voraus. Trotz allem und schon jetzt soll alles gut sein. Geb\u00e4ck, Deko und Lichterglanz f\u00fcr behagliche und besinnliche Gef\u00fchle sorgen. Heile Momente stehen hoch in Kurs. Die Adventszeit ist gepr\u00e4gt von einer Sehnsucht nach Harmonie.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Kontrast zu dem, was sonst passiert. Weihnachtsm\u00e4rkte brauchen ein Sicherheitskonzept und Schutz. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft ist zunehmend gef\u00e4hrdet. Konflikte polarisieren. Einfache L\u00f6sungen in einer immer komplizierter werden Welt sind popul\u00e4r. Viele tun sich schwer, andere Meinungen auszuhalten. Kompromisse kommen aus der Mode und werden als Zeichen von Schw\u00e4che wahrgenommen. Demokratien ver\u00e4ndern sich. In den Nachrichten geben Diktatoren den Ton an. Frieden wird br\u00fcchig. Wer h\u00e4tte vor dem Ukraine-Krieg gedacht, dass in Deutschland Debatten um die Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht gef\u00fchrt werden. Aufr\u00fcstung beginnt mit der Sprache: Die USA haben wieder ein Kriegsministerium. In den Social Media sind Hass und Gewalt an der Tagesordnung. Falsche Meldungen werden gezielt verbreitet. Wahrheit und L\u00fcge voneinander zu unterscheiden, ist anstrengend geworden. Ein Klimawandel der eigenen Art. Kein Wunder, dass Menschen sich danach sehnen, dass es anders zugeht, nach Harmonie statt Dauerstreit und Stress.<\/p>\n<p><strong>II. Post von Paulus<\/strong><br \/>\nZum ersten Advent gibt es Post von Paulus. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, um sich vorzustellen und f\u00fcr seine Sicht auf das Evangelium von Jesus Christus zu werben. Im R\u00f6merbrief steht im 13. Kapitel:<\/p>\n<p>8 Bleibt niemandem etwas schuldig,<br \/>\nau\u00dfer einander zu lieben!<br \/>\nDenn wer seinen Mitmenschen liebt,<br \/>\nhat das Gesetz schon erf\u00fcllt.<br \/>\n<em>9 Dort steht:<br \/>\n<\/em><em>\u00bbDu sollst nicht ehebrechen!<br \/>\n<\/em><em>Du sollst nicht t\u00f6ten!<br \/>\n<\/em><em>Du sollst nicht stehlen!<br \/>\n<\/em><em>Du sollst nicht begehren!\u00ab<br \/>\n<\/em><em>Diese und all die anderen Gebote<br \/>\n<\/em><em>sind in dem einen Satz zusammengefasst<br \/>\n<\/em><em>\u00bbLiebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!\u00ab<br \/>\n<\/em><em>10 Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts B\u00f6ses an.<br \/>\n<\/em><em>Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erf\u00fcllt.<br \/>\n<\/em><em>11 Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schl\u00e4gt!<br \/>\n<\/em><em>Es ist h\u00f6chste Zeit f\u00fcr euch,<br \/>\n<\/em><em>aus dem Schlaf aufzuwachen.<br \/>\n<\/em><em>Denn unsere Rettung ist n\u00e4her als damals,<br \/>\n<\/em><em>als wir zum Glauben kamen.<br \/>\n<\/em><em>12 Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.<br \/>\n<\/em><em>Lasst uns alles ablegen,<br \/>\n<\/em><em>was die Finsternis mit sich bringt.<br \/>\n<\/em><em>Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen,<br \/>\n<\/em><em>die das Licht uns verleiht.<\/em><\/p>\n<p><strong>III. Was Gottes Willen ausmacht<br \/>\n<\/strong>Paulus denkt dar\u00fcber nach, was Gottes Wille ausmacht. Exemplarisch zitiert er vier der Zehn Gebote und h\u00e4lt fest: Diese und alle anderen Gebote sind in einem Satz zusammengefasst: \u00bbLiebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!