{"id":25906,"date":"2026-01-27T11:43:10","date_gmt":"2026-01-27T10:43:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25906"},"modified":"2026-01-27T11:43:26","modified_gmt":"2026-01-27T10:43:26","slug":"matthaeus-2514-30-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2514-30-13\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,14\u201330"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Ein Finger auf der Waage <\/strong>| Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. Februar 2026 | Matth\u00e4us 25,14\u201330 | Jan Asmussen |<\/h3>\n<p><strong>Ein Finger auf der Waage<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit ist eine strenge Richterin, sagt man. Es gibt daher kein h\u00e4rteres Gericht, als wenn ein Mensch sich selbst fragt: \u201eWas habe ich eigentlich mit meinem Leben getan? Was habe ich eigentlich gemacht in den Jahren, die ich bekam?&#8220; Es ist eine bohrende Frage, die zum Alter geh\u00f6rt im R\u00fcckblick auf unumkehrbare Fehlentscheidungen und verschwendete M\u00f6glichkeiten. Aber diese Frage kann auch junge Menschen l\u00e4hmen, die viele M\u00f6glichkeiten sehen und gezwungen sind, sich f\u00fcr eine einzige zu entscheiden. Welche Ausbildung? Mit wem soll ich Eltern werden? Alles kann ja nur einmal gelebt werden, auch wenn junge Leute sich leicht einbilden, sie k\u00f6nnten einfach von vorn beginnen. Das kann man ja nicht. Also was soll ich mit meinem Leben tun?<\/p>\n<p>In der klassischen Vorstellung vom J\u00fcngsten Gericht geht es um diese Abrechnung, wie die Zeit verwendet wurde. Der Erzengel steht auf der obersten Treppenstufe mit seiner Waage wie eine himmlische Justitia. \u00dcber den Rand der einen Waagschale lugt das Gesicht der bangenden Seele hervor \u2013 so kann man es auf einem mittelalterlichen Kalkgem\u00e4lde in einer d\u00e4nischen Dorfkirche sehen. In der anderen Waagschale liegen die guten Taten dieses Menschen. Sind sie genug, oder wird die arme Seele gewogen und zu leicht befunden? Der Erzengel tr\u00e4gt die Waage mit neutraler Miene und kalter Gerechtigkeit. An der gegen\u00fcberliegenden Wand der alten Kirche wird die Konsequenz ausgemalt, falls die Seele zu leicht befunden wird. Hier findet sich ein anderes Kalkgem\u00e4lde, wo die armen Seelen, die nicht bestanden haben, von Teufeln mit Dreizack und Schaufel willkommen gehei\u00dfen und hinab in einen flammenden H\u00f6llenschlund geschaufelt werden. \u201eWof\u00fcr hast du dein Leben verwendet?&#8220; \u2013 das ist nicht nur eine moderne Frage. Sie qu\u00e4lte auch die Menschen des Mittelalters.<\/p>\n<p>\u201eIch kannte dich als einen harten Mann&#8220;, sagt der mit dem einen Talent, was als Rechenschaft abgelegt werden soll, \u201eund aus Furcht vor dir habe ich dein Talent in der Erde vergraben.&#8220; Ich habe immer gedacht, gerade er sei der Zuverl\u00e4ssigste der drei: die beiden anderen jonglierten mit dem anvertrauten Geld und h\u00e4tten es ebenso gut in einer wirtschaftlichen Fehlentscheidung verlieren k\u00f6nnen. Dann w\u00e4ren sie nur imstande gewesen zu sagen: \u201eEntschuldigung! Ich bekam f\u00fcnf oder zehn Talente, aber leider verlor ich sie bei einer ungl\u00fccklichen Investition.&#8220; Der Einzige der drei, der jede einzelne Nacht ruhig schlafen konnte \u2013 das ist der, der das Anvertraute an einem sicheren Ort verwahrt hat. Er kann sagen: \u201eSiehe, hier hast du das Talent, das du mir anvertraut hast.&#8220; Man kann fast seinen Stolz in diesen Worten h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, dass das Gleichnis von den Talenten mit einer so grausamen Strafe f\u00fcr den Mann mit dem einen Talent endet. \u201eWerft ihn hinaus in die Finsternis&#8220;, hei\u00dft es. Das hat er eigentlich nicht verdient. Das haben alle unter uns nicht verdient, die einfach ihr gew\u00f6hnliches Leben leben und ihren kleinen gew\u00f6hnlichen Laden f\u00fchren. Die meisten Menschen gleichen ja dem mit dem einen Talent: ihnen geh\u00f6ren die meisten Grabsteine dort drau\u00dfen auf dem Friedhof mit Inschriften, die langsam verwittern, bis das Grab irgendwann eingeebnet wird, weil niemand mehr eine Verbindung f\u00fchlt. Und dann gleiten diese Namenlosen ein in die unendliche Reihe derer, die ein Leben bekamen und ein Leben zur\u00fcckgaben, als es zu Ende gelebt war. Ein Talent \u2013 eins zu eins \u2013 ohne etwas Besonderes, Knochen auf Knochen unten in der Erde ohne spektakul\u00e4re Konsequenzen. Was du bekamst, gabst du. Nicht mehr. Nicht weniger.