{"id":25796,"date":"2025-12-26T15:16:04","date_gmt":"2025-12-26T14:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25796"},"modified":"2025-12-26T15:16:22","modified_gmt":"2025-12-26T14:16:22","slug":"25796-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/25796-2\/","title":{"rendered":"Hiob 42,1-6"},"content":{"rendered":"<h3>Gottes Scho\u00dfb\u00fcgel beim freien Fall ins Leere |1. Sonntag nach Weihnacht | Hiob 42,1-6 | 28.12.25 | Markus Kreis |<\/h3>\n<p>Knapp \u00fcber dem Marmor der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone im Liegest\u00fctz auf dem Unterarm. Eine alte Frau in einem dreckbraunen Mantel und mit t\u00fcrkisem Kopftuch streckt sich so vor einem Kaufhaus, die Augen zu Boden gerichtet. Genauer gesagt in einer Mischung aus Planking und Vierf\u00fc\u00dferstand. Sie hatte sich n\u00e4mlich zus\u00e4tzlich zu den Fu\u00dfspitzen mit den Knien auf dem Boden abgest\u00fctzt. Dabei die Ellbogen als Scharnier nutzend, hob sie in schnellem Rhythmus Unterarme und H\u00e4nde, letztere wiederum einen Becher umfassend, der leer und offen. Pure Unterwerfung und Bitte. Trotzdem habe ich zuerst an Betteln als Broterwerb gedacht. Hab mich damit der Zumutung entzogen und einige Zeit gebraucht, um in dieser Skulptur die reine Bitte und Ergebung zu entdecken. Warum verd\u00e4chtige und klage ich zuerst an? Verd\u00e4chtigt oder klagt die Frau mich an, mit dem, was sie da tut? An Stelle von Sprechlauten war nur unartikuliertes Atmen zu vernehmen&#8230;<\/p>\n<p>Hiob, eine \u00e4hnliche Skulptur. Allerdings kommt man bei ihr eher ins Nachdenken und Abw\u00e4gen statt auf ein schnelles Urteil \u00e0 la Betrug und Betteln als Broterwerb. Lieber sinniert Mensch bei Hiob angesichts dessen Schicksals \u00fcber Gott und die Welt. Und, ob es im Himmel und auf Erden gerecht zugehen kann oder ob Gott da versagt. Gut, gut, Hiob ist eine Kunstfigur. Ausgedacht und erfunden, um ein Problem zu behandeln. Ein Problem, das sich einige so vorstellen, wahrscheinlich ohne selbst je so gelitten zu haben. Hiob heute, das w\u00e4re ein Mensch im S\u00fcdsudan auf der Flucht, ein reicher Viehbauer, zusammen gew\u00fcrfelt mit anderen, deren Familie ausgel\u00f6scht worden ist, krank vor Angst, Hunger und Auszehrung. Oder ein Studierter ohne Obdach, der allein auf der Stra\u00dfe oder im U-Bahnschacht lebt und an dem eine schwere Diabetes nagt. In so einer Lage trifft man eher selten alte und reiche Freunde, mit denen man sich \u00fcber Gott und die Welt austauscht und ob es dabei gerecht zugeht. Wie dem auch sei:<\/p>\n<p>Hiob war ein helles K\u00f6pfchen. Machte sich seinen Reim auf die Welt und war dar\u00fcber sehr erfolgreich und beg\u00fctert geworden. Und das alles auf rechtem Wege, ohne die Leute \u00fcbers Ohr zu hauen. Recht zu tun und gerecht zu sein, das lag ihm am Herzen. Er hatte sogar vor Gott jede Menge Ansehen. Und doch fiel das Leben hinterr\u00fccks \u00fcber ihn her. Er verlor alles, Familie, Tiere, Waren, Landbesitz und seine Gesundheit. So ging es nun eine geraume Zeit. Ein Abstieg, Wahnsinn. Vom Gro\u00dfhirten zum Herdentier geworden. Und dann noch den Anschluss an die Herde verloren.