{"id":25864,"date":"2026-01-07T14:04:36","date_gmt":"2026-01-07T13:04:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25864"},"modified":"2026-01-11T14:07:18","modified_gmt":"2026-01-11T13:07:18","slug":"matthaeus-313-17-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-313-17-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 3,13-17"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Erstens kommt es anders | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mt 3,13-17 | Sven Keppler |<\/h3>\n<p><strong>I.<\/strong> Liebe Gemeinde, ich denke noch nicht an den Ruhestand. Nach menschlichem Ermessen werden bis dahin noch einige Jahre vergehen. Ich wei\u00df deshalb auch nicht aus eigener Erfahrung, wie sich das anf\u00fchlt: Wenn die Rente nahekommt. Aber ich habe das bei anderen nat\u00fcrlich \u00f6fter erlebt. In Seelsorgegespr\u00e4chen. Oder in der Verwandtschaft<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fast immer sind es gemischte Gef\u00fchle, die das n\u00e4her r\u00fcckende Arbeitsende mit sich bringt. Auf der einen Seite nat\u00fcrlich Sehnsucht: endlich mehr Freizeit, endlich selbstbestimmt sein, die Tretm\u00fchle hinter sich lassen. Die eigenen Aufgaben m\u00fcssen nun andere erledigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber da kommen schon die Zweifel: Werden die Nachfolger es denn genauso gut machen wie ich? Kann ich ihnen guten Gewissens all das anvertrauen, was ich \u00fcber die Jahre aufgebaut habe? Oder, wenn jemand weniger selbstbewusst ist: Was wird meine Nachfolgerin blo\u00df denken, wenn sie sieht, was ich ihr \u00fcbergebe? Wird sie nicht blo\u00df den Kopf sch\u00fctteln? Wird meine Leistung Bestand haben?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ganz zu schweigen von den \u00c4ngsten, jetzt \u00fcberfl\u00fcssig zu sein. Keine erf\u00fcllenden Aufgaben zu finden. Vielleicht ja auch die Sorge, dass nun zuhause ein beharrlicher Kleinkrieg ausbrechen wird, wenn man sich nicht mehr aus dem Weg gehen kann. Oder dass nun die Krankheiten kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht tr\u00f6stet dann der Blick auf all die anderen Ruhest\u00e4ndler, die das Ziel schon erreicht haben. Und die sich \u00fcber Langeweile oft nicht beklagen k\u00f6nnen: Deren Kalender voller ist denn je. Und die sich tats\u00e4chlich mit dem besch\u00e4ftigen k\u00f6nnen, wovon sie immer schon getr\u00e4umt haben: dem Hobby, dem Ausschlafen, oder den Enkelkindern.<\/p>\n<p><strong>II.<\/strong> Liebe Gemeinde, im heutigen Predigttext geht es um keinen 60-j\u00e4hrigen. Es geht um Johannes den T\u00e4ufer. Aber etwas verbindet diesen Propheten mit einem Menschen vor dem Ruhestand. Sein Blick geht ganz auf seinen Nachfolger.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDer nach mir kommt, ist st\u00e4rker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen.\u201c Auch Johannes scheint ein zweischneidiges Verh\u00e4ltnis zu seinem Nachfolger zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einerseits ist es seine wichtigste Aufgabe, auf den hinzuweisen, der nach ihm kommen soll. Und er betont immer wieder dessen Bedeutung. Andererseits vermittelt ihm diese Aussicht das Gef\u00fchl, selbst ganz unbedeutend zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser heutiger Predigttext handelt von der ber\u00fchmten Szene, in der beide sich begegnen: Johannes, der Prophet, der das nahe bevorstehende Kommen des Messias ank\u00fcndigt. Und der Angek\u00fcndigte selbst, der Johannes am Jordan aufsucht. Ich lese aus dem Evangelium nach Matth\u00e4us, dem dritten Kapitel [Mt 3,13-17].<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>III.<\/strong> Mit welchen Gef\u00fchlen mag Johannes auf Jesus geblickt haben? Er hatte erwartet, dass ein strenger Richter nach ihm kommen w\u00fcrde. \u201eEr hat die Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unausl\u00f6schlichem Feuer.