{"id":26004,"date":"2026-02-24T16:47:58","date_gmt":"2026-02-24T15:47:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26004"},"modified":"2026-02-27T14:13:03","modified_gmt":"2026-02-27T13:13:03","slug":"markus-914-29-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-914-29-6\/","title":{"rendered":"Markus 9,14\u201329"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Gebet und Glaube | Reminiszere (d\u00e4nisch: Anden s\u00f8ndag i fasten) | Mk 9,14-29 | Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es geht heute um Gebet und Glauben. Den Glauben daran, dass durch das Gebet das Unglaubliche geschehen kann. Ich begann \u00fcber das Spannungsfeld zwischen Glauben und Gebet nachzudenken \u2013 und dar\u00fcber, was im Gebet eigentlich geschieht \u2013 als ich mich hinsetzte, um diese Predigt zu schreiben. Haben wir das Gef\u00fchl, dass alles Gute geschehen kann, wenn wir nur genug glauben und genug beten? Verschwindet dann eine l\u00e4stige Krankheit, sodass wir wieder an allem teilhaben k\u00f6nnen? H\u00f6rt der Krieg in der Ukraine auf, wenn ich nur genug glaube? Oder der im Nahen Osten? So empfinden wir es wohl kaum. Ich zumindest nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich wuchs mit zwei anderen Kindern in unserer Nachbarschaft auf &#8211; einem Jungen und einem M\u00e4dchen \u2013, die beide eine grosse Rolle in meiner Welt spielten. Wir gingen zusammen zur Schule und blieben zusammen, bis wir unser Abitur machten. Mit einem von beiden studierte ich auch gemeinsam. Es sind Freundschaften, die bis zum heutigen Tag bestehen. Aber wie es in den meisten Leben so ist, geschah auch bei uns unterwegs manches. Das M\u00e4dchen wurde streng religi\u00f6s erzogen und lebte lange damit, lehnte sich jedoch auf, als sie sich der 30 n\u00e4herte, und verwarf entschlossen alles. Der Junge wurde zur selben Zeit schwer krank und musste lange dem Tod ins Auge sehen, \u00fcberwand die Krankheit jedoch schlie\u00dflich \u2013 zumindest weitgehend. Doch w\u00e4hrend seiner Krankheit sagte die Mutter des M\u00e4dchens \u2013 die den Jungen nat\u00fcrlich auch gut kannte und ihn liebte \u2013, das M\u00e4dchen solle f\u00fcr ihn beten, damit er gesund werde. Und das M\u00e4dchen, das mitten in seinem notwendigen Aufbegehren war, fragte voller Verachtung, ob die Mutter wirklich glauben w\u00fcrde, dass die Genesung und das Leben des Jungen von den Gebeten irgendeiner zuf\u00e4lligen Person abhingen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darin liegt im Grunde das Anliegen des Gebets und das Verh\u00e4ltnis der Menschen zum Gebet in einer Nussschale: N\u00fctzt es \u00fcberhaupt etwas \u2013 und warum n\u00fctzt es dann nur manchmal, aber l\u00e4ngst nicht immer? Warum konnten die J\u00fcnger im heutigen Evangelium nicht bewirken, was Jesus konnte, n\u00e4mlich dass der Junge von seiner Epilepsie geheilt wurde? Glaubten sie nicht genug? Beteten sie nicht gut genug? Die meisten haben wohl erlebt, kein Geh\u00f6r zu finden, es nicht gut genug gemacht zu haben und damit zu erleben, dass \u00fcberhaupt nichts in Richtung dessen geschah, worum sie gebeten und woran sie geglaubt hatten. Dass sie mit leeren H\u00e4nden dastanden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Elend entsteht wohl, weil wir Menschen die Neigung haben, Gott mit dem Weihnachtsmann zu verwechseln \u2013 was du dir w\u00fcnschst, das sollst du bekommen, wie es in einem beliebten Weihnachtslied hei\u00dft. Unsere heutige Gesellschaft ist dem Gebet gegen\u00fcber schlecht ger\u00fcstet. Es gibt mehrere Dinge, die den Gedanken an das Gebet erschweren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum einen ist es f\u00fcr viele besch\u00e4ftigte Menschen in unserer Gesellschaft eine Grenz\u00fcberschreitung, \u00fcberhaupt zuzugeben, dass man ganz am Ende ist und Hilfe braucht \u2013 nicht nur vom Nachbarn beim Tragen des neuen Sofas, sondern im existenziellen Sinne; dass das Leben wehtut; dass das Leben leer oder oberfl\u00e4chlich erscheinen kann. Wer innerlich auf Grund gelaufen ist, sp\u00fcrt pl\u00f6tzlich ein erschreckendes Bed\u00fcrfnis