{"id":25747,"date":"2025-12-19T16:39:15","date_gmt":"2025-12-19T15:39:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25747"},"modified":"2025-12-19T16:39:43","modified_gmt":"2025-12-19T15:39:43","slug":"lukas-219","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-219\/","title":{"rendered":"Lukas 2,19"},"content":{"rendered":"<h3>Eins-Zwei-Drei-Vier | Christnacht | 24.12.2025 | Lk 2,19 | Wolfgang V\u00f6gele |<\/h3>\n<p><strong>Eine Weihnachtsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Auf der wei\u00dfen Tischdecke machte sich ein Fleck von Erdbeermarmelade breit. Das Esszimmer war gro\u00dfz\u00fcgig und hell gestaltet, doch verstreute alte Zeitungen und Kr\u00fcmel lie\u00dfen es unordentlich erscheinen. Herr Gravenhorst, von dessen Butterbrot die Erdbeermarmelade heruntergetropft war, sa\u00df beim Fr\u00fchst\u00fcck und las die Zeitung. Als einziger im Haus lie\u00df er sich diese noch in Papierform in den Briefkasten werfen.<\/p>\n<p>Konrad Gravenhorst war ein liebensw\u00fcrdiger pensionierter Mathematiklehrer, der ehrenamtlich Nachhilfeunterricht f\u00fcr bed\u00fcrftige Kinder erteilte. In einem Vorort von Kiel, in Gaarden, war er seit Jahrzehnten fest verwurzelt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Postleitzahl von Gaarden 24012 lautet. Konrad Gravenhorst befand sich seit Monaten in trotzigem Widerstand gegen seine Vergesslichkeit. Er k\u00e4mpfte mit Zahlen dagegen an. Zahlen waren ihm vertraut, er konnte damit souver\u00e4n jonglieren, summieren, k\u00fcrzen, die Wurzel ziehen. Aus 2-4 und 1-2 bildete er Ketten von Merkzahlen, alle aus der Gaardener Postleitzahl. Und er war an einem 12. Juni geboren. 12 verdoppelt ergibt 24. Seine PIN f\u00fcr Girokonto und Handy lautet 1224. Wenn er sein geparktes Auto suchte, dann achtete er auf die Nummernschilder. Sein verbeulter silbergrauer Golf trug das Schild KI-RC-2412.<\/p>\n<p>Herr Gravenhorst k\u00e4mpfte mit den Waffen der Mathematik freundlich-t\u00fcdelig gegen seine Vergesslichkeit. Mit wenigen arithmetischen Regeln konnte er seine Passw\u00f6rter herleiten. Warnungen vor allzu einfachen PIN-Nummern und Passw\u00f6rtern \u00fcbersah er. F\u00fcr den alten Herrn galt: Im Leben ist alles Mathematik. Zahlen schlie\u00dfen T\u00fcren und Konten auf.<\/p>\n<p>Lange klappte das sehr gut. Aber in einem besonders kalten Dezember waren nach einer besonders fr\u00f6hlichen Weihnachtsfeier nicht nur die PIN-Zahlen, sondern auch ihre Herleitung aus seinem Ged\u00e4chtnis verschwunden. Der einfache Rechenweg der PIN-Zahlen ging nicht mehr auf. In dem alten Herrn breitete sich langsam Verzweiflung aus. Er begann, wieder mit Bargeld zu bezahlen. Aber die Enkel hatten in sch\u00f6n verzierten Briefen Geschenkw\u00fcnsche notiert, und daf\u00fcr reichten drei Zwanzig-Euro-Scheine nicht. Wegen der fehlenden PIN konnte er nicht mehr mit dem Handy telefonieren, als die Gesichtserkennung pl\u00f6tzlich ausgefallen war. Es war, als ob er aus seinem Alltag herausfallen w\u00fcrde. Er war angez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Beim Gang in die Einkaufsstra\u00dfe sah er ein Werbeplakat: \u201eAm 24.12. erf\u00fcllen sich Ihre Tr\u00e4ume!\u201c Das l\u00f6ste keine Erinnerung in ihm aus. Ebenso nicht das t\u00e4gliche \u00d6ffnen eines T\u00fcrchens im Adventskalender, den eine seiner T\u00f6chter ihm gebastelt hatte. Herr Gravenhorst stellte mit Erschrecken fest, dass er nun ein gravierendes Problem hatte. Er sah sich schon im Pflegeheim, der Mathelehrer als greiser Hochstapler entlarvt. Er sank in sich zusammen und sch\u00e4mte sich. Niemandem gegen\u00fcber wollte er sich etwas anmerken lassen.