{"id":25767,"date":"2025-12-20T15:44:16","date_gmt":"2025-12-20T14:44:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25767"},"modified":"2025-12-20T15:44:16","modified_gmt":"2025-12-20T14:44:16","slug":"komm-in-unsre-stolze-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/komm-in-unsre-stolze-welt\/","title":{"rendered":"Komm in unsre stolze Welt"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Predigt am 2.\u00a0 Weihnachtstag | 26. Dezember 2025 | in der Kirche St. Johannes in Goslar Ohlhof \u00fcber das Lied | \u201eKomm in unsre stolze Welt\u201c von Hans von Lehndorff (1968) | Johannes L\u00e4hnemann<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Predigt gebe ich eine Melodie mit, die ich als Alternative zu der Melodie von Manfred Schlenker im Evangelischen Gesangbuch (EG 428) komponiert habe. Der Begleitsatz dazu eignet sich sowohl zur Orgelbegleitung als auch f\u00fcr einen Posaunenchor, wie er aktuell am 26.12.2025 Goslar Ohlhof dabei sein wird.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eKomm in unsre stolze Welt\u201c<\/em>. So beginnt das Lied, das wir eben gesungen haben. \u201eWeihnachtsw\u00fcnsche\u201c hat Hans von Lehndorff es \u00fcberschrieben, und so k\u00f6nnen wir es auch an diesem Weihnachtsfesttag lesen, singen und musizieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00e4re es, wenn Jesus tats\u00e4chlich k\u00e4me? Was w\u00fcrde er sehen, wor\u00fcber staunen, wor\u00fcber erschrecken, wor\u00fcber traurig sein? Und: Was w\u00fcrde er uns bringen? Wie w\u00fcrde er sich einmischen? Wo w\u00fcrde er protestieren? Wo w\u00fcrde er Mut machen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hans Graf von Lehndorff, der Dichter unseres Liedtextes, hat sich umgesehen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie sieht denn die Welt heute aus? Wodurch ist sie gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lehndorff geht diesem Gedanken nach, in jeder der 5 Strophen unseres Liedes kommt eine besondere Sicht auf die gegenw\u00e4rtige Welt zur Geltung. Er sieht eine stolze Welt \u2013 Vers 1, er sieht ein reiches Land \u2013 Vers 2, er sieht eine laute Stadt \u2013 Vers 3, er sieht feste H\u00e4user \u2013 Vers 4 und \u2013 er sieht dunkle Herzen \u2013 Vers 5. Dabei redet er nicht von der Welt allgemein, sondern es ist <em>unsre Welt<\/em>, auf die er blickt: unsre stolze Welt, unser reiches Land, unsre laute Stadt, unser festes Haus, unser dunkles Herz. Er redet nicht aus der Distanz \u00fcber diese Welt, sondern er beschreibt sie so, wie er sie erf\u00e4hrt und wie wir sie erfahren k\u00f6nnen. Und damit nimmt er jeden von uns in sein Gedicht mit hinein. Es entsteht ein Lied, das eine vielf\u00e4ltige Bitte ist, man kann auch sagen ein Gebet. Es ist der gro\u00dfe Wunsch, dass unser Herr, dass Jesus Christus mit seinem Geist, mit seinem Wirken, mit dem er Gottes Liebe selbst gelebt hat, zu uns kommt, dass er bei uns bleibt und uns und unsre Welt wandelt und ver\u00e4ndert. F\u00fcnf gewichtige Weihnachtsw\u00fcnsche! Dabei gebraucht Lehndorff unkonventionelle Bilder, unerwartete Wendungen, die wir so in alten Kirchenliedern kaum finden w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das beginnt gleich in der ersten Strophe:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcberwinde Macht und Geld, lass die V\u00f6lker nicht verderben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte ja denken, diese Worte w\u00e4ren nicht in den Jahren 1967 und 1968 niedergeschrieben worden, in den Jahren also, in denen die Studenten gegen Autorit\u00e4ten und Machtstrukturen rebellierten und in denen der Kalte Krieg mit den Atombedrohungen virulent war, sondern in den letzten Jahren, seit der Fl\u00fcchtlingswelle 2015, dem unheilvollen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, Hamas-Terror und Siedler-Terror im Heiligen Land, Trumps Absage an Umweltschutz und Entwicklungsf\u00f6rderung, der neuen Zunahme von Nationalismus und Populismus auch in