{"id":26084,"date":"2026-03-17T18:01:10","date_gmt":"2026-03-17T17:01:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26084"},"modified":"2026-03-17T18:01:10","modified_gmt":"2026-03-17T17:01:10","slug":"lukas-146-55-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-146-55-7\/","title":{"rendered":"Lukas 1,46-55"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Gesang vor der Morgend\u00e4mmerung | Judika (d\u00e4n. Mari\u00e6 Bebudelse) | Lk 1,46-55 | Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie Vogelgesang vor dem Morgengrauen, w\u00e4hrend es noch dunkel ist. So ist das Loblied Marias. Ein Lied von dem, was einst war, und von dem, was einst kommen wird \u2013 ein Lobgesang auf das Licht in der Finsternis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser kurze Gesang hat hungernden und unterdr\u00fcckten Menschen \u00fcber Jahrtausende hinweg Hoffnung und Mut geschenkt. Er ist eine Ank\u00fcndigung des Wandels, ein Lied von Gott, der alles auf den Kopf stellt, der die Reichen und M\u00e4chtigen st\u00fcrzt und die Kleinen und Armen erh\u00f6ht, der Licht entz\u00fcndet in der Dunkelheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute ist Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung. Es ist auch der Geburtstag mancher Menschen, und an diesem Tag werden manche H\u00e4user von Bomben getroffen, manche werden geboren und andere sterben. Es ist ein Tag, der niemals wiederkehrt. Manche werden ihn in Tr\u00fcmmern und Schutzr\u00e4umen zerbombter St\u00e4dte verbringen m\u00fcssen, und andere begehen ihn mit Familienfesten und Fr\u00fchlingsspazierg\u00e4ngen. Aber mitten in alledem ist es auch Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung \u2013 ein Teil jener Erz\u00e4hlung, mit der das Kirchenjahr mit seinen Sonntagen unsere gew\u00f6hnliche Zeit \u00fcberlagert. Sonntag f\u00fcr Sonntag wird uns das Evangelium verk\u00fcndet, die frohe Botschaft, ein Lied der Hoffnung in unsere kummervolle, erschreckte und sorgenvolle Zeit. <em>Verk\u00fcndigung<\/em> bedeutet: eine Botschaft empfangen. Diese Botschaft kommt von au\u00dfen \u2013 und was sie sagt, kann man sich nicht selbst sagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Wer auf n\u00fcchternen Magen singt, wird noch vor dem Abend weinen&#8220;, behauptete oft meine Gro\u00dfmutter. Der unausgesprochene Sinn: Man sollte den Tag nicht mit Zeichen der Freude beginnen, denn man wei\u00df ja nicht, was noch kommen mag. &#8222;Niemand kennt den Tag, ehe die Sonne niedergeht&#8220; {Zitat aus d\u00e4n. Kirchenlied &#8222;Lyksalig, lyksalig&#8220;, A.d.\u00dc.} \u2013 &#8222;Flieg nicht h\u00f6her, als deine Fl\u00fcgel tragen\u201d {d\u00e4n. Sprichwort, deutsch eher &#8222;Wer hoch steigt, kann tief fallen&#8220;, A.d.\u00dc.} \u2013 und viele andere Sprichw\u00f6rter, die uns sagen wollen. Sei vorsichtig mit der Freude und der Vermessenheit \u2013 denn sie r\u00e4cht sich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch das Loblied Marias und der Gesang der Amsel stehen dem entgegen. Gesang in der Dunkelheit vor dem Morgengrauen. Maria singt noch bevor der Grund daf\u00fcr erkennbar wird, weil sie eine Botschaft der Hoffnung empfangen hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Maria, das junge M\u00e4dchen, schwanger au\u00dferhalb der Ehe in einer Zeit und in einer Kultur, wo ihr dies das Leben kosten konnte. Sie ist aus dem Dorf fortgegangen, hinauf in die Berge zu ihrer alten Verwandten Elisabeth. \u00dcber das kommende Kind liegt keine Festlichkeit und Erwartungsfreude, sondern Furcht, Unsicherheit und Verurteilung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ihre Verwandte empf\u00e4ngt sie mit den Worten: &#8222;Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes; und selig ist sie, die geglaubt hat, denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist, als g\u00e4be die Umarmung Elisabeths Maria den Mut, darauf zu hoffen und zu vertrauen, was der Engel ihr gesagt hat, obwohl die Welt v\u00f6llig anders aussieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann bricht Maria in den Lobgesang aus. Ein kleines, \u00e4ngstliches M\u00e4dchen singt Lobgesang. Sie dankt Gott f\u00fcr das Leben, das ihr geschenkt wurde: &#8222;Denn der M\u00e4chtige hat gro\u00dfe Dinge an mir getan.&#8220; Im Singen \u00fcber die Vergangenheit singt sie sich Mut und Hoffnung f\u00fcr die Zukunft herbei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Loblied Marias \u2013 das <em>Magnificat<\/em> \u2013 ist in gewisser Weise ein Echo des Lobgesangs ihrer alttestamentlichen Namensschwester Mirjam, der Schwester des Mose. In der Erz\u00e4hlung, wie die Israeliