{"id":25769,"date":"2025-12-20T15:05:59","date_gmt":"2025-12-20T14:05:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25769"},"modified":"2025-12-20T17:59:43","modified_gmt":"2025-12-20T16:59:43","slug":"25769-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/25769-2\/","title":{"rendered":"Titus 3,4-7"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eNimm an des Christus Freundlichkeit\u201c (EG 56,4) | Christfest I | 25.12.25 | Tit 3,4-7 | Martina Jan\u00dfen<\/h3>\n<p>Ich hatte nicht damit gerechnet. Weihnachten 1976 hatte ich nicht mit Geschenken gerechnet. F\u00fcnf Jahre war ich damals alt. Ich habe an den Weihnachtsmann geglaubt \u2013 und an seine Bedingungen. \u201eWenn du nicht brav bist, kommt der Weihnachtsmann nicht.\u201c Ich bin in jenem Jahr nicht brav gewesen und ich wusste das irgendwie auch ganz genau. Meine Mutter hatte in diesem Jahr viel mit mir geschimpft und wohl oft auch einen Grund gehabt. \u201eWarst du denn auch immer brav in diesem Jahr?\u201c Nein. Beim Nikolaus bin ich nochmal davongekommen. Mein Stiefel war wie immer gef\u00fcllt. Aber Nikolaus war ja auch nicht so schlau und so gro\u00df wie der Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann \u2013 so glaubte ich damals \u2013 \u00fcbersieht nichts und darum gibt es auch nichts in diesem Jahr. Oder nicht viel. Als das Weihnachtszimmer Heiligabend offenstand, habe ich vorsichtig hineingeschaut: Was wird da unter dem Tannenbaum liegen? Viel Hoffnung hatte ich nicht. Doch siehe da: Es lagen Pakete unter dem Weihnachtsbaum, bunt und glitzernd und verhei\u00dfungsvoll. Als ich das L\u00e4cheln meiner Eltern bemerkte, war mir instinktiv klar: Da ist auch was f\u00fcr mich dabei \u2013 unerwartet, unverhofft, unverdient. Ich sp\u00fcre noch heute die kleinen Freudenschauer, die mir \u00fcber den R\u00fccken prickelten. Gedanklich habe ich das damals wohl nicht zusammenbekommen: Nicht brav gewesen zu sein und trotzdem eine reiche Bescherung zu erleben. Ich habe das auch gar nicht zu ergr\u00fcnden versucht. Denn die Freude \u00fcber die Lichter, die Liebe und die liebevollen Geschenke war das einzige, was ich in meinem Herzen f\u00fchlte, das vorher doch so verzagt und \u00e4ngstlich war. Obwohl ich damals noch etwa f\u00fcnf Monate lang an den Weihnachtsmann geglaubt hatte, habe ich schon seit diesem Heiligabend nicht mehr an seine Bedingungen geglaubt. \u201eWenn du nicht brav bist, kommt der Weihnachtsmann nicht.\u201c Das stimmte einfach nicht. Heute w\u00fcrde ich das so beschreiben. Dieses Weihnachtsfest war das Fest, an dem ich gesp\u00fcrt habe: Liebe ist gr\u00f6\u00dfer als die Logik eines Tun-Ergehen-Zusammenhangs, in dem alles aufgerechnet und verrechnet wird. Liebe ist anders. Dass ich geliebt werde, h\u00e4ngt nicht von meinem Lieb-Sein ab. Vielleicht war das im Nachhinein mein wertvollstes Geschenk und mein sch\u00f6nstes Weihnachtsfest, weil ich das Wunder von Weihnachten entdeckt und sein offenes Geheimnis gel\u00fcftet habe: Wirkliche Liebe ist barmherzig und bedingungslos.<\/p>\n<p>Lesung Tit 3,4-7<\/p>\n<p><em>Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig \u2013 nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan h\u00e4tten, sondern nach seiner Barmherzigkeit \u2013 durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er \u00fcber uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.<\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein menschenfreundlicher Gott! Er kommt in unsere Welt als kleines Kind mit gro\u00dfer Wirkung. Als Liebe, die flie\u00dft, die mitten hinein in mein Leben flie\u00dft, die alles wegsp\u00fclt, was mich von mir, von den anderen und von Gott trennt. Der menschenfreundliche Gott, der liebende Retter: Er kommt als Liebe, die reinigt, die erneuert und tr\u00f6stet, wie ein warmes Bad, das einen reingewaschen und wie neugeboren aus der Wanne steigen l\u00e4sst. Seine Gnade gie\u00dft er aus wie kostbares \u00d6l, das heilt und kr\u00e4ftigt, das sanft die Seele salbt, ausgegossen im \u00dcberfluss und eine Schar von Freudenschauern tanzen einem \u00fcber den R\u00fccken und man sp\u00fcrt: Das Leben wird neu und Hoffnung w\u00e4chst himmelw\u00e4rts, flie\u00dft durch Mark und Bein, w\u00e4chst \u00fcber sich hinaus und w\u00e4chst in jeden Tag und jede Nacht hinein.