{"id":25950,"date":"2026-02-11T13:37:19","date_gmt":"2026-02-11T12:37:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25950"},"modified":"2026-02-11T13:37:19","modified_gmt":"2026-02-11T12:37:19","slug":"lukas-1836-43","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1836-43\/","title":{"rendered":"Lukas 18,36-43"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Der Schrei | Estomihi | 15.2.2026 | Lukas 18,36-43 | Eberhard Busch |<\/strong><\/h3>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong><br \/>\n<\/strong><em>Als Jesus in die N\u00e4he von Jericho kam, da sa\u00df ein Blinder am Wege und bettelte. Als er die Menge h\u00f6rte, die vorbeiging, forschte er, was das w\u00e4re, und verk\u00fcndigte sie ihm, Jesus von Nazareth. Und er schrie: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Die vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Jesus blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu f\u00fchren. Als er n\u00e4her kam, fragte er ihn: Was willst du, das ich f\u00fcr dich tun soll? Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen, und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach, und alles Volk, das er sah, lobte Gott.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von dem norwegischen Maler Edvard Munch stammt ein Gem\u00e4lde, das den Titel tr\u00e4gt \u201eDer Schrei\u201c. Man hat gemeint, dass das doch gar nicht geht, so etwas darzustellen. Doch er hat es vermocht, und das so eindringlich, dass es einem schon beim blo\u00dfen Anblick durch Mark und Bein geht. Ist es eine Frau? Ist es ein Mann? Ein Mensch. <em>Der<\/em> Mensch. Der schreit. Er ist so dran, dass er nur noch schreien kann. Er selbst ist der Schrei. So schrecklich, dass er sich selbst die Ohren davor zuhalten muss. Wird sein Schrei geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Unser heutiger Predigttext redet auch von einem, der schreit, lauthals schreit. Er gleicht jenem Menschen, den Edvard Munch gemalt hat. Er schreit so schrill, dass sich die Mehrheit der Andren gest\u00f6rt findet. Auch sie h\u00e4lt sich die Ohren zu. <em>Deshalb<\/em>! Auf anderes h\u00f6rt sie gern. Das, was gerade en vogue ist. Das f\u00fcllt die Ohren. So dass man sich wundert, dass diese Mehrheit nicht davon Kopfweh bekommt. Allein <em>solches<\/em> Krakeele mag sie nicht leiden. Das ist L\u00e4rmbel\u00e4stigung. Da kann man nicht weiterschlafen. Dagegen muss man einschreiten. Gibt es dazu nicht einen Paragraphen im B\u00fcrgerlichen Gesetzbuch?<\/p>\n<p>Der Schrei kommt aus der Not. Eine schreiende Not. Beim Blick aus dem Fenster mag man sie wohl zur Kenntnis nehmen, den Kopf sch\u00fctteln: Nein, so etwas! Wenn es nur nicht so ein Get\u00f6se darum g\u00e4be! Aber das l\u00e4sst sich nicht stillsetzen. Je mehr man sich dagegen str\u00e4ubt, desto lauter wird der Schrei. Und wenn man taub daf\u00fcr ist, und wenn man auf andere T\u00f6ne geeicht ist, es l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern: der Mensch schreit und schreit viel lauter, als dass unsereins das ertragen k\u00f6nnte. Wie gesagt, auf jenem Bild muss sich der oder die Arme selbst die Ohren zu halten. Ist denn keiner da, der die Ursache des Geschreis beseitigen kann?<\/p>\n<p>Doch, Einer ist auf alle F\u00e4lle da. An den wendet sich der Schreihals in der biblischen Geschichte. Das ist der Unterschied zu jenem Bild von Edvard Munch: <em>Er<\/em> kennt einen, den kann er ansprechen. \u201eWenn gar Einziger auf Erden, dessen Treue du kannst traun, \/ alsdann will er dein Treuster werden und zu deinem Besten schaun\u201c (Paul Gerhardt). Den kennt er bei Namen. Wenn alle Stricke rei\u00dfen, an den kann er sich wenden. Auf den ist Verlass. Und wenn Viele verstopfte Ohren haben, der da kommt, hat ein offenes Ohr. Das wei\u00df unser Mann, im Unterschied zu Anderen: \u201eWer den Armen verachtet, der verh\u00f6hnt dessen Sch\u00f6pfer\u201c (Spr\u00fcche 17,5).\u00a0 Er h\u00e4lt sich vielmehr an Gottes Einladung: \u201eRufe mich an in der Not.\u201c (Ps 50,15) So steht es auch in seinem Katechismus. Und es ist nicht \u00fcbel, wenn er daran denkt, er anders als Andere.<\/p>\n<p>Doch nein, und nochmal nein, es gibt trotzdem <em>keinen<\/em> Unterschied zwischen den beiden Schreih\u00e4lsen, dem in unserer biblischen Geschichte und dem auf dem Bild des norwegischen Malers. Zu beiden spricht der Eine mit dem offenen Ohr: \u201eHer zu mir, die ihr m\u00fchselig und beladen seid, ich will euch erquicken\u201c (Mt.11,28).