{"id":25983,"date":"2026-02-18T12:04:22","date_gmt":"2026-02-18T11:04:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25983"},"modified":"2026-02-17T18:55:49","modified_gmt":"2026-02-17T17:55:49","slug":"hes-21-10-31-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hes-21-10-31-3\/","title":{"rendered":"Hes 2,1-10; 3,1-3"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Ach, wie s\u00fc\u00df!\u00a0<\/strong>|\u00a0Invokavit | 22.02.2026 | Hes 2,1-5.(6-7).8-10; 3,1-3| Udo Schmitt |<\/h3>\n<p>Was ist ein Prophet? Einer der im Namen Gottes auftritt und die Worte Gottes ausrichtet an sein Volk. Meistens nichts Gutes. Und weil das so ist, sucht sich den Beruf auch keiner aus. Nicht freiwillig. Man kann ihn auch nicht lernen, weder an der Uni noch im Abendkurs der VHS. Wie wird man also ein Prophet? Man wird dazu berufen. In einem Traum oder einer Vision (wer wei\u00df das schon) hat man eine Erscheinung und h\u00f6rt Worte. H\u00f6ren wir mal zu wie das bei Ezechiel war: TEXT Hes 2,1-5.(6-7).8-10; 3,1-3<\/p>\n<p>Es gibt Sachen die sind zuckers\u00fc\u00df: Bonbons, Schokolade, Lollis und Lik\u00f6r. Sie sind lecker, man leckt sich die Finger und die Lippen danach. Sie sind lecker, ja, aber wir wissen: Sie tun uns nicht gut. Nicht den Z\u00e4hnen, nicht den H\u00fcften und auch nicht der Leber. S\u00fc\u00df macht nicht s\u00fc\u00df. H\u00f6chstens dick. Der Volksmund wei\u00df, das Gegenteil ist richtig: Sauer macht lustig. Aber s\u00fc\u00df\u2026 S\u00fc\u00df nicht, es st\u00f6\u00dft einem sauer auf oder kommt einen bitter zu stehen.<\/p>\n<p>Das Bittere hingegen, es h\u00e4lt gesund und es wird s\u00fc\u00df, nicht nur im Prophetenmund. Nichts schmeckt so wie die Wahrheit. Sie mag bitter sein, die Wahrheit. Aber sie schmeckt echt. Echter noch als Karamellbonbons von Werthers Echte. Das s\u00fc\u00dfe Leben ist nicht leichter. Schon der sechsj\u00e4hrige Erich K\u00e4stner, als er in Dresden im Jahr 1905 nach der ersten Unterrichtsstunde seine Schult\u00fcte nach Hause schleppte, bemerkte dies und sagte sich: Auch eine s\u00fc\u00dfe Last bleibt eine Last. So machen wir das ja gerne: Die bittere Medizin \u2013 das saure Lernen wird umh\u00fcllt mit ein bisschen Zucker. Der erste Schultag vers\u00fc\u00dft mit einer Zuckert\u00fcte. Im Judentum lernten die Kinder fr\u00fcher das ABC, indem sie in der Bibel lasen. Und sie bekamen dabei Honig auf die Zungenspitze. Damit sie beim Gotteswort gleich auf den richtigen Geschmack kamen. Denn wie hei\u00dft es so sch\u00f6n in Ps 119,113: \u201eDein Wort ist in meinem Mund s\u00fc\u00dfer als Honig\u201c. Daraus entstand auch die Tradition des Russisch Brot. Und vielleicht auch die Idee f\u00fcr die Buchstaben-Nudelsuppe, wer wei\u00df. Liebes Alphabet: Ich hab\u2018 dich zum Fressen gern.<\/p>\n<p>Das mag f\u00fcr einen Sch\u00fcler gelten und gen\u00fcgen f\u00fcrs Erste. Als Prophet allerdings muss man dann die bittere Wahrheit auch noch unters Volk bringen. Sie wird von Ezechiel bei seiner Berufung buchst\u00e4blich gefressen. Er verleibt sie sich ein. Und sie schmeckt ihm s\u00fc\u00df. Aber diese Kost ist dennoch eine schwere Kost, schwer verdaulich. Auf den Seiten, die er da verspeist, stand, wie es hei\u00dft: \u201eKlage, Ach und Weh\u201c. Das ist seine \u201eMessage\u201c, die Botschaft, die er zu \u00fcberbringen hat. Danach werden sich seine Zuh\u00f6rer nicht die Finger lecken. Nein, sie werden ihnen nicht schmecken, die schlechten Nachrichten. Nein, sie werden sie nicht gerne h\u00f6ren die Kritik. Und nein, sie werden nicht gehorchen, also nicht darauf h\u00f6ren, nicht rechtzeitig darauf reagieren, ihr Verhalten nicht anpassen, ihre Lebensweise nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Gott wei\u00df das. Und er l\u00e4sst es auch seinen Propheten wissen. Von Anfang an: Sie werden nicht auf dich h\u00f6ren. Doch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Einer, der sie gewarnt hat. Damit sie nicht hinterher sagen k\u00f6nnen: \u201eWo war Gott?\u201c Und: \u201eWir haben ja nichts davon gewusst.