{"id":25801,"date":"2025-12-26T15:20:11","date_gmt":"2025-12-26T14:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25801"},"modified":"2025-12-26T15:20:11","modified_gmt":"2025-12-26T14:20:11","slug":"hiob-421-6-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hiob-421-6-3\/","title":{"rendered":"Hiob 42,1-6"},"content":{"rendered":"<h3>Im Schatten der Wunderkerze | 1. Sonntag nach Weihnachten | 28.12.2025 | Hiob 42,1-6 | Wolfgang V\u00f6gele |<\/h3>\n<p><strong>Friedensgru\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr den ersten Sonntag nach dem Christfest steht im Hiob 42,1-6:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnd Hiob antwortete dem Herrn und sprach: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. \u201aWer ist der, der den Ratschluss verh\u00fcllt mit Worten ohne Verstand?\u2018 Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. \u201aSo h\u00f6re nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!\u2018 Ich hatte von dir nur vom H\u00f6rensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>das flackernde Weihnachtslicht in der Krippe wirft auch schnell Schatten. Neugierig gemacht von den Engeln, pilgern die Hirten vor den kleinen Stall. Sp\u00e4ter leitet ein heller Stern die Weisen aus dem Morgenland in das winzige Bethlehem. Aber die Weisen m\u00fcssen schon eine List anwenden, um den hinterh\u00e4ltigen Herodes zu \u00fcbert\u00f6lpeln. Maria und Josef m\u00fcssen mit dem Neugeborenen aus der W\u00e4rme des Stalls fliehen, um den Kinder mordenden Schergen des K\u00f6nigs zu entkommen.<\/p>\n<p>Wir sp\u00e4ter Geborenen singen aus dem alten Choral: Ich steh an deiner Krippe hier. Wir mischen uns bescheiden unter die Menge der Krippenbesucher und holen Weihnachten ins Wohnzimmer. Unter den glitzernden Nordmanntanne stehen kleine Krippen mit bunten Tonfiguren. Weihnachten findet seine Reiseroute in Wohnungen und Herzen. Wir wollen es warm haben, w\u00fcnschen uns Ruhe, Hoffnung, neuen Aufbruch &#8211; mitten im kalten Winter. Was aber, wenn das Funkenlicht der Wunderkerzen erloschen ist? Was aber, wenn Maria und Josef ihr Kind retten m\u00fcssen?<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Geschichten der Bibel kreisen gleichzeitig um die Abgr\u00fcnde des Lebens und um Hoffnung, Heil und Rettung in gro\u00dfer und gr\u00f6\u00dfter Gefahr. Der Teufel bringt Hiob in Versuchung, dieser verliert Reichtum und \u2013 noch grausamer &#8211; Kinder. Sp\u00e4ter streitet Hiob unverdrossen mit den drei Freunden. Gegen\u00fcber Gott klagt er Gerechtigkeit und sein unschuldiges Leid ein. Bei Maria liegt der Fall anders. Sie beginnt in Demut, freut sich \u00fcber ihre Schwangerschaft. Sie tut nach der Geburt alles, um ihr kleines Kind vor allen Bedrohungen zu retten. Sp\u00e4ter wird sie sich Sorgen machen, weil ihr Sohn sich nicht um die Bedrohungen durch Menschen schert.<\/p>\n<p>In Bethlehem wird Gott ein kleiner, hilfloser Mensch. Diese wunderbare und einzigartige Geschichte steht im Zentrum der Bibel. Alle anderen Geschichten kreisen darum herum, gerade die Geschichte von Hiob.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Beziehung zwischen Gott und den Menschen k\u00f6nnte man als Beziehungsstatus angeben: Es ist kompliziert. Neutraler formuliert: Es ist vielf\u00e4ltig, voller kr\u00e4ftiger Nuancen und verst\u00f6render Details. Hiobs Achterbahnfahrt zwischen Demut, Trotz und Gerechtigkeit, seine Version der Gottesbegegnung ist oft vernachl\u00e4ssigt worden.<\/p>\n<p>Heute ist dar\u00fcber zu reden. Der erste Sonntag nach dem Christfest kommt im Kirchenjahr nicht oft vor. Er geht verloren, wenn der Heilige Abend oder die Weihnachtstage selbst auf einen Sonntag fallen. Im Predigttext von heute scheint Hiob eine Niederlage einzugestehen. Er beugt sich der Allmacht Gottes. Das klingt aufs erste H\u00f6ren merkw\u00fcrdig. Mit ihr erscheint Hiob als tragische, gebrochene Figur.