unseren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Erneut ist gr\u00fcndlich entlarvt worden, was eine stolze Welt ist, eine Welt, in der mit Macht und Geld skrupellos umgegangen wird, in der eigener Profit \u00fcber verantwortliches Wirtschaften und Zukunftshandeln gestellt wird und eine Welt geschaffen wird, in der Reich und Arm immer mehr auseinanderklaffen, in der Hass und Feindessinn gedeihen k\u00f6nnen und in der dem be\u00e4ngstigenden Klimawandel nicht wirklich energisch entgegen gearbeitet wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Angesicht dessen bittet Hans Lehndorff, dass Gott mit seiner Liebe Werben in unsre Welt kommt. Ein ungew\u00f6hnlicher Gedanke: Gottes Liebe wirbt um uns, um unsre Welt! Wie kommt Lehndorff auf dieses Bild? Ich denke, er kann damit an Jesus selbst erinnern: In dem, wie Jesus Gott den Menschen nahebringt, spielt das Werben eine gro\u00dfe Rolle. Jesus sagt nicht nur: \u201eLiebet eure Feinde\u201c, sondern mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter wirbt er um das Verst\u00e4ndnis des Schriftgelehrten, der im Samariter traditionell den Glaubensfeind selbst gesehen hat. \u2013 Nur da, wo unbeirrt mit der Liebe geworben wird, kann das Verderben ganzer V\u00f6lker \u00fcberwunden werden. Graf Lehndorff wei\u00df, wovon er spricht, wenn er bittet: \u201eLass die V\u00f6lker nicht verderben\u201c. Er hat den Untergang der ganzen ostpreu\u00dfischen Kulturwelt am Ende des 2. Weltkrieges und in den Jahren danach miterleben m\u00fcssen und in seinem \u201eOstpreu\u00dfischen Tagebuch\u201c unvergesslich festgehalten. Aber er ist dar\u00fcber nicht verbittert geworden. Er geh\u00f6rte nicht nur in der Bekennenden Kirche zum Widerstandskreis gegen Hitler, sondern er hat sich wie auch andere ostpreu\u00dfische Adelsfamilien dem Vers\u00f6hnungsprozess mit den V\u00f6lkern des Ostens gewidmet. Ein wichtiges Werbedokument f\u00fcr diesen Prozess ist f\u00fcr mich die Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland gewesen, in der Deutschlands Schuld benannt und um Vers\u00f6hnung gebeten wurde, ein Dokument, das unserer Politik \u00fcberhaupt erst die T\u00fcren ge\u00f6ffnet hat, \u00fcber das angetane Unrecht hinweg Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung anzubahnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der 2. Strophe unseres Liedes wendet sich Lehndorff der deutschen Realit\u00e4t zu, wie er sie erlebt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Komm in unser reiches Land, der du Arme liebst und Schwache,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass von Geiz und Unverstand unser Menschenherz erwache.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Schaff aus unserm \u00dcberfluss Rettung dem, der hungern muss.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich fragen: Ist unser Land wirklich reich, wenn in ihm die Kinderarmut zunimmt, wenn in der Bildungsentwicklung immer noch die Kinder aus sozial schwierigen Verh\u00e4ltnissen herausfallen, wenn Obdachlosigkeit und \u00dcberschuldung von Haushalten zunehmen, wenn Millionen Fl\u00fcchtlinge zus\u00e4tzlich versorgt werden m\u00fcssen. Auf der anderen Seite hat es noch nie in der Geschichte in unserm Land so viel an Privatverm\u00f6gen gegeben wie gegenw\u00e4rtig, und wir d\u00fcrfen auch die soziale Verantwortung, die viele Verm\u00f6gende wahrnehmen, nicht schlecht reden. Aber Geiz und Unverstand sind zwei Untugenden, die sich immer wieder in unseren Herzen einnisten. Lehndorff bittet darum, dass unser Herz sich zum Gegenteil erwecken l\u00e4sst: zu Freigebigkeit und Fantasie. Freigebigkeit allein reicht allerdings nicht, unsere denkerische Fantasie ist ebenso gefragt: Wie helfen wir so, dass bei den Bed\u00fcrftigen nicht Abh\u00e4ngigkeit entsteht, dass sie in die Lage kommen und lernen, aktiv an der Verbesserung ihrer Situation beteiligt zu sein?