{"id":25911,"date":"2026-01-27T11:53:17","date_gmt":"2026-01-27T10:53:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25911"},"modified":"2026-01-27T11:53:17","modified_gmt":"2026-01-27T10:53:17","slug":"offenbarung-19-18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-19-18-2\/","title":{"rendered":"Offenbarung 1,9\u201318"},"content":{"rendered":"<h3><strong>\u201cThere is a crack in everything that\u2019s how the light gets in\u201d (Leonard Cohen <\/strong>| Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. Februar 2026 |\u00a0<strong>Offb 1,9\u201318<\/strong> | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p><strong>\u201cThere is a crack in everything that\u2019s how the light gets in\u201d (Leonard Cohen)<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind mittendrin im furiosen Finale der Bibel \u2013 ganz gro\u00dfes Kino zwischen dystopischen Bildern und einer gro\u00dfen Utopie am Ende: \u201eSiehe, ich mache alles neu\u201c (Offb 21,5 [Jahreslosung 2026]). Schon der Anfang der Johannesoffenbarung ist gewaltig. Der Seher Johannes bekommt den Auftrag, zu schreiben, was er sieht und was er sehen wird. Das ist nicht irgendetwas. Da wird die Rede von Prunk und Pracht, von Blut und Bedr\u00e4ngnis sein, von apokalyptischen Reitern und wei\u00dfen Pferden, von einer Himmelsreise und einem Thronsaal voller Hymnen, von einer Frau und einem Drachen und einem Kind, von Engeln und Zeichen, von der endzeitlichen Schlacht in Harmagedon, von einem Lamm, das siegt, und von einer Stadt, die geschm\u00fcckt wie eine Braut vom Himmel herabsteigt. Wovon Johannes schreiben soll, ist nicht einfach nur irgendetwas. Da geht es um alles oder nichts. Und auch der, in dessen Auftrag er schreibt, ist nicht irgendwer, sondern einer, vor dem man wie tot vor die F\u00fc\u00dfe f\u00e4llt. Haare wie blendender Schnee, Augen wie Feuerflammen, F\u00fc\u00dfe wie Golderz, eine Stimme wie ein gro\u00dfes Wasserrauschen, statt einer Zunge w\u00e4chst ein Schwert aus seinem Mund, sein Antlitz ist hell wie die Sonne und in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt er nichts Geringeres als die Schl\u00fcssel des Todes und der H\u00f6lle. Ein gewaltiges, ja fast ein gewaltt\u00e4tiges Bild mit Schwert und Feuerflammen, voll Rauschen und Blenden. Ein Bild, das mich \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Mir ist die Offenbarung des Johannes zu grell und zu gro\u00df, zu unwirklich und zu bizarr. Doch auch wenn diese dramatischen und mythischen Bilder nicht meine Welt, mein Geschmack und meine Kultur sind, will ich sie verstehen. Was muss geschehen sein, wenn einer so schreibt? Was muss einer f\u00fchlen, wenn so surreale Bilder nachts in seinen Tr\u00e4umen aufsteigen? Vielleicht sind es gerade die ganz dunklen Stunden, in denen die ganz gro\u00dfe Hoffnung keimt? Vielleicht ist es das Gef\u00fchl von absoluter Ohnmacht, das so m\u00e4chtige Bilder von Allmacht entstehen l\u00e4sst? Hei\u00dft es nicht: \u201eDie gr\u00f6\u00dften Tr\u00e4ume von Freiheit werden im Kerker getr\u00e4umt\u201c (Friedrich Schiller) oder: \u201eUnsere s\u00fc\u00dfesten Lieder sind gepresst aus unseren bittersten Jahren\u201c (Eva Strittmatter)? Dunkle Zeiten: Tage wie Kerkerr\u00e4ume undurchl\u00e4ssig f\u00fcr Licht und bittere N\u00e4chte gab es wohl, als die Johannesapokalypse geschrieben wurde. Die Menschen, die an Jesus glaubten, haben unter einer Herrschaft mit tyrannischen Z\u00fcgen gelebt, die r\u00f6mische \u00dcbermacht bestimmte das Leben und den Glauben. \u201eDominus noster et deus noster\u201c (unser Herr und unser Gott) \u2013 so lie\u00df sich der Kaiser nennen. F\u00fcr den Gott Israels und Jesus bleibt bei solchen Herrschafts- und Verehrungsanspr\u00fcchen wenig Raum. Die Menschen, die glauben, leiden unter Verfolgung oder haben sich einfach angepasst oder auch beides zusammen. Innerhalb der Gemeinde k\u00f6chelt die Hoffnung auf Sparflamme und der Glaube schw\u00e4chelt vor