{"id":25693,"date":"2025-12-10T18:30:20","date_gmt":"2025-12-10T17:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25693"},"modified":"2025-12-10T18:30:20","modified_gmt":"2025-12-10T17:30:20","slug":"lukas-167-80-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-167-80-4\/","title":{"rendered":"Lukas 1,67-80"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Hoffnung des Kindes | <\/strong>Dritter Advent | 14.12.2025 | Lukas 1,67-80 | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p>An jenem Tag im Jahre 1952, als ihr Mann von den Kommunisten in Prag verhaftet wurde, setzte sich Heda morgens auf den Fussboden und schaute auf ihren kleinen Sohn mit seiner Spielzeugeisenbahn. Er war v\u00f6llig in seinem Spiel versunken. Im beil\u00e4ufigen Ton erkl\u00e4rte sie ihm, sein Vater h\u00e4tte nochmals eine l\u00e4ngere Gesch\u00e4ftsreise antreten m\u00fcssen. Der Junge nickte nur, denn solches kam ofter vor. Dann schrie er auf, weil sein Zug umkippte. In ihrem Buch mit dem Titel &#8222;Under a Cruel Star&#8220; <em>{deutsch: Eine J\u00fcdin in Prag: Unter dem Schatten von Hitler und Stalin, Rowohlt 1992}<\/em> erz\u00e4hlt Heda Kovaly ihre Lebensgeschichte, die erst vom Nationalsozialismus und dann vom Kommunismus bestimmt wurde. Es vergehen Monate. Aus dem Gef\u00e4ngnis wird der Mann nicht entlassen. Wenn der Junge fragt, erkl\u00e4rt sie jedes Mal \u00fcberzeugend, wo er sich aufh\u00e4lt, und sie liest aus Briefen des Vaters vor. Wenn kein Brief kommt, erfindet sie selbst Worte des Vaters an das Kind. Obwohl sie fast kein Einkommen hat, legt sie jede Woche genug beiseite, dass sie mit dem Sohn jeden Samstag mit der Strassenbahn in den Wald am Stadtrand von Prag fahren k\u00f6nnen. Sie setzen kleine Boote aus Rinde in den Bach, der sich unweit der Strassenbahnhaltestelle durch das Tal schl\u00e4ngelt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Heda Kovaly versteht es sich von selbst, warum sie dem Jungen nicht erz\u00e4hlt, dass sein Vater mit einem drohenden Todesurteil in Haft ist, warum sie ihm aus Briefen des Vaters vorliest und mit dem Kind jede Woche in den Wald f\u00e4hrt. Sie m\u00f6chte ihm die Hoffnung nicht nehmen. Sie war selber H\u00e4ftling im KZ und verlor beide Eltern in Auschwitz. Sie weiss, wie Menschen einander die Hoffnung nehmen k\u00f6nnen. Dieses Wissen soll dem Jungen erspart bleiben. Kein Erwachsener sollte es jemals wagen, ein Kind mit Hoffnungslosigkeit zu infizieren. Man kann f\u00fcr sich selber alle denkbaren bitteren Erfahrungen aufh\u00e4ufen. Nur Eines d\u00fcrfe man sich nicht anmassen, sagt der d\u00e4nische Philosoph L\u00f8gstrup: einem Kind die Hoffnung zu nehmen. Das Dasein hat st\u00e4rkere \u00dcberzeugungskraft in der Erwartung des Kindes als in der Entt\u00e4uschung des Erwachsenen, behauptet L\u00f8gstrup. Diese Erwartung bringt Heda dazu, aus ihrem Bett aufzustehen und weiterzuleben, auch nach der Hinrichtung ihres Mannes. Es ist die Erwartung des Kindes, die nicht zerst\u00f6rt werden darf.<\/p>\n<p>Heute, am dritten Adventssonntag, kommt Johannes zur Welt mit dieser kindlichen Erwartung. Zacharias und Elisabeth, das alte Paar, haben l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt zu hoffen. Doch gelobt sei der Herr, der Gott Israels: sie bekommen ein Kind als Wunder ihres Lebens. Das heutige Evangelium ist der Lobgesang Zacharias, als das Kind beschnitten wurde und den Namen Johannes erhielt. Worte, die aus sein altes Herz quellen, dankbare und hoffnungsvolle Worte \u00fcber die Erwartungen, die nicht an ihm selber liegen, sondern am Kind in seinen Armen. Es sind Hoffnungen, die weit \u00fcber das eigene Gl\u00fcck der kleinen Familie hinausreichen. Es ist die Hoffnung, dass Gott selber uns alle barmherzig aufsuchen wird und uns befreien, erl\u00f6sen und vor unseren Feinden retten. Eine Hoffnung, die sich in der Geburt von Johannes n\u00e4hert wie die Morgenr\u00f6te vor dem Sonnenaufgang.