\u201c Sie mag bitter sein, und sie gef\u00e4llt nicht, nein. Aber nichts schmeckt so wie die Wahrheit. Sie mag bitter sein, aber sie schmeckt echt. Und die Wahrheit kommt ja doch ans Licht.<\/p>\n<p>In China etwa bemerkte der Augenarzt Li Wen-Liang unter seinen Patienten schon im Dezember 2019 eine H\u00e4ufung von Lungenentz\u00fcndungen. Er informierte am 30.12. in einer Chat-Gruppe im Internet einige Kollegen dar\u00fcber, dass es sich wom\u00f6glich um einen Virus handeln k\u00f6nnte. Die Beh\u00f6rden lasen das mit, sie lesen alles mit, schlie\u00dflich sind wir in China, und es gefiel ihnen nicht, sie bestellten ihn ein zur Polizei, dort wurde er eingesch\u00fcchtert, bedroht und es wurde ihm klar gemacht, unmissverst\u00e4ndlich, dass er das zu lassen habe. Obendrein wurde er gen\u00f6tigt zu unterschreiben, dass er unwahre Behauptungen gemacht h\u00e4tte, falsche Ger\u00fcchte verbreitet, die die gesellschaftliche Ordnung ernsthaft gest\u00f6rt h\u00e4tten. Das war am 10. Januar. Doch die Wahrheit l\u00e4sst sich nicht verbieten. Der Virus hat sich trotzdem ausgebreitet. Und am 6. Februar ist Li Wen-Liang dann gestorben, ebendaran an diesem Virus, im Alter von nur 33 Jahren.<\/p>\n<p>So geht das in einer zentralistisch gelenkten Diktatur mit Pressezensur: Unangenehme Wahrheiten werden von den Beh\u00f6rden vor Ort unterdr\u00fcckt oder nicht rechtzeitig nach oben weitergeleitet. Niemand will der \u00dcberbringer einer schlechten Nachricht sein. Manch einer hier meint ja mittlerweile, Meinungsfreiheit sei nicht so wichtig. Und Putin und Erdogan haben auch in Deutschland Fans. Alles Quatsch. Meinungsfreiheit kann Leben retten. Am Corona-Virus sieht man, welche Folgen das Unterdr\u00fccken der Wahrheit hat. Erst werden Hygiene-Vorschriften nicht eingehalten, dann gibt es zu wenig Krankenh\u00e4user und \u00c4rzte. Die \u00c4rzte, die es gibt werden auch noch zum Schweigen verdonnert. Mehrere Wochen wurde das Virus ignoriert, weil ja nicht wahr sein kann, was nicht sein darf, viel zu lang gez\u00f6gert und nicht reagiert. Weil ein Befehl von oben fehlte. Und schon \u201ehamwa den Salat\u201c.<\/p>\n<p>Da lob ich mir die freie Presse und die freie Wissenschaft in Europa. Hier gibt es noch Freiheit. Ja. Auch wenn manch seltsames Kaninchen sie dazu nutzt, jedes Mal \u201eL\u00fcgenpresse\u201c zu schreien, wenn er im Licht einer Kamera erscheint. Aber auch das darf er. Niemand hindert ihn daran sich peinlich zu benehmen oder kindisch zu geb\u00e4rden. Gleichwohl stehen freie Wissenschaft und freie Presse auch in unserem Land unter Druck. Aber nicht, weil ein allm\u00e4chtiger Staat alles \u00fcberwacht und unterdr\u00fcckt. Im Gegenteil, gerade weil der Staat zu wenig in Forschung und Bildung investiert, viel zu wenig, wird immer h\u00e4ufiger nur noch das erforscht, was die Unternehmen interessiert und was der Wirtschaft n\u00fctzt. \u201eWes Brot ich ess\u2018, dess\u2018 Lied ich sing.\u201c<\/p>\n<p>Und die freie Presse muss zusehen, dass sie mit dem Tempo des neuen Leitmediums Schritt halten kann, den Schnatterr\u00e4umen im Internet. Hier geht stets Schnelligkeit vor Genauigkeit. Redaktionen k\u00f6nnen es sich oft nicht mehr leisten, einen Journalisten in ein anderes Land zu schicken, damit er dann von da nach drei Wochen oder vier einen ersten Bericht schickt. Nein, alles muss sofort sein und jetzt. Sag es in eins-drei\u00dfig. L\u00e4nger h\u00f6rt dir eh keiner zu. Anderthalb Minuten. Mehr hast du nicht. Bring deine \u201eMessage\u201c r\u00fcber. Komm auf den Punkt. Sonst klicken die User gelangweilt weiter. Twitter schl\u00e4gt Tagesschau und Wochenzeitung. Diese Form des Nachrichten-Konsums hat etwas Atemloses, Rastloses. Es hat etwas von einer Fress- und Brech-Sucht. Man stopft innerhalb k\u00fcrzester Zeit ganz viel in sich hinein, und im n\u00e4chsten Moment, noch bevor es verdaut ist, wird es schon wieder hervorgew\u00fcrgt. So auch die Informationen jetzt, noch eh man sie verstanden und verdaut hat, hat man sie schon wieder vergessen, weil der n\u00e4chste Aufreger um die Ecke kommt. Die n\u00e4chste Sau durchs Dorf getrieben wird. Brennpunkt hier und Sondersendung da, in der dann einer den anderen fragt, ob er was wei\u00df, und der sagt dann, dass er auch nichts Genaues wei\u00df, was die Unsicherheit aber nicht beruhigt, weil: man wei\u00df ja nie.