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So hatte Johannes gepredigt und das Volk gewarnt. War er nicht auch selbst von der Angst getrieben? Von der Furcht, selber vor diesem strengen Richter nicht bestehen zu k\u00f6nnen? Die radikalen Bu\u00dfprediger sind ja oft selbst voller Angst. Voll von tiefem sittlichem Ernst. Und von der Verzweiflung dar\u00fcber, diesen Anspr\u00fcchen selbst nicht gerecht werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sollten damit rechnen, dass Johannes zumindest nicht frei war von der Sorge, selbst zur Spreu zu geh\u00f6ren. Selbst am Ende verbrannt zu werden von der feurigen Gerechtigkeit dessen, der da kommen sollte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber hat er nicht vielleicht auch noch eine andere Sorge gehabt: Die Furcht, selbst bedeutungslos zu werden, wenn der Verhei\u00dfene endlich da sein w\u00fcrde. Ich will nicht sagen, dass Johannes es genossen hat, wie die Massen zu ihm an den Jordan str\u00f6mten. Wie sich die unterschiedlichsten Menschen von ihm taufen lie\u00dfen: Arme Landleute und reiche St\u00e4dter, Handwerker und Schriftgelehrte, Familien und Ordensleute von den Pharis\u00e4ern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Johannes wird von der Wichtigkeit seiner Aufgabe durchdrungen gewesen sein: Den Menschen vor Augen zu f\u00fchren, dass sie nur noch eine letzte Chance haben. Und zwar jetzt. Ihr Leben von Grund auf zu ver\u00e4ndern. Sich ganz neu auf Gott auszurichten. Und dieser Umkehr ein Zeichen zu geben, indem sie sich von ihm taufen lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dieser Aufgabe w\u00fcrde es zu Ende sein, wenn der Verhei\u00dfene da war. Das sp\u00fcrte Johannes. Hin und wieder wird ihn das bedr\u00fcckt haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber manchmal beschlich ihn vielleicht auch die gegenteilige Sorge: Dass der Verhei\u00dfene niemals kommen werde. Dass Johannes bis zu seinem Lebensende predigen m\u00fcsse. Und sich am Ende seine Botschaft als Irrtum erwies.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber wie jeder angehende Ruhest\u00e4ndler wird Johannes nicht nur von \u00c4ngsten bestimmt gewesen sein. Er wird die Sehnsucht gekannt haben, Anerkennung zu finden f\u00fcr seine Vorarbeit. Er wusste sich von Gott in seine Aufgabe eingesetzt: Zu rufen, zu warnen, vorzubereiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn der Verhei\u00dfene endlich kam, m\u00fcsste er ihn nicht w\u00fcrdigen? W\u00fcrde er ihm nicht recht geben und ihn best\u00e4tigen? \u201eIch taufe euch mit Wasser zur Bu\u00dfe; der aber nach mir kommt, der wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.\u201c So hatte Johannes gepredigt. Durfte er nicht darauf hoffen, selbst mit diesem Heiligen Geist getauft zu werden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">War damit nicht auch der Wunsch verbunden, dass den Zweiflern die Augen ge\u00f6ffnet w\u00fcrden? Dass sie die Berechtigung seiner Warnungen einsehen mussten. Dass er best\u00e4tigt w\u00fcrde durch die Ereignisse und sein Auftreten nachtr\u00e4glich beglaubigt wurde. \u201eSeht Ihr, Ihr Zweifler!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und schlie\u00dflich mag er auch die Sehnsucht gekannt haben, sich endlich ausruhen zu d\u00fcrfen. Die schwere Aufgabe an einen anderen weiterzugeben. Kein s\u00fc\u00dfes Nichtstun, das h\u00e4tte nicht seinem Wesen entsprochen. Aber befreit zu sein von der Last der unaufh\u00f6rlichen Bu\u00dfpredigt.<\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong> Dann war Jesus gekommen. Und alles war anders als erwartet. Jesus kam nicht, um Johannes abzul\u00f6sen. Um an seiner statt zu taufen. Um die Taufe mit Wasser durch die Taufe mit dem Geist zu ersetzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sondern Jesus bat Johannes, dass dieser ihn taufen m\u00f6ge. Kein Wunder, dass Johannes verwirrt reagierte. Verlegen, fast befremdet: \u201eIch bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes muss sofort gesp\u00fcrt haben, wer da vor ihm stand. Er hat erkannt, dass Jesus der Verhei\u00dfene war. Aber Jesus verhielt sich v\u00f6llig unerwartet, bescheiden. Er ordnete sich unter. Allein in der Bestimmtheit seiner Antwort zeigte sich seine Vollmacht: \u201eLass es jetzt geschehen! Denn so geb\u00fchrt es uns.