{"id":25855,"date":"2026-01-07T08:31:56","date_gmt":"2026-01-07T07:31:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25855"},"modified":"2026-01-07T08:31:56","modified_gmt":"2026-01-07T07:31:56","slug":"markus-1013-16-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1013-16-3\/","title":{"rendered":"Markus 10,13-16"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Die T\u00fcr der Taufe | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mk 10,13-16 | Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe regelm\u00e4\u00dfig die gro\u00dfe Freude, Konfirmanden und Erwachsene zu taufen. Es ist immer ein besonderer Anlass, auf den ich mich zun\u00e4chst freue und an den ich sp\u00e4ter mit Freude zur\u00fcckdenke. Die Taufe ist eines der wenigen Ereignisse im Leben, wo die Freude der Erwartung tats\u00e4chlich erf\u00fcllt wird! Ich habe auch oft \u2013 wie heute \u2013 die Freude, ein Kleinkind zu taufen. Beides sind gro\u00dfe Ereignisse. Jedes einzelne Mal, wenn eine Taufe stattfindet, ob von Gro\u00df oder Klein, wird das Evangelium dieses Sonntags gelesen. Das ist eine wunderbare Sache, denn wir sind ganz nah am Kern des christlichen Glaubens: der Taufe. \u00dcber sie lassen sich allerlei kluge, dogmatische S\u00e4tze sagen, die die Kirche und die Theologie in den letzten 2000 Jahren entwickelt haben. Das ist alles durchaus gut, aber das werde ich heute nicht verfolgen. Ich m\u00f6chte auf das Leben in der Taufe schauen, auf die Freude, ja, geradezu den Jubel, die Gr\u00f6\u00dfe, die Nachhaltigkeit, auf das, was als Innerstes und Wichtigstes im Leben gilt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Forderung, wir m\u00fcssen wieder wie Kinder werden, um dem Reich Gottes zu begegnen, erscheint zun\u00e4chst etwas unheilvoll. Denn das k\u00f6nnen wir ja nicht. Wir k\u00f6nnen nicht wieder wie Kinder werden \u2013 wir sind zu erwachsen, zu erfahren, zu entt\u00e4uscht in unseren Erwartungen. Das wei\u00df Jesus nat\u00fcrlich, er ist ja kein Narr. Aber dort, wo wir den kleinen Kindern gleichen sollen, ist genau dort, wo es auch am schwersten ist. Denn f\u00fcr Babys ist es nat\u00fcrlich, Liebe anzunehmen, sich lieben zu lassen. Das Neugeborene wei\u00df sehr wohl, dass es nicht \u00fcberleben kann, ganz einfach, wenn es die Liebe, die F\u00fcrsorge und die Treue der Eltern nicht annimmt. Das Kind wird von seinen Eltern und ihrer Liebe empfangen. Erwachsene haben es anders. Wir tragen stets eine gewisse Verbitterung in uns. Wir m\u00f6chten gerne Ausgleich in der Rechnung haben \u2013 selbst in der Rechnung der Liebe (obwohl &#8222;Rechnung&#8220; und &#8222;Liebe&#8220; eigentlich nicht im selben Satz genannt werden sollten) streben wir nach einem gewissen Gleichgewicht. Es mag durchaus in Ordnung sein, dass der eine mehr liebt als der andere. F\u00fcr eine Zeit. Aber ansonsten legen wir gro\u00dfen Wert auf Gleichgewicht, jedenfalls auf l\u00e4ngere Sicht. So ist es nicht bei Neugeborenen. Sie nehmen als Nat\u00fcrlichstes auf der Welt jede Liebe an, ohne eigentlich Gegenleistung zu erbringen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So soll unsere Beziehung zu Gott sein. Dort sollen wir den Kleinen gleichen. Wir sollen Liebe annehmen, das Reich Gottes, und eigentlich nicht damit rechnen, dass es Gleichgewicht gibt. Gott liebt uns zuerst, und wir sollen nicht fr\u00fch und sp\u00e4t \u00fcberlegen, was wir als Gegenleistung tun k\u00f6nnen. Wir sind im Voraus geliebt. Das Ungleichgewicht der Liebe, die Asymmetrie zwischen Gottes Liebe und unserer, ist das Tragende, das Sch\u00f6ne. Darin liegt ein unersch\u00f6pflicher Trost, wenn es an anderen Stellen im Dasein brennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal werde ich gefragt, was die Taufe f\u00fcr mich ist. Zurzeit antworte ich, und das tue ich schon seit geraumer Zeit, dass die Taufe eine T\u00fcr ist. Irgendwo bei Johannes wird das Bild der T\u00fcr f\u00fcr Jesus verwendet. &#8222;Ich bin die T\u00fcr&#8220;, steht dort \u00fcber Jesus, &#8222;wer durch mich hindurchgeht, wird neue Weiden finden&#8220;, sagt er. Deshalb las ich auch besonders aufmerksam mit, als ich vor ein paar Jahren auf einen Artikel \u00fcber eine Ausstellung von T\u00fcren in einer Galerie stie\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In New York gibt es das Chelsea Hotel. Es ist eigentlich kein besonders feines Hotel wie das Waldorf, welches immer in amerikanischen Filmen vorkommt. Es ist auch nicht besonders gro\u00df. Aber es ist dennoch etwas ganz Besonderes, dieses Hotel. Viele Ber\u00fchmtheiten haben n\u00e4mlich dort gewohnt. Das Hotel wurde unsterblich gemacht, als Leonard Cohen 1974 ein Lied dar\u00fcberschrieb. Er blickte zur\u00fcck auf seine Zeit im Hotel mit einem anderen gro\u00dfen Star, n\u00e4mlich Janis Joplin. Bekannte Dichter, Filmleute und bildende