<\/p>\n<p>Zwar diskutierte er ab und an mit alten Freunden \u00fcber sein Ergehen. Aber die hatten nur Standardkram parat, so \u00e0 la: Du warst vielleicht doch nur nach au\u00dfen gerecht. Und tief in deiner Seele ein Drecksack, ohne es selbst zu bemerken. Und das ist jetzt die Rechnung daf\u00fcr. Oder: Wo bleibt dein positives Denken? Sag doch mal was Nettes oder Sch\u00f6nes! Du mit deiner dauernden Schwarzmalerei. Oder: Sei still und f\u00fcge Dich, irgendwann, das wird schon wieder! Wie kannst Du nur Gott daf\u00fcr verantwortlich machen?<\/p>\n<p>Letztlich hatten die Freunde genug von seinen Klagen. Besonders, dass er auf seiner Unschuld bestand. Gott anklagen war aber sein einziges Ventil, um sich wenigstens ein klein wenig zu entlasten. Sonst f\u00fchlte er sich vollst\u00e4ndig zur Passivit\u00e4t verdammt. So viel Leben steckte trotz allem Elend und Siechtum noch in ihm drin. Inzwischen war selbst dies bisschen seinen Freunden zu viel. Und wie sie damit umgingen, f\u00fchrte ihm nur noch mehr vor Augen: Ich bin im Grunde einsam und verlassen in der Welt. Ein Herdentier ohne Herde. Niemand kann und will meine Klagen mehr h\u00f6ren. Die N\u00e4chte qu\u00e4lten ihn noch mehr, schlaflos w\u00e4lzte er sich und seine Gedanken hin und her. Angstschwei\u00df, Zittern, flau der Magen und \u00fcbel vor Hunger, W\u00fcrgen und leeres Erbrechen. Ihm wurde schwindelig, alles drehte sich, er verlor sein inneres Gleichgewicht. Das ist mega ungerecht, obwohl er doch immer gerecht gewesen ist.<\/p>\n<p>Und wo bleibt Gott? Was macht er dagegen? Was macht er f\u00fcr mich? Statt dass er wenigstens einen einzigen Finger r\u00fchrt! Absolut Nichts, nicht mal einen einzigen Hauch. Gott? Den kannst du vergessen! Hiob lachte bitter. Oder vielleicht h\u00e4lt Gott gerade seinen Sabbat! Ganz nach dem dritten Gebot. Ja, das wird es wohl sein! Hiob verzog seine Miene zu einer Grinsefratze. Da kam ihm eine gute Idee. Vielleicht schaffe ich es auf diesem Weg, Gott in die G\u00e4nge zu kriegen! Das dritte Gebot, den Sabbath halten. Hey Gott, Du da oben, wenn Du Dir eine Auszeit g\u00f6nnst &#8211; dann kannst Du doch auch mir eine g\u00f6nnen! Klagen ist schlie\u00dflich auch eine Art von Arbeit, von der es Erholung braucht. Kostet jede Menge Kraft. Und der Lohn ist, dass Dir daf\u00fcr kein Mensch etwas gibt &#8211; au\u00dfer einem Tritt in den Hintern. Dann gib Du Gott mir wenigstens etwas daf\u00fcr! Eine Auszeit! G\u00f6ttlich! Eine Pause vom Leiden und Anklagen. Himmlische Ruhe in meinem Herzen. Aus mit dem Gel\u00e4rm von Vergehen und Enden. Vielleicht halten es dann auch die Mitmenschen wieder besser mit mir aus. Das w\u00e4re doch schon mal was, oder? Hast Du geh\u00f6rt?&#8230;<\/p>\n<p>Ja, Gott hat ihm geg\u00f6nnt, er hat Hiob geh\u00f6rt und erh\u00f6rt, hat zu ihm gesprochen und damit ihm eine Auszeit verschafft. Tats\u00e4chlich Gott zu h\u00f6ren, das versetzt den Empf\u00e4nger dabei echt in eine andere Lage und Liga. Und Gottes Rede hatte es wohl in sich, ein wahres Machtwort, so wie Hiob darauf reagierte. H\u00f6ren wir seiner Antwort zu:<\/p>\n<blockquote><p><em>42, 1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:\u20022 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.\u20023 \u00bbWer ist der, der den Ratschluss verh\u00fcllt mit Worten ohne Verstand?