{"id":2608,"date":"2020-04-22T08:09:17","date_gmt":"2020-04-22T06:09:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2608"},"modified":"2020-04-22T08:38:31","modified_gmt":"2020-04-22T06:38:31","slug":"dazugehoeren-und-zuhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/dazugehoeren-und-zuhoeren\/","title":{"rendered":"Dazugeh\u00f6ren und zuh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Johannes 10,22-30 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Anders Kj\u00e6rsig | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da liegt ein Wortspiel vor in den Begriffen Dazugeh\u00f6ren und Zuh\u00f6ren. Man kann sehr wohl dazugeh\u00f6ren, auch wenn man nicht zuh\u00f6rt. Kinder sind daf\u00fcr ein hervorragendes Beispiel. Ihr Gef\u00fchl, dass die dazugeh\u00f6ren, kann fast umgekehrt proportional sein zu ihrer mangelnden F\u00e4higkeit zuzuh\u00f6ren. Je st\u00e4rker die Zugeh\u00f6rigkeit, desto weniger h\u00f6ren sie zu. Gl\u00fccklicherweise, h\u00e4tte ich fast gesagt. Das macht einen mehr liebenswert, das wei\u00df jeder.<\/p>\n<p>Umgekehrt aber ist es unm\u00f6glich. Man kann nicht zuh\u00f6ren, ohne dazuzugeh\u00f6ren. Man stelle sich vor, ein Mann sagt zu einem anderen Mann: Ich h\u00f6re immer auf andere, aber ich geh\u00f6re nirgends dazu. Man w\u00fcrde unwillk\u00fcrlich fragen: Auf wen h\u00f6rst du dann? Wer h\u00f6rt auf dich? Wenn man nicht dazugeh\u00f6rt, kann man auch nicht auf andere h\u00f6ren. Man wei\u00df ja nicht, auf wen man h\u00f6ren soll, und man kennt vielleicht gar nicht die Sprache, die gesprochen wird. Ein Thema, das Franz Kafka und Edgar Allen Poe in all seinem Schrecken schildern k\u00f6nnen. Hier ist man den Menschen fremd, unter denen man lebt, und diese Fremdheit zeigt sich in einer latenten Unsicherheit, die eben zeigt, dass man nirgendwo richtig zuhause ist.<\/p>\n<p>Im Johannesevangelium gibt es mehrere Texte, die dieses Thema ansprechen: Dazugeh\u00f6ren und zuh\u00f6ren. Das wird oft mit dem Bild von den Schafen und dem Hirten beschrieben. Die Schafe h\u00f6ren auf den Hirten, weil sie zu der Herde des Hirten geh\u00f6ren. Sie kennen die Rede des Hirten, weil der Hirten ihnen eine Sprache gibt, die sie verstehen k\u00f6nnen. Sie wissen, was es bedeutet, wenn er pfeift oder seinen Hirtenstab erhebt. Die Schafe f\u00fchlen sich deshalb nicht fremd und \u00e4ngstlich in der Welt, in der sie leben. Sie vertrauen darauf, dass der Hirte auf sie aufpasst.<\/p>\n<p>Das Bild von dem Hirten und den Schafen tr\u00e4gt mit dazu bei, etwas \u00fcber das Wesen des Glaubens zu sagen. Glaube hei\u00dft Zugeh\u00f6rigkeit, ein Vertrauen, dass man dazugeh\u00f6rt. Bei sich selbst zu wissen, dass da ein Hirte ist, der einem auf dem Wege folgt, auch wenn man diesen Weg selbst gehen muss. Das ist die Erfahrung, dass man nicht allein ist, ganz gleich in welche Richtung man sich bewegt.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren gab es einen Reklamespot, der eine \u00e4ltere Dame zeigt, die auf eine Bank sitzt. Wir sehen sie von hinten. Sie sitzt und blickt \u00fcber einen See. Am See laufen Kinder und spielen. In diesem Augenblick kommt ein junges M\u00e4dchen und setzt sich neben sie. Sie sitzen eine Weile, ohne etwas zu sagen, wonach sich die Frau erhebt und zu einer Gruppe \u00e4lterer Leute geht, die ins Bild gekommen sind. Einen kurzen Moment sehen wir die Frau, wie sie zusammen mit den anderen lacht, w\u00e4hrend das junge M\u00e4dchen auf der Bank sitzt. Zwei Sekunden danach liest man auf dem Schirm: Es sind nur \u00c4ltere, die einsam sind. Das ist ein starkes Ding: Zuh\u00f6ren, aber nicht dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Dichter Johannes J\u00f8rgensen hat ein Gedicht geschrieben unter der \u00dcberschrift: <em>Ostern.<\/em> Es handelt auch von der Erfahrung, dass man nicht dazugeh\u00f6rt, und es schildert einen Menschen in dem Lebensabschnitt, wo alles sinnlos und leer erscheint.