<\/p>\n<p>\u201eDu b\u00f6ser Knecht&#8220;, wird der mit dem einen Talent genannt. Lasst uns die Erz\u00e4hlung noch einmal betrachten, um zu verstehen, warum er so hart beurteilt wird. Ich glaube, der Schl\u00fcssel liegt in seiner Einstellung und Erwartung gegen\u00fcber dem, der ihm das eine Talent anvertraut hat. \u00dcber diese Einstellung erfahren wir etwas. Sie ist n\u00e4mlich von Furcht gepr\u00e4gt. Seine Sache ist bereits entschieden, bevor er \u00fcberhaupt beginnt zu \u00fcberlegen, wie er auf das Anvertraute aufpassen soll, n\u00e4mlich in der Aussage \u201eIch kannte dich als einen strengen Herrn.&#8220; Das bedeutet: es liegt au\u00dferhalb der Vorstellungskraft dieses Knechtes, dass Gnade und Vergebung m\u00f6glich sind. Er hat daher nur eine Strategie, n\u00e4mlich auf dem schmalen Pfad zu bleiben, um nicht den Zorn seines Herrn zu wecken. Deshalb ist er so vorsichtig.<\/p>\n<p>Und dort kann dieses irritierende Gleichnis von den anvertrauten Talenten einen Sinn oder eine Pointe haben. Wenn Jesus die mutigen Knechte hervorhebt, dann deshalb, weil er sagen will: \u201eLasst die Kontrolle los.&#8220; \u2013 \u201eIhr sollt euch nicht sorgen&#8220;, sagt Jesus an anderer Stelle, \u201eseht die Lilien auf dem Feld und die V\u00f6gel des Himmels.&#8220; Lebt in den Tag hinein, ohne das Leben beherrschen zu m\u00fcssen. Hadere nicht mit deinen eigenen gro\u00dfen Fehlentscheidungen der Vergangenheit, wenn du alt geworden bist. Tr\u00f6ste den jungen Menschen, indem du sagst: \u201ees wird so gut werden, freue dich!&#8220; Tr\u00f6ste den alten Menschen, indem du sagst: \u201ealles ist so geworden, wie es sollte, so gut und richtig!&#8220; Und f\u00fcr uns dazwischen, die weder richtig jung noch richtig alt sind: tu deine kleine Arbeit, lass die Dinge geschehen, gib dich dem Fluss hin, den das Leben nun mit dir vor hat. Wisse, dass du keinen strengen und unbarmherzigen Herrn hast, sondern einen Gott, der barmherzig und gn\u00e4dig ist, geduldig und von gro\u00dfer G\u00fcte \u2013 so lautet die Formel an vielen Stellen der Bibel. Es macht einen Himmelsunterschied, ob wir versuchen, die Schritte des Lebens zu kontrollieren, oder ob wir unbek\u00fcmmert mit dem Strom flie\u00dfen. Das ist die innere Ruhe, die das Evangelium bringen m\u00f6chte, weil sie die einzig m\u00f6gliche und ganz selbstverst\u00e4ndliche Reaktion darauf ist, dass Gott gn\u00e4dig und nicht streng ist, liebevoll und nicht kleinlich. Der Mut zu leben kommt nicht von selbst, sondern daher, dass wir uns im Voraus vergeben und geliebt wissen.<\/p>\n<p>Deshalb gibt es ein Detail in manchen mittelalterlichen Kalkgem\u00e4lden der Seelenw\u00e4gung durch den Erzengel, das ich noch nicht erw\u00e4hnt habe, das aber ausdr\u00fcckt, was ich hier sagen will. Dieses Detail kann man auch in der genannten Dorfkirche sehen: ohne eine Miene zu verziehen, streckt der Erzengel einen Finger unter seinem Mantel hervor und legt ihn auf die Waagschale mit den guten Werken des Menschen und beschwert sie. Die Seele in der anderen Waagschale l\u00e4chelt, ohne zu verstehen, warum die Waage pl\u00f6tzlich zur erl\u00f6senden Seite kippt. \u00dcber der Szene steht das Tor zum himmlischen Jerusalem offen, und die Jungfrau Maria steht bereit zum Empfang mit offenen Armen. Der Erzengel steht ohne eine Miene zu verziehen und verk\u00fcndet dort an der gekalkten Wand: wir haben einen himmlischen Vater, der Gnade vor Recht ergehen l\u00e4sst. Einen Gott, der nicht \u2013 wie der dritte Knecht f\u00e4lschlich glaubt \u2013 erntet, wo er nicht ges\u00e4t hat, sondern im Gegenteil zu unseren Gunsten eingreift und s\u00e4t, wo er kaum geerntet hat.\u00a0Barmherzig\u00a0und gn\u00e4dig\u00a0ist der HERR, geduldig und von gro\u00dfer G\u00fcte.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Jan Sievert Asmussen, Farum<br \/>\njsas(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Finger auf der Waage | Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. Februar 2026 | Matth\u00e4us 25,14\u201330 | Jan Asmussen | Ein Finger auf der Waage Die Zeit ist eine strenge Richterin, sagt man. Es gibt daher kein h\u00e4rteres Gericht, als wenn ein Mensch sich selbst fragt: \u201eWas habe ich eigentlich mit meinem Leben getan? 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