{"id":25879,"date":"2026-01-15T11:40:04","date_gmt":"2026-01-15T10:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25879"},"modified":"2026-01-15T11:40:55","modified_gmt":"2026-01-15T10:40:55","slug":"jeremia-141-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-141-9\/","title":{"rendered":"Jeremia 14,1\u20139"},"content":{"rendered":"<h3>Nothelfer haben Fachkr\u00e4ftemangel | 2. Sonntag nach Epiphanias | 18.01.2026 | Jer 14,1\u20139 | Manfred Mielke |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Jeremia ist ein mutiger Prophet in schwierigen Zeiten. Er ist einer der vier \u201eGro\u00dfen Propheten\u201c des Alten Testaments. Er wurde es auch, weil sein Mut entstand aus der \u00dcberwindung starker Zweifel. Diese machen ihn glaubw\u00fcrdig f\u00fcr uns, und so lassen wir uns im Mutigwerden von ihm helfen. Er f\u00e4ngt mit einer Rundum-Sicht an. Er beschreibt Naturph\u00e4nomene so, dass wir ihre Ursachen mit erkennen. \u00dcber die Regenknappheit und die Auswirkungen auf die Tierwelt klagt Jeremia: \u201eWeil die Erde zerschlagen ist, gibt es keinen Regen im Land. Die Wildesel stehen auf kahlen H\u00f6hen, sie schnappen nach Luft wie Schakale, ihre Augen vergehen, denn es gibt kein Kraut.\u201c Die tiefgreifenden \u201eMangelzeiten\u201c (M. Buber) stressen auch das Zusammenleben: \u201eDie Gro\u00dfbauern schicken ihre Knechte nach Wasser, aber sie kehren mit leeren Beh\u00e4ltern zur\u00fcck und die Landarbeiter verh\u00fcllen in Trauer ihre Gesichter.\u201c Anders als die anderen Zornpropheten will Jeremia aber versuchen, Gott umzustimmen und betet: \u201eAch Gott, wenn unsre S\u00fcnden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Du bist doch der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als w\u00e4rst du ein Wanderer, der nur \u00fcber Nacht bleibt?\u201c<\/p>\n<p>Jeremia beschreibt mit offenen Augen, was er sieht, und singt dar\u00fcber unterschiedliche Klagelieder. Wir sp\u00fcren seinen Bildern ab, dass er mitleidet bei seinen Umweltklagen und seiner Sozialkritik. Hinzu kommt, dass er seine individuellen Anteile und die kollektive Schuld nicht so einfach entwirren kann. Aber er kn\u00fcpft daran seine Hoffnung und sein Gebet, wie nach Katastrophen ein Neuanfang m\u00f6glich werden wird: Mit Gott, durch Gott, ja auch in Gott selbst. \u2013 Mit einem konzentrierten \u201eAch!\u201c beginnt seine Anrufung, sein \u201eAch!\u201c ist das Verbindungswort, mit dem er Gottes Barmherzigkeit aufruft. Und mit einem gemeinsamen \u201eAch!\u201c \u00f6ffnet er seine Mitmenschen zur Wahrhaftigkeit gegen\u00fcber Gott und dessen \u00dcberlegenheit.<\/p>\n<p>Ausgangslage ist jedoch, dass \u201eunsere S\u00fcnden uns verklagen\u201c. Wir sehen den Zusammenhang meist anders. Wir klagen wortreich \u00fcber unsre Mini-S\u00fcnden und die Mega-S\u00fcnden der Anderen \u2013 und \u00fcber strukturelle S\u00fcnden sowieso. Der Prophet sieht uns aber nicht als neutrale Kritiker, sondern als Angeklagte unserer Taten. Ihn interessiert weniger das Jammerpotential unserer S\u00fcnden, sondern vielmehr ihre Vergebung. Daf\u00fcr fordert er Gott auf, unsre Misere mit seinem Entgegenkommen zu \u00fcberwinden. Mit seinem Namen, seiner Hoheit, seiner Empathie. Der Prophet bittet nicht um billiges Mitleid, er appelliert, dass Gott an sich selber appelliert. Dass er um seiner-selbst-willen seiner Menschheit hilft. \u201eAch Gott, wenn unsre S\u00fcnden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Dann geschieht dein Wille und dein Schalom kommt in unsre Menschenherzen und Lebensr\u00e4ume.\u201c<\/p>\n<p>Uns hilft, in Gott seine Tugenden und seine Wandlungsf\u00e4higkeit neu zu entdecken. Dazu ermutigt uns Jeremia, wenn er ihn provoziert: \u201eWarum stellst du dich, als w\u00e4rst du ein Wanderer, der nur \u00fcber Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, den der Schrecken gel\u00e4hmt hat? \u201c Gott so auf seine Schreckensl\u00e4hmung anzusprechen, selbst wenn sie uns nur so erscheint, gelingt nur aufgrund eines neuen Muts. Darin zeigt sich schon Jeremias Genesung \u2013 und unsere auch. Gott so zu charakterisieren, als ob er in unserem Elendshaus nur eine Nacht zum Schlafen bleiben mag, zeigt, dass Jeremia das Tal der Schatten bereits durchwandert hat \u2013 und wir auch.