{"id":25929,"date":"2026-02-04T20:25:54","date_gmt":"2026-02-04T19:25:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25929"},"modified":"2026-02-04T20:25:54","modified_gmt":"2026-02-04T19:25:54","slug":"hesekiel-21-10-31-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hesekiel-21-10-31-3\/","title":{"rendered":"Hesekiel 2,1-10; 3,1-3"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Gottes Bauchgef\u00fchl im Widerruf | Sexagesim\u00e4 | Hesekiel 2,1-10; 3,1-3 | 08.02.2026 | Markus Kreis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott macht mehr aus dem Bauch heraus, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Da ist der Bauch des Walfisches, aus dem er Jona befreit. Da ist der Schiffsbauch der Arche, mit dessen Hilfe er Noah samt Familie aus der Sintflut rettet. Da ist der Bauch der Maria, der Jesus zur Welt bringt. Da ist der Bauch des Felsengrabs, dem Jesus lebendig entspringt. Gott also wie ein Bauchmensch? Gott als ein Kopfmensch, damit d\u00fcrften viele weniger Probleme haben. Denn das steht f\u00fcr etwas, was heute quasi ohne Ausnahme als gut erachtet wird, f\u00fcr Logik, Analyse und Fakten. Gott mag gerne wie ein Kopfmensch sein, wie ein Bauchmensch ist er also auch. Selbst wenn viele das als etwas Schlechtes auffassen, als einen Vorwurf h\u00f6ren. Z\u00fcgellos, unbeherrscht, ohne Disziplin, vor lauter Gier blind und bl\u00f6d f\u00fcr die wahre Wirklichkeit \u2013 ja, oft sogar wider besseres eigenes Wissen und den eigenen Verstand. Alles andere als schmeichelhaft. Und doch stimmt es: Gott wirkt aus dem Bauch heraus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schauen wir mal auf das Kind in der Krippe. Den kleinen Jesus finden doch die meisten da zum Fressen s\u00fc\u00df. Zugegeben, bei dem Mann Jesus mit seinem Haupt voll Blut und Wunden \u2013 da sieht es schon ganz anders aus. Statt zum Fressen s\u00fc\u00df \u2013 unappetitlich, eklig, ja richtig absto\u00dfend. Und angesichts seiner entfleucht aus der Tiefe der Seele sogleich das Dementi: Das kann doch nichts mit Gott und seiner Liebe zu tun haben! Was soll das? Welcher freie Mensch mit Vernunft und Verstand glaub schon so was, Pffft! Und sie drehen ab und gehen erhobenen Hauptes weiter ihrer Wege. Best\u00fcrzung Fehlanzeige!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, die Leute k\u00f6nnten oder m\u00fcssten sich ersch\u00fcttert zeigen: Ob dessen, was da aus dem s\u00fc\u00dfen Kleinen im Stall geworden ist. Der in der Krippe und der am Kreuz, das ist immerhin ein- und derselbe Jesus. Anlass zu Mitgef\u00fchl in Traurigkeit g\u00e4be so ein Lebensgang mindestens. Mit dem pers\u00f6nlich davon betroffen sein, ist das nat\u00fcrlich so eine Sache. F\u00e4llt schwer, wenn man Gott au\u00dfen vorl\u00e4sst, und Weihnachten letztlich nur als nette oder irgendwie n\u00fctzliche Spielerei sieht. Aber wenn Mensch im Ernst meint, dass Gott da am Anfang von Jesu Lebens dabei ist, und am Ende auch \u2013 ja dann k\u00f6nnte Mensch in und trotz aller Trauer statt einem Pfft auch sagen: Statt der Natur zum Fressen vorgeworfen zu sein, wurde Jesus dem Bauch des Todes entnommen. Doch das ist vielen zu viel. Da verlieren sie schnell den Boden unter den F\u00fc\u00dfen samt innerem Gleichgewicht und ihrem Bauchgef\u00fchl. Der Worte beraubt, die Sprache verschlagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So \u00e4hnlich ist es dem Hesekiel mit Gott und dessen dunkler Seite ergangen. Welches Gesicht hat den Hesekiel von den F\u00fc\u00dfen geholt? Es war wohl schrecklich und sch\u00f6n zugleich. Ganz wie bei der Krippe im Stall und am Kreuz auf Golgatha. Weihnachten das Lichterfest. Vor lauter Stern und Glanz \u00fcbersehen wir bei der Krippe, wie fleckig und schmierig, stinkig und stumpf es da zuging. Und vor lauter Not und Elend \u00fcbersehen wir beim Kreuz und Grab, dass hier der lebendige Gott g\u00fctig am Werke ist. Und