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dabei muss unser \u00dcberfluss nicht allein der materielle \u00dcberfluss sein. Es kann auch die Zeit und die Kraft sein, die wir f\u00fcr andere einsetzen \u2013 so wie Jesus sich an die Seite der Gebrechlichen, Kranken und Schwachen begeben hat \u2013 an die Seite derer, die unter Lebensdurst und Lebenshunger leiden. Graf Lehndorff hat nach seiner langen T\u00e4tigkeit als Chefarzt noch viele Jahre als Krankenhausseelsorger gewirkt. In einer Ansprache zum Reformationsfest 1978 hat er dazu eine bewegende Erfahrung berichtet. Er erz\u00e4hlt, wie das Gespr\u00e4ch bei einem jungen Familienvater, der sich \u00fcber den Verlauf seiner schweren Krebserkrankung keine Illusionen macht, im Zeichen des Haderns mit Gott steht. Lehndorff beschreibt die Situation: \u201eLauter Fragen, auf die ich ihm keine Antwort geben konnte. Nachdem er sich seine Anklagen von der Seele geredet hatte und etwas ruhiger geworden war, fragte ich ihn, ob ich ein Gebet f\u00fcr ihn sprechen d\u00fcrfte. Zu meiner \u00dcberraschung nickte er zustimmend und ich sprach ein paar S\u00e4tze, die infolge meiner eigenen tiefen Betroffenheit von der Schwere dieses Schicksals sicher kein vorbildliches Gebet darstellten. Als ich den jungen Mann das n\u00e4chste Mal besuchte, sagte er: \u201aWollen Sie wieder mit mir beten?\u2018 Ich antwortete, ich t\u00e4te es gern, wenn er mit meinem Gestammel zufrieden w\u00e4re. Da erwiderte er: \u201aJa, das Stammeln, das ist es gerade, was mir hilft.\u2018\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/DBDB7E00-2361-4250-A9B2-A6CA23C7805A#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Rettung dem, der hungern muss: Ich denke, auch dieses bei dem Kranken sein ist daf\u00fcr ein Beispiel, wenn wir mit unserem \u00dcberfluss \u2013 der auch ein \u00dcberfluss an Fantasie, an zeitlichem Einsatz, an klugem Mit-Bedenken sein kann \u2013 anderen zur Seite stehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der dritten Strophe wendet sich Lehndorff der Frage zu, woher uns Kraft zukommen kann, angesichts gro\u00dfer menschlicher N\u00f6te nicht zu verzweifeln:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Komm in unsre laute Stadt, Herr, mit deines Schweigens Mitte, <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass, wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 f\u00fcr den Weg durch L\u00e4rm und Streit hin zu deiner Ewigkeit.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was meint Lehndorff damit, wenn er von des \u201eSchweigens Mitte\u201c spricht? Ich denke, er meint damit die Kraft, die aus der Stille kommen kann. Die Evangelien berichten uns davon, wie Jesus immer wieder auch die Stille aufgesucht hat: beim Fasten in der W\u00fcste, im R\u00fcckzug zum Gebet und schlie\u00dflich im Garten Gethsemane, wo er darum bittet, dass der Leidenskelch an ihm vor\u00fcbergeht. Und sie berichten, wie er gest\u00e4rkt aus diesen Stille-Zeiten hervorgeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als wir mit unserer Familie in unseren N\u00fcrnberger Jahren oft vom umtriebigen Bahnhofsvorplatz aus durch die gesch\u00e4ftige K\u00f6nigstra\u00dfe in die Stadtmitte gingen, versuchten wir, wenigstens 5 Minuten in der Kirche St. Lorenz mit ihren wunderbaren geistlichen Kunstwerken einzukehren. Es sind immer einige Menschen da, die in Stille im Gebet versunken sind. Im Angesicht des Engelsgru\u00dfes, in dem Maria den Worten Gabriels lauscht, und der ber\u00fchmten Rosette, die das himmlische Jerusalem symbolisiert, waren wir dann verbunden mit den lieben Menschen, die uns in Gottes Welt vorausgegangen sind, und nahmen etwas von der Kraft der Stille mit f\u00fcr den L\u00e4rm, der uns drau\u00dfen wieder erwartete. Ich denke, in den Kirchen unserer St\u00e4dte \u2013 und dabei habe ich nicht zuletzt die wunderbaren alten Kirchen in Goslar vor Augen, aber auch die neuen Kirchen wie diese St. Johannes-Kirche in Ohlhof \u2013 ist es \u00e4hnlich, dass sie zu solcher Sammlung, zu solchem Aufatmen einladen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Lehndorff dann in dieser Strophe von dem Weg zu Gottes Ewigkeit hin spricht, dann ist das f\u00fcr ihn keine Vertr\u00f6stung auf ein Jenseits, sondern ein Glaubensgut, das uns f\u00fcr die Gegenwart st\u00e4rkt. In einem Brief an einen Freund schrieb er einmal: \u201eWirklicher Glaube hat nichts mit menschlicher Vermutung zu tun. Er ist vielmehr ein Ergriffensein von der Gewissheit, dass Gott Mensch geworden und uns nahegekommen ist; dass er die Macht des Todes gebrochen und damit den Weg freigemacht hat zu einem neuen Leben, einem Leben, das nicht erst nach dem Tode beginnt, sondern schon jetzt aktuell ist f\u00fcr jeden, der es in Anspruch nimmt.