{"id":26014,"date":"2026-03-04T11:55:09","date_gmt":"2026-03-04T10:55:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26014"},"modified":"2026-03-04T11:55:09","modified_gmt":"2026-03-04T10:55:09","slug":"johannes-842-51-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-842-51-5\/","title":{"rendered":"Johannes 8,42-51"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen<\/strong>\u00a0| Okuli (d\u00e4nisch Tredje s\u00f8ndag i fasten) | 8. M\u00e4rz 2026 | Joh 8,42-51 | Tine Illum |<\/h3>\n<p><strong>\u201eChristus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Eine Kindergruppe besuchte den Pfarrer in der Kirche. Sie sprachen \u00fcber das Beten. Ein kleines M\u00e4dchen meinte, das wisse sie ganz genau: \u201eMan legt eine Bettdecke auf den Heizk\u00f6rper, und wenn sie sch\u00f6n warm ist, wird man hineingewickelt \u2013 und dann betet man das Vaterunser.\u201c Man kann es fast sp\u00fcren, wie gut und warm und geborgen es f\u00fcr das M\u00e4dchen ist, das Vaterunser zu beten. Wie ein Schutzwall gegen alles B\u00f6se. Wir haben es vorhin besungen, als Anna getauft wurde: \u201eDenn kein Teufel soll dir schaden\u201c (D\u00e4n. Kirchenlied von Grundtvig, \u201eSov s\u00f8dt, barnlille\u201c, a.d.\u00dc.).<\/p>\n<p>Wir Erwachsene k\u00f6nnen dar\u00fcber nachdenken: Als Grundtvig dieses Kirchenlied schrieb, dachte er nicht in erster Linie an die ganz kleinen Kinder \u2013 es war eigentlich nicht f\u00fcr sie geschrieben. Tats\u00e4chlich schrieb er es als 60-J\u00e4hriger, in der vielleicht tiefsten Depression seines Lebens, f\u00fcr sich selbst. Er sp\u00fcrte es stark: Alles B\u00f6se hatte die Macht \u00fcber ihn \u2013 und gerade da schreibt er, dass derjenige, der getauft ist, die Gewissheit hat: Der Teufel kann nichts schaden \u2013 niemals. Licht und Leben sind f\u00fcr die Getauften da \u2013 und f\u00fcr ihn. Die grundlegende Wahrheit \u00fcber unser Leben ist: Wir sind in eine warme Decke eingeh\u00fcllt und geh\u00f6ren zu Gott. Das sollen wir von uns selbst wissen \u2013 und das sollen wir von anderen wissen.<\/p>\n<p>Zugleich sehen wir alle Zeichen, dass die Welt buchst\u00e4blich den Bach hinuntergeht \u2013 mit despotischen Tyrannen, gl\u00fchenden L\u00fcgen und einem teuflischen Machtmissbrauch. Und in meinem eigenen Leben wei\u00df ich nur zu gut, wie alles verzerrt und verlogen werden kann \u2013 und ich bin nicht au\u00dferhalb dieser Verzerrungen und L\u00fcgen. Das gilt nicht nur, wenn ich etwas B\u00f6ses tue, sondern auch wenn ich passiv das Gute unterlasse.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen gr\u00fcbeln und alles in Frage stellen und hin und her wenden \u2013 und die Welt wird eben dadurch verdreht und auf den Kopf gestellt. \u2013 \u201eWenn ich die Wahrheit sage \u2013 warum glaubt ihr mir dann nicht?