{"id":2577,"date":"2020-04-16T09:27:05","date_gmt":"2020-04-16T07:27:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2577"},"modified":"2020-04-16T09:27:05","modified_gmt":"2020-04-16T07:27:05","slug":"sie-kriegen-neue-kraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sie-kriegen-neue-kraft\/","title":{"rendered":"Sie kriegen neue Kraft"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber Jesaja 40,1-2,26-31 |\u00a0von Rolf Wischnath |<\/h3>\n<p><em>\u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist \u2026. Warum sprichst du denn, Jakob, und du Israel sagst: &#8222;Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vor\u00fcber&#8220;? Wei\u00dft du nicht? Hast du nicht geh\u00f6rt? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem M\u00fcden Kraft und St\u00e4rke genug dem Unverm\u00f6genden. M\u00e4nner werden m\u00fcde und matt, J\u00fcnglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht m\u00fcde werden\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Jesaja 40, 1, 27 &#8211; 31 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>I ERSCH\u00d6PFUNG<\/strong><\/p>\n<p>\u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott.\u201c Ach, ich w\u00fcrde jetzt gern tief durchatmen und zu einer Predigt ansetzen, die Sie alle wahrnehmen k\u00f6nnen wie einen Windsto\u00df dieses Trostes. Er sollte so \u00f6sterlich, so kr\u00e4ftig und aufmunternd sein: Alle Corona-Angst und M\u00fcdigkeit und aller Zweifel und alle Niedergeschlagenheit und alle Bangigkeit, die m\u00f6glicherweise auch Ihre Seele gefangen halten und sich wie Mehltau aufs Gem\u00fct legen kann, werden herausgeweht und weggeblasen. Es w\u00e4re dann meine heutige Predigt in ihrer Wirkung die beste Auslegung dieses Prophetenwortes, euch zu tr\u00f6sten und wieder und wieder zu tr\u00f6sten. Es w\u00fcrden dann eben im Nu die, \u201edie auf den Herrn harren\u201c, jetzt und hier neue Kraft kriegen, \u201edass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.\u201c<\/p>\n<p>Warum geht das nicht? Warum kann ich das nicht? Ich vermag das deswegen nicht, weil ich selber regelrecht ersch\u00f6pft bin \u2013 ersch\u00f6pft von der Gefahr dieses Virus\u2018, ersch\u00f6pft von den Niedergeschlagenheiten, die immer und immer wieder mit ihren dunklen Schatten ins Haus meiner Seele eindringen und sich von dort nicht einfach vertreiben lassen. D\u00fcrfen Prediger selber ersch\u00f6pft und depressiv sein? Sind sie dann noch diensttauglich? Sie d\u00fcrfen. Denn es wird ihnen selber und ihren Zuh\u00f6rern klar: Das biblische Wort ist nicht einfach so etwas wie ein Psychopharmakon, eine rosa Brille f\u00fcr die Seele, ein frommes \u201eVitasprint\u201c, geistliche Kraftreserve, die man sich wechselseitig zustecken kann, um sich wieder in Schwung zu bringen. Ein seelenaufhellendes Wort w\u00e4re das dann ja, verabreicht wie eine Pille gegen die Antriebslosigkeit: eine religi\u00f6se Durchhalteparole in einer Situation, in der uns die eigenen Kr\u00e4fte ausgegangen sind. In der Tat, so w\u00e4re auch heute das Prophetenwort missbr\u00e4uchlich verwendbar, ebenso wie schon immer mal in Situationen der eigenen Schw\u00e4che, in elender Zeit, der christliche Glaube insgesamt missbraucht worden ist: Gleich eines die Sinne bet\u00e4ubenden Opiats, wie Karl Marx es unterstellt hat.