\u00ab Jesus hat das \u00e4hnlich gesehen. Liebe, das hei\u00dft hier: Respekt zeigen, mit ein Blick f\u00fcr die W\u00fcrde, die in jedem Menschen wohnt. Die Kunst, einen Mitmenschen mit Gottes Augen zu sehen. Das ist der rote Faden. Darauf kommt es an. \u201eBleibt niemandem etwas schuldig, au\u00dfer einander zu lieben! Denn wer seinen Mitmenschen liebt, hat Gottes Willen schon erf\u00fcllt\u201c, den die Bibel in ihren ersten f\u00fcnf B\u00fcchern \u00fcberliefert. Warum: \u201eWer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts B\u00f6ses an. Darum wird durch die Liebe Gottes Willen voll und ganz erf\u00fcllt.\u201c Wo Liebe das Denken und Handeln bestimmt, Respekt den Ausschlag gibt, da ist das B\u00f6se auf dem R\u00fcckzug. Paulus glaubt daran, dass es keine Zukunft hat. \u201eDie Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.\u201c Was f\u00fcr eine Hoffnung: Die Finsternis wird dem Licht weichen. Weil Gott es will. Welche Entdeckungen dieses Licht erm\u00f6glicht, erhellt eine j\u00fcdische Legende:<\/p>\n<p>Ein Rabbi fragte seine Sch\u00fcler:\u00a0\u201eWann ist der \u00dcbergang von der Nacht zum Tag?\u201c\u00a0Der erste Sch\u00fcler antwortete: \u201eDann, wenn ich ein Haus von einem Baum unterscheiden kann.\u201c \u2013 \u201eNein\u201c, gab der Rabbi zur Antwort. \u2013 \u201eDann, wenn ich ein Pferd von einem Hund unterscheiden kann\u201c, versuchte der zweite Sch\u00fcler eine Antwort. \u2013 \u201eNein\u201c, antwortete der Rabbi.\u00a0Und so versuchten die Sch\u00fcler nacheinander, eine Antwort auf die gestellte Frage zu finden.\u00a0Schlie\u00dflich sagte der Rabbi: \u201eWenn du das Gesicht eines Menschen siehst und du entdeckst darin das Gesicht deines Bruders oder deiner Schwester, dann ist die Nacht zu Ende, und der Tag ist angebrochen.\u201c\u00a0Dein Licht kommt und darin entdeckst du im anderen den Bruder, die Schwester. Das ist der Anfang vom Ende der Finsternis.<\/p>\n<p><strong>IV. Beziehung statt Perfektion<br \/>\n<\/strong>Es ist ein eher n\u00fcchternes Bild, das Paulus hier von der Liebe zeichnet. Sie \u00fcbersteigert nicht das Gute, sondern verhindert das B\u00f6se. Ganz pragmatisch: Wer liebt, tut anderem kein Unrecht. Das reicht aus. Noch ist die Nacht gegenw\u00e4rtig, aber sie geht zu Ende, weil sich Gottes Wille durchsetzen wird. Paulus glaubt: Wir m\u00fcssen nicht selbst daf\u00fcr sorgen, dass alles gut wird. Das entlastet. In der Adventsharmonie verbirgt sich ein unausgesprochener Appell: \u201eDie Welt ist dunkel, also m\u00fcssen wir leuchten. Die Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht zul\u00e4nglich, also m\u00fcssen wir perfekt sein.\u201c Wer ist das schon? Wer sich von diesem Anspruch leiten l\u00e4sst, \u00fcberfordert sich. Christinnen und Christen k\u00f6nnen dem getrost widersprechen: \u201eNein, wir sind es nicht, die leuchten. Wir m\u00fcssen und wir k\u00f6nnen gar nicht perfekt sein. Licht und Vollendung bringt der Tag mit sich, den Gott herbeif\u00fchrt.\u201c Zugleich versch\u00e4rft diese Haltung die Sicht der Dinge. Wer von Gott erwartet, worauf es ankommt, wird ungeduldig mit der Macht, die das B\u00f6se noch hat, kann sich nicht mit der Finsternis abfinden. Paulus spricht von den \u201eWaffen des Lichts\u201c, mit denen die, die Gott vertrauen, das Unrecht aus dem Dunkel hervorzerren, ihm entgegentreten, es bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Einen Mitmenschen zu lieben im Sinn des biblischen Gebotes hei\u00dft nicht, dass ich Sympathien f\u00fcr ihn hegen muss. Er kann mir fremd bleiben und ich kann ihn sogar absto\u00dfend finden. Und vielleicht geraten wir in einen offenen Konflikt \u2013 weil es um Recht oder Unrecht geht, um W\u00fcrde oder Hass, Demokratie oder Diktatur. Das Gebot fordert weder, lieb oder nett zu sein, noch Harmonie um jeden Preis. Es kommt vielmehr darauf an, Beziehungen mit anderen Menschen zu sch\u00e4tzen, zu halten, sogar zu ertragen und zu erleiden. Es geht um Beziehungen, nicht um Perfektion. Dass Paulus in diesem Zusammenhang auf die Zehn Gebote verweist, l\u00e4sst anklingen, dass er Beziehungen zwischen Menschen durchaus f\u00fcr problembehaftet h\u00e4lt. Aber der Apostel bleibt dabei: \u201eWer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts B\u00f6ses an.