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die n\u00e4chste Strophe war die Lieblingsstrophe meiner verstorbenen ersten Frau Susanne, wohl auch deshalb, weil sie in ihr eine gute Begr\u00fcndung f\u00fcr ihre \u00fcberaus gro\u00dfe Gastlichkeit fand:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 denn wer sicher wohnt, vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei dieser Strophe verstehen wir gut, warum Lehndorff sein Gedicht urspr\u00fcnglich unter den Titel gestellt hat \u201eWestdeutsche Weihnachtsw\u00fcnsche\u201c, auch wenn es jetzt nicht unter den Weihnachtsliedern in unserem Gesangbuch steht. Es erinnert ja an die Geburt Jesu, an das \u00e4rmliche zur Welt kommen fern des Wohnortes der Eltern. Es erinnert aber auch daran, wie Jesus sp\u00e4ter den Mann, der ihm nachfolgen will, mit den Worten warnt: \u201eDie F\u00fcchse haben Gruben und die V\u00f6gel unter dem Himmel haben Nester. Aber der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.\u201c Der Ort Jesu war nicht ein abgeschirmter Palast, sondern die ungesicherte Existenz eines Wanderpredigers; aber eben so begegnet er auch den Auss\u00e4tzigen, die drau\u00dfen leben m\u00fcssen, ausgesto\u00dfen, den Blinden am Stra\u00dfenrand, den verfemten Z\u00f6llnern, eben den Menschen, die ihn brauchen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lehndorff verwendet hier das einpr\u00e4gsame Bild von einem leichten Zelt, zu dem unser festes Haus werden soll. Das muss nicht unbedingt im w\u00f6rtlichen Sinne verstanden werden, soll aber eine Herausforderung f\u00fcr uns sein. Sind unsere H\u00e4user nicht manchmal wie Festungen, sicher oft aus nicht unberechtigter Sicherheitssorge, und deshalb mit einer Klingel ohne Namensschild, vielleicht auch der Warnung von dem Hund und einer Alarmanlage versehen. Sicher gibt es Gr\u00fcnde, sich so abzuschirmen und ungebetene Besucher fern zu halten. Aber wie anders ist das Haus, an dessen T\u00fcr sich die ganze Familie mit selbst get\u00f6pferten Namensschildern vorstellt, wo ein einladender Klingellaut ert\u00f6nt und bald darauf sich die T\u00fcr \u00f6ffnet, begleitet von munteren Kinderstimmen! Unsere Strophe l\u00e4dt freilich nicht nur dazu ein, offene H\u00e4user zu haben, sondern dar\u00fcber hinaus, nicht stehen zu bleiben, sich nicht einzuigeln, Neues zu wagen und sich auf den Weg zu machen, so wie Gott es schon mit Abraham unternommen hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die letzte Strophe schlie\u00dflich spricht eine gro\u00dfe Bitte ganz pers\u00f6nlich aus:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes F\u00fclle,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verh\u00fclle,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Kommen Jesu brauchen wir dann am dringendsten, wenn wir ein dunkles Herz haben. Dunkel ist unser Herz, wenn wir von Schwerem bedr\u00fcckt sind, wenn wir in unseren Gedanken nur noch um uns selbst und um unsere Probleme kreisen. Graf Lehndorff ist das t\u00e4glich begegnet, nicht nur in den schweren Monaten nach dem 2. Weltkrieg in Ostpreu\u00dfen, sondern auch an den Krankenbetten, an denen er den Menschen zuh\u00f6rte. Das Licht, um dessen F\u00fclle er bittet, ist nicht das Licht einer Gala-Show, mit der uns das Fernsehen begl\u00fccken will. Es ist das Licht, das in der Finsternis und in die Finsternis hinein scheint \u2013 sowohl das Licht, das die Engel den Hirten in der Weihnachtsnacht auf dem Feld bringen, als auch das gro\u00dfe Licht, das am Ostermorgen aufleuchtet, nach der dunklen Nacht des Todes Jesu am Kreuz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein besonderes Symbol daf\u00fcr, wie das Licht, das von der Krippe ausgeht, auch in schwere Zeiten und in bedr\u00e4ngte Orte hinein leuchten kann, ist das Friedenslicht aus Bethlehem.