{"id":2606,"date":"2020-04-22T08:35:23","date_gmt":"2020-04-22T06:35:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2606"},"modified":"2020-04-22T08:35:23","modified_gmt":"2020-04-22T06:35:23","slug":"liebe-befluegelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/liebe-befluegelt\/","title":{"rendered":"Liebe befl\u00fcgelt"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu 1Petrus 2, 21b-25 | verfasst von Eberhard Busch |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christus hat uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fu\u00dfstapfen; welcher keine S\u00fcnde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten wurde, nicht drohte, da er litt, er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet; welcher unsre S\u00fcnden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir von der S\u00fcnde losk\u00e4men und der Gerechtigkeit leben; durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr habt euch nun hingewandt zu dem Hirten und Besch\u00fctzer eurer Seelen.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller Ernst Wiechert hat eine sonderbare Geschichte aufgeschrieben. Sie hat sich zugetragen zu der Zeit, als noch die Leibeigenschaft so Viele drangsalierte. Da h\u00f6ren wir von einem argen Herrn. Der wollte eines Tages den Pfarrer an seinem Ort zwingen, um Geld zu spielen. Der Geistliche aber weigerte sich \u2013 in Erinnerung an Jesus, um dessen Rock die Kriegsknechte unterm Kreuz w\u00fcrfelten. Das Untertansein unter einem hohen Herrn darf ja nie hei\u00dfen, etwas gegen den einen, den wahren Herrn: den Heiland der Menschen, zu tun. Folgt man ihm, so schlie\u00dft das nicht aus, dadurch etwas Bitteres zu erleiden, so wie es auch Jesus widerfuhr. Was tat jener \u00fcble Herr dem Pfarrer an? Er lie\u00df ihn grausam auspeitschen. Anderntags war Gottesdienst. Auf der Kanzel stand derselbe Geschlagene. In der versammelten Gemeinde sa\u00df auch dieser Menschenschinder, auf dem Adelsstuhl, so dass alle Augen der Andern ihn sahen. In der Predigt geschah etwas Entsetzliches: der Pfarrer hielt einen <em>Nachruf<\/em> auf jenen Herrrn, der hoch auf dem Adelsstuhl vor ihm sa\u00df. Er sei gestorben, weil er wie die Kriegsleute unter dem Kreuz um den Rock Jesu gespielt habe und um den Rock von noch vielen Armen auf der Erde um ihn herum. So schrecklich sei er gestorben, dass er umhergehe wie ein wandelnder Leichnam, und so, dass jedermann vor ihm ausweiche, weil er rieche wie der tote Lazarus. Da sprang der Herr rasend vor Wut auf, um den Pfarrer zu erstechen. Doch sein Degen traf das Herz des Jesuskinds, das im Holz der Kanzel geschnitzt war. Da sank jener Plagegeist auf die Knie und barg sein Gesicht in seinen H\u00e4nden. So f\u00fchrte ihn der Pfarrer aus der Kirche. Dieser Peiniger aber, so schlie\u00dft die Geschichte, verwandelte sich von Stund an.<\/p>\n<p>Von solcher Verwandlung redet auch unser Predigttext. Er handelt von der Frage, wie solch einem Grobian und wie noch manchen weiteren Menschenschindern das Handwerk gelegt werden kann, so dass sie genesen. Denn, nichtwahr, es gibt solche Qu\u00e4lgeister wie die, von denen der Schriftsteller erz\u00e4hlt, an manchen Orten, in niederen, h\u00f6heren und in h\u00f6chsten Positionen. Wie soll man mit ihnen umgehen? Wenn keine Besserung in Aussicht steht! Hilft dagegen nicht das altbekannte Mittel: auf jeden Schlag ein Gegenschlag? \u201eIch kenn&#8216; mich, ich vergess&#8216; mich\u201c, wie man das im Ruhrgebiet zu sagen pflegt, wenn man eine Kr\u00e4nkung nicht auf sich sitzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>O nein, bei Christus geht es anders zu. Nein, er gab kein Widerwort, als er bel\u00e4stigt wurde. Er erwiderte nicht Aggression mit Aggression. Er nahm es auf sich, dass auf ihn eingestochen wurde. \u201eO Lamm Gottes, unschuldig, &#8230; all S\u00fcnd hast du getragen.\u201c Nicht hat er es einfach geschluckt. Er hat es <em>getragen<\/em>, ertragen, um es <em>weg<\/em>zutragen. \u201e<em>Hinauf<\/em>getragen\u201c zu dem, \u201eder da recht richtet\u201c. Und so hinauf an das \u201eHolz\u201c, am Karfreitag! Und das nicht, um es zwischenzulagern und es bei anderer Gelegenheit uns wieder vorzuhalten. Das unternahm er, um das abzuschlie\u00dfen. So dass das Unrecht kein Recht mehr an uns hat. So dass wir davon ausgehen k\u00f6nnen, \u201edurch seine Wunden sind wir heil.