sich hin. Das ist die Welt, mit der sich Johannes konfrontiert sieht, das sind die Menschen, denen er schreibt, das ist seine ganz eigene H\u00f6lle, in der er lebt und die er \u00fcberleben will. \u201eGenosse der Tr\u00fcbsal und Bedr\u00e4ngnis\u201c \u2013 so stellt er sich vor. Er tritt nicht als gro\u00dfer Vision\u00e4r und Gottgesandter auf \u2013 das ist er auch \u2013 sondern er nimmt die Perspektive der Opfer ein, wird einer von ihnen und zur Stimme derer, die sich ohnm\u00e4chtig f\u00fchlen. Immer wieder scheint die Perspektive der Opfer und Ohnm\u00e4chtigen in dieser Schrift mit ihren gewaltigen, m\u00e4chtigen und mitunter verst\u00f6renden Bildern durch (Offb. 2,1.9; 6,10). Johannes will tr\u00f6sten und seine gro\u00dfe Gewissheit teilen: Ein Gott wird kommen, der \u00fcber alle selbsternannten G\u00f6tter erhaben ist. Eine neue Welt wird kommen, eine Sch\u00f6pfung 2.0, die das einstige Paradies in den Schatten stellt und \u00fcberstrahlt. In dieser Gewissheit lebt, hofft und glaubt Johannes. In seiner eigenen Ohnmacht setzt er alles auf Gottes Allmacht (Offb.1,8; 4,8; 18,8; 21,22), auf den Herrn, der gr\u00f6\u00dfer als alle Herren dieser Welt ist und alle \u00fcberwindet: \u201eUnd alle Gesch\u00f6pfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, h\u00f6rte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm \/ geb\u00fchren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit.\u201c (Offb. 5,13)<\/p>\n<p>Johannes will, dass das alle Welt wei\u00df. Und er schreibt \u2013 im Auftrag von ganz oben. Er schreibt an sieben Gemeinden (Offb. 1,11; vgl. auch 2-3). Die Zahl Sieben steht f\u00fcr Vollkommenheit. Mehr geht nicht. Sieben Siegel (Offb. 4,1.8,1), sieben Posaunen (Offb. 8,2-14,20), sieben Schalen (Offb. 15,1-22,5), sieben goldene Leuchter (Offb. 1,12), ein Drache mit sieben H\u00e4uptern und sieben Kronen (Offb. 1,3), ein Lamm mit sieben H\u00f6rnern und sieben Augen, die sieben Geister Gottes sind (Offb. 5,6). In der Johannesapokalypse geht es immer um alles und es geht alle an. Alle Menschen, wenn sie glauben und danach handeln, sind hineingenommen in die gro\u00dfe Vision, egal wann und wo sie leben, gelebt haben und leben werden. Wenn von sieben Gemeinden die Rede ist, sind alle Gemeinden auf der Welt gemeint. Die Hoffnung des Johannes ist aber nicht nur eine globale, alle Orte der Welt umfassende Vision, sondern sie ist auch zeit\u00fcbergreifend. Was Johannes sieht und wovon er schreibt, liest sich wie eine Collage aus Zitaten aus den alttestamentlichen Schriften, die neu kombiniert werden und so eine neue Version der alten Hoffnung von Generationen bilden. Das beeindruckt mich: Die Bilder der Hoffnung, die Johannes zu einem neuen Gem\u00e4lde formt, sind \u00e4lter als Johannes und \u00fcberdauern Johannes. Sie reichen sowohl in die Geschichte des Volkes Israel als auch in unsere Zeiten und unsere Gegenwart hinein. Immer wieder wurde die Offenbarung in Krisenzeiten als Strategie der Leidensbew\u00e4ltigung wiederentdeckt. Der Welt, unter der man so leidet, wird eine radikal andere Welt als Zukunftsvision entgegengestellt. Mit dieser Zukunft vor Augen kann man leben. \u201eWir sind von allen Seiten bedr\u00e4ngt, aber wir \u00e4ngstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdr\u00fcckt, aber wir kommen nicht um.\u201c (2 Kor 4,8f [Epistellesung: 2 Kor 4,6-10]). Das ist etwas anderes als Vertr\u00f6stung, Opium f\u00fcr das Volk oder Fantasy-Kino mit happy end. Hoffnung verleiht Mut und ermutigt zum Handeln. Das Gebr\u00fcll der Tyrannen wird nicht das letzte Wort sein. Das Ende klingt anders. \u201eF\u00fcrchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte. Und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schl\u00fcssel des Todes und der H\u00f6lle.