<\/p>\n<p>Ich will mich dar\u00fcber nicht lustig machen und \u00fcber Geb\u00fchr erheben. Was ich sagen will: Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer k\u00fcrzer. Und kaum ist das eine Aufreger-Thema abgearbeitet bzw. totgesendet, da kommt mit hysterischem Geschrei, hastig zusammengestellten Talkshowrunden und Sondersendungen schon das n\u00e4chste um die Ecke. Denn: Die Zeit ist knapp und das Angebot ist gro\u00df, deshalb ist die W\u00e4hrung, die z\u00e4hlt Aufmerksamkeit. Alle heischen danach, alle schreien nur noch, wie die kleinen V\u00f6gel im Nest: Ich, ich, ich \u2013 hier sieh mich. Und wer am lautesten schreit, wird zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Leider sind auch in unserem Land die Wahrheit und Freiheit bedroht. Nicht weil sie ein br\u00e4siger Beamtenapparat unterdr\u00fcckt, sondern weil wir uns so schnell ablenken lassen. Wir lassen uns nicht mehr die Zeit, einen Gedanken zu fassen, eine Information durchzukauen und zu verdauen, damit die bitteren Worte der Wahrheit s\u00fc\u00df werden k\u00f6nnen in uns &#8211; f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen wieder lernen Abstand zu nehmen und Zeit zu gewinnen. Damit wir uns sammeln k\u00f6nnen und fragen: Was will ich wirklich. Was interessiert mich wirklich und was tut mir gut. Und nicht nur mir, sondern auch meinen Kindern und Enkeln. Was soll bleiben \u2013 von mir. Was sind Werte. Und was ist wirklich wichtig.<\/p>\n<p>Ich mein: So wenig sich die Viren f\u00fcr die chinesische Zensur interessierten, so wenig interessiert sich der Klimawandel f\u00fcr unsere Sprunghaftigkeit und unsere Sonntagsreden, wenn sie ohne Konsequenzen bleiben. Es ist dem Klimawandel egal, ob wir freitags daf\u00fcr die Schule schw\u00e4nzen oder aus dem Klimaabkommen aussteigen und behaupten es g\u00e4be ihn gar nicht.<\/p>\n<p>Fragt euch selbst: Was ist wahr? Und was ist wichtig? Wir m\u00fcssen lernen, die echten Informationen, die unser Leben ber\u00fchren, betreffen, ver\u00e4ndern, beenden k\u00f6nnen &#8211; von den Aufreger-Themen zu unterscheiden, die nur Ablenkung sind. Nur Schaum vorm Mund und nicht Brot im Bauch.<\/p>\n<p>Die Worte der Bibel sind nicht immer s\u00fc\u00df, sie kommen manchmal mit bitteren Wahrheiten \u00fcber uns Menschen daher. Halten uns den Spiegel vor, wie widerspr\u00fcchlich wir doch sind, (Haus des Widerspruchs hei\u00dft es hier bei Ezechiel), wie wir erst Ja sagen &#8211; und dann: Aber. Wie wir geniale Momente haben &#8211; und dann wieder uns\u00e4glich dumm sind; wie gro\u00dfm\u00fctig wir sein k\u00f6nnen &#8211; und wie niedertr\u00e4chtig; hilfreich, edel und gut &#8211; und im n\u00e4chsten Moment: egoistisch, gemein und asozial. Wie reich wir manchmal sind &#8211; und doch wie arm. Die Bibel ist nicht immer s\u00fc\u00df, aber sie ist Gottes Wort an uns und eine Einladung dar\u00fcber nachzudenken: Wer wir sind.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p>EG 67,3 \u2026 damit wir m\u00f6gen schmecken dein S\u00fc\u00dfigkeit im Herzen (!)<br \/>\nEG 432 Gott gab uns Atem, damit wir leben<br \/>\nEG 591 Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (zu den F\u00fcrbitten)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/p>\n<p>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<br \/>\nudo.schmitt@ekir.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, wie s\u00fc\u00df!\u00a0|\u00a0Invokavit | 22.02.2026 | Hes 2,1-5.(6-7).8-10; 3,1-3| Udo Schmitt | Was ist ein Prophet? Einer der im Namen Gottes auftritt und die Worte Gottes ausrichtet an sein Volk. Meistens nichts Gutes. Und weil das so ist, sucht sich den Beruf auch keiner aus. 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