K\u00fcnstler haben dort gewohnt, und vor ein paar Jahren wurde beschlossen, dass das Hotel renoviert und auf den neuesten Stand gebracht werden sollte. Das bedeutete, dass man die Zimmert\u00fcren aus den Angeln hob. Man warf sie nicht weg, man stellte sie aus. All diese abgenutzten T\u00fcren aus den gekr\u00f6nten Tagen der Rockmusik und Popkunst wurden also aus den Angeln gehoben und in eine Galerie geschickt. Man konnte dann in eine elegante Galerie in New York gehen und all diese T\u00fcren sehen, durch die sch\u00f6pferische Menschen ein Menschenalter lang ein- und ausgingen. Man konnte sogar f\u00fcr viel Geld eine T\u00fcr kaufen! Ich habe keine teure Kunst zu Hause, aber ich k\u00f6nnte mir so eine T\u00fcr vom Chelsea Hotel gut vorstellen. Ja, es m\u00fcsste nicht einmal eine so schicke T\u00fcr sein, vielleicht sollte ich einfach eine alte T\u00fcr finden und sie in meinem B\u00fcro im Pfarrhaus betrachten und \u00fcber die T\u00fcr der Taufe nachdenken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist n\u00e4mlich so mit T\u00fcren, dass sie eben eine neue Perspektive auf das Dasein geben. Man kann durch T\u00fcren ein- und ausgehen, und die Perspektive \u00e4ndert sich. Wo eine T\u00fcr ist, gibt es ein Spannungsfeld zwischen drau\u00dfen und drinnen, und eine T\u00fcr birgt immer die M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung. Etwas passiert, wenn man durch eine T\u00fcr geht. Deshalb waren wohl auch die T\u00fcren auf der Galerie vom Hotel so begehrt. M\u00f6glichkeiten liegen in ihnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das, was die T\u00fcr zu einem so einleuchtenden Symbol sowohl f\u00fcr Jesus als auch f\u00fcr die Taufe macht, ist eben, dass die T\u00fcr Ausdruck einer \u00d6ffnung ist, einer \u00d6ffnung, die das Leben gr\u00f6\u00dfer und reicher macht. Eine \u00d6ffnung ist das, was Jesus uns im heutigen Evangelium anweist, eine T\u00fcr, durch die wir in sein Reich gehen k\u00f6nnen. Die Taufe ist eine T\u00fcr. Auf der anderen Seite der T\u00fcr ist die Aussicht anders, das Bewusstsein anders. Wenn ich anderes Bewusstsein sage, dann ist es das Bewusstsein davon, dass man nun und f\u00fcr immer zum Reich Gottes geh\u00f6rt, ungeachtet dessen, wie heimatlos man sich zuweilen in seinem Leben und seinem Dasein f\u00fchlen mag, ungeachtet dessen, wie grell das Ganze aussehen kann. Wie schief die Liebe auch aussehen mag. Es gibt eine T\u00fcr, durch die man hineingehen und sp\u00fcren kann, dass man doch dazugeh\u00f6rt; dass es einen Platz f\u00fcr einen gibt, obwohl man dachte, man sei verloren. Die T\u00fcr ist Nachhaltigkeit f\u00fcr das Leben, man ist auf dem gr\u00fcnen Zweig, man findet neue Weiden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei der Taufe \u00f6ffnet Jesus nicht nur die T\u00fcr f\u00fcr uns. Er \u00f6ffnet ein ganzes Scheunentor, wo er sein Licht und sein Leben hineinscheinen l\u00e4sst, damit wir den Weg hinaus zu ihm und zueinander finden k\u00f6nnen. Das Evangelium davon, dass das Reich Gottes unser ist, bedeutet neue Lebensm\u00f6glichkeiten; es ist die M\u00f6glichkeit zur Ver\u00e4nderung und Neusch\u00f6pfung, wenn man festgefahren ist. Es ist das Fest der offenen T\u00fcren. Deshalb wird dieses Evangelium bei jeder Taufe gelesen, und deshalb sollen wir auch in einer Predigt davon h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jeder, der etwas mehr als nur wenige Jahre gelebt hat, wei\u00df sehr wohl, dass das Leben nicht ohne M\u00fche ist, auch wenn wir noch so sehr getauft sind. In dieser Weise sind die Taufe und der Glaube keine Impfung gegen Mutlosigkeit, Furcht und Resignation, aber es ist ein Versprechen Gottes an uns, dass wir trotz all der Dinge, die in unserem Leben schief gegangen sind oder schief gehen werden, immer noch Zugang zum Reich Gottes haben so wie das kleine Kind. Die T\u00fcr steht uns immer noch offen, um hindurchzugehen und die Ewigkeit zu schauen. Wir sind immer noch Gottes Kinder, und die T\u00fcr wird uns nie vor der Nase zugeschlagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne auch die T\u00fcr deines Herzens und glaube es \u2013 du, der du durch die gro\u00dfe T\u00fcr in diese Kirche hereingekommen bist. \u00d6ffne diese T\u00fcr und finde neue Weiden zu Leben und Wachstum, zu Offenheit und Licht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Leise Christensen<br \/>\nPastorin i Aarhus<br \/>\nlec(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcr der Taufe | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mk 10,13-16 | Leise Christensen | Ich habe regelm\u00e4\u00dfig die gro\u00dfe Freude, Konfirmanden und Erwachsene zu taufen. Es ist immer ein besonderer Anlass, auf den ich mich zun\u00e4chst freue und an den ich sp\u00e4ter mit Freude zur\u00fcckdenke. 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