{"id":25713,"date":"2025-12-16T14:27:01","date_gmt":"2025-12-16T13:27:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25713"},"modified":"2025-12-16T14:27:01","modified_gmt":"2025-12-16T13:27:01","slug":"johannes-325-36-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-325-36-2\/","title":{"rendered":"Johannes 3,25-36"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Predigt zum Vierten Sonntag im Advent | 21. Dezember 2025 | Johannes 3,25-36 | Von Jan Asmussen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Masslose Gerechtichkeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mathematik und Gerechtigkeit haben nicht viel miteinander zu tun. In\u00a0 den USA werden \u00dcbelt\u00e4ter in den Todesg\u00e4ngen &#8222;der Gerechtigkeit zugef\u00fchrt\u201d, wie man sagt. Auf die Frage, ob der Gerechtigkeit Gen\u00fcge getan werden kann, muss die Antwort lauten: niemals!. Die Gerechtigkeit kann nicht dadurch erf\u00fcllt werden, dass man das Leben der Opfer mit dem Leben der T\u00e4ter bezahlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch Liebe und Gerechtigkeit haben nicht viel miteinander zu schaffen. In wenigen Tagen beschenken wir diejenigen, die uns am n\u00e4chsten stehen und uns Gutes wollen. Unabh\u00e4ngig von der Gr\u00f6sse des Geschenks wird es viel zu gering sein im Vergleich zu dem, was wir unseren Eltern, Ehepartnern und Kindern schulden. Liebe l\u00e4sst sich nicht unter dem Weihnachtsbaum verrechnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte eine F\u00fclle \u00e4hnlicher Beispiele anf\u00fchren. Welcher schuldbeladene Mensch hat je empfunden, dass die Vergebung verdient gewesen w\u00e4re? Wer m\u00f6chte ernsthaft die Dauer des Lebens, gemessen in Jahren und Jahrzehnten, zum alleinigen Kriterium f\u00fcr Lebensqualit\u00e4t und Gl\u00fcck machen? In unserer Welt, die mit &#8222;geben un nehmen\u201d rechnet und in der wir andere danach messen, was sie f\u00fcr uns tun, passt dieses Mass nicht. Viele Dinge, gerade die entscheidendsten, werden nicht nach Mass gegeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Immer dann, wenn das Mass gedehnt wird, damit es dort passt, wo es eigentlich nicht passen d\u00fcrfte, ist etwas ganz Bestimmtes im Gange. Der Verbrecher sp\u00fcrt es in seiner Zelle, wenn das Urteil gemildert wird. Der Weihnachtsgast sp\u00fcrt, dass es \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig ist, sich noch weiteres Jahr Liebe zu erkaufen. Das ist eine Wahrheit, die in unser Leben hineingelegt ist und die auftaucht, wann immer wir erleben, dass wir weit mehr empfangen, als wir leisten und verdienen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr diese Erfahrung, dass das Mass gedehnt wird und auch das Krumme und Unregelm\u00e4ssige als gerade erachtet wird, verwendet das Christentum ein ganz bestimmtes und pr\u00e4zises Wort, das all das bezeichnet, was in unserem Leben unverdient geschieht. Dieses Wort ist \u201eGeist\u201d.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Geist wird nicht nach Mass gegeben. In einigen Tagen singen wir von dem Kind, das in Bethlehem geboren ist. Eines unter unz\u00e4hligen, in ferner Zeit und fern von uns. Eine Geburt genau wie jene, die wir selbst unsere Existenz verdanken. Dieses ganz unscheinbare Ereignis ist das Zentrum von Weihnachten: &#8222;Und die Zeit kam, da sie geb\u00e4ren sollte, und sie gebar ihn und wickelte ihn in Windeln.\u201d So, wie es bei jeder Geburt geschieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Gott gibt den Geist nicht nach Mass. Was \u201eder Aufgang aus der H\u00f6he\u201d genannt wird \u2013 dass Gott zu den Menschen kommt \u2013 ist kein gross inszeniertes Ereignis. F\u00fcr einen k\u00fchlen Blick war nichts Imposantes an ihm, der in der Krippe lag und sp\u00e4ter am Kreuz schrie: &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201d Doch der Geist wird nicht nach Mass gegeben: Das Mass wird gedehnt, sodass die m\u00e4chtigen Taten des Herrn, die Ankunft des Heiligen Israels, der Aufgang aus der H\u00f6he &#8211; all diese grossen Dinge &#8211; ihre Erf\u00fcllung haben im ganz Kleinen, im Kind von Bethlehem.