{"id":26018,"date":"2026-03-04T11:59:46","date_gmt":"2026-03-04T10:59:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26018"},"modified":"2026-03-04T11:59:46","modified_gmt":"2026-03-04T10:59:46","slug":"lukas-957-62-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-957-62-4\/","title":{"rendered":"Lukas 9,57-62"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Gefordert<\/strong> | <strong>Okuli <\/strong>| 8. M\u00e4rz 2026 | <strong>Lk 9,57-62<\/strong> | <strong>Nadja Papis<\/strong> |<\/h3>\n<p>Es ist Zeit, wir gehen heim. Niemand geht allein. Gott kommt mit, Schritt f\u00fcr Schritt, nah und weit und jederzeit.<\/p>\n<p>So ungef\u00e4hr lautet der Text eines (schweizerdeutschen) Liedes von Andrew Bond, welches wir jeweils am Schluss des Unterrichts singen.<\/p>\n<p>Es ist in sch\u00f6nes, beh\u00fctendes Gottesbild \u2013 Gott als einer, der mit mir geht, Gott als eine, die mit mir unterwegs ist. Engel, die \u00fcber mich wachen. Jesus, der Bruder und Freund, der mir vorausgegangen ist, auf dass ich ihm nachfolge.<\/p>\n<p>Auf dem Weg sein \u2013 dieses Bild f\u00fcr das Leben ist uns vertraut und nahe. Ja, der Lebensweg f\u00fchrt uns durch ganz unterschiedliche Zeiten, Schritt f\u00fcr Schritt, manchmal fr\u00f6hlich h\u00fcpfend, manchmal m\u00fchselig k\u00e4mpfend gehen wir weiter. Und das Ziel? Schlicht und einfach: das Leben leben. Immer wieder ankommen und immer wieder aufbrechen. Die Aussicht geniessen, Neues entdecken, etwas zu erz\u00e4hlen haben, dem Abgrund entgehen, ein Abenteuer bestehen, eine steile Steigung \u00fcberwinden, ein Hindernis auf die Seite r\u00e4umen. Und das Ziel? Ja, eben: das Leben leben.<\/p>\n<p>Der Evangelist Lukas braucht die Wendung \u00abauf dem Weg\u00bb auch f\u00fcr das Leben, f\u00fcr die christliche Existenz, f\u00fcr das Leben mit Christus, diesem Messias, der auch unterwegs ist. Wer ihm nachfolgen will, muss sich auf den Weg machen, muss aufbrechen und muss abbrechen. In drei Minidialogen wird klar: Dieser Weg ist nichts f\u00fcr Zaudernde und Z\u00f6gernde. Wer mit auf dem Weg ist, muss alles andere hinter sich lassen. Da ist kein Platz f\u00fcr (alte) Gef\u00fchlsbindungen, f\u00fcr ein fr\u00fcheres Zuhause, ja, noch nicht einmal die Trauer um die Verstorbenen hat Platz. Die Nachfolge fordert einen existentiellen Bruch, um wirklich aufbrechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Puh\u2026 Da stehe ich wieder mal, mitten in der Welt, mitten in meinem Beziehungsnetz, meiner Familie, meinen Freundinnen, meinem Dorf. Ich habe nichts hinter mir gelassen, das muss ich zugeben. Und meine \u2013 unsere Kirche ist auch nicht mehr unterwegs oder auf dem Weg. Nein, sie steht fest und solide gebaut mitten im Dorf. Mauern, die Jahrhunderte \u00fcberdauern, mittlerweile gesch\u00fctzt von der Denkmalpflege und somit unver\u00e4nderlich. Und auch drinnen Traditionen, die ebenso schwer zu ver\u00e4ndern sind.<\/p>\n<p>Diese radikale Nachfolge ist unbequem. Ja, schon diese drei Minigespr\u00e4che, die Jesus f\u00fchrt, t\u00f6nen unangenehme: Weisst du eigentlich, worauf du dich einl\u00e4sst, wenn du mit mir kommst? Keinen Ruheplatz, keine Familie, kein Zuhause. Diese Forderungen l\u00f6sen ein Dilemma aus, ich kann es richtig sp\u00fcren: Soll ich oder soll ich nicht? Ich m\u00f6chte mitgehen, aber ich m\u00f6chte nicht alles hinter mir lassen. Ich m\u00f6chte aufbrechen, ohne zu brechen. Geht das wirklich nicht? Auch heute nicht?<\/p>\n<p>Wir leben nicht mehr in dieser radikalen Anfangszeit des Christentums. Damals geh\u00f6rt es zur Glaubensentscheidung dazu, Entbehrungen in Kauf zu nehmen, sein Leben der Gefahr von Verfolgung auszusetzen, alles aufzugeben. Heute glauben wir bequem. Nat\u00fcrlich gibt es Anfechtungen, die Kirche ist nicht im Trend, aber es ist noch genug Achtung da. Was also nehmen wir von diesem Bibeltext mit?