<\/p>\n<p>Das Gedicht schildert einen Menschen, matt und m\u00fcde, der Menschen um sich sieht, die er hasst und verachtet als primitiv und oberfl\u00e4chlich. Ihr \u201egesundes Gl\u00fcck\u201c erlebt er als Hohn gegen sich selbst, der traurig dasitzt.<\/p>\n<p>Hier kann man davon reden, dass da von einem Menschen die Rede ist, der hinh\u00f6rt, aber nicht dazugeh\u00f6rt. Das Ich des Gedichts ist ein vor\u00fcbergehender Mensch, ein Fremder, der nicht nur weit weg ist von dem Lebensstil des P\u00f6bels, sondern auch von dem Leben selbst, an dem er eigentlich teilhat. Er sitzt in einem Wagen, f\u00e4hrt, Aufbruch, Bewegung, ein Leben ohne Halt und ohne Heimat.<\/p>\n<p>Ich glaube, das ist eine Erfahrung, die die meisten kennen. Jeder Mensch erlebt in k\u00fcrzeren oder l\u00e4ngeren Perioden seines Lebens die Stimmung, dass man nirgends hingeh\u00f6rt und selbst denen fremd ist, die einem am n\u00e4chsten sind. Eine Erfahrung von Einsamkeit, die einen Menschen in eine besondere Beziehung bringt zur Erz\u00e4hlung von den Schafen und dem Hirten. Ich m\u00f6chte das deutlicher machen:<\/p>\n<p>Johannes nennt in seinem Text von den Schafen und dem Hirten, dass es Winter ist. Merkw\u00fcrdig, denn was hat das eigentlich mit dem Bild des Hirten zu tun? Wenn in der biblischen Tradition von den Schafen und dem Hirten die Rede ist, ist es in der Regel im Sommer. Das ist ein Sommerbild. Warum dann hier der Winter? Warum wird das erw\u00e4hnt? Wenn man in den gro\u00dfen gelehrten Kommentaren nachschl\u00e4gt, erf\u00e4hrt man nur sehr wenig. Wir m\u00fcssen selbst erraten warum.<\/p>\n<p>Der Winter steht als ein starker Kontrast zum Bild des Hirten. Hirte zu sein im Winter ist in keiner Weise dasselbe wie im Sommer. Die K\u00e4lte f\u00e4hrt durch den K\u00f6rper und saugt alle Freude aus der Arbeit, die ansonsten frei ist und verbunden mit frischer Luft und gr\u00fcner und fruchtbarer Natur. In dieser Weise wird das Bild ent-romantisiert, und es entfernt sich von der \u00fcblichen Vorstellung von den Schafen und den kleinen L\u00e4mmern, die anmutig am See liegen und trinken, alles in Stil eines Glanzbildes. Der Winter dekonstruiert die pastorale Hirtenlyrik. Die Schafe sind bedr\u00e4ngt, und zitternd dr\u00e4ngen sie sich aneinander. Kitsch und Pop sind weg, und damit er\u00fcbrigt sich auch die Kritik an dem Bild bei Nietzsche und den Existenzialisten. Der Winter verst\u00e4rkt n\u00e4mlich die Dramatik. Die Erz\u00e4hlung gilt f\u00fcr uns angesichts von Finsternis, Frost und Krise. In einer Landschaft von K\u00e4lte h\u00f6ren wir von den Schafen.<\/p>\n<p>Johannes J\u00f8rgensen war so ein Schaf, aber er fand einen Weg. Ist der moderne Mensch auch ein Schaf? Er sucht und h\u00e4lt Ausschau nach Weltanschauungen, nach Antwort auf die gro\u00dfen Fragen des Lebens, er glaubt an alles zwischen Himmel und Erde? Friert er? Die Fragen sind offen.<\/p>\n<p>Auch der d\u00e4nische Liederdichter beschie\u00dft eine Sammlung von Gedichten und Liedern mit einem Text, der um dieses Thema kreist: Dazugeh\u00f6ren und zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Du geh\u00f6rst dazu, auch wenn es schwer f\u00e4llt zuzuh\u00f6ren. Auch wenn die Welt fremd ist, bist du in ihr zuhause. Auch wenn alles verspielt ist, danke ich f\u00fcr alles, f\u00fcr das Salz der Erde und das Licht der Welt, hei\u00dft es hier. Das ist die These von Simon Grotians Gedicht und die Pointe im Johannesevangelium. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Emal: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Johannes 10,22-30 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Anders Kj\u00e6rsig | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; Da liegt ein Wortspiel vor in den Begriffen Dazugeh\u00f6ren und Zuh\u00f6ren. Man kann sehr wohl dazugeh\u00f6ren, auch wenn man nicht zuh\u00f6rt. Kinder sind daf\u00fcr ein hervorragendes Beispiel. 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