<\/p>\n<p>Denn nicht Johannes selbst ist die Erf\u00fcllung der Hoffnung. Das erkennt der Vater durch den Heiligen Geist. Er ist es nicht! Noch nicht. Aber es ist kurz davor! Denn Johannes ist Wegbereiter f\u00fcr den Herrn, der kommt. Darum h\u00f6ren wir sowohl am dritten als auch am vierten Adventssonntag \u00fcber den Johannes. Er stimmt unser Gem\u00fct und erweckt unsere Sehnsucht. Er richtet unsere Erwartung auf den, der zu Weihnachten kommt. Das aufgehende Licht aus der H\u00f6he, wie es mit sch\u00f6nen Worten heisst, ist gekommen, um jenen zu leuchten, die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen. Jede unserer Hoffnungen k\u00f6nnen zerbersten. Wir wissen dies aus bitterer Erfahrung. Die Hoffnung, die mit ihm mitten in Finsternis und Schatten des Todes zur Welt kommt, ist jedoch eine besondere Hoffnung. Sie l\u00e4sst sich nicht durch Verlust oder Schmerz oder Tod ausl\u00f6schen. Denn sie erhebt sich aus dem Grab als ein aufgehendes Licht. Christus steht auf aus dem Grab. Mit den Worten eines Kirchenliedes \u00fcben den Adventkranz {d\u00e4nisch &#8222;Det f\u00f8rste lys er Ordet talt af Gud&#8220;}: &#8222;das dritte Licht hat kein Auge gesehen, es leuchtet durch das Herzensleid und meldet: Unm\u00f6gliches ist geschehen, das dritte Licht ist Ostermorgen&#8220;. \u00dcber diese Barmherzigkeit singt Zacharias: die Befreiung, die Erl\u00f6sung, die Rettung vom Tod und von allen Feinden unseres Lebens und unserer Freude. Jesus bringt nicht bloss diese Hoffnung. Er ist sie selber: die Hoffnung, die zu uns kommt, das aufgehende Licht, das nie ausgel\u00f6scht wird.<\/p>\n<p>Diese besondere Hoffnung, die unersch\u00fctterliche Hoffnung in Finsternis und Schatten des Todes, erkennen wir in der Erwartung jedes Kindes. Sie hilft uns, die unersch\u00fctterliche Hoffnung zu verstehen und nach ihr zu greifen. In der Erwartung des Kindes erkennen wir die menschliche Hoffnung in unserer Existenz. Christus antwortet auf unsere menschliche Hoffnung, indem er unsere besondere Hoffnung wird. Paulus formuliert was das f\u00fcr unser Leben bedeutet. Im \u00c4usseren \u00e4ndert sich nichts, und doch ver\u00e4ndert sich alles. Wir sind bedr\u00e4ngt, aber \u00e4ngstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir sind zu Boden geschlagen, aber nicht verloren. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden die Erwartungen des Kindes bersten, das geh\u00f6rt zum Erwachsenwerden. Aber es bleibt ein \u00dcberschuss, ein noch Mehr als Verzweiflung und Zerbrochenheit.. Dank ihm, der kommt und uns besucht, auch in den Worten, die wir heute h\u00f6ren und singen.<\/p>\n<p>In Wien war ich einst im Gottesdienst am Sonntag vor dem ersten Advent. Nach dem Gottesdienst erlebte ich vor der Kirche den Weihnachtsmarkt. Es gab Gl\u00fchwein und Adventskr\u00e4nze zu kaufen. Die Kerzen waren violett, genau wie die B\u00e4nder an unserem Adventskranz hier in der Kirche und wie die Kasel, die ich heute zum Abendmahl anlege. Es ist die Farbe der Busse, die Farbe des Ernstes. Sie geh\u00f6rt zur Adventszeit, weil wir uns auf das Licht vorbereiten, das zu Weihnachten kommt. Wir nehmen die Finsternis ernst, in unserem Leben und in uns selbst. Aber eine Kerze auf den Adventskr\u00e4nzen in Wien war nicht violett. Sie war rosa. Es war die Kerze f\u00fcr heute, den dritten Adventssonntag. &#8222;Gaudete&#8220; hei\u00dft dieser Tag auf Latein, das bedeutet: Freut euch! Ein heller Ton dringt in den Ernst, denn Zacharias singt seinen Lobgesang. Die Farbe ist rosa wie das Morgenrot am Himmel kurz vor dem Aufgang der Sonne.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Marianne Frank Larsen<br \/>\nEv. Pfarrer, Vor Frue Kirke in Aarhus<br \/>\nMail:\u00a0<a href=\"mailto:mfl@km.dk\">mfl(a)km.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoffnung des Kindes | Dritter Advent | 14.12.2025 | Lukas 1,67-80 | Marianne Frank Larsen | An jenem Tag im Jahre 1952, als ihr Mann von den Kommunisten in Prag verhaftet wurde, setzte sich Heda morgens auf den Fussboden und schaute auf ihren kleinen Sohn mit seiner Spielzeugeisenbahn. Er war v\u00f6llig in seinem Spiel versunken. 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