dass sein kommendes Licht Tod und Dunkel zum ewigen Leben ausleuchtet. Schaurig und entsetzlich, anziehend und herrlich. In Hesekiels Ohren dr\u00f6hnen jedenfalls Totenstille und zugleich unb\u00e4ndige Laute, teils ohne Vokale oder Konsonanten. Im Finstern des Weltalls und doch strahlend hell, ein Kraftfeld, aus dem Lichtstrahlen glei\u00dfend brechen und sich fortsetzen. Drum herum und mittendrin vier fliegende Mischwesen, die da auf und ab und hin und her schweben, jedes zugleich aus einem Menschen, Adler, L\u00f6we und Stier verfertigt. Und wie ein Mutterschiff f\u00fchren diese Mischwesen eine Art Drohnen mit sich, die ihren Befehlen gehorchen zu schienen und um sie herum auf und ab und hin und her wogten. Und dann&#8230; Hesekiel berichtet im 2. Kapitel:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><sub>1<\/sub><\/em><em>Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine F\u00fc\u00dfe, so will ich mit dir reden. <sub>2<\/sub>Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine F\u00fc\u00dfe, und ich h\u00f6rte dem zu, der mit mir redete. <sub>3<\/sub>Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtr\u00fcnnigen Israeliten und zu den V\u00f6lkern, die von mir abtr\u00fcnnig geworden sind. Sie und ihre V\u00e4ter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. <sub>4<\/sub>Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte K\u00f6pfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: \u00bbSo spricht Gott der Herr!\u00ab <sub>5<\/sub>Sie gehorchen oder lassen es \u2013 denn sie sind ein Haus des Widerspruchs \u2013, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.<\/em> <em><sub>6<\/sub><\/em><em>Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht f\u00fcrchten noch vor ihren Worten f\u00fcrchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht f\u00fcrchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen \u2013 denn sie sind ein Haus des Widerspruchs \u2013, <sub>7<\/sub>sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.<\/em> <em><sub>8<\/sub><\/em><em>Aber du, Menschenkind, h\u00f6re, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. <sub>9<\/sub>Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. <sub>10<\/sub>Die breitete sie aus vor mir, und sie war au\u00dfen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>3 <\/em><em><sub>1<\/sub><\/em><em>Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! <sub>2<\/sub>Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen <sub>3<\/sub>und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und f\u00fclle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da a\u00df ich sie, und sie war in meinem Munde so s\u00fc\u00df wie Honig.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch hier wirkte Gott aus dem Bauch heraus. Denn der Prophet fand Gottes Esspapier zum Fressen s\u00fc\u00df. Obwohl auf der Schriftrolle eine bittere Wahrheit festgehalten war. Und die zeugte von Schmerz, Leid und Elend. Aufgemerkt! Geschieht hier etwas nach dem Motto Rache ist s\u00fc\u00df? Ist Hesekiel ein Sadist? Oder missg\u00fcnstig und freut sich am Schaden anderer? Nein. Es geht bei der schrecklich s\u00fc\u00df bitteren Schriftrolle um die Doppelheit von Glanz und Elend, von Beseeltheit und sanft stillem Rausch, gepaart mit b\u00f6sem Erwachen und n\u00fcchterner Analyse. Eine Doppelung, die uns bei dieser Predigt schon eine Weile begleitet. Gott sieht sich gezwungen den Mann wortreich und regelrecht zu \u00fcberzeugen, auf dass er seinem Auftrag nachkomme. Was auch dagegen spricht, dass Hesekiels Charakter von Grund auf missg\u00fcnstig ist und sich am Schaden anderer erfreut. Die Szene legt eher nahe, als w\u00fcrde sich der Mann am liebsten verkr\u00fcmeln und hoffen, dass die ganze Sache vor\u00fcber ist, wenn er sich wieder traut, aus seiner Bodenritze zu linsen. Denn auch in Hesekiel wartet tief drin eine Stimme, die angesichts des Schrecklichen gerne ein Dementi geben w\u00fcrde. Aus der Tiefe der Seele sagen w\u00fcrde: Das kann doch nichts mit Gott und seinem Werk der Liebe zu tun haben! Was soll das? Welcher freie Mensch mit Vernunft und Verstand glaub schon so was, Pffft!