<\/p>\n<p>Wir sehen oft Gott als eine Art himmlischen Priester, der uns f\u00fcr unsre Erl\u00f6sung auf Jesu Kreuz und Auferstehung verweist. Aber der Auferstandene geht auch mit uns mit wie mit den traurigen Emmausj\u00fcngern und macht sie der Auferstehung gewiss. Er bleibt nicht zu \u201eBed &amp; Breakfast\u201c, aber er stiftet ihnen das Abendmahl als einen Impuls \u201e\u00fcber Tage\u201c und Traurigkeiten hinweg. Den Beiden \u2013 und uns auch.<\/p>\n<p>\u201eGott, du bist doch der Trost Israels und sein Nothelfer.\u201c Ein Nothelfer zu sein, ist ein ungew\u00f6hnliches Bild f\u00fcr Gott, vielleicht sogar eine kreative Wortsch\u00f6pfung des Jeremia. Ein Nothelfer hilft umfangreicher als es ein schneller Pannenhelfer tut. Bei einer Risikoentscheidung sehnen wir uns einen Nothelfer als begleitenden Schutzpatron herbei. Egal ob sie Nothelfer, Pannenhelfer, Engel oder Schutzpatrone sind \u2013 Hauptsache, wir sp\u00fcren Gott als ihre Kraftquelle.<\/p>\n<p>Einer besonderen Schutzpatronin bin ich sogar auf Arml\u00e4nge nahegekommen. Es war die Heilige Barbara, bzw. ihre Statue. Im Dezember 2001 wurde bei uns die Steinkohlen-Zeche \u201eNiederberg\u201c geschlossen. \u201eSchicht im Schacht\u201c sagten dazu die Bergleute resignierend. Doch sie baten uns katholische und evangelische Pfarrer, mit ihnen ihre Schutzpatronin zu retten. Ansonsten w\u00e4re sie bei der Flutung des Bergwerks versunken. So holten wir die Heilige Barbara von der 5. Sohle aus 900 Meter Tiefe ans Tageslicht, und seitdem hat sie gewiss auch \u201e\u00fcbertage\u201c weitergeholfen.<\/p>\n<p>Beim Nachfragen, seit wann und warum es Nothelfer gibt, fand ich als Antwort die Pestepidemien im Mittelalter. Um 1350 erlag ein Drittel der Bev\u00f6lkerung dem sogenannten \u201eSchwarzen Tod\u201c. Die Wucht war so schrecklich, dass die Pest als einer der vier \u201eapokalyptischen Reiter\u201c galt. Von daher ist es hilfreich, dass dagegen gleich 14 Nothelfer berufen wurden. Sie hatten unterschiedliche Kompetenzen im Heilen und Mutmachen, im Abwehren und in der Prophylaxe. Sie waren in den ersten Jahrhunderten als M\u00e4rtyrer gefoltert und ermordet worden. Das machte sie glaubw\u00fcrdig f\u00fcr Menschen in psychosomatischen und lebensbedrohlichen Krisen. Nach \u00fcber tausend Jahren wurden sie also wieder nach vorne geholt. Ihre Gewalterfahrungen konvertierten dabei zu Beistandsverpflichtungen. So wurden Christopherus und Georg prominent, Agatha, Barbara und Katharina auch.<\/p>\n<p>Zur Heiligen Katharina hat die Gro\u00dfe Dame des englischen Krimis, Agatha Christie, eine weitere Geschichte fabuliert. In ihr fahren die 14 Nothelfer ein zweites Mal zur Erde. Sie geben ihre Heiligenscheine an der Himmelspforte ab und wandern in der Neujahrsnacht 2000 \u00fcber englische Landstra\u00dfen und helfen Bettlern und Ausgesto\u00dfenen. Zum Beispiel einer Mrs. Badcock, die auf einer Abfallhalde einen ganz passablen Kinderwagen gefunden hat, leider fehlten dem die R\u00e4der. Aber zum Gl\u00fcck hat die heilige Katharina dasjenige Rad dabei, auf das man sie einst bei ihrem Martyrium geflochten hat. Und f\u00fcr eine himmlische Helferin ist es ein Leichtes, aus einem Rad vier zu machen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Zwischen dem Mittelalter und Agatha Christie erfuhren die 14 Nothelfer eine weitere Wesensver\u00e4nderung, sie wurden Engel. In Grimms M\u00e4rchen beten H\u00e4nsel und Gretel in gro\u00dfer Not den Abendsegen: \u201eAbends, will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn: zwei zu meinen H\u00e4upten, zwei zu meinen F\u00fc\u00dfen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei die mich decken, zwei, die mich wecken, zwei, die mich weisen zu Himmels Paradeisen!