<\/p>\n<p>M\u00fcde f\u00fcllte er zuhause die Kaffeemaschine mit Wasser und z\u00fcndete eine Kerze an, um sich zu erleuchten. Er a\u00df zwei St\u00fccke Lebkuchen und maltr\u00e4tierte dabei sein Ged\u00e4chtnis. Kein Passwort. Keine PIN. Nichts. Er holte die Weihnachtspost seiner fr\u00fcheren Kollegen aus dem Briefkasten, adressiert an Konrad Gravenhorst, Norddeutsche Stra\u00dfe, 24012 Kiel. Aber selbst dieser Wink, fr\u00fcher der K\u00f6nigsweg in seine Erinnerung, l\u00f6ste nichts mehr aus im Kopf.<\/p>\n<p>Am vierten Advent ging er in die Kirche und besuchte den Gottesdienst. Ein Kinderchor sang: Wir sagen euch an, den ersten, zweiten, dritten, vierten Advent. Die erste, zweite, dritte, vierte Kerze brennt. In Gedanken spielte er ratlos mit den Zahlenreihen, obwohl ihn in der kalten Kirche die ganze Zeit fr\u00f6stelte. Ein Kirchen\u00e4ltester sagte bei den Abk\u00fcndigungen: Am Heiligen Abend, am 24.12. finden drei Gottesdienste statt: Kindergottesdienst, Christvesper und Christmette.<\/p>\n<p>Er seufzte und zog die Schultern hoch. Er fragte sich, ob Gott ihn auch vergessen w\u00fcrde, wie er seine Zahlen vergessen hatte. Das schmerzte ihn. Er schwieg. Aber vielleicht waren Lied und Abk\u00fcndigung doch ein Hinweis. Herr Gravenhorst beeilte sich, nach Hause zu kommen und es ein letztes Mal zu probieren. Vielleicht klappte es.<\/p>\n<p>Er tippte in sein Handy 2412 ein. Nichts.<\/p>\n<p>Dann versuchte er es mit 12-34 wegen des Lieds. Auch nichts.<\/p>\n<p>Er lie\u00df das Handy liegen und probierte es nach dem Mittagessen ein zweites Mal mit den gleichen Zahlen. Immer w\u00fctender wiederholte er die Ziffern, bis er sich einmal vertippte: 1224 statt 2412. Ihn \u00fcberkam ein warmes Gef\u00fchl. Die richtige Nummer war ihm durch den \u00c4rger hindurch zugefallen. Er war gl\u00fccklich. Am n\u00e4chsten Tag zog er los und ging Geschenke kaufen.<\/p>\n<p>Am Heiligen Abend erz\u00e4hlte er seinen T\u00f6chtern und Schwiegers\u00f6hnen kein Wort von seinen Zahlenproblemen. In Wahrheit hatte er es vergessen. Als die j\u00fcngste Enkelin vor der Bescherung die Weihnachtsgeschichte vorlas, fiel ihm zum ersten Mal ein Vers auf: &#8222;Maria aber behielt alle diese Worte in ihrem Herzen&#8220; (Lk 2,19). An den f\u00fcnfundsiebzig Heiligen Abenden davor hatte er diesen Vers nie beachtet. Jetzt leuchtete ihm dieser unscheinbare Satz mitten hinein in sein Gro\u00dfvaterleben. Denn er wusste sehr genau, dass die L\u00f6cher des Vergessens bald zunehmen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Nachmittag, als die \u00fcbrige Familie beim Weihnachtsspaziergang unterwegs war, klopfte er an der T\u00fcr seines Enkels. Der installierte ihm einen Passwortmanager \u2013 eine kleine Br\u00fccke in die Welt, die ihm langsam entglitt. Danach setzte er sich vor den glitzernden Tannenbaum. Das Handy lag vergessen neben ihm und in der Stille sp\u00fcrte er eine w\u00e4rmende Gewissheit des Herzens. Alles, was heute z\u00e4hlte, schimmerte im Kerzenlicht.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele<br \/>\nKarlsruhe<br \/>\nwolfgangvoegele1@googlemail.com<\/p>\n<p>Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er schreibt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog \u201eGlauben und Verstehen\u201c (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, M\u00fcnster 2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eins-Zwei-Drei-Vier | Christnacht | 24.12.2025 | Lk 2,19 | Wolfgang V\u00f6gele | Eine Weihnachtsgeschichte Auf der wei\u00dfen Tischdecke machte sich ein Fleck von Erdbeermarmelade breit. Das Esszimmer war gro\u00dfz\u00fcgig und hell gestaltet, doch verstreute alte Zeitungen und Kr\u00fcmel lie\u00dfen es unordentlich erscheinen. 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