zu beten. Doch Gebet ist vielen fremd geworden, wenn es keine vertraute Tradition mehr ist. Ja, es kann erschreckend sein, als Mensch auf das Gebet verwiesen zu werden \u2013 auf etwas Immaterielles, von dem man nicht sicher ist, ob es wirkt. Da nimmt man dann doch lieber eine Tablette und etwas Handdesinfektionsmittel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum anderen leben wir in einer Gesellschaft, die gegen\u00fcber Religion und religi\u00f6sen Ausdrucksformen eine immer h\u00e4rtere Rhetorik pflegt, in der etwas wie das Gebet verlacht wird \u2013 was soll Beten schon bringen, ehrlich gesagt? Ist das nicht blo\u00df ein Weihnachtsmann, ein Hampelmann, ein Trostpflaster, das wir an die Himmelspforten verwiesen haben? Und braucht der selbstbestimmte Mensch, der Chefredakteur seiner eigenen Lebenszeitung, \u00fcberhaupt das Gebet? Kann man nicht einfach das \u00fcbliche sagen: &#8222;Daran arbeite ich&#8220;, oder &#8222;Das werde ich schon schaffen&#8220;, oder &#8222;Das kann der Arzt sicher regeln&#8220; \u2013 Ausdr\u00fccke, die auf der Annahme beruhen, dass der Mensch das schon hinbekommen wird, wenn er es nur genug will oder genug arbeitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dennoch glaube ich, dass die Wahrheit des Gebets irgendwo liegt zwischen dem, was die Mutter meiner Freundin behauptete \u2013 n\u00e4mlich dass unser gemeinsamer Freund durch die f\u00fcrbittende Vermittlung meiner Freundin gesund werden k\u00f6nnte \u2013, und der etwas einf\u00e4ltigen Ablehnung des Gebets als rein kindlicher Trostpflaster-Ma\u00dfnahme. Es ist klar \u2013 wenn nicht anders, dann zumindest aus Erfahrung \u2013, dass das Gebet nicht dasselbe ist wie ein Bestellformular, das man an einen Online-Versandh\u00e4ndler abschickt. Aber das ist auch nicht das Wesen des Gebets.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht \u00fcberraschend kommt das Gebet oft zur Sprache, wenn die Not am gr\u00f6\u00dften ist \u2013 und die ist bekanntlich oft im Zusammenhang mit Krankheit, der eigenen oder der der Familie, und in diesem Fall der des Kindes. Dar\u00fcber hat ein Schriftsteller nachgedacht. Der englische Autor C. S. Lewis \u2013 der Sch\u00f6pfer der Narnia-B\u00fccher \u2013 heiratete in hohem Alter eine amerikanische Frau, die er sehr liebte. Sie hatten nur wenige Jahre miteinander, bevor bei ihr Knochenkrebs diagnostiziert wurde und sie nach einer Zeit schwerer Krankheit starb. Lewis betete f\u00fcr sie, f\u00fcr die \u00dcberwindung der Krankheit, f\u00fcr Leben, Segen und gl\u00fcckliche Tage \u2013 so wie die J\u00fcnger f\u00fcr den kranken Jungen beteten. Aber sie starb. Da wurde ihm bewusst, schreibt er in seinem Tagebuch, dass das Gebet nicht Gott ver\u00e4ndert, sondern den Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was Lewis sagt, l\u00e4sst sich auf mehrere Weisen verstehen, so wie das Wesen des Gebets selbst. Eine der Einsichten, die Lewis gewann und die ich f\u00fcr sehr wichtig halte, ist diese: Das Gebet verwandelte ihn: vom Menschen, der das Unabwendbare \u00e4ndern wollte, zum Menschen, der der Wirklichkeit ins Auge blickte und der angesichts dieses Anblicks sowohl seine Ohnmacht als auch sein Vertrauen in Gott bekannte: &#8222;Ich glaube, hilf meinem Unglauben&#8220;. Die Verwandlung, die das Gebet bewirkte, liegt hier in der neu entstandenen M\u00f6glichkeit des Menschen, die Situation zu tragen, die unertr\u00e4glich und unm\u00f6glich schien. Das Gebet ver\u00e4nderte den Menschen, ver\u00e4nderte C. S. Lewis. Aber es ist ein schwieriger Weg, dorthin zu gelangen \u2013 das erfuhr Lewis, wie viele von uns es erfahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gebet ist in diesem Sinne eine Art existenzielles Atemholen, das eine Auszeit vom Alltag und von den bisweilen schwierigen Situationen gibt. Gebet ist die \u00dcbung der Seele. Aber, wird manch einer fragen, hilft das Beten dann konkret \u2013 wenn es nur eine Art existentielle Ventil ist? Das Atemholen des christlichen Glaubens ist das Gebet, und dort k\u00f6nnen wir uns im Leben neu ausrichten. Gebet ist Neuausrichtung. Es