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und mit der Taufe kommt das Unerwartete auf die Spitze: Gottes Geist kommt auf Jesus, wie eine Taube. Johannes selbst hat also mit dem Heiligen Geist getauft. Johannes hatte gesagt, der Kommende w\u00fcrde mit dem Geist taufen. Nun hatte er es selbst vermocht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwei Dinge sind in dieser ber\u00fchmten Szene geschehen: Einerseits hat Jesus s\u00e4mtliche Erwartungen des Johannes auf den Kopf gestellt. Die \u00c4ngste und die Sehns\u00fcchte, die Johannes mit seinem Nachfolger verbunden hatte, musste er miteinander \u00fcber Bord werfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er hatte keinen strengen Richter vor sich. Er wurde nicht abgel\u00f6st, konnte sich auch nicht zur Ruhe setzen. Sein Werk wurde nicht verworfen, aber auch nicht in der Weise best\u00e4tigt, wie er es sich vielleicht erhofft hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Andererseits hat Jesus ihn auf \u00fcberraschende Weise ausgezeichnet. Er hat die Taufe des Johannes dadurch best\u00e4tigt, dass er sich selbst von ihm taufen lie\u00df. Er hat Johannes f\u00fcr w\u00fcrdig befunden, weiterzumachen. Vielleicht hie\u00df Johannes erst von da an mit vollem Recht \u201eder T\u00e4ufer\u201c, weil er nicht nur ganz allgemein getauft hat, sondern weil er es war, der den Christus getauft hat.<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong> Liebe Gemeinde, ich glaube, so ist das oft, wenn ein Mensch mit Jesus in Ber\u00fchrung kommt. Auch heute. Wenn Gott in einem Leben an Bedeutung gewinnt. Man von ihm anger\u00fchrt ist. Ohne dass man vielleicht genau sagen k\u00f6nnte, wie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man hat ja vielleicht sehr hochfliegende Vorstellungen, wie das w\u00e4re. Wenn Gott mir pl\u00f6tzlich nahekommt. Wenn ich in seine Gegenwart gerate.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der einen Seite die \u00c4ngste: Kann ich vor Gott bestehen? Werde ich mein Leben v\u00f6llig \u00e4ndern m\u00fcssen? Oder auch: Werde ich vielleicht ganz entt\u00e4uscht sein von diesem Gott?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der anderen Seite die Hoffnungen: Von Gott geliebt und wertgesch\u00e4tzt zu werden. Von ihm getragen zu werden. Sorgen und Aufgaben abgeben zu k\u00f6nnen und sich vertrauensvoll ihm zu \u00fcberlassen. Vielleicht auch die Hoffnung, dass alles im eigenen Leben von da an radikal anders wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann ist es soweit. Wie das geschieht, kann ganz unterschiedlich sein: Vielleicht das Gef\u00fchl, von Gott in einem bestimmten Moment beh\u00fctet worden zu sein. Vielleicht die Gewissheit, dass Gott mir einen bestimmten Menschen geschickt hat und mir dadurch nahegekommen ist. Vielleicht auch einfach, dass mir ein bestimmtes Bibelwort wichtig geworden ist und ich es als Gottes Wort h\u00f6re, dass er ganz pers\u00f6nlich zu mir gesprochen hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Solch eine Begegnung mit Gott kann dann ganz anders sein, als erwartet. Keine grundst\u00fcrzende Ver\u00e4nderung. Kein Gericht. Aber auch kein Ruhestand. Sondern Gott sagt ja zu dem, was du bisher getan hast. Und er sagt: Mach weiter. Es war gut, ich brauche dich. Ich werde dir neue Aufgaben geben. Und auch die Kraft, sie zu bestehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So kann es gehen, wenn Gottes Geist zu einem Menschen kommt. Und wenn Gott spricht: Du bist mein lieber Sohn. Oder meine liebe Tochter. An dir habe ich Wohlgefallen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Versmold<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Vorsitzender des Versmolder Kunstvereins. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstens kommt es anders | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mt 3,13-17 | Sven Keppler | I. Liebe Gemeinde, ich denke noch nicht an den Ruhestand. Nach menschlichem Ermessen werden bis dahin noch einige Jahre vergehen. 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