{"id":25872,"date":"2026-01-14T13:42:11","date_gmt":"2026-01-14T12:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25872"},"modified":"2026-01-14T13:42:11","modified_gmt":"2026-01-14T12:42:11","slug":"johannes-45-26-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-45-26-2\/","title":{"rendered":"Johannes 4,5\u201326"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Das heilige, allt\u00e4gliche Waser <\/strong>| 2. Sonntag nach Epiphanias | 18. Januar 2026 | Joh 4,5\u201326 | Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p><strong>Das heilige, allt\u00e4gliche Waser<\/strong><\/p>\n<p>Er war ein elender Mensch. So meinte er selbst. Er war ein elender Mensch, obwohl das Leben nicht ohne Liebe gewesen war. Doch gerade die Liebe hatte bewirkt, dass das Gl\u00fcckliche und das Ungl\u00fcckliche nicht voneinander zu trennen waren. Er hatte eine Frau, die er liebte und mit ihr eine Tochter, die er liebte. Dann fand er eine andere Frau, die er liebte, und mit ihr bekam er einen Sohn, den er liebte. Dann liebte er die erste Frau wieder, w\u00e4hrend er die andere abgewiesen hat, als sie ihn Jahre sp\u00e4ter aufsuchte. Er schrieb auch \u00fcber die Liebe, denn das war es, was er in seinem Leben tat. Er war auch ein Schreibender. Er schrieb dar\u00fcber, geliebt zu werden \u2013 geliebt, nicht weil man ist, wer man ist, sondern trotzdem, dass man ist, wer man ist \u2013 geliebt zu sein ohne jede Begr\u00fcndung, weder negative noch positive. Er schrieb \u00fcber Freude, Schmerz und Trauer, und obwohl er bezweifelte, dass man die Geschichte des eigenen Lebens schreiben k\u00f6nne, so klang es mit, dass alles durch die Liebe in sein Leben gekommen sei, sowohl das Gl\u00fcck als auch das Ungl\u00fcck. Und was Letzteres betraf, hatte er selbst dazu beigetragen. Ein elender Mensch. So w\u00fcrde Gott ihn auch sehen, dachte er. Und vielleicht weil er einer der grossen d\u00e4nischen Theologen des 20. Jahrhunderts war &#8211; namens Johannes Sl\u00f8k [1916-2001 Anm. d. \u00dcb.]: fiel es den Freunden schwer, ihm zu widersprechen, wenn er sich darauf berief, was Gott \u00fcber ihn meinen musste.<\/p>\n<p>Doch trotz des Elends, trotz des Ungl\u00fccklichen und der Trauer, die ihm auch Teil seines Lebens wurde, war er zugleich unbesorgt und f\u00fchlte sich sogar geborgen. Er schrieb: \u201eIch bin z\u00e4rtlich zu ihr (meine Lebensgeschichte); sie geh\u00f6rt mir; sie hat so furchtbar teuer gekostet, sie hat buchst\u00e4blich das Leben gekostet, darum will ich sie nicht hergeben; ich will sie mit mir nehmen \u2013 denn das ist, was man mitnehmen kann, seine Lebensgeschichte \u2013 ich will sie mit hin\u00fcbernehmen in die Ewigkeit, sie auf den Tisch der Unendlichkeit legen und dabeibleiben, dass hier, das bin also ich. Nicht weil ich stolz auf diese Geschichte bin. Ha! Sondern weil ich bei ihr geborgen bin, denn ich bin ja Christ.