\u201c \u2013 Martin Luther dr\u00e4ngte zwar den Kult um die Nothelfer zur\u00fcck, um Christus allein \u2013 solus christus \u2013 als den eigentlichen Nothelfer Gottes herausragen zu lassen. Aber bei dem ber\u00fchmten Gewitter rief er die Heilige Anna an. Martin Luther wusste zeitlebens zu jedem Nothelfer und Erzengel deren Jobprofil.<\/p>\n<p>Die Heilige Katharina kannte sich mit Wagenr\u00e4dern aus, und so konnte sie einen radlosen Kinderwagen aus dem Schrott bergen und wieder flott machen. Diese Hilfeform erinnert an die ehrenamtlichen \u201eRepair Cafes\u201c. Sie reparieren defekte Sachen, damit die nicht in den M\u00fcll wandern und nebenbei helfen sie gegen menschlichen Kummer. \u2013 Ebenso pragmatisch ist ein Projekt der K\u00e4ltehilfe. Eine Volkshochschule<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> bietet in ihrer Mensa-K\u00fcche abends Kochkurse an; speziell f\u00fcr einfache Mahlzeiten f\u00fcr Hilfesuchende. Die Kurse sind ausgebucht. 120 Portionen Reis mit Kichererbsen-Curry werden beispielsweise an einem Tag zubereitet und ausgeschenkt. Die Ehrenamtlichen dort erfahren dazu eine Dankbarkeit, als w\u00e4ren sie klassische Nothelfer\/innen. \u2013 Als die 3 K\u00e4ltebusse der Berliner Stadtmission von einem verwirrten Mann angez\u00fcndet wurden, kamen viele Geldbetr\u00e4ge zusammen und Autoh\u00e4user boten Ersatzfahrzeuge an. So agieren die Helfer hinter den Helfern, und so sehen wir viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Unsere vielen karitativen und diakonischen Hilfeteams sind Nachfahren der Schutzengel und der Nothelfer. Ihre Kaskade hat ihren Ursprung in Gott als dem Nothelfer Israels. Welche Alleinstellungsmerkmale hat aber Gott als Nothelfer?<\/p>\n<p>Gott geht als Nothelfer anders mit der Zeit um als wir, die wir in Zeitnot geraten sind. Er verk\u00fcrzt die Zeiten des Zorns und dehnt seine Gnade ins Langm\u00fctige. Gott trennt nicht zwischen Seelsorge und Leibsorge. Geheilte werden wieder in ihr Dorf geschickt, Witwen und Waisen erhalten Brot und Recht, Salz und Mut. Gott als Nothelfer ist kreativ und best\u00e4ndig. Sein \u201eIch mache alles neu!\u201c meint seinen kontinuierlichen Sch\u00f6pfungsprozess. Und auch sein Messias Christus ist sich selbst derselbe \u2013 gestern, heute und in Ewigkeit. Gott handelt hautnah und zugleich verborgen. Er verbirgt sich in Wolken und Feuers\u00e4ulen und ringt mit Dir wie ein Ringk\u00e4mpfer notfalls bis zur Morgenr\u00f6te. Gott als Nothelfer beruft seine Leute privat und zugleich programmatisch. Jesus hat seine J\u00fcnger aus ihrem Umfeld herausgerufen und sie ausgesandt wie Schafe unter W\u00f6lfe.<\/p>\n<p>So finden wir die Spuren Gottes als \u201eTrost und Nothelfer Israels\u201c bis zu uns. Wir sind begabt und beauftragt, auch gegen die Mega-S\u00fcnden unsrer Zeit. Seien es Verteilk\u00e4mpfe um Ressourcen oder das Insektensterben oder andere Bedrohungen. Denn uns kommt der Sch\u00f6pfergott entgegen, der uns aus der Schreckensstarre heraushilft. Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<br \/>\n<\/strong>Du sendest uns durch dein Wort in die Welt<br \/>\nDie Erde ist des Herrn<br \/>\nHerr, gib uns Mut zum H\u00f6ren<br \/>\nWenn das Brot, dass wir teilen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Manfred Mielke<\/strong>, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geb 1953, verheiratet, 2 S\u00f6hne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und bei Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn und Ruanda. Musiker und Arrangeur.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten<br \/>\n<\/strong><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> zitiert nach: Chr. Feldmann; M\u00fcnchner Kirchenzeitung, 18.07.2021, Nr. 29.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Tagesschau 13.01.2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nothelfer haben Fachkr\u00e4ftemangel | 2. 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