\u201c, sagt Jesus heute. \u201eDie Wahrheit ist unbeliebt\u201c\u2026 da nimmt man lieber eine verkleidete L\u00fcge! \u2026 die wir uns dann allm\u00e4hlich selbst als Wahrheit einreden, denn sie ist in der Situation am bequemsten. Denn bei mir liegt die Kontrolle und die Macht, und mein Wille soll geschehen\u2026<\/p>\n<p>Zu diesem Verdrehten geh\u00f6rt leider auch, dass Bibeltexte, aus ihrem Zusammenhang gerissen, zum Machtmissbrauch benutzt wurden \u2013 das gilt auch f\u00fcr das, was wir heute geh\u00f6rt haben. Das Gespr\u00e4ch zwischen Jesus und den Schriftgelehrten der Juden wurde als Begr\u00fcndung f\u00fcr abscheulichen Antisemitismus missbraucht \u2013 und umgekehrt werden Texte aus dem Alten Testament als Begr\u00fcndung f\u00fcr illegale Siedlungen und die Vertreibung von Pal\u00e4stinensern missbraucht. Und durch die Geschichte hindurch: zur Ermordung von Homosexuellen, zur Ausgrenzung von M\u00fcttern und ihren Kindern, zur Rechtfertigung von V\u00f6lkermord \u2013 und wir k\u00f6nnten so weiterfahren.<\/p>\n<p>Mitten in einem unmenschlichen Krieg sagte ein Mann: \u201eChristus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.\u201c Und mehr ist nicht zu sagen \u2013 keine andere Wahrheit gilt, wie sehr sie auch verdreht und noch so sch\u00f6n zum Schein gebracht wird \u2013 auch heute nicht: \u201eChristus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.\u201c<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass es in unserem eigenen Leben und im Leben der Welt keine Dilemmata gibt \u2013 aber es bedeutet, dass die Bibel niemals dazu in Anspruch genommen werden kann, einen anderen Menschen als etwas anderes denn als kostbar in Gottes Augen zu behandeln. Oder wie eine alte Frau es ganz einfach sagte: \u201eWenn man nicht recht wei\u00df, was man w\u00e4hlen soll, soll man immer das Liebevollste w\u00e4hlen!\u201c<\/p>\n<p>Wie kann das, wor\u00fcber wir heute h\u00f6ren, f\u00fcr uns einen Sinn ergeben? Hier spricht Jesus: wer Gott zum Vater hat, ringt nicht um Privilegien, um alte Traditionen oder darum, einem besonderen Volk oder einer besonderen Familie anzugeh\u00f6ren. Es geht darum, zu ihm zu geh\u00f6ren, zu Jesus, und dadurch zu Gott. Genau das, was wir h\u00f6rten, als Anna getauft wurde: \u201eEmpfange das Zeichen des Kreuzes\u201c \u2013 sichtbar, als Zeichen daf\u00fcr, dass keine D\u00e4monie und kein B\u00f6ses dein Leben bestimmen soll. Du bist kostbar in Gottes Augen. Niemand darf dich ansehen oder behandeln als w\u00e4re es anders. Und so sollst du auch dein Leben leben.<\/p>\n<p>\u201eGott ist mein Vater\u201c, sagte Jesus. Jesus ist ganz das, was er bei Gott geh\u00f6rt und gesehen hat. Und das will er nicht f\u00fcr sich behalten. Es soll allen Menschen zuteilwerden.<\/p>\n<p>\u201eUnser Vater im Himmel\u201c, sagt er \u2013 wenn ihr zu ihm betet, sollt ihr sagen: \u201eVater unser im Himmel\u2026\u201c Das ist die liebevolle W\u00e4rme, die uns umh\u00fcllt, wenn wir das Vaterunser beten \u2013 hier in der Kirche bei der Kindertaufe, zu Hause miteinander oder allein.<\/p>\n<p>\u201eIch bin der Weg und die Wahrheit und das Leben\u201c, so sagt Jesus. Kein kaltes Dogma, das wir mit ausgestrecktem Arm halten und messen und wiegen und anderen um die Ohren hauen k\u00f6nnen \u2013 sondern eine himmlisch warme Geschichte, die sich um jeden von uns legt wie eine Decke, eine Geschichte, die sich in uns hineinschreibt und uns Teil von Gottes gro\u00dfer Geschichte sein l\u00e4sst. Eine Wahrheit, die Gericht h\u00e4lt \u00fcber unsere L\u00fcgen und Herzlosigkeit.<\/p>\n<p>\u201eChristus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.