\u00a0 Ja, alle, die ihr geplagt seid und fast erdr\u00fcckt werdet unter dem, was euch zugemutet ist, er ist da, dass er daran teilnimmt. Das hilft. Das richtet auf. Von dem amerikanischen Dichter Mark Twain stammt der sch\u00f6ne Satz: \u201eFreundlichkeit ist eine Sprache, die Taube h\u00f6ren und Blinde lesen k\u00f6nnen.\u201c Jesus spricht diese Sprache.<\/p>\n<p>Und hier ist Einer, der <em>blind<\/em> ist. Er ist hilflos. \u201eDenn das ist die gr\u00f6\u00dfte Plage, \/ wenn am Tage \/ man das Licht nicht sehen kann.\u201c Der Blinde ist darauf angewiesen, dass er durch Bettelei sich so gerade noch \u00fcber Wasser h\u00e4lt. Er hat nichts gelernt, um sich selbst durchzubringen. Doppelt arm. Er existiert unter der Armutsgrenze, \u201ezum Leben zu wenig,\u00a0 zum Sterben zu viel\u201c. So sind die dran, die mit Blindheit geschlagen sind. Solche Gestalten sieht man nicht so gerne. Oder haben wir einem von denen schon mal ins Gesicht geschaut? Betteln ist in der Schweiz an vielen Orten \u00fcberhaupt verboten. In Deutschland ist das so genannte \u201estumme Betteln\u201c erlaubt. Der hier aber <em>schreit<\/em>.<\/p>\n<p>Und der ist namentlich blind daf\u00fcr, dass es <em>Jesus<\/em> ist, der soeben in Sichtweite vorbeikommt. Er, der die Freundlichkeit selber ist \u2013 Er kommt. Nur sieht der Blinde ihn nicht. Aber als er es erf\u00e4hrt, wer da am Kommen ist, da gibt es kein Halten mehr. Da zeigt er, dass er nicht auf den Mund gefallen ist. Er ist nicht mundtot. Da tut er, was er kann: schreien. \u201eDavids Sohn\u201c nennt er ihn. Das hei\u00dft so viel wie: der von Gott Gesandte, dazu geschickt, dass er Licht ins Dunkel bringt. Der wird ihm ins Gesicht schauen, so wie ein Arzt, der mit einer Leuchte in die Augen blickt, um den Schaden festzustellen.<\/p>\n<p>Kaum h\u00f6rt Jesus den Schrei, bleibt er <em>stehen<\/em>. Er geht nicht weiter, hat keine dringenderen Termine. Er hat Zeit. Er l\u00e4sst sich aufhalten. Und h\u00e4lt den Betrieb auf. So als w\u00e4re er schon am Ziel seines Weges: Dort bei dem Hilfsbed\u00fcrftigen. Der bedarf mehr als eine Spende zur Fortsetzung seines miesen Daseins. Jesus wei\u00df, \u201edem Manne kann geholfen werden\u201c. Und er gibt ihm, was der Arme vor allem Weiteren braucht. Er gibt ihm Liebe. Nicht eine kleine Prise davon, sondern Liebe in Vollkost. Oder sagen wir: die heilsame, reichhaltige Rundum-Liebe. Liebe macht blind, sagt ein Sprichwort. Seine Liebe macht sehend. Sie \u00f6ffnet verschlossene Augen.<\/p>\n<p>Genauer noch, Jesus sagt: \u201eDein Glaube hat dir geholfen.\u201c Damit ist nicht eine Art von Selbsthilfe gemeint. So empfehlenswert es auch ist, f\u00fcr seine eigene Gesundheit zu sorgen. Doch genau das kann der Blinde ja nicht. Was er kann, ist, sich dem anvertrauen, der ihm jetzt begegnet, seine Hoffnung auf ihn setzen, sich von ihm lieben lassen, ihn anbetteln. Das kann er. Das tut er. Sein Schrei \u2013 das ist sein Glaube. Der, an den er sich wendet, erh\u00f6rt seinen Schrei. Und was sieht der Blinde jetzt? Er sieht zuallererst den, der ihn geheilt hat: den Heiland der Menschen. Er macht ihn doppelt reich. Ihn sehen und aufgestellt werden, auf ihn blicken und unter seinem Geleit aufbrechen, an ihn glauben und ihm nachfolgen, das ist nicht zweierlei. Beides geh\u00f6rt zusammen. Das tun die von ihrer Blindheit Geheilten.<\/p>\n<p>Und nicht zu vergessen: die Zuschauer dieser Geschichte sind nicht bl\u00f6de Gaffer. Sie sind nicht stark im Glauben und sind doch beteiligt. Sie sind wohl dieselben, unter denen die Parole galt: Halte dich still! Damit man weiterschlafen kann: <em>Die<\/em> sind nun helle wach und sind munter auf den Beinen. Sie scheren sich nicht um ein Stillhalte-Abkommen. Auch sie sind geheilt. Sie r\u00fchren sich. Ihnen ist ihr Mund ge\u00f6ffnet. Vielleicht sind sie keine Schreih\u00e4lse, vielleicht zuweilen doch. Denn darum geht es, wie es am Ende unserer Geschichte geschrieben steht: \u201eund alles Volk lobte Gott\u201c, den, der sich um die Hilflosen k\u00fcmmert.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Verfasst von:<br \/>\nEberhard Busch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schrei | Estomihi | 15.2.2026 | Lukas 18,36-43 | Eberhard Busch | Als Jesus in die N\u00e4he von Jericho kam, da sa\u00df ein Blinder am Wege und bettelte. Als er die Menge h\u00f6rte, die vorbeiging, forschte er, was das w\u00e4re, und verk\u00fcndigte sie ihm, Jesus von Nazareth. 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