{"id":25876,"date":"2026-01-14T13:48:28","date_gmt":"2026-01-14T12:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25876"},"modified":"2026-01-15T12:31:25","modified_gmt":"2026-01-15T11:31:25","slug":"jeremia-14-1-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-14-1-9\/","title":{"rendered":"Jeremia 14,1\u20139"},"content":{"rendered":"<h3>Durststrecken bew\u00e4ltigen! | 2. So. nach Epiphanias | 18.1.2026 | Jer 14, 1\u20139 | Fritz Neubacher |<\/h3>\n<p>Manuel Feller erlebt zurzeit eine Durststrecke. Manuel Feller ist \u00d6sterreichs bester aktiver Slalom-L\u00e4ufer \u2026 aber es l\u00e4uft nicht. 52 Punkte aus f\u00fcnf Saisonrennen ist zu wenig f\u00fcr den Slalom-Weltcupsieger von 2024. In den Interviews wirkt er wie um eine Antwort verlegen, befangen, man sp\u00fcrt, dass es ihm peinlich ist. Er empfindet seine Situation als Kr\u00e4nkung, als pers\u00f6nliche Schmach. Er kann einem \u2013 zumal als \u00f6sterreichischer Patriot \u2013 leidtun.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist das nur, wenn man Schisportfan ist, bemerkenswert, f\u00fcr Manuel Feller ist das alles besch\u00e4mend, eine tiefgreifende, existentielle Krise.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eDurststrecke\u201c stammt \u00fcbrigens aus der Kolonialzeit. Als Deutschland noch Herrscher \u00fcber Namibia war, und es noch keine Eisenbahn und keine Lastkraftwagen gab, da mussten Ochsengespanne die G\u00fcter \u00fcbers Land und in die Frachth\u00e4fen bringen. Und da gab es Etappen, die relativ einfach zu bew\u00e4ltigen waren, und welche, die schwierig und kostspielig waren. Den Unterschied machten die Tr\u00e4nke-Stellen f\u00fcr die Tiere aus. Lange Strecken ohne Wasser nannte man \u201eDurststrecken\u201c. Sie brachten so manchen Transport-Unternehmer an den Rand des Ruins, und in tiefgreifende Krisen.<\/p>\n<p>In unserem Predigttext aus Jeremia 14 wird uns eine zeitlich anhaltende, f\u00fcr das Volk der Israeliten tiefgreifende, existentielle Durststrecke beschrieben: eine D\u00fcrre.<\/p>\n<p>Die Schilderungen sind herzzerrei\u00dfend, ber\u00fchrend: die reichen St\u00e4dter schicken ihre Bediensteten zu den Zisternen \u2013 aber die kehren mit leeren Gef\u00e4\u00dfen in die Stadt zur\u00fcck; die Bauern auf dem Land erwirtschaften keine Ernte. Beide Bev\u00f6lkerungsgruppen verh\u00fcllen ihre Gesichter. Sie erleben eine existentielle Bedrohung, erleben Schmach und Scham. Und die Tierwelt leidet mit: die eigentlich so robuste und stolze Hirschkuh muss ihr Junges preisgeben, der an sich so widerstandsf\u00e4hige und gen\u00fcgsame Esel muss verenden. Seine brechenden Augen und sein Ringen nach Luft zeichnen die ausweglose Situation.<\/p>\n<p>Kennt ihr solche tiefgreifenden, existentiellen Durststrecken in eurem Leben? Steckst du vielleicht mitten drin? Wichtige Ziele nicht erreicht zu haben, kann das ausl\u00f6sen, oder unerf\u00fcllte W\u00fcnsche. Das tiefste Besch\u00e4mt-Sein, sagen die Therapeuten, entspringt der Zuneigung zu einer Person, die diese Liebe nicht erwidert.<\/p>\n<p>Ich kenne das gut \u2013 also das mit den nicht erreichten Zielen. Ich kann euch ein Ereignis erz\u00e4hlen, das lange genug zur\u00fcckliegt. Die Wunden sind verheilt, und es tut nicht mehr weh, dar\u00fcber zu sprechen: Ich war frisch gebackener Theologie-Student, und ging zu einer meiner ersten Pr\u00fcfungen: Einleitung in das Alte Testament. Der Pr\u00fcfer meinte es gut mit mir. Ich m\u00f6ge ihm etwas \u00fcber meinen Namenskollegen aus dem AT erz\u00e4hlen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass im Namen \u201eSalomo\u201c das Wort \u201eFrieden\u201c steckt, genau wie in meinem Namen \u201eFriedrich\u201c. Nebenbei hie\u00df auch der Pr\u00fcfer mit Vornamen Friedrich, weswegen die Frage doppelt naheliegend war. Ich wusste nichts \u00fcber diese Zusammenh\u00e4nge, auch wenig \u00fcber Salomo, und ging als Gedem\u00fctigter nach Hause. Es l\u00f6ste eine ernste Krise in mir aus: Ich war als stolzer, sich seiner Bibelkenntnisse r\u00fchmender Frommer hineingegangen, und als Besch\u00e4mter hinaus. F\u00fcr andere w\u00e4re das vielleicht \u201enur\u201c eine nicht bestandene Pr\u00fcfung gewesen \u2013 f\u00fcr mich war es der Beginn einer langen Durststrecke.