{"id":25947,"date":"2026-02-11T13:33:58","date_gmt":"2026-02-11T12:33:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25947"},"modified":"2026-02-11T13:33:58","modified_gmt":"2026-02-11T12:33:58","slug":"lukas-1831-43-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-2\/","title":{"rendered":"Lukas 18,31\u201343"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Der Blinde, der sehen konnte<\/strong> | Estomihi | 15.2.2026 | Lukas 18,31<strong>\u2013<\/strong>43 | Anna Jensen |<\/h3>\n<p><strong>\u201eDer Blinde, der sehen konnte\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In genau 49 Tagen ist Ostersonntag. Am Ostermorgen versammeln wir uns in der Kirche und feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und dass die Liebe die gr\u00f6\u00dfte Macht der Welt ist. Es ist noch lange hin. Vor uns liegt die Fastenzeit. Es scheint wie eine W\u00fcstenwanderung, bis wir das Fest erreichen. Das Fest wollen wir gerne \u2013 sind wir jedoch bereit, das Evangelium zu h\u00f6ren, wie Jesus sein Leben f\u00fcr uns hingab? Oder sind wir blind f\u00fcr diese ernste Seite vom Leben Jesu?<\/p>\n<p>Wenn eine Wahrheit zu grauenvoll f\u00fcr uns ist, kommen wir leicht dazu, ein Auge zuzudr\u00fccken. Wir weigern uns, der Wahrheit ins Auge zu sehen.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren las unser Lesekreis Linn Ullmanns kleines Buch \u201eUnruhe\u201c [Norwegischer Titel \u201eN\u00e5de\u201c (Gnade), a.d.\u00dc.]. Im ersten Kapitel trifft sich Johan mit dem Arzt zu einem ernsten Gespr\u00e4ch. Der Arzt hat Johan zu erkl\u00e4ren, dass er Krebs hat und daran sterben wird. Wir folgen dem Gespr\u00e4ch durch Johans Gedanken. Sie schweifen ab und haften an alles M\u00f6gliche \u2013 nur nicht an das Wesentliche. Johan denkt an das Haar seiner Frau Maj, er denkt daran, dass der Arzt nach Schwei\u00df riecht, und dann denkt er daran, wie irritierend es ist, dass der Arzt ihn immer wieder mit dem Vornamen anredet. Es ist, als wollte Johan das Schreckliche, das der Arzt ihm erz\u00e4hlt, nicht h\u00f6ren, als k\u00f6nnte er es nicht h\u00f6ren. Sp\u00e4ter im Buch verschliesst die Schwiegertochter ihre Ohren. Sie kommt ins Krankenhaus, um Johan zu besuchen. Hochschwanger, eine Woche \u00fcber dem Termin: \u201eIch gehe nur hier herum und wiege und warte&#8220;, sagt sie leichthin. \u201eIch auch,\u201c sagt Johan, \u201eich warte auch nur.\u201c Aber w\u00e4hrend die Schwiegertochter auf das Leben wartet, das beginnen soll, wartet Johan auf den Tod, der sein Leben beenden soll. Seine Bemerkung wird v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6rt und f\u00e4llt zu Boden.<\/p>\n<p>Man soll die Wahrheit sagen \u2013 das haben wir als Kinder gelernt. Aber in diesen Jahren scheint der Wahrheitsbegriff zu zerbr\u00f6ckeln. Sowohl Politiker als auch KI-Roboter verbreiten Unwahrheiten, die Wirklichkeit wird verdreht. Wir werden geblendet von den Nachrichten, die am lautesten schreien und am meisten Raum einnehmen. Wir vergessen, die Wahrheiten zu erkennen, die am klarsten sind. Das Wirkliche, das Wahre zu sehen, erfordert Mut. Heute, auf halben Weg durch die 2020er Jahre, zeichnet sich f\u00fcr mich ein Bild ab: Der Hedonismus als die dominierende Lebensanschauung unserer Zeit. Wir suchen ausschlie\u00dflich, was Freude und Lust bereitet, und meiden konsequent Schmerz und Unbehagen.