&#8220;\u00a0<em>(zit. nach Niels Gr\u00f8nkj\u00e6r: Det nye menneske (2017), 28-29)<\/em><\/p>\n<p>In einer anderen Zeit und an anderem Ort h\u00e4tte eine Frau vielleicht auch von sich selbst gesagt, sie sei ein elender Mensch. Sie hatte einen Mann geliebt, dann einen zweiten, dann einen dritten und noch einen und noch einen, und nun liebte sie einen, der gar nicht ihr Mann war. H\u00e4tte die Moral das Wort bekommen d\u00fcrfen, h\u00e4tte sie ganz gewiss viel dazu zu sagen gehabt. Die Zeit damals war nat\u00fcrlich anders, aber die Moral hat&#8217;s nun mal an sich, in erstarrten Formen zu \u00fcberwintern. Sie meldet sich selbst in Zeiten, die wir f\u00fcr fortschrittlich halten, mit spitzen Worten und s\u00e4uerlicher Stimme. Kann man so viel und so viele lieben, ohne dass etwas von seiner Gottebenbildlichkeit verloren geht? So w\u00fcrde die Moral gewiss sich selbst und andere fragen. Kann die Liebe nicht so unordentlich werden, dass sie einen Menschen herunterzieht und immer kleiner macht? Solche \u00dcberlegungen w\u00fcrde die Moral machen.<\/p>\n<p>Die Frau, ob nun elend oder nicht, tritt im Johannesevangelium hervor. Obwohl sie im Leben viele M\u00e4nner um sich gehabt hat, kommt sie allein. Sie ist auf dem Weg, Wasser zu holen, eine durstige Frau in der Mittagshitze. Am Brunnen begegnet sie Jesus, und das Merkw\u00fcrdige ist, dass Jesus ihre Lebensgeschichte bereits kennt, obwohl sie nicht weiss, wer er ist. Und er sagt es laut, sodass kein schweigendes Wissen zwischen ihnen ist: Es waren f\u00fcnf M\u00e4nner und nun ein sechster. An diesem Punkt h\u00e4tte die Moral wohl gehofft, das Wort zu ergreifen. Doch sie wird abgewiesen. Die Fakten werden genannt, es gibt aber keinen verurteilenden Satz.<\/p>\n<p>Wer behauptet, selber elend zu sein, sagt dies im Bewusstsein, zum Schmerzhaften beigetragen zu haben. Man h\u00e4tte festhalten k\u00f6nnen, wo man losliess. Man h\u00e4tte loslassen k\u00f6nnen, wo man festhielt. Es gibt niemanden, der harmonisch ins Leben hineinw\u00e4chst. Die Liebe l\u00e4uft nicht auf wohlgeordneten Bahnen und ist keine Rechnung, die aufgeht. Freude und Schmerz sind verflochten. Unabh\u00e4ngig von der Moral haftet es im Selbstverst\u00e4ndnis, wer man ist und welche Spuren von Scheitern und Verlust man hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Dort, wo Jesus und die Frau einander begegnen, ist ein Ort allt\u00e4glicher Begebenheiten. Hierher kommen alle, um den Durst zu l\u00f6schen. Es gibt nichts Ungew\u00f6hnliches, es ist nur Wasser in aller Gew\u00f6hnlichkeit. Wasser, wie es in einem tiefen Brunnen str\u00f6mt, und Wasser, wie es durch die Kehle str\u00f6mt. Doch bei dieser besonderen Begegnung zeigt sich, dass Wasser auch mehr und anderes sein kann. Dieses Mehr offenbart Jesus der Frau.<\/p>\n<p>F\u00fcr sich betrachtet erscheint unsere Lebensgeschichte bruchst\u00fcckhaft und ohne Zusammenhang. Wir haben selten lineare Lebensverl\u00e4ufe. Es zeichnet sich mehr als ein etwas chaotisches System von Abwegen, Irrwegen und Unterbrechungen. Doch nun stehen die Frau und Jesus dort am Brunnen. Jesus weist darauf hin, dass es eine Best\u00e4ndigkeit selbst in einem unordentlichen Lebensverlauf gibt. Die Best\u00e4ndigkeit ist das Wasser, das lebendige Wasser, das mit einer eigenen lebenspendenden Kraft str\u00f6mt und das mehr ist als das Wasser, das aus Wasserh\u00e4hnen str\u00f6mt. Es gibt eine Quelle, in der alles Leben zusammenl\u00e4uft. Diese Quelle hat ihren Ursprung in den Tagen der Sch\u00f6pfung und bewegt sich hin auf die \u00e4usserste Zeit. Es ist eine Quelle, die war, die ist und die kommt, und als solche fliesst sie durch jedes Menschenleben \u2013 fliesst \u00fcber Scheitern und Schmerz hinweg, fliesst in Freude und Gl\u00fccksmomente hinein, fliesst hinab in Taufbecken. Es ist eine Quelle, die mit Wasser zum ewigen Leben quillt.