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">1986 ist es erstmals auf eine Initiative aus Ober\u00f6sterreich hin von einem Kind in der Geburtsgrotte in Bethlehem entz\u00fcndet, zum Flughafen in Tel Aviv gebracht, mit Austrian Airlines nach Wien geflogen und von dort in alle Himmelsrichtungen weiter verschickt worden: zu Politikern ebenso wie zu Gemeinden in Stadt und Land, zu Menschen im Gef\u00e4ngnis, in Krankenh\u00e4usern und Fl\u00fcchtlingslagern. In Deutschland \u00fcbernehmen es die Pfadfinder, und so haben wir es im Gottesdienst am 3. Advent in unserer Frankenberger Kirche \u00fcberreicht bekommen \u2013 und sogar heil nach Hause getragen. Allen Menschen soll es leuchten und helfen, die Hoffnung auf Heil, Hilfe und Frieden nicht aufzugeben und jeden und jede von uns stark machen, jedem nach seinen M\u00f6glichkeiten, Friedensstifter zu werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Blicken wir auf das ganze Lied von Hans von Lehndorff zur\u00fcck, so k\u00f6nnen wir es zusammenfassen in der Bitte, dass unsre stolze Welt, unser reiches Land, unsre laute Stadt, unser festes Haus und unser dunkles Herz durch Gottes Lichterf\u00fclle, die uns in Jesus aufstrahlt, immer wieder getroffen, gewandelt und frei werden kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes.laehnemann@\">johannes.laehnemann@<\/a>gmail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP) und Leiter der Arbeitsgruppe Interreligi\u00f6se Bildung-Friedensp\u00e4dagogik bei <em>Religionen f\u00fcr den Frieden Deutschland.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017. Die Predigt wird in der Kirche St. Johannes in dem Goslarer Stadtteil Ohlhof gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: EG 45: Herbei, o ihr Gl\u00e4ubigen; EG 428: Komm in unsre stolze Welt; EG 172 (Kanon): Sende dein Licht und deine Wahrheit; EG 44: O du fr\u00f6hliche<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/DBDB7E00-2361-4250-A9B2-A6CA23C7805A#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nach Johannes L\u00e4hnemann, Ursula \u00a0Hahlbohm: Jesus Christus. Ein Studienbuch. Frankfurt (Diesterweg) 1980, S. 177.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt am 2.\u00a0 Weihnachtstag | 26. Dezember 2025 | in der Kirche St. Johannes in Goslar Ohlhof \u00fcber das Lied | \u201eKomm in unsre stolze Welt\u201c von Hans von Lehndorff (1968) | Johannes L\u00e4hnemann Der Predigt gebe ich eine Melodie mit, die ich als Alternative zu der Melodie von Manfred Schlenker im Evangelischen Gesangbuch (EG [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":25764,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,157,853,544,114,225,1108,109,1116],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-25767","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-beitragende","category-bibel","category-christfest-ii","category-deut","category-johannes-laehnemann","category-liedpredigten","category-predigten","category-predigtformen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25767","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25767"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25767\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25768,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25767\/revisions\/25768"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25767"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=25767"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=25767"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=25767"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=25767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}