<\/p>\n<p>In langen Gespr\u00e4chen mit drei Freunden bestand Hiob darauf, dass er nichts Unrechtes getan habe. Sein Ungl\u00fcck k\u00f6nne darum keine Bestrafung f\u00fcr Vergehen oder S\u00fcnden sein. Diese Gespr\u00e4che f\u00fchren ins Leere. Am Ende antwortet Gott selbst. Er spricht in einem Sturm. Gott betont: Ich bin es, der die Welt erschaffen hat. Zwischen mir, dem Sch\u00f6pfer, und dir, dem Gesch\u00f6pf, besteht ein nicht zu \u00fcberbr\u00fcckender Unterschied.<\/p>\n<p>Und da setzt der Predigttext ein: Hiob akzeptiert diesen Unterschied. Er nimmt seine Einw\u00e4nde zur\u00fcck und scheint sich vor Gott zu beugen. Diese L\u00f6sung, liebe Gemeinde, war schon zur Zeit der Entstehung des Hiobbuches umstritten. Denn in diesem \u2013 poetisch genannten \u2013 Schlu\u00df des Hiobbuches wird gerade keine Gerechtigkeit geschaffen. Hiob wird f\u00fcr seine Verluste und sein Leiden gerade <em>nicht<\/em> entsch\u00e4digt. Die Gerechtigkeitsfrage bleibt verst\u00f6rend offen und ungel\u00f6st. In der Bibel schlie\u00dft deshalb an den poetischen Schlu\u00df eine zweite, verharmlosende Schlu\u00dfpassage an. In ihr kommt Hiob wieder zu Reichtum und heiratet erneut.<\/p>\n<p>Der Hiob des Predigttextes gibt sich ersch\u00f6pft, beinahe geschlagen. Er muckt nicht mehr auf. Mit dem Gott, der die Welt geschaffen hat, l\u00e4\u00dft sich nicht von Angesicht zu Angesicht, auf Augenh\u00f6he diskutieren. Das verst\u00f6rt uns Zuh\u00f6rer, genauso wie sich daraus Trost ziehen l\u00e4\u00dft. Die Gerechtigkeitsfrage ist noch nicht gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Man kann sagen: Hiob gibt dem M\u00e4chtigeren nach. Hiob wird gekr\u00e4nkt. Der glaubende Mensch erscheint nicht mehr als selbst\u00e4ndiges, freies Wesen, das aufrechten Gang ein\u00fcbt und seine Entscheidungen mit eigenem Willen trifft. In dieser Hinsicht ist Hiob noch kein moderner Mensch, sondern wie in einer traditionellen Gesellschaft unterwirft er sich dem M\u00e4chtigeren. Diese unterw\u00fcrfige Demut kratzt und nagt am modernen Bewu\u00dftsein.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Glauben gilt: Menschen sind frei. Sie sind nicht fremden Herren oder Gesetzen unterworfen. Aber Freiheit des Menschen bedeutet nicht unbegrenzte Macht. Moderne Menschen sind Grenzen unterworfen, auch wenn die sozialen Medien oft weismachen wollen, dass diese nicht existieren. Menschen bleiben sterblich, verletzlich, begrenzt. Sie werden in aller Freiheit eben auch alt, sie werden krank und sie sterben schlie\u00dflich. Der Tod bleibt ein R\u00e4tsel f\u00fcr die Entscheidungsfreiheit des Menschen.<\/p>\n<p>Hiobs Demut gegen\u00fcber Gott kann auch als Trost verstanden werden. Hiob beugt sich gegen\u00fcber dem Gott, der die Welt geschaffen hat. Freie Menschen k\u00f6nnen ihr Leben frei gestalten, aber sie k\u00f6nnen keine Welt erschaffen. Insofern erkennt der dem\u00fctige Hiob seine eigenen Grenzen und lernt, sie zu akzeptieren. Bei aller Freiheit \u2013 Menschen sind auch schwache, begrenzte, verletzliche Wesen. Das ist eine Erkenntnis, die nicht jedem passen wird, auch der gute Hiob hat offensichtlich M\u00fche, sich dazu durchzuringen. Aber diese n\u00fcchterne Erkenntnis der Demut gegen\u00fcber dem Sch\u00f6pfergott hilft zu einem Leben im Glauben und Wahrheit.