\u201c<\/p>\n<p>Das Teuflische ist, dass die L\u00fcge sich breit macht und sich herausputzt\u2026 Wir sehen es so deutlich jetzt in den machthungrigen L\u00fcgen und der Gefolgschaft der Superreichen. Wir sehen, wie gef\u00e4hrlich das ist \u2013 die L\u00fcge an sich, aber vielleicht vor allem, dass sie sich als G\u00fcte verkleidet und sich als Wahrheit ausgibt.<\/p>\n<p>Manchmal muss die Wahrheit schr\u00e4g erz\u00e4hlt werden \u2013 in Form einer Geschichte. Und aus Hans Christian Andersens M\u00e4rchen \u201eDes Kaisers neue Kleider\u201c haben wir eine der Geschichten, die uns am deutlichsten zeigt, wie die L\u00fcge die Falschheit der Macht verdeckt. Der Kaiser kannte selbst die buchst\u00e4blich nackte Wahrheit \u2013 jeder, der ihn ansah, kannte sie, und doch waren alle einig, dass der nackte Kaiser alles andere als die Wahrheit war \u2013 denn seine Nacktheit durfte unter keinen Umst\u00e4nden die Wahrheit sein.<\/p>\n<p>Aber die Wahrheit ist die Wahrheit, ob sie uns gef\u00e4llt oder nicht. Der Kaiser war splitternackt, ganz gleich wie viele sch\u00f6ne Kleider man ihm andichtete. Die L\u00fcge wird sich immer verbergen und verkleiden \u2013 als goldenes Kalb, als Hospitalschiff (Anspielung auf einen j\u00fcngstem Post von D. Trump \u00fcber Gr\u00f6nland, a.d.\u00dc.), als R\u00fccksichtnahme oder sonst etwas \u2013 und sich als ihr Gegenteil ausgeben: als das Wahre, das Sch\u00f6ne, das Gute \u2013 ja als Gott selbst \u2013 genau wie Jesus es uns heute erz\u00e4hlt\u2026 Und in diesem Sinne kann man wohl sagen, dass es uns so ergehen kann, dass wir w\u00e4hlen, woanders zu Hause zu sein als bei Gott. Die Unbarmherzigkeit zu w\u00e4hlen, die Selbstgerechtigkeit und das Teuflische.<\/p>\n<p>Das v\u00f6llig Unbegreifliche \u2013 und v\u00f6llig Wunderbare \u2013 ist: Wenn wir getauft werden, h\u00f6ren wir: Du geh\u00f6rst also zu mir \u2013 nun soll kein Teufel dir schaden. Ich halte dich fest, auch an deinem dunkelsten Tag der Selbsterkenntnis. Du bist kostbar in meinen Augen. Du lebst in meiner Vergebung und in meinem Leben.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten es ein Taufgeschenk nennen \u2013 f\u00fcr Anna und f\u00fcr jeden von uns. Und es ist eine Taufaufgabe f\u00fcr uns: als Eltern, Paten und Gro\u00dfeltern \u2013 als Gemeinde \u2013 Kinder w\u00e4rmend in das Vaterunser einzuh\u00fcllen: eine Decke aus menschlicher Liebe und W\u00e4rme, wie das Kind sie kennt; und wir m\u00fcssen von ihm erz\u00e4hlen und auf ihn hinweisen, der selbst die Liebe ist, Christus. Zuerst und immer und in Ewigkeit sind wir Gottes Kinder. Das ist die tiefste lebendige Wahrheit. In unserem eigenen Leben \u2013 und in der Art, wie wir es leben: \u201eChristus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Tine Illum<br \/>\nPastorin in S\u00f8nder Bjert<br \/>\nti(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen\u00a0| Okuli (d\u00e4nisch Tredje s\u00f8ndag i fasten) | 8. M\u00e4rz 2026 | Joh 8,42-51 | Tine Illum | \u201eChristus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen\u201c Eine Kindergruppe besuchte den Pfarrer in der Kirche. 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