\u201c Und wenn wir jemals r\u00fcckf\u00e4llig werden \u2013 und das kommt vor, nicht wahr? \u2013, dann ist das einfach nicht normal. Dann werden wir so etwas sein wie ein wandelnder Leichnam oder der tote Lazarus.<\/p>\n<p>Unsre <em>S\u00fcnde<\/em> hat er auf sich genommen und weggebracht. S\u00fcnde? Fragen wir f\u00fcr einmal nicht, was Andere sich zuschulden kommen lassen. Fragen wir heute uns selbst. Wir sind ja wohl nicht solche Grobiane wie der, von dem Ernst Wiechert erz\u00e4hlt. Aber achten wir auf das, was unser Predigtwort von <em>Christus<\/em> sagt: \u201eIn seinem <em>Mund<\/em> fand sich kein Falsch.\u201c Da k\u00f6nnen <em>wir<\/em> schwerlich mithalten. In der Bibel wird es sogar als eine \u00fcble S\u00fcnde aufgef\u00fchrt: das Unerfreuliche, das wir mit unserm Mundwerk anrichten. Seht, hei\u00dft es da: \u201edie Zunge, das unruhige \u00dcbel voll t\u00f6dlichen Gifts, ein kleines Feuer, welch einen Wald z\u00fcndet es an\u201c (Jak 3,5f), so etwas wie jenes allerkleinste Virus, das ganze V\u00f6lker in panische Schrecken versetzen kann.<\/p>\n<p>Von so vielen Kirchen hei\u00dft es gegenw\u00e4rtig: \u201eBis auf Weiteres geschlossen.\u201c Wegen der Pandemie! K\u00f6nnte es sein, dass das die Quittung ist daf\u00fcr, dass \u00f6fters Mal in ihnen etwas laut geworden ist, was vor Gott und den Menschen nicht recht ist? Dass vielleicht auch darum so manche nicht mehr dorthin gegangen sind, weil sie davon kaum einen Nutzen erwarteten? Sind es nicht blo\u00df die staatlichen Beh\u00f6rden, die hier die T\u00fcren schlie\u00dfen? Sagt hier nicht still und leise Gott ein ernstes Nein?<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir <em>recht <\/em>zu! Genau das, wozu Gott Nein sagt, das hat Christus auf sein Gehei\u00df <em>weg<\/em>getragen. Und das so gr\u00fcndlich, dass es in unserem Text nachgerade hei\u00dft: dass wir damit der S\u00fcnde \u201e<em>abgestorben<\/em>&#8220; sind. Gott sagt nicht zu uns Nein, ohne erst recht Ja zu uns zu sagen. Wie Martin Luther es ausdr\u00fcckte: \u201eGott ist ein brennender Backofen voller Liebe.\u201c Seine Liebe <em>brennt<\/em>, aber sie <em>ver<\/em>brennt nicht. Seine Liebe ist eben auch ein heilsamer Schlussstrich. Gut, wenn es mit all dem Verkehrten einmal ein Ende hat, das noch so gespenstisch in unsere Gegenwart und in unser Leben ragt. In Christus hat Gott einen Schlussstrich gezogen, damit das Stechen und Verletzen unter uns Menschen endlich, endlich zum Stillstand komme. Nein, man muss nicht jedem Unfug folgen. Treten wir <em>nicht<\/em> in die Fu\u00dfstapfen von Meister Tunichtgut! Und singen mit Graf Zinzendorf: \u201eWenn uns die b\u00f6se Lust anficht, muss ich <em>gottlob<\/em> ihre folgen <em>nicht<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Denn Gott hat mit uns noch ein Sch\u00f6nes vor. Er kann Menschen verwandeln, und tut es auch, so dass aus Unmenschen <em>Menschen<\/em> werden. Daf\u00fcr ist Christus eingetreten, daf\u00fcr ist er dazwischen getreten, daf\u00fcr hat er sich eingesetzt und hergegeben,\u2013 nicht blo\u00df, damit die Leute sich bessern, sondern daf\u00fcr, dass unser aller Leben <em>gesund<\/em> wird. Er ist, sagt unser Text, wie ein sorgsamer Hirte, der sich seiner herumirrenden Schafe als ihr Besch\u00fctzer angenommen hat und auch heute annimmt, so, dass uns ein neuer Tag d\u00e4mmert.<\/p>\n<p>Werden wir jetzt neue Menschen? so, dass durch Christus ein Neues bei uns anf\u00e4ngt, Menschen, die ihr Leben im Gegeneinander hinter sich haben und vor denen ein neues Leben liegt im Frieden miteinander, ein Leben, in dem Jesus uns vorangeht und wir ihm folgen: ihm, ,,der nichts tat, was S\u00fcnde w\u00e4re, und in dessen Mund sich kein Falsch fand.\u201c Sollten wir nicht auch dergleichen tun? Oder denken wir, dass das nicht geht? Bitte, schauen wir jetzt nicht auf unser Unverm\u00f6gen und unsern Unwillen! Schauen wir auf den, der uns vorangeht, auf den, der uns mehr zutraut, als wir bislang ahnten! Seine Liebe befl\u00fcgelt uns.