sind neue Lebenswege. Aber Gebet ist auch Gebetserh\u00f6rung \u2013 das Gebet ist ein Begegnungsort mit Jesus. Es ist auch ein Ort, an dem wir in unserer Ohnmacht und vielleicht in unserem Unglauben geh\u00f6rt werden. Gottes Horizont ist ein anderer als der des Menschen, auch wenn wir glauben, von dort, wo wir stehen, alles gut \u00fcberblicken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich glaube, dass die meisten Menschen diese Erfahrung machen: dass die L\u00f6sung eines Problems sich als v\u00f6llig anders erweist, als man gedacht, erbeten und vorausgesetzt hatte. Auch das ist Gebetserh\u00f6rung \u2013 auch eine sich \u00f6ffnende verschlossene T\u00fcr geh\u00f6rt dazu. Etwas anderes wird gegeben. Gebet ist, einen Ort zu haben, an dem man seine un\u00fcberwindbar gro\u00dfen Sorgen und tiefen Schmerzen ablegen kann \u2013 einen Ort, an dem man sagt: &#8222;Ich kann nicht mehr, trage du f\u00fcr mich, Gott. Ich glaube, Gott, hilf meinem Unglauben.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was meine beiden Freunde betrifft: Der junge Mann, der nun genauso in die Jahre gekommen ist wie ich, wurde fast gesund. Seitdem habe ich mit ihm und unserer Freundin \u00fcber den Streit zwischen ihr und ihrer Mutter gesprochen, \u00fcber Gebet und F\u00fcrbitte. Wie das zusammenh\u00e4ngt, k\u00f6nnen wir nicht wissen, aber eine andere Seite des Wesens des Gebets \u2013 zumindest des F\u00fcrbittgebets, also des Betens f\u00fcr das Leben und das Wohlergehen eines anderen Menschen \u2013, ist, dass es dem notleidenden Menschen Kraft und Dankbarkeit gibt. Unser Freund war bewegt davon, dass jemand f\u00fcr ihn betete \u2013 auch als er selbst nicht mehr konnte und die Hoffnung verloren hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im \u00e4u\u00dfersten Fall wird Jesus f\u00fcr uns beten, wenn wir es selbst nicht mehr k\u00f6nnen. Ganz allein in der Not werden wir nie sein. Mitten im Get\u00fcmmel der Welt gibt es nicht viele Dinge, die Bestand haben, aber einige wenige tun es; einige wenige Verh\u00e4ltnisse tragen das Gepr\u00e4ge der Unver\u00e4nderlichkeit: Das Wesen und die M\u00f6glichkeit des Gebets, die Kraft und Gnade der Taufe und Gottes unver\u00e4nderlicher Wille, uns Menschen mit Liebe zu erreichen. Das erlebte der Vater im heutigen Evangelium, als er in seinem Unglauben glaubte. So ist es auch f\u00fcr uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Leise Christensen<br \/>\nPastorin in Aarhus<br \/>\nlec(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebet und Glaube | Reminiszere (d\u00e4nisch: Anden s\u00f8ndag i fasten) | Mk 9,14-29 | Leise Christensen | Es geht heute um Gebet und Glauben. Den Glauben daran, dass durch das Gebet das Unglaubliche geschehen kann. Ich begann \u00fcber das Spannungsfeld zwischen Glauben und Gebet nachzudenken \u2013 und dar\u00fcber, was im Gebet eigentlich geschieht \u2013 als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":25995,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,1,727,185,157,853,114,219,349,218,3,109,682],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-26004","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-aktuelle","category-archiv","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-9-chapter-9-markus","category-kasus","category-leise-christensen","category-nt","category-predigten","category-reminiszere"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26004"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26004\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26005,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26004\/revisions\/26005"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25995"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26004"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26004"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=26004"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=26004"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=26004"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=26004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}