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber diese Stimme bleibt wie verschluckt. Als ob eine Schalld\u00e4mmung tief im Propheten dagegen arbeiten w\u00fcrde. Das ist sehr erstaunlich. Kein Dementi \u2013 das kann doch nichts mit Gott zu tun haben! Und dies, obwohl Hesekiel seine Leute und Adressaten kennt. Sie sind wie Dorngeb\u00fcsch und Skorpione. Und er ahnt, was passiert, wenn er ihnen all das ausrichtet, was von Gott kommt, den Schmerz, das Leid und Elend. Dann wird der blo\u00dfe m\u00fcndliche Widerspruch noch das kleinste Problem f\u00fcr sein Leben werden. Dann geht es um Verhaken und Verbei\u00dfen, Hauen und Stechen, um Gift verspritzen, um Angriffe, die hinterr\u00fccks gef\u00fchrt werden. Wie kann der es nur wagen&#8230;?! Welcher Politiker oder Chef traut sich heute so was schon? Welcher Politiker oder Chef schafft so etwas? Und zwar ohne seine Klientel und Spezln mild au\u00dfen vor zu lassen und zu schonen? Und stattdessen jedermann und jedefrau auf ihre Rolle in dem Verh\u00e4ngnis anzusprechen? Kein Wunder also, wenn Hesekiel da ein ganz und gar anderes Bauchgef\u00fchl bekommen h\u00e4tte und ihm sehr mulmig geworden w\u00e4re. Aber genau das bleibt aus statt zu geschehen. Ein Wunder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kein Wunder. Denn Gott wei\u00df um das mulmige Bauchgef\u00fchl, er kennt den Drang des Dementis. Deshalb nimmt er die Denkhemmung vorweg und r\u00e4umt sie aus. Er l\u00e4sst sozusagen das Dementi verhungern und f\u00fcttert die Stimme, aus der die Wahrheit bricht. So dass die Wahrheit, nunmehr mit einem Mal erkannt, sich unstillbar meldet und alle anderen Stimmen nebenbei ein f\u00fcr alle Mal verdr\u00e4ngt. Vielleicht geht es da \u00e4hnlich zu wie bei einem Feinschmecker. Der hat schon so manches gegessen und getrunken, mal Besseres, mal Schlechteres, mal weniger teures und mal weniger billiges geschmeckt und genossen. Und dann entdeckt er da einen Riesling von der Mosel im Glas. Zuerst steigt ihm so etwas wie Funkenschlag in die Nase, es riecht so, als ob man einen Feuerstein gegen einen sehr harten anderen Stein schl\u00fcge. Mit einem weiteren Schluck kommt dazu eine Frucht, wie fast \u00fcberreife Melone oder Weinbergpfirsich, fleischig und saftig und s\u00fc\u00df. Zum dritten dann ein Hauch wie von rohem Wildbret. Das Ganze bet\u00f6rt in wundersamer Mischung cremig die Zunge samt Gaumen, schliert fett die Glaswand hinab. Liegt aber trotzdem leicht in der Mundh\u00f6hle, denn die Fl\u00fcssigkeit perlt leise und erfrischend. Der Wein wird zum g\u00fcltigen Ma\u00dfstab f\u00fcr jeden Geschmack von Riesling. Unumkehrbar. Und so \u00e4hnlich schafft Gott wohl im Menschen den g\u00fcltigen Ma\u00dfstab f\u00fcrs Bauchgef\u00fchl. Alles erfassend. Unwiderruflich. Auf dass jedes Dementi wider Gott und sein g\u00fctiges Werk in uns erl\u00f6sche und schweige. Und nur Gott sich in uns und aus uns melde und hervorkomme, wie sch\u00f6n oder schrecklich die Welt auch anzusehen ist. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Markus Kreis OStR<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hirschkopfstrasse 9<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">D-69469 Weinheim<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">markus_kreis@web.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gottes Bauchgef\u00fchl im Widerruf | Sexagesim\u00e4 | Hesekiel 2,1-10; 3,1-3 | 08.02.2026 | Markus Kreis | Gott macht mehr aus dem Bauch heraus, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Da ist der Bauch des Walfisches, aus dem er Jona befreit. 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