<\/p>\n<p>Die Bibel kann sich gegen ihren Missbrauch nicht wehren. Ja, biblische Worte sind missbr\u00e4uchlich verwendbar f\u00fcr religi\u00f6se Abwege: f\u00fcr sich fromm gebende Duseleien und Durchhalteparolen &#8211; eben immer dann angewandt, wenn wir Menschen mit unserer Kraft am Ende sind und auf h\u00f6here Gewalt glauben angewiesen zu sein. Niemand muss sich wundern, wenn dann der Faden trotzdem rei\u00dft, wenn die Droge nicht h\u00e4lt, was sie vorgaukelt. Wenn das religi\u00f6se Opiat verdampft ist und das Aufrichten aus der Kraftlosigkeit nicht gelingen will, uns vielmehr umso niedergeschlagener sein l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8222;Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft\u201c hei\u00dft es. Wirklich? Aber was soll ich all den Kraftlosen in diesen Zeitl\u00e4uften sagen: den Niedergeschlagenen und tief Deprimierten, den Ge\u00e4ngsteten und mit Schuld Beladenen, den Traurigen und Verzweifelten? Soll ich Ihnen sagen, dass das so einfach sei: \u201eVertraut auf Gott! Harret seiner, und dann kriegt ihr schon neue Kraft.\u201c Und wenn die Kraft ausbleibt? Nun, dann habt Ihr eben nicht genug vertraut und geharrt \u2013 auf Gott? Und dann m\u00fcsste ich diejenigen unter euch, denen es so ergeht (und mich mit ihnen) doch auffordern zu neuer religi\u00f6ser Kraftanstrengung: eben zu mehr Ins Auge fassen und Vertrauen &#8211; in den Herrn! Und es will nicht gelingen.<\/p>\n<p><strong>II HARREN <\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen zun\u00e4chst darauf achten, dass die gro\u00dfe Ermutigung des 40. Kapitels des Jesajabuches mit einer Aufforderung beginnt, f\u00fcr die keiner, der sie h\u00f6rt, selber einstehen muss: \u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist.\u201c Ich verstehe das als Christ so: Das Wort des Trostes ist das \u00f6sterliche Wort des auferstanden Jesus Christus. Und das \u00f6sterliche Wort beginnt mit einer Zusage, die unabh\u00e4ngig von unserer Ersch\u00f6pfung erklingt. Getr\u00f6stet sollen wir werden von Gott selber \u2013 dadurch, dass er \u2013 bevor wir es zu h\u00f6ren bekommen &#8211; eingegriffen hat in unser Leben. Er hat den Tod des Christus aufgehoben und darin auch unsere \u201eKnechtschaft unter der Macht des Todes\u201c beendet und unsere \u201eSchuld\u201c ist uns in dessen Kraft und in dieser Hinsicht vergeben. Wir sind \u201ein Christus\u201c freie Leute. Und wir d\u00fcrfen aus dieser Befreiung leben. Wie sollen wir das tun, aus der Freiheit leben? Dadurch, dass wir \u201cauf den Herrn harren &#8230;&#8230;&#8230;\u201c, wie es am Ende des vierzigsten Jesaja-Kapitels hei\u00dft.<\/p>\n<p>Luther hat an dieser Stelle mit \u201eharren\u201c ein altes deutsches Wort gebraucht, dessen Sinn uns etwas verloren gegangen ist: \u201eAber die auf den Herrn <em>harren<\/em> &#8230;&#8230;..\u201c Es geht beim \u201eHarren\u201c und \u201eAusharren\u201c um eine innere Gespanntheit, also nicht um ein \u201esich-h\u00e4ngen-lassen\u201c. &#8222;Harren&#8220; &#8211; d.h. durchaus nicht, sich kraftlos auf dem Sofa niederzulassen. Im Hebr\u00e4ischen bedeutet das Wort: &#8220; \u2026 wie ein Spinnennetz in gespannter Aufmerksamkeit ausgebreitet sein&#8220;. Noch einmal: \u201e\u2026 wie ein Spinnennetz in gespannter Aufmerksamkeit ausgebreitet sein&#8220;.<\/p>\n<p>Der Prophet Jesaja mutet seinen H\u00f6rern damit eine Anstrengung zu, f\u00fcr die die Kraft zu haben, damals wie heute durchaus nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Er selber &#8211; der gro\u00dfe Prophet &#8211; musste die Dem\u00fctigung seines Volkes teilen, das 600 Jahre vor Christi Geburt in Ketten nach Babylon geschleppt worden war. Der Tempel in Jerusalem, die Wohnung Gottes, lag in Schutt und Asche. Die Stammg\u00f6tter Babylons hatten sich augenscheinlich st\u00e4rker erwiesen als Israels Gott. In 40 langen Jahren war den Israeliten das Lachen und Singen vergangen. Die bangen Fragen dr\u00e4ngten sich unabweisbar auf: &#8222;Wo ist denn Gottes Kraft, die unsere Vorfahren aus \u00c4gypten gerettet hat? Will Gott nicht mehr? Oder kann Gott nicht befreien? Ist er \u00fcberhaupt da?