<\/p>\n<p>\u201eAlle meine Quellen sollen bei dir sein&#8220;, dichtet Grundtvig \u00fcber diese Quelle, als ein Refrain, der durch die Geschichte der Welt und unsere eigene emporsteigt. \u201eAlle meine Quellen sollen bei dir sein&#8220;, die Worte sind in Gottes eigenen Mund gelegt [das d\u00e4n. Kirchenlied entspricht Psalm 87,7: &#8222;Alle meine Quellen sind in dir&#8220;, Anm. d. \u00dcb.]. Es ist Gott in fl\u00fcssiger Form, der uns mit lebendigem Wasser eine Neugeburt schenkt. Wir sind nicht allein mit unserer eigenen Geschichte. Die Quelle str\u00f6mt unter dem Ganzen, str\u00f6mt immer weiter und wird uns tragen mit unserem Sammelsurium an Lebensgeschichte.<\/p>\n<p>\u201eIch bin geborgen&#8220;, sagte der alte Theologe. Er war nicht stolz auf seine eigene Lebensgeschichte. Es war keine Ablehnung der Verantwortung. Er nahm ja alles in Blick, was daraus geworden war, und stand dazu. Und doch wusste er sich geborgen, denn er lebte auf jener Verheissung, die erklingt, wo die Quelle str\u00f6mt. Die Verheissung, dass Gott mit uns ist alle Tage bis an das Ende der Welt. \u201eIch bin ja Christ&#8220;, sagte der Theologe, als Antwort darauf, warum er unbesorgt war. W\u00e4re Gott unbekannt, ohne Namen und Antlitz, h\u00e4tte die Furcht gewiss die Obermacht. Ein unbekannter Gott kann im Bewusstsein eines Menschen viele Gestalten annehmen. Doch die Quelle str\u00f6mt hinab ins Taufbecken, \u00fcber welches Gottes Name laut gesagt wird, und sie str\u00f6mt in Gebete hinein, wo wir Gott Vater nennen.<\/p>\n<p>Als die Frau und Jesus nach der Begegnung den Brunnen wieder aufbrechen, ist Gott f\u00fcr die Frau nicht l\u00e4nger unbekannt. Jesus hat sich offenbart. Es ist wie ein neuer Aussichtspunkt. Von hier aus ist es zu wenig, eine Lebensgeschichte als Zusammenfassung und Aufz\u00e4hlen von Fakten und Verh\u00e4ltnissen wiederzugeben. Die Quelle str\u00f6mt, und Gott erz\u00e4hlt mit. Es ist nicht die Stimme der Moral, sondern die der Barmherzigkeit, die spricht. Liebe, fl\u00fcstert die Quelle tief unten \u2013 liebe, wie ich dich geliebt habe. Liebe auch nach dem Scheitern. Erhebe dich am Brunnen, lass dich von ihm n\u00e4hren. Und wenn es zu Ende ist, dann sei geborgen. Die Quelle str\u00f6mt durch den Tod hindurch in die Ewigkeit. Es ist m\u00f6glich, elend und gesegnet zugleich zu sein, sowohl schuldig als auch frei. Alles sammelt sich in der Quelle mit lebendigem Wasser. Es l\u00e4uft zusammen in Gottes Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Christiane Gammeltoft-Hansen<br \/>\nPastorin in Lindevang<br \/>\ncgh(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das heilige, allt\u00e4gliche Waser | 2. Sonntag nach Epiphanias | 18. Januar 2026 | Joh 4,5\u201326 | Christiane Gammeltoft-Hansen | Das heilige, allt\u00e4gliche Waser Er war ein elender Mensch. So meinte er selbst. Er war ein elender Mensch, obwohl das Leben nicht ohne Liebe gewesen war. 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