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier liegt der Kern des Christentums: Gott das dehnt das Mass, sodass alle Erwartungen an das Heil, alle Sehnsucht nach dem Einen und dem Auserw\u00e4hlten ihre Erf\u00fcllung im Kleinsten finden. Das Himmelreich, das Heil, der Messias \u2013 all diese Worte klingen so gross wie Berge. Doch Gott zerbricht den Berg und wirft alle Felsbrocken beiseite, um einen einzigen Stein zu finden, der wie die anderen aussieht \u2013 aber \u00fcber diesen sagt Gott: Das ist mein Auserw\u00e4hlter, der Geliebte, der Eckstein. Gott gibt den Geist nicht nach Mass. Im ganz Unscheinbaren und Kleinen nimmt die F\u00fclle Wohnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Welt hat es mit all ihrer Macht immer schwer gehabt, das zu akzeptieren. Wenn das Mass gedehnt wird, sodass Jesus der Retter wird, schrumpfen Herodes und der Kaiser und m\u00fcssen sich und die alte Ordnung verteidigen, in der das Grosse gross und das Kleine klein zu sein hat. Wenn die Steine verworfen werden, m\u00fcssen sie sich erheben und den Eckstein zerschmettern. Darum wurde er gekreuzigt: als Demonstration, dass Macht Recht ist und dass ein Nagel durch die Handfl\u00e4che ein sicheres Mittel sei, den dreieinigen Gott festzuhalten. Aber Gott gibt den Geist nicht nach Mass.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir feiern Weihnachten in der Gewissheit, dass Gott uns mit dem elastischen Mass misst, das &#8222;Geist\u201d heisst und aus dem alle Liebe und Vergebung und Lebensf\u00fclle in unserem eigenen Leben stammen. Und die zentrale Handlung des Geistes und der Gnade ist diese: dass Gott den erw\u00e4hlt hat, der nichts ist, damit er alles sei. Dass alle Verheissungen Gottes ihr Ja in ihm gefunden haben. Jesus sprach als Erwachsener oft \u00fcber dies Kleine, das entscheidende Bedeutung gewinnt. Das anschaulichste Bild ist der Sauerteig, der ein grosses Brot zum Gehen bringt, obwohl er nur eine winzige Menge ist. So, sagt Jesus, wirkt die Gnade in dieser Welt. Dadurch, dass das, was fast nichts ist, alles wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und da wird er in wenigen Tagen wieder liegen: das Kind in der Krippe. Ohne Pracht und Schmuck, ganz klein. Mit der einzigen g\u00f6ttlichen Bestimmung, &#8222;gr\u00f6sser zu werden\u201d, wie Johannes der T\u00e4ufer sagt: &#8222;Ich muss abnehmen, er aber muss zunehmen.\u201d Vom Grossen zum Kleinen \u2013 das ist der Weg des Todes und der Verg\u00e4nglichkeit. Vom Kleinen zum Grossen \u2013 das ist der Weg des Geistes. Und das feiern wir an Weihnachten mehr als alles andere: dass der, der nichts ist, machte Gott zum Zeichen seines Geistes in der Welt gemacht wurde. Alle Verheissungen Gottes haben ihr Ja in ihm gefunden, der nicht kleiner werden kann, sondern nur gr\u00f6sser bei uns und in uns, bis Gottes F\u00fclle erreicht ist. Denn Gott gibt den Geist nicht nach Mass.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ev. Pfr. in Farum, D\u00e4nemark<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">jsas(s)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbs. Jan Asmussen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Vierten Sonntag im Advent | 21. Dezember 2025 | Johannes 3,25-36 | Von Jan Asmussen | Masslose Gerechtichkeit Mathematik und Gerechtigkeit haben nicht viel miteinander zu tun. In\u00a0 den USA werden \u00dcbelt\u00e4ter in den Todesg\u00e4ngen &#8222;der Gerechtigkeit zugef\u00fchrt\u201d, wie man sagt. 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