\u201c<\/p>\n<p>Gegen diese Fragen tritt Jesaja an. Hiergegen soll er tr\u00f6sten \u2013 in g\u00f6ttlicher Kraft. Und er mutet mit diesem Wort seinem Volk zu, gegen den Augenschein und gegen die subjektive Erfahrung der Kraftlo\u00adsigkeit, ja gegen alle menschliche Vern\u00fcnftigkeit dennoch zu widerstehen: &#8222;Aber die auf den Herr harren. . . . .&#8220;. ABER! Es ist dieses &#8222;Aber&#8220; damals wie heute eine anstrengende seelische Arbeit, geradezu ein Widerstandsakt. Und die Kraft, die als Lohn dieser Arbeit versprochen wird, sprudelt nicht automatisch aus dem Himmel. Sie liegt nicht vor den F\u00fc\u00dfen oder auf der Hand: &#8222;. . . sie kriegen neue Kraft&#8220;, hat Luther \u00fcbersetzt und dabei wachgehalten, dass jenes &#8222;kriegen&#8220; in seiner Verwandtschaft zu &#8222;Krieg&#8220; etwas zu tun hat, mit Kampf und Streit und so auch mit m\u00f6glichen Niederlagen. Die urspr\u00fcngliche hebr\u00e4ische Redefigur aber, l\u00e4sst sich eigentlich nur verstehen, wenn man die Natur kennt, wenn man also nicht nur etwas von Spinnennetzen und Spinnen wei\u00df, sondern noch mehr:<\/p>\n<p><strong>III Mausern<\/strong><\/p>\n<p>W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt hei\u00dft es hier weiter: &#8222;Die auf den Herrn harren, mausern sich.&#8220; &#8222;Mausern&#8220; &#8211; wer von uns St\u00e4dtern k\u00f6nnte auf Anhieb erkl\u00e4ren, was das ist? &#8222;Aber die auf den Herrn <em>harren<\/em>, <em>mausern<\/em> sich.&#8220; Unter mausern versteht man den Gefiederwechsel bei den V\u00f6geln. Sie verlieren ihre alten Federn und bekommen neue. W\u00e4hrend der Mauserung hocken sie meist auf dem Boden. Sie wirken ersch\u00f6pft, weil in ihrem Organismus viel durcheinandergebracht ist. Erst wenn die Mauserung vorbei ist, kommt neue Kraft und neuer Schwung in die Tiere. Sie fahren wieder auf, fangen an zu fliegen und singen.<\/p>\n<p>In dieser Osterzeit sind viele Menschen bei uns, ja auf der ganzen Erde, auch viele Christinnen und Christen wie in der Zeit der Mauserung: einer Zeit der Ersch\u00f6pfung, der M\u00fcdigkeit und des Leidens. In den Fernsehsendungen wird berichtet, dass tausende Menschen in allen Kontinenten an der Corona-Seuche zugrunde gegangen sind. Aber auch viele, viele Menschen, die das Virus noch nicht niedergestreckt hat, sind unfassbar beschwert: Sie reagieren auf die fortw\u00e4hrenden Corona-Nachrichten mit Depressionen. Auch unabh\u00e4ngig von der Pandemie sind Depressionen ja zu einer Volkskrankheit geworden.<\/p>\n<p>Wer einmal eine Depression gehabt hat, wei\u00df, dass diese Krankheit eine f\u00fcr einen Gesunden unvorstellbare Krise bedeutet. F\u00fcr den Erkrankten wird eine Depression erfahren wie eine Infragestellung des ganzen Lebens und zugleich als eine schreckliche Dem\u00fctigung. Es ist darum nicht von ungef\u00e4hr, dass gerade bei dieser Krankheit die Selbstverletzungen und die Suizide am h\u00f6chsten sind. (Mein Vetter Carl-Ernst von Sch\u00f6nfeld, der Arzt und Psychiater in Bethel ist, hat mir einmal gesagt: \u201eDepressive sind Weltmeister im Leiden!