<\/p>\n<p>Dabei ist die Gerechtigkeitsfrage mit der Gottesrede und Hiobs folgender Antwort noch gar nicht geregelt. Viele Fragen bleiben offen. Wie antwortet Gott auf Hiobs Bekenntnis? Wird seine Leidenszeit beendet? Die offene Gerechtigkeitsfrage, wenn man das so nennen kann, muss Hiob aushalten. Und wir Menschen von heute m\u00fcssen aushalten, dass eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten dieser Welt noch nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt sind. Keine der Antworten, die gefunden wurden, vermag so richtig zu befriedigen. Die Gerechtigkeitsfrage war f\u00fcr Hiob offen, und sie ist noch heute offen. Und f\u00fcr den Glauben ist das eine Anfechtung, die ihn trotz Weihnachten und Wunderkerzen in eine Krise f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Hiob bekennt am Ende seiner Geschichte: Bisher kannte ich Gott nur vom H\u00f6rensagen, nun habe ich Dich, Gott, gesehen. Diese Krise der Gerechtigkeit zieht sich durch die Bibel bis zur Krippe in Bethlehem. Maria kann sagen: Bisher kannte ich nur den herrlichen Engel der Verk\u00fcndigung, nun liegt Gott vor mir in der Krippe. Joseph und ich wollen alles tun, um ihn zu sch\u00fctzen. Sehr bald schon werden sie aus Bethlehem aufbrechen, um nach \u00c4gypten zu ziehen. Denn der kleine Jesus muss vor dem Kinder mordenden K\u00f6nig Herodes bewahrt werden. Mit dem schrecklichen Leid dieser ermordeten Kinder stechen die Fragen Hiobs nach Gottes Gerechtigkeit mitten in die freundlich beleuchtete Weihnachtsgeschichte hinein.<\/p>\n<p>Doch das kleine Baby in der Krippe weist den Weg auf den <em>Versuch<\/em> einer Antwort. In ihm, in diesem winzigen Menschen zeigen sich Schw\u00e4che und Verletzlichkeit Gottes. Wenn Joseph und Maria sich nicht liebevoll um ihn k\u00fcmmern w\u00fcrden, h\u00e4tte er die ersten Jahre seines Lebens nicht \u00fcberstanden. Dieser Jesus, der zum Prediger und Wunderheiler heranwachsen wird, wird auch derjenige sein, der an Karfreitag den bitteren Tod am Kreuz stirbt. N\u00e4her kann Gott den Menschen nicht kommen, als die eigene Allmacht aufzugeben und bei dem zu sein, an dem brutale, m\u00f6rderische Gewalt ausge\u00fcbt wird.<\/p>\n<p>Gott ist Mensch geworden. Das bedeutet: Er ist verletzlich, schwach und ohnm\u00e4chtig geworden, zuerst in der Krippe, dann am Kreuz. Der Gedanke an Karfreitag darf bei aller Weihnachtsfreude nicht ausgeblendet werden. Weihnachten begegnet ein schlafendes, kleines Kind den Fragen der Menschen nach Gerechtigkeit. Es wird sie nicht so l\u00f6sen, dass es wie ein himmlischer K\u00f6nig Macht und Autorit\u00e4t aus\u00fcbt und zurechtr\u00fcckt, woran Menschen gescheitert sind. Es wird sie so l\u00f6sen, dass es in aller Schw\u00e4che mit den bed\u00fcrftigen Menschen solidarisch wird. Auch damit ist die Gerechtigkeitsfrage noch nicht gel\u00f6st. Aber damit ist ein Weg gewiesen. Gott macht sich zum leidenden Menschen: Das bleibt eine Hoffnung \u00fcber Abgr\u00fcnden, die nicht zugesch\u00fcttet werden. Und diese Gewissheit rechnet mit der menschlichen Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Sie hofft auf Gottes Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der aus der Zukunft in die Gegenwart hineinleuchtet, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele<br \/>\nKarlsruhe<br \/>\nwolfgangvoegele1@googlemail.com<\/p>\n<p>Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er schreibt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog \u201eGlauben und Verstehen\u201c (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, M\u00fcnster 2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schatten der Wunderkerze | 1. Sonntag nach Weihnachten | 28.12.2025 | Hiob 42,1-6 | Wolfgang V\u00f6gele | Friedensgru\u00df Der Predigttext f\u00fcr den ersten Sonntag nach dem Christfest steht im Hiob 42,1-6: \u201eUnd Hiob antwortete dem Herrn und sprach: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. 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