<\/p>\n<p>Jesus sagte seinen J\u00fcngern die Wahrheit. \u201eSeht, wir gehen hinauf nach Jerusalem\u201c, sprach er. \u201eDort wird der Menschensohn verspottet und misshandelt, man wird ihn gei\u00dfeln und t\u00f6ten, und am dritten Tag wird er auferstehen.\u201c Die J\u00fcnger verstanden nicht, was Jesus sagte. Sie kommentieren es nicht einmal. War es vielleicht f\u00fcr sie zu schwer zu begreifen? Sie waren Jesus eine Zeit lang gefolgt. Sie hatten seine Predigten geh\u00f6rt, sie hatten gesehen, wie er Kranke heilte und einen Sturm auf dem See Genezareth stillte. Nun sollten sie nach Jerusalem gehen, sagte Jesus. Daran war nichts Ungew\u00f6hnliches \u2013 zur Passahzeit zogen viele Juden auf Pilgerreise nach Jerusalem, um das Passahfest mit Opfern im Tempel zu feiern. Aber die Wahrheit, dass Jesus in diesem Passahfest leiden und sterben w\u00fcrde, wollten die J\u00fcnger nicht h\u00f6ren. Jesus war ja dabei, Kultstatus zu erlangen. Die Ger\u00fcchte \u00fcber ihn eilten voraus. \u00dcberall, wo er hinkam, scharten sich die Menschen um ihn.<\/p>\n<p>Bei Jericho sa\u00df ein blinder Mann und rief: \u201eJesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.\u201c Der blinde Bettler nannte Jesus &#8222;Sohn Davids&#8220;. Eigentlich war Jesus der Sohn Josefs \u2013 &#8222;Sohn Davids&#8220; ist ein K\u00f6nigstitel. Als der blinde Bettler Jesus so nannte, bekannte er damit: Jesus ist der K\u00f6nig! Der Bettler hatte eine einzige Bitte an Jesus, und es handelte sich nicht um Geld. Nein, der Blinde erbat sich dieses eine: sehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jesus gab dem Mann sein Augenlicht zur\u00fcck, er wurde geheilt \u2013 das war ein Wunder, denn nun konnte er sehen. Aber selbst als der Mann blind war, sah er mehr als die J\u00fcnger. Der Mann konnte sehen, dass Jesus nicht blo\u00df Jesus aus Nazareth war, sondern der Sohn Davids, der neue K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Wir reden uns gerne ein, dass wir wahrheitssuchend sind, wir handeln nicht mit Territorien oder Menschen [Anspielung auf aktuellen den Besitzanspruch Trumps auf Gr\u00f6nland, A.d.\u00dc.], denn wir tun das Richtige! Wir sind \u2013 nun ja, vielleicht nicht gerade Jesu J\u00fcnger, aber zumindest Jesu Anh\u00e4nger. Aber sind wir eigentlich bereit, die radikale Botschaft von Ostern zu h\u00f6ren? K\u00f6nnen wir als rationale, wissenschaftliche und wahrheitssuchende Menschen glauben, dass Jesus sein Leben f\u00fcr uns hingab? K\u00f6nnen wir an die Auferstehung glauben?<\/p>\n<p>Ist es wirklich wahr, was in der Bibel steht? So fragen die Konfirmanden. Ja, es ist wahr. Die Liebe brachte Jesus dazu, stehenzubleiben und den blinden Bettler zu heilen. Und es war die Liebe, die Jesus den Weg nach Jerusalem fortsetzen liess. Er setzte einen Fu\u00df vor den anderen und ging weiter, obwohl er wusste, dass der Weg in Leiden, Kreuz und Tod enden w\u00fcrde. Jesus lie\u00df sich kreuzigen, er ging den ganzen Weg, um uns zu zeigen, wie gro\u00df Gottes Liebe ist. Gottes Liebesmacht ist so gro\u00df, dass sie selbst den Tod \u00fcberwinden kann.