<\/p>\n<p>Er, \u201eder nicht schm\u00e4hte, wenn er geschm\u00e4ht wurde, der nicht drohte, wenn er leiden musste\u201c. Er hat das nicht blo\u00df gelehrt. Er hat es uns vorgemacht, damit wir es ihm nachmachen. Eben seine Liebe befl\u00fcgelt uns dazu. Statt Faustschl\u00e4gen eine wehrlos offene Hand. Er l\u00e4dt uns ein, in seine Fu\u00dfstapfen zu treten. Ein Sprichwort sagt: \u201eMan kann niemanden \u00fcberholen, wenn man in seine Fu\u00dfstapfen tritt.&#8220; Ja, wenn man in Jesu Fu\u00dfstapfen tritt, <em>muss<\/em> man auch keinen \u00fcberholen. Man darf\u00a0 einfach menschlich sein: <em>mit<\/em>menschlich.<\/p>\n<p>Hat er das blo\u00df in unser Belieben gestellt? \u2013 dass wir dergleichen nur bei Lust und Laune tun m\u00f6gen. Nein, er hat es uns nicht nur zugetraut, er hat es uns auch zugemutet. Und gilt das nur im Privaten? Nun, es ist auch das gar nicht so leicht, wie wir gerade in diesen Tagen zu h\u00f6ren bekommen. Jeremias Gotthelf schrieb: \u201eIm Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.\u201c Doch gilt es in der Politik, in den Kliniken, in der Wirtschaft, im Milit\u00e4r etwa gar nicht? Gibt es gar nichts, was da \u201eleuchten soll&#8220;? Probieren wir es aus! Lassen wir es auf einen Versuch ankommen! Und nicht sich entmutigen lassen, wenn es R\u00fcckschl\u00e4ge und Entt\u00e4uschungen gibt, wenn wir selbst zu st\u00fcrmisch oder zu tapsig oder zu leisetreterisch sind.<\/p>\n<p>In unseren Zeiten des Coronavirus vollzieht sich ja ein lehrreicher Vorgang. Ein lieber Mitmensch schenkte mir k\u00fcrzlich eine CD mit klassischer Musik, unter dem Titel \u201eThese Distracted Times\u201c, das hei\u00dft: \u201ediese verwirrten, besorgten, st\u00f6renden Zeiten&#8220;. Der Titel ist auch ein Fingerzeig auf unsern <em>heutigen<\/em> Tag. Worauf kommt es an, in diesen st\u00f6renden Zeiten? Haben wir uns etwa schon an das heutige Leiden der Anderen gew\u00f6hnt, solange es uns nicht trifft?, wie es Papst Franziskus bef\u00fcrchtet hat. Oder lernen wir es jetzt nicht doch? Und wenn wir davonkommen aus diesen besorgten Zeiten, m\u00f6gen wir es insk\u00fcnftig in Erinnerung behalten: Menschen r\u00fccken zusammen, indem sie R\u00fccksicht aufeinander nehmen. Menschen sind nah beieinander, indem sie Distanz wahren. Menschen lieben ihre N\u00e4chsten wie sich selbst, indem sie Hab-Acht-Stellung vor ihnen einnehmen. Menschen sind hilfreich f\u00fcr die Kranken und Sterbenden in den Spit\u00e4lern, indem sie bei ihnen sind im Gebet.<\/p>\n<p>Ja, beten wir, dass Jesus uns die Beherztheit verleihe, ihm zu folgen. Beten wir, es m\u00f6ge uns dabei geschenkt sein, so wie es Ernst Wiechert uns vorgestellt hat: Beides, den nacht-schwarzen Unfug hinter uns lassen und der Morgensonne eines neuen Tages entgegen gehen. Beides kraft der g\u00f6ttlichen Barmherzigkeit. Und beides tut uns gut: der resolute Schlussstrich hinter dem Nonsens ebenso wie der Ausmarsch hin zu einem uns neu geschenkten Leben.<\/p>\n<p>Eberhard Busch, Friedland<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 1Petrus 2, 21b-25 | verfasst von Eberhard Busch | &nbsp; Christus hat uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fu\u00dfstapfen; welcher keine S\u00fcnde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten wurde, nicht drohte, da er litt, er stellte es aber dem anheim, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2599,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54,1,157,114,322,259,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-2606","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-petrus","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-eberhard-busch","category-kapitel-02-chapter-02","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2606"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2607,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2606\/revisions\/2607"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2599"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2606"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=2606"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=2606"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=2606"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=2606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}