\u201c (Offb. 1,17-18). Bereits am Anfang der Johannesapokalypse ist das Ende klar, da erwartet einen kein offenes Ende, sondern ein gutes. Die dystopischen (Schreckens-)Bilder, die Johannes sieht, m\u00fcnden in die Utopie der neuen Welt: \u201eUnd ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. [\u2026] Und Gott wird abwischen alle Tr\u00e4nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.\u201c (Offb. 21,1.4). Diese Zukunft scheint schon jetzt in das Leben hinein, immer wieder scheint sie auf mitten im Leben. \u201cThere is a crack in everything that\u2019s how the light gets in\u201d (Leonard Cohen).<\/p>\n<p>Mir ist die Offenbarung des Johannes zu grell und zu gro\u00df, zu unwirklich und zu bizarr. Aber ich bin Genossin der Hoffnung, die Johannes zum Schreiben treibt. Doch f\u00fcr mich m\u00fcssen es nicht immer die ganz pr\u00e4chtigen und m\u00e4chtigen Visionen sein. Hoffnung kann zarter, Trost kann leiser sein. \u201eHoffnung ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist\u201c (Tagore). Ein sch\u00f6nes, starkes und zerbrechliches Bild zugleich. Wenn ich nach einer dunklen Nacht die Fenster \u00f6ffne und ein kleiner Vogel singt in der aufgehenden Morgensonne sein zartes Lied, dann kann ich die alte prophetische Weissagung manchmal sp\u00fcren wie ein Hauch, der kurz meine Wange streicht und sich tief ins Herz brennt: \u201e\u00dcber dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint \u00fcber dir.\u201c (Jes 60,2 [Wochenspruch]). Vielleicht ist es das, was Johannes sagen will: Mitten im Dreck und Dunkel sp\u00fcrst du, wie die neue Welt aufblitzt \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen kurzen Moment eines fl\u00fcchtigen Vogelliedes. Es gibt sie, diese Momente, in denen man klar sieht und sp\u00fcrt, was schon jetzt unsere Zukunft ist. \u201eDenn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entst\u00fcnde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.\u201c (2 Kor 4,6 [Epistellesung: 2 Kor 4,6-10]). Hoffnungsschimmer, Lichtblicke und sei es nur ein einziger Sonnenstrahl, der durch eine dunkelschwere Wolkendecke bricht. Wir haben im Evangelium \u00fcber die Verkl\u00e4rung Jesu auf dem Berg geh\u00f6rt (Mt 17,1-9 [Evangeliumslesung]). Einen Moment leuchtet die Klarheit auf, kaum zu fassen. Sie leuchtet in jedem Dunkel, gl\u00e4nzt in Staub und Dreck und f\u00e4hrt wie ein greller Blitz durch unsere Albtr\u00e4ume: \u201eSiehe, ich mache alles neu.\u201c (Offb. 21,5). Vielleicht ist es manchmal so, dass die gr\u00f6\u00dften Tr\u00e4ume von Freiheit im Kerker getr\u00e4umt werden und die s\u00fc\u00dfesten Lieder aus unseren bittersten Jahren gepresst sind. Mir f\u00e4llt ein Lied ein, nicht grell und trotzdem gro\u00df. In dunklen Zeiten, in enger Kerkerhaft des Gestapogef\u00e4ngnisses verfasste Dietrich Bonheffer den letzten einer \u201eBrautbriefe Zelle 92\u201c an seine Verlobte Maria von Wedemeier. Das war im Dezember 1944, kurz vor Weihnachten. Beigelegt war dem Brief ein kleines Gedicht, das zu einem gro\u00dfen Lied wurde.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen<br \/>\nerwarten wir getrost, was kommen mag.<br \/>\nGott ist bei uns am Abend und am Morgen<br \/>\nund ganz gewiss an jedem neuen Tag.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Im April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer hingerichtet. Seine letzten Worte an einen Mitgefangenen waren: \u201eDies ist das Ende, f\u00fcr mich der Beginn des Lebens.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eWenn sich die Stille nun tief um uns breitet<br \/>\nso lass uns h\u00f6ren jenen vollen Klang<br \/>\nder Welt, die unsichtbar sich um uns weitet<br \/>\nall deiner Kinder hohen Lobgesang.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>PD Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\nHildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><br \/>\nMartina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cThere is a crack in everything that\u2019s how the light gets in\u201d (Leonard Cohen | Letzter Sonntag nach Epiphanias | 01. 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