\u201c Das Gebot, den Mitmenschen zu lieben, zielt auf eine Haltung. Eine Haltung, die im gelingenden Miteinander, aber auch im notwendigen Streit tr\u00e4gt. In Beziehung bleiben \u2013 und sich nicht von der Nacht bestimmen lassen, sondern von dem Tag, der ankommen wird.<\/p>\n<p><strong>V. Brot f\u00fcr die Welt<br \/>\n<\/strong>Wie das gehen kann? Welche Spuren das hinterl\u00e4sst? Heute beginnt die 67. Aktion von Brot f\u00fcr die Welt: \u201eKraft zum Leben sch\u00f6pfen.\u201c Der Pr\u00e4ses der Evangelischen Kirche Rheinland, Dr. Thorsten Latzel, schreibt dazu:<\/p>\n<p>\u201eStundenlang unterwegs, um Trinkwasser zu holen? Das ist f\u00fcr viele Frauen im S\u00fcdwesten Ugandas vorbei \u2013 Gott sei Dank! Sie haben jetzt einen Regenwassertank vor der Haust\u00fcr. Das hat ihr Leben ver\u00e4ndert und auch das ihrer Familien. Erm\u00f6glicht hat das ein Projektpartner von Brot f\u00fcr die Welt.<\/p>\n<p>In Uganda wie in anderen afrikanischen L\u00e4ndern f\u00fchrt der Klimawandel zu immer mehr extremen Wetterereignissen wie anhaltenden D\u00fcrren oder Starkregen. Durch den Bau von Regenwassertanks werden Familien mit Trinkwasser versorgt, mit dem sie auch ihre Gem\u00fcseg\u00e4rten bew\u00e4ssern k\u00f6nnen. So werden die Familien unabh\u00e4ngiger von Klimaver\u00e4nderungen, ihre Ern\u00e4hrung wird vielf\u00e4ltiger und ges\u00fcnder.\u201c<\/p>\n<p>Was die Aktion ver\u00e4ndern wird? Zu wenig, k\u00f6nnte man meinen. Angesichts der Folgen des Klimawandels nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein. F\u00fcr die Frauen, die mit ihren Familien von einem Regenwassertank profitieren, macht das Projekt einen himmelweiten Unterschied. \u201eWer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts B\u00f6ses an.\u201c Manchmal kommt das B\u00f6se zum Zug, weil Menschen nichts tun, und hinter dem zur\u00fcckbleiben, was m\u00f6glich ist. Aber es geht auch anders. Denn die Nacht geht zu Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Predigt schlie\u00dft mit einem Bezug zur 67. Aktion von Brot f\u00fcr die Welt, mit einer Kanzelabk\u00fcndigung f\u00fcr die Adventszeit aus der Evangelischen Kirche im Rheinland.<\/p>\n<p>Sie nimmt Impulse aus der Predigtmeditation von Prof. Dr. Andreas Krebs auf: Andreas Krebs, Was wir einander schuldig sind, GPM 80 (2025), 11\u201317.<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Liedvorschl\u00e4ge<\/span>:<br \/>\n<\/strong>Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)<br \/>\nDurch das Dunkel hindurch (WortLaute 19)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfarrer Dr. Christoph Kock<br \/>\nWesel<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:christoph.kock@ekir.de\">christoph.kock@ekir.de<\/a><\/p>\n<p>Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.a<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lichtmomente | 1. Advent | 30.11.2025 | R\u00f6mer 13,8-12 | Christoph Kock I. Sehnsucht nach Harmonie Die erste Kerze auf dem Adventskranz. 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