<\/p>\n<p>Wie kommen wir da jemals wieder raus? Was kann man tun?<\/p>\n<p>Gott! \u2013 Nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Ja, aber Gott benimmt sich, als ob ihn all das nichts anginge!<\/p>\n<p>Der Bibeltext ist deutlich: Gott gibt sich, als w\u00e4re er ein Fremder im Land. Wir kennen das aus unseren Urlaubs- und Fernreisen: Wir lernen die sozialen und gesellschaftlichen N\u00f6te des besuchten Landes \u2013 mehr oder weniger \u2013 kennen, aber: es geht uns nichts an. Nach ein paar sch\u00f6nen Tagen fliegen wir wieder heim. Dort haben wir genug Probleme auf dem Tisch. Oder \u2013 2. Bild \u2013 Gott benimmt sich wie ein Wanderer, der nur auf der Durchreise ist. Auch das ist mir vertraut: Ich \u00fcbernachte immer wieder mal auf Bergh\u00fctten. Dabei bemerke ich nat\u00fcrlich auch die Schwachpunkte des Betriebes in K\u00fcche, Abl\u00e4ufen und vielem mehr \u2013 aber es geht mich nichts an. Ich bin nur Gast f\u00fcr eine Nacht. Ich k\u00fcmmere mich nicht. \u2013 Und der Text wird noch deutlicher: Warum stellst du dich, Gott, wie ein Idiot, der weder die Situation durchschaut, noch eine L\u00f6sung anzubieten hat? Wir kennen solche Witzfiguren aus Hollywood-Filmen. Oder \u2013 letzter Vergleich: Du bist wie ein Held, dem viele gro\u00dfartige Rettungstaten nachgesagt werden, aber jetzt, wo es f\u00fcr uns drauf ankommt, kommt nichts von dir!<\/p>\n<p>Kennt ihr das? Wir zweifeln nicht an der Existenz Gottes, aber wir zweifeln daran, dass er helfen will, oder dass er helfen kann. Er ist wie ein Fremder, dem ich nichts bedeute, oder \u2013 noch schlimmer \u2013 wie ein gro\u00dfer Retter, der jetzt im f\u00fcr mich entscheidenden Moment nichts zu bieten hat.<\/p>\n<p>Martin Luther gilt ja als Glaubensheld. Sein \u201ehier stehe ich \u2013 ich kann nicht anders!\u201c ist buchst\u00e4blich geworden f\u00fcr Mut und Gottvertrauen. Interessant, dass es auch bei ihm die andere Seite der Medaille gibt: Seinem Freund und Kollegen Philipp Melanchthon schrieb er einmal: \u201eIch habe Christus ganz verloren und wurde von den Fluten und St\u00fcrmen der Verzweiflung und der Gottesl\u00e4sterung gesch\u00fcttelt. Aber von den Gebeten der Freunde bewegt, hat Gott begonnen, sich meiner zu erbarmen.\u201c<\/p>\n<p>So. Damit sind wir den L\u00f6sungen und Antworten dieses Bibelabschnittes schon sehr nahegekommen, denn: Obwohl sich Gott benimmt, als ob ihn all das nichts anginge, obwohl er wirkt wie ein Retter, der nicht retten kann, wenden sich die Freunde Martin Luthers und die alttestamentlichen Menschen an ihn! Und sie bringen einiges vor, das ich im zweiten Teil der Predigt vor eure Augen malen will. Ich stelle es unter die \u00dcberschrift: \u201eAufb\u00e4umen\u201c. B\u00e4ume werden \u2013 zum Beispiel unter der Last des Schnees \u2013 bedr\u00fcckt, und stehen gekr\u00fcmmt und gebeugt in der Landschaft. Aber sie richten sich wieder auf, strecken sich wieder der Sonne entgegen, stehen stolz und ansehnlich vor uns. Das meint \u201eaufb\u00e4umen\u201c: Sich gegen das Bedr\u00fcckende zu wehren, und sich wiederaufzurichten.<\/p>\n<p>Wie das in einem biblischen Verst\u00e4ndnis gehen kann, sagt uns dieser Jeremia-Text. Mir sind 5 N\u00e4hrstoffe des Aufb\u00e4umens aufgefallen:<\/p>\n<p>Das Erste ist: Der Autor erinnert Gott an seinen Namen. Tu bitte etwas \u2013 um deines Namens willen! Das bedeutet so viel wie: Du hast einen guten Ruf, Gott. Dein Name steht f\u00fcr etwas, n\u00e4mlich f\u00fcr Hilfe in der Not, und f\u00fcr Trost. Dein Name, wir w\u00fcrden vielleicht sagen: dein Image ist gebildet und gepr\u00e4gt durch deine Hilfe bei der Flucht aus \u00c4gypten, oder deine Leitung und Lenkung beim Erobern des Landes, in dem wir jetzt leben. Das ist dein Name, Gott, das, was man dir nachsagt.