\u201c) Und das Schlimme ist, dass man das von au\u00dfen oft gar nicht verstehen kann. \u201eNun rei\u00df dich mal zusammen\u201c, ist der schlimmste an einen Depressiven gerichtete Satz. Eine Verstehhilfe jedoch ist das Bild der \u201eMauserung\u201c, auch wenn immer noch ein relativ freundliches Bild f\u00fcr solche Krisen darstellt. Aber es ist au\u00dferordentlich sprechend:<\/p>\n<p>Die Tiere legen das bisher sie sch\u00fctzende und schm\u00fcckende Feder- oder Fellkleid ab. Und der Mensch in der \u201eMauser\u201c muss auch das sch\u00fctzende Kleid ablegen: Das \u201eKleid\u201c, das sich viele durch ihr bisheriges Leben und durch die Arbeit ihrer H\u00e4nde geschaffen haben, muss abgelegt, abgegeben und gewechselt werden. Nicht wenigen Tieren wird das Fell geradezu vom Leibe gerissen. Und Menschen in ihrer Mauserung sind &#8211; darin gerupften V\u00f6geln \u00e4hnlich &#8211; auch oft \u00e4u\u00dferlich gezeichnet: Matt und m\u00fcde, ohne richtig schlafen zu k\u00f6nnen, abgespannt und niedergeschlagen. Aber die Tierkenner wissen, was ein Depressiver nicht wahrzunehmen vermag: Die Mauserung ist nur ein Durchgangsstadium. Es kommt das neue Kleid, es kommt das Leben zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>IV TR\u00d6STEN<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. <em>Er<\/em> gibt dem M\u00fcden Kraft und St\u00e4rke genug dem Unverm\u00f6genden. M\u00e4nner werden m\u00fcde und matt, J\u00fcnglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht m\u00fcde werden.&#8220; So tr\u00f6stet Jesaja seine Gemeinde in der Fremde. Das Tr\u00f6sten wirkt beim Menschen nicht von selbst, sondern dort, wo Menschen \u201eauf den Herrn harren\u201c \u2013 und zwar auf Gott in Christus. Gemeint sind die, die sich die Hoffnung auf Gott zusprechen lassen, die trotz aller Abgespanntheit gespannt mit ihm rechnen, die zur Zeit und zur Unzeit sich an seine Verhei\u00dfung klammern. \u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist \u2026. Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft&#8220;. Das sind die, die in der schlimmen Lage das Beten nicht lassen und die es dann auch in den guten Tagen \u00fcben und so die christliche Hoffnung glaubw\u00fcrdig machen als etwas anderes als den religi\u00f6sen Schein, der vertr\u00f6stet und die Not der Gegenwart vergessen machen soll. &#8222;Aber die auf den Herrn harren \u2026 sie kriegen neue Kraft \u2026\u201c. \u201eSie?\u201c Das sind die, die in ihrem Hingestrecktsein dennoch ausgestreckt bleiben zu Gott hin. So ist ihr &#8222;Harren&#8220; kein Narrenwerk, sondern Grundbestimmung ihrer ganzen gemauserten Existenz: Eine Hoffnung, die durchtr\u00e4gt in b\u00f6sen Tagen und die gerade dann ihre St\u00e4rke erweist, wenn wir mit unseren Augen nichts mehr sehen, auf das zu harren aussichtsreich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Von denen hei\u00dft es: &#8222;&#8230;&#8230;. sie mausern sich zu neuer Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.&#8220; Es ist dies eine tr\u00f6stliche Verhei\u00dfung f\u00fcr unser irdisches Leben. Und Gott in Christus will und wird sie auch und gerade f\u00fcr die M\u00fchseligen und Beladenen bew\u00e4hren. Liegt ihm damit im Ohr! Erinnert ihn daran! Ich m\u00f6chte Ihnen als Gemeinde des Auferstandenen heute morgen bezeugen und Sie damit tr\u00f6sten, dass niemand vergeblich auf Gott setzt, der seiner wirklich harrt. Und wer in seiner Erkrankung und Niedergeschlagenheit das Harren selber nicht mehr vermag, der soll wissen, dass es in der christlichen Gemeinde immer wieder Menschen gibt, die an seiner Stelle und f\u00fcr ihn stellvertretend harret \u2013 und dass er sich darauf verlassen kann.