<\/p>\n<p>Wir verstehen es nicht, wir k\u00f6nnen diese letzte Pilgerreise, die Jesus unternahm, nicht erfassen. W\u00fcrden wir selbst unser Leben f\u00fcr andere hingeben? Ja, vielleicht f\u00fcr unsere eigenen Kinder und die, die wir lieben. Aber f\u00fcr fremde Menschen? Nein, wohl nicht. Wir k\u00f6nnen versuchen zu erkl\u00e4ren, warum Jesus am Kreuz sterben musste und wie er am Ostermorgen auferstand, aber wir k\u00f6nnen es nicht wirklich verstehen.<\/p>\n<p>Die Liebe kann nicht verstanden werden. Sie kann nicht bewiesen werden. Wenn jemand sagt, dass er uns liebt, m\u00fcssen wir darauf vertrauen, dass es wahr ist. In der Liebe ist man verwundbar, denn man kann leicht get\u00e4uscht werden und sich irren. Die Liebe kann nicht bewiesen werden. Der Liebe muss man mit Vertrauen begegnen, sie muss geglaubt werden. Paulus schreibt im Hohelied der Liebe, dass die Liebe das Gr\u00f6\u00dfte von allem ist. Wenn wir alles k\u00f6nnten und alle Geheimnisse kennten und prophetische Gaben h\u00e4tten, aber keine Liebe h\u00e4tten, w\u00e4ren wir nichts. Die Liebe bedeutet, dass wir, die wir blind sind, von dem gesehen werden, der mit den Augen der Liebe sieht. Gott sieht durch all das Unwesentliche hindurch und blickt auf uns mit Milde und Geduld.<\/p>\n<p>In Linn Ullmanns Buch ist die Schwiegertochter so sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt, dass sie Johans Leiden nicht sieht. Johans Frau Maj kann es kaum ertragen, dass Johan todkrank ist, obwohl sie \u00c4rztin ist und um die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens wei\u00df. Es ist schwer f\u00fcr uns, wenn unsere Geliebten leiden, denn was sollen wir tun? Die Ohnmacht versucht uns, den Blick abzuwenden.<\/p>\n<p>Gottes Heiliger Geist kann uns Mut eingeben, sodass wir es aushalten, in der Ohnmacht zu sein. Die Gnade ist: Wir, die wir heute nur undeutlich sehen und die so oft sowohl blind als auch taub f\u00fcr Gott sind, wir werden einmal am Ende der Zeiten von Angesicht zu Angesicht sehen und vollst\u00e4ndig erkennen, so wie wir auch selbst vollst\u00e4ndig erkannt sind. Es endet gut.<\/p>\n<p>Und dann werden wir und das ganze Volk sehend werden und Gott preisen.<\/p>\n<p>Nun liegen die sieben Wochen der Fastenzeit vor uns. Lasst uns sie nutzen, um uns im Sehen zu \u00fcben. Der Wahrheit ins Auge zu sehen, selbst wenn sie schmerzt. Einander zu sehen, auch wenn wir leiden. Jesus zu sehen, der f\u00fcr uns nach Jerusalem geht.<\/p>\n<p>Denn wenn wir uns am Ostermorgen hier in der Kirche versammeln, dann nicht, um zu feiern, dass wir alles verstanden haben. Wir versammeln uns, um gemeinsam im Glauben zu sein. Wir versammeln uns, um zu glauben, dass die Liebe gesiegt hat. Dass das Grab leer war. Dass der Tod seine Macht verloren hat.<\/p>\n<p>Und bis dahin tragen wir die Hoffnung mit uns: Es endet gut.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Anna Jensen<br \/>\nPfarrerin in Odense<br \/>\nansj(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blinde, der sehen konnte | Estomihi | 15.2.2026 | Lukas 18,31\u201343 | Anna Jensen | \u201eDer Blinde, der sehen konnte\u201c In genau 49 Tagen ist Ostersonntag. Am Ostermorgen versammeln wir uns in der Kirche und feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und dass die Liebe die gr\u00f6\u00dfte Macht der Welt ist. 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