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein menschenfreundlicher Gott! Wie reich er uns beschenkt! Nicht weil wir lieb waren, sondern weil er uns liebt. Denn verdient ist das nicht. Gottes Liebe kommt unserem Lieb-Sein immer zuvor. \u201eDenn auch wir waren\u00a0fr\u00fcher unverst\u00e4ndig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gel\u00fcsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander\u201c (Tit 3,3). Zu solchen wie uns kommt er. Zu uns schwachen und verzagten Menschen kommt er; zu uns, die wir nicht immer alles richtig und manchmal sogar alles falsch machen. Und doch vergisst er uns nicht, gibt uns nicht auf, gibt uns nicht verloren. Das ist die Logik der Liebe. \u201eNicht die Starken bed\u00fcrfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern S\u00fcnder\u201c (Mk 2,17). Dadurch wird alles neu: Das Kaputte wird heil, das Schmutzige wird sauber, die Finsternis wird licht, das Verdorrte erbl\u00fcht zu Leben. Das ist das Weihnachtswunder. Unsere Lieder singen davon. Davon, wie \u201eGott in tiefster Nacht erschien\u201c (EG 56) und mit ihm die Traurigkeit schwindet und ein neuer Morgen naht. Davon, wie Maria durch einen Dornenwald geht und der sich in ein Bl\u00fctenmeer verwandelt: \u201eAls das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen.\u201c(\u201eMaria durch ein Dornwald ging\u201c, GL 224,3). Davon, wie das kleine Kind aus der himmlischen Weite in unseren dunkelsten Ecken Wohnung genommen hat: \u201eSei mir willkommen, edler Gast! \/ Den S\u00fcnder nicht verschm\u00e4het hast. \/ Und kommst ins Elend her zu mir. \/ Wie soll ich immer danken dir?\u201c (\u201eVom Himmel hoch, da komm ich her\u201c, EG 24, 8). Die, die so vieles schlecht machen, erfahren Gottes G\u00fcte, werden selbst f\u00e4hig, Gutes zu tun. Denn Liebe ver\u00e4ndert uns, flie\u00dft ins uns, durch uns, aus uns heraus, von Mensch zu Mensch, von Hand zu Hand, von Herz zu Herz. \u201eWo Gottes gro\u00dfe Liebe in einen Menschen f\u00e4llt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in uns\u2019re Welt\u201c (EG 603, Liedanhang Niedersachsen\/Bremen).<\/p>\n<p>Es ist Advent. Kurz vor Weihnachten. Eine alte Dame sitzt bei mir im Amtszimmer. Fast zehn Jahre ist das her; damals war ich Pastorin in einem kleinen Dorf. Auf ihren Knien liegt ein gro\u00dfes Paket mit Lebensmitteln, das ich weitergeben soll. Sie hat das f\u00fcr die jungen M\u00e4nner aus Syrien gepackt, die in einen Container bei uns auf dem Sch\u00fctzenplatz eingezogen sind. Wie vielen im Dorf sind ihr die Fl\u00fcchtlinge suspekt. Das Fremde macht ihr Angst. Direkt dahingehen m\u00f6chte sie nicht. Aber trotzdem helfen. Gerade jetzt Weihnachten. \u201eIch komme aus Schlesien und war auch auf der Flucht. Obwohl wir Deutsche waren, waren wir hier nicht wirklich willkommen. Aber an einem Heiligabend ist etwas Wunderbarbares geschehen. Meine Mutter und ich wurden von freundlichen Menschen eingeladen, einfach so, v\u00f6llig unerwartet und unverhofft. Die Menschen hatten etwas Gutes gekocht und gute Worte gesagt. Auf dem Nachhauseweg habe ich an der Hand meiner Mutter seit langem wieder getanzt, gejubelt und gelacht. Das war eines meiner sch\u00f6nsten Weihnachtsfeste. Jener Abend hat mir das Gef\u00fchl gegeben: Du bist etwas wert, auch wenn du alles und sogar dich selbst verloren hast. Das m\u00f6chte ich weitergeben.\u201c Mich hat die Geschichte der alten Dame anger\u00fchrt. Wenn schon das Geschenk menschlicher Liebe so rettend, pr\u00e4gend und ansteckend sein kann, um wie viel mehr Gottes Liebe? Ein ist ein offenes Geheimnis: Wer Liebe erfahren hat, kann selbst lieben, denn Liebe ber\u00fchrt, bewegt und bef\u00e4higt zu guten Werken (Tit 3,1.8). \u201eNimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit.\u201c (EG 56,4)<\/p>\n<p><em>Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig. <\/em>Und seitdem das so ist, ist neues Leben m\u00f6glich, immer wieder leuchtet seine Menschenfreundlichkeit auf, alle Jahre wieder, in jeder dunklen Nacht, in jedem Herzen, das Liebe gibt und Liebe empf\u00e4ngt. Denn \u201edie Geburt Jesu in Bethlehem ist keine einmalige Geschichte, sondern ein Geschenk, das ewig bleibt.\u201c (Martin Luther).<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>PD Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\nHildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Martina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNimm an des Christus Freundlichkeit\u201c (EG 56,4) | Christfest I | 25.12.25 | Tit 3,4-7 | Martina Jan\u00dfen Ich hatte nicht damit gerechnet. Weihnachten 1976 hatte ich nicht mit Geschenken gerechnet. F\u00fcnf Jahre war ich damals alt. 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