\u00ab Darum habe ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.\u20024 \u00bbSo h\u00f6re nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!\u00ab\u20025 Ich hatte von dir nur vom H\u00f6rensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.\u20026 Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hiob ist jetzt jedenfalls nur mehr reine Bitte und Ergebung ohne jede Spur von Anklage. Statt blockiert und mit fixer Idee &#8211; offen, wenn leer! Das will ich auch haben, falls es mir mal \u00e4hnlich ergeht. In Rust oder Disneyland ist das noch ein Spa\u00df, wenn auch an den Nerven zehrend. Aber wenn das Leben Achterbahn mit einem f\u00e4hrt und richtig Ernst macht. Und Mensch sich vorkommt wie ein Jetpilot, an dem die Kr\u00e4fte der Natur hin- und herrei\u00dfen, die Mimik verzerrt, umnachtet von Ohnmacht und Aufschrecken, dabei vom Zirpen eines fremden Radars verfolgt. Und das alles Knall auf Fall, statt f\u00fcr so einen Kampf getestet und trainiert worden zu sein. Dann will ich auch so ruhig und ergeben sein. Mich auf die offene Leere fokussieren. Und die Geburt Jesu ist der Scho\u00dfb\u00fcgel, der mich vor Ort und ins Leben h\u00e4lt, statt mich volle Kanne in einen Totalcrash zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Am Jesuskind, da hat im windigen Stall eine raue Rindszunge an dessen Haut geleckt und gezerrt, und mit dem Sch\u00e4del unwillig die Krippe und her gesto\u00dfen, als darin alles au\u00dfer Futter zu finden war. Der Esel hat beinah die Kopfh\u00e4rchen angefressen und dann gegen das Futterholz getreten. Die N\u00e4he der Tiere war gef\u00e4hrlich, auch wenn ihre dr\u00e4ngenden Leiber dann wenigstens etwas W\u00e4rme in die klamme Luft abgaben. Alles begleitet vom r\u00f6hrendem IA IA und einem Muhgebr\u00fcll, das lange vergeblich auf F\u00fctterung gewartet hat. Dazu die stieren Blicke und das Bl\u00f6ken der Schafe, das Windel wechseln und Stillen, das irrlichternde Wispern der Eltern und Zaung\u00e4ste. Wesen und Kr\u00e4fte der Natur dr\u00e4ngen und dringen in das Leben, das neu beginnt. Ein H\u00f6llenl\u00e4rm, in dem Gottes Macht zu Wort kommt &#8211; unendlich still &#8211; und schneller als der Schall &#8211; und Knall auf Fall &#8211; anlautet und anhebt, so dass es bereits verebbt, wenn einer kapiert, was sich da gerade in ihm vernehmlich machte. Das Leben bahnt sich in Gott seinen Weg. In Jesu Geburt hat Gott geteilt, dass er beim freien Fall in die Leere mit uns ist. Dass er jeden und jede mit einem Scho\u00dfb\u00fcgel am jeweiligen Platz und ins Leben h\u00e4lt. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Markus Kreis OStR<br \/>\nHirschkopfstra\u00dfe 9<br \/>\nD-69469 Weinheim<br \/>\nmarkus_kreis@web.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gottes Scho\u00dfb\u00fcgel beim freien Fall ins Leere |1. Sonntag nach Weihnacht | Hiob 42,1-6 | 28.12.25 | Markus Kreis | Knapp \u00fcber dem Marmor der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone im Liegest\u00fctz auf dem Unterarm. Eine alte Frau in einem dreckbraunen Mantel und mit t\u00fcrkisem Kopftuch streckt sich so vor einem Kaufhaus, die Augen zu Boden gerichtet. 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