<\/p>\n<p>Wir sind auf dem Weg zur Passion. Der christliche Glaube weiss um die Br\u00fcche im Leben, um das Leid, die schweren Wegetappen. Immer wieder begleite ich Menschen, die aufbrechen wollen oder aufbrechen m\u00fcssen: Traumatisierte Menschen zum Beispiel oder solche, die in toxischen Beziehungen feststecken. Menschen, die sich selbst entdecken m\u00fcssen und auch ihre Andersartigkeit. Daf\u00fcr m\u00fcssen viele mit Altem brechen, sie m\u00fcssen sich \u2013 oft m\u00fchselig \u2013 von Menschen, Mustern, \u00dcberlebensstrategien, gesellschaftlichen Normen trennen, um wieder zur\u00fcck auf den Weg des vollen Lebens, der vollen Lebendigkeit zu finden. Die Last des Erlebten bleibt, aber es entsteht in der Arbeit daran ein neuer, lebensbejahender Umgang mit sich selbst. Dieser Weg ist ein radikaler, er braucht die volle Akzeptanz f\u00fcr das eigene Leben und Sein. Es geht nicht halb so und halb so. Und das Ver\u00e4ndern vom einen zum anderen ist eine anstrengende und schmerzhafte Arbeit. Die Forderung von Jesus aufzubrechen in die Nachfolge t\u00f6nt auf den ersten Moment so, wie wenn ich einfach einen Schalter umkippen k\u00f6nnte und dann w\u00e4re es geschafft. Ich glaube mehr an ein Hineinwachsen, an eine erarbeitete Entwicklung, die uns zum Leben f\u00fchrt, zum vollen Leben. Die Kraft daf\u00fcr finde ich im Vertrauen auf Christus, der selber den Weg ans Kreuz und durch den Tod hindurch auf sich genommen hat. Er ist an unserer Seite, in allem. Und er weiss, was es heisst, zu leben \u2013 dieses Leben zu leben mit allem, was es bringt.<\/p>\n<p>Mich hat noch eine andere Frage fasziniert in der Vorbereitung dieser Predigt: Was fordert Gott von mir? Ja, die fordernde Seite Gottes vernachl\u00e4ssige ich immer, ich gebe es zu. Viel lieber predige ich von der gebenden, liebenden Seite. Auch in meinem pers\u00f6nlichen Glauben erfahre ich Gott vor allem zugewandt. Und nun dies: Ich darf nicht einfach glauben und mich lieben lassen, ich muss etwas. Nicht gute Werke, das ginge ja noch, nein, ich muss mein Leben aufgeben, um christlich leben zu k\u00f6nnen. Gott fordert sozusagen meine ganze Existenz. Ohne Sicherheitsnetz, ohne Vorsorgevertrag, ohne den Halt der Gesellschaft. Kann ich diese Forderungen \u00fcberhaupt erf\u00fcllen oder m\u00fcsste ich dazu in ein Kloster gehen? Oder losziehen in die Welt wie eine Wanderpredigerin?<\/p>\n<p>Ich will dir folgen, wohin du gehst. Ja, das m\u00f6chte ich doch. Auch wenn meine Kirche fest gebaut ist, auch wenn ich ein Zuhause und einen Ruheplatz habe, auch wenn ich in meiner Familie und meinem Freundeskreis lebe.<\/p>\n<p>Auf dem Weg sein ist das Bild, welches Lukas f\u00fcr die christliche Existenz und auch die Kirche braucht. F\u00fcr mich kann es ein \u00e4usseres, aber auch ein inneres Bild sein. Ich kann auf dem Weg sein, auch wenn mein Leben feste Orte kennt. Innerlich, mit mir, mit dem, was mein Leben ist und beinhaltet. Und mit Christus. Und ja, ich kann auch diese Forderungen so verstehen: Brich auf \u2013 zu dir selber, zu dem, was du bist, was dich umtreibt, was dich dem G\u00f6ttlichen nahebringt. Brich auf \u2013 aus dem, was dich gefangen h\u00e4lt, was dich klein macht, was dich l\u00e4hmt. Brich auf \u2013 aus dem, was dich erstarren l\u00e4sst, was dich an der Entwicklung hindert, was dich beziehungsunf\u00e4hig macht. Brich auf \u2013 hin zu dem, wozu du gemeint bist, zu dem, was dich erf\u00fcllt, begeistert, lebendig macht, zu dem, was wahrhaftig ist. Diese Aufbr\u00fcche kosten genau so viel Mut und Kraft und sie sind auch genauso gen\u00e4hrt aus der christlichen Hoffnung auf eine Lebendigkeit, die den Tod \u00fcberdauert, auf eine Zuflucht bei Gott und auf eine Sicherheit, die ganz anders h\u00e4lt als jede irdische.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfrn. Nadja Papis<br \/>\nLangnau am Albis\/Sihltal<br \/>\n<a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefordert | Okuli | 8. M\u00e4rz 2026 | Lk 9,57-62 | Nadja Papis | Es ist Zeit, wir gehen heim. Niemand geht allein. Gott kommt mit, Schritt f\u00fcr Schritt, nah und weit und jederzeit. So ungef\u00e4hr lautet der Text eines (schweizerdeutschen) Liedes von Andrew Bond, welches wir jeweils am Schluss des Unterrichts singen. 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