<\/p>\n<p><strong>IV ABER<\/strong><\/p>\n<p>Am Sonntag nach Ostern 2020 h\u00f6ren wir dieses Wort. Wir h\u00f6ren es jetzt im Blick auf das einsamste Osterfest, das wir heute vor einer Woche gefeiert haben. \u201eGefeiert\u201c? Wohl eher nicht. Aber: Was soll nun werden? Wie geht es nun weiter? Welche Schreckensnachrichten werden wir weiterhin zu h\u00f6ren bekommen? In welche Verfassung werden unsere Seelen geraten? Ich kann das nicht sagen. Aber ich glaube, dass weiterhin immer noch und erst recht gilt: \u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuldvergeben ist \u2026.\u201c Und ich habe heute dieser \u00f6sterlichen Trostbotschaft nichts anderes hinzuzuf\u00fcgen, als dass ich Sie, die Gemeinde des auferstandenen Christus bitte, mit mir den Blick zu <em>ihm<\/em> hin zu erheben. \u201eAber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.\u201c \u2013 dieses starke Wort st\u00e4rkt auch unser \u201eAber\u201c. Es richtet unseren Blick angesichts der Traurigen und Todverfallenen dieser Welt und unseres Lebens aus auf eine noch andere Tr\u00f6stung, eine ganz andere, f\u00fcr deren Hoffnung die Osterzeit steht:<\/p>\n<p>Im Angesicht des Todes, im Angesicht unserer eigenen Kraftlosigkeit, im bitteren Erleben der Depression eben dort wo nach dem menschlichen Ma\u00df es mit jedweder Hoffnung und allem Harren aus ist, m\u00fcssen und d\u00fcrfen wir dennoch &#8222;Aber&#8220; sagen. Und wir schauen dabei in das Licht des Ostermorgens und blicken dann in einer noch ganz anderen Weise auf das \u201eAber\u201c: Aber die &#8222;auf den Herrn harren&#8220;. Es wird einst die Einl\u00f6sung des Versprechens Gottes \u00fcber Bitten und Verstehen zu sehen sein. Die Toten werden mit neuer Kraft auferweckt und gest\u00e4rkt f\u00fcr einen ganz anderen Weg der Freiheit und des ewigen Friedens. Ihre und unser aller letzte Befreiung wird geschehen nicht in eigener Kraft und aus eigener religi\u00f6ser F\u00e4higkeit, sondern aus der Macht des Sch\u00f6pfers, an den Jesaja erinnert, und des Erl\u00f6sers, der der Erste und der Letzte ist: Jesus Christus.<\/p>\n<p>Wenn er wiederkommt und die Toten auferweckt, nachdem <em>er<\/em> sie in ihrem Tod schon zu sich genommen hat, dann werden Himmel und Erde auferstehen, und dann werden Instrumente erschallen \u2013 vor allem Posaunen, wie es im Bild der Bibel hei\u00dft. Wir haben die Posaunen und die Orgel, den Sopran und den Alt, den Tenor und den Bass<a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> mit Hilfe digitaler Technik aus der Martin-Luther-Kirche (Hauptkirche)<a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu Ostern tr\u00f6stlich geh\u00f6rt. Goldmund und Orpheus Bothmann<a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> haben die Posaunen gespielt und Martin Stork<a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> hat auf der Trompete vom Turm der Martin-Luther-Kirche Osterlieder geblasen. Und so sind wir mit der Freude \u00fcber die Musik dieser Instrumente und dieser Tage daran erinnert, was im Bild der Bibel gesagt wird: \u201eWir werden alle verwandelt werden im Nu in einem Augenblick, denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden auferweckt werden, unverweslich, und wir werden verwandelt werden. (1. Korintherbrief 15, 52). Also Musik wird dann erklingen, sagt das Gleichnis des Apostels, eine Posaune wird erschallen, hei\u00dft es im Bildwort des 1. Korintherbiefes. Eine solche ist uns zu Ostern ja zu Ohren gekommen. Es ist \u00f6sterliche Musik, eine solche wie sie einmal erklingen wird zur Totenerweckung und zur Erweckung des neuen Himmels und der neuen Erde. Und so wunderbar \u2013 ich bleibe im Bild des Paulus &#8211; wird dann gespielt, dass niemand von uns kraftlos liegenbleiben kann. So sch\u00f6n und klangvoll wird es sein, dass <em>alle<\/em> aufstehen m\u00fcssen \u2013 dass alle gern auferstehen. Lasst uns das gleich beim Singen des bekanntesten Osterchorals \u201eChrist ist erstanden\u201c in unseren Herzen bewegen.