<\/p>\n<p>Das d\u00fcrfen wir auch: Wir d\u00fcrfen Gott an seinen Namen erinnern, an sein Image als Quelle lebendigen Wassers auf den Durststrecken des Lebens.<\/p>\n<p>Das Zweite ist das Eingest\u00e4ndnis der Schuld: \u201eJa, wir haben ges\u00fcndigt!\u201c, sagt er. Das klingt in meinen Ohren nicht wie ein aktuelles, konkretes Vergehen, es klingt eher wie ein: Ja, ich wei\u00df. Immer und immer wieder fehlen wir, s\u00fcndigen wir, leben wir nicht so, wie es in deinen Augen richtig ist. Es ist falsch, es ist verwerflich, und es w\u00e4re verst\u00e4ndlich, wenn du aus diesem Grund deine Unterst\u00fctzung verweigerst \u2013 aber wir bitten dich: Tu es nicht. Vergib uns, und hole uns raus aus der Talsohle unseres Lebens. Erquicke uns neu!<\/p>\n<p>Ich lade euch ein, so ein Eingest\u00e4ndnis in der Stille eures Herzens zu formulieren, und Gott um Vergebung zu bitten, in meinem Fall: Ja, Herr, ich hatte zu wenig gelernt, damals. Das war ein Fehler. So werden wir frei, und k\u00f6nnen uns wiederaufrichten.<\/p>\n<p>Der dritte N\u00e4hrstoff: Du bist doch mitten unter uns! Ja, vielleicht f\u00fchlt es sich an, wie wenn Gott nur wie ein Urlauber bei uns zu Gast ist: Es k\u00fcmmert ihn nicht, was wir, das Hotelpersonal f\u00fcr Sorgen haben. Aber andererseits: Er ist da, und wenn er da ist, dann kann ich ihn was fragen, kann etwas erbitten. Es ist die Chance!<\/p>\n<p>Ich lade euch ein: Ergreifen wir die Chance! Gott ist da. Das bietet die M\u00f6glichkeit, ihn um Hilfe anzurufen.<\/p>\n<p>Das Vierte, das mir aufgefallen ist: Wir hei\u00dfen nach deinem Namen! F\u00fcr die alttestamentlichen Menschen war der Name Gottes \u201eJahwe\u201c \u2013 so hatte er sich Moses aus dem Dornbusch vorgestellt. Und \u201eJahwe\u201c hei\u00dft \u00fcbersetzt: \u201eIch bin da\u201c. Das ist jetzt noch nichts Neues, und geh\u00f6rt eigentlich zum Dritten Aspekt.<\/p>\n<p>Aber: Wir neutestamentlichen Menschen hei\u00dfen Christen und Christinnen \u2013 nach Christus, dem Sohn Gottes! Und das bedeutet, wir d\u00fcrfen alles, wof\u00fcr dieser Name \u201eChristus\u201c steht, f\u00fcr uns in Anspruch nehmen: Heil und Rettung und Erl\u00f6sung und Kraft f\u00fcr die Durststrecken des Lebens.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich das F\u00fcnfte: Verlass uns bitte nicht! Bleib bei uns, dann wird es gut werden! Wenn das Besch\u00e4mendste, was wir erleben k\u00f6nnen, die nicht erwiderte Liebe ist, das Verlassen-werden; dann ist umgekehrt das, was uns am meisten aufrichtet, dass wir nicht verlassen werden, sondern umarmt und geliebt.<\/p>\n<p>Lasst uns voll Vertrauen Gott um das bitten: Was immer passiert \u2013 bitte verlass uns nicht.<\/p>\n<p>F\u00fcnf N\u00e4hrstoffe des Aufb\u00e4umens gegen das Verk\u00fcmmern auf der Durststrecke: Gott an sein Image erinnern; Schuld eingestehen; wissen: Gott ist da; wir nennen uns nach ihm, dem Retter; und: wir bitten ihn, bei uns zu bleiben.<\/p>\n<p>So werden aus den Ochsen, die am Verdursten sind, Zugtiere, die noch manchen Karren aus dem Sumpf ziehen werden.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rektor i.R. Fritz Neubacher<br \/>\nSt. Georgen im Attergau, \u00d6<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:Fritz.neubacher@aon.at\">Fritz.neubacher@aon.at<\/a><\/p>\n<p>Fritz Neubacher, Jahrgang 1958, Pfarrer der Evang. Kirche A. B. i. \u00d6.; bis 8\/23 Rektor des Werks f\u00fcr Evangelisation und Gemeindeaufbau, seither im Ruhestand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durststrecken bew\u00e4ltigen! | 2. So. nach Epiphanias | 18.1.2026 | Jer 14, 1\u20139 | Fritz Neubacher | Manuel Feller erlebt zurzeit eine Durststrecke. Manuel Feller ist \u00d6sterreichs bester aktiver Slalom-L\u00e4ufer \u2026 aber es l\u00e4uft nicht. 52 Punkte aus f\u00fcnf Saisonrennen ist zu wenig f\u00fcr den Slalom-Weltcupsieger von 2024. 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