<\/p>\n<p>Oft denke ich, die Pastorenpredigten k\u00f6nnten durchaus mal ein Ende haben und ausgelassen werden im Angesicht der Seuchen. Aber Musik m\u00fcsste dann dennoch erklingen \u2013 sie k\u00f6nnte auch weiter erklingen, weil sie die Sprache Gottes ist und \u00fcber das Wort Gottes in der Bibel und in der Predigt hinausreicht. &#8211; Ich h\u00f6re viel Musik. Gerade dann, wenn ich nicht beten und glauben kann, ist die Musik da. Und f\u00fcr die Erfindung des CD-Spielers kann ich Gott gar nicht genug danken. Ich w\u00fcnsche Ihnen, dass auch Sie die Musik ins Ohr bekommen, die Ihnen aufhilft. \u00d6sterliche Musik sollen Sie h\u00f6ren; sie m\u00f6ge Ihnen zu Herzen gehen und das ins Herz holen, was wir gerade in diesen Zeiten brauchen: Hoffen und Harren, Mut und Glauben, Trost und St\u00e4rke (nach der Mauserung) Liebe und Zuversicht. Denken Sie daran:<\/p>\n<p>Unsere Toten sind nicht im Nichts. Auch die vielen, vielen Corona-Toten nicht. Sie sind geborgen und fest gehalten in Gottes Hand. Und sie werden einmal auferstehen und teilhaben am neuen Himmel und der neuen Erde. Und wir mit ihnen. Warum sollten die M\u00fcden und Niedergeschlagenen nicht schon jetzt aufhorchen und aufstehen? Wenn Jesus Christus wirklich und f\u00fcr alle sichtbar wiederkommt, werden wir es alle un\u00fcberh\u00f6rbar und unwidersprechlich h\u00f6ren und schauen und wahrnehmen und wir werden uns erst recht fragen: Warum waren wir einst so niedergeschlagen und hoffnungslos?<\/p>\n<p>Aber schon heute lohnt es sich, diese Frage zu stellen und dieses Lied zu singen. Es hilft uns, (wie eine Spinne im Netz) gespannt zu bleiben und zu harren. In dieser Haltung &#8211; oft nicht einfach &#8211; m\u00fcsste unser Singen selbst ein Moment des Widerstandes gegen den Tod und seine depressiven Vorboten sein. Ein zeichenhafter Klang, der Klang und Ton des j\u00fcngsten Tages in diesen Tag hineinholt, damit schon heute wahr wird und sich bew\u00e4hrt, was der Herr f\u00fcr <em>heute<\/em> durch seinen Propheten verhei\u00dft:<\/p>\n<p>&#8222;\u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuldvergeben ist \u2026. Aber die auf den Herrn harren, mausern sich: Sie kriegen neue Kraft, da\u00df sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler, da\u00df sie laufen und nicht matt werden, da\u00df sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Einzelstimmen eines vierstimmigen Chores bei der Digitalen \u00dcbertragung eines \u201eGottesdienstes ohne Gemeinde\u201c<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Stadtkirche in G\u00fctersloh<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zwei junge Posaunisten<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/CEC26F79-3AF8-46C9-83DE-39D98953F4C9#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Trompetenlehrer in G\u00fctersloh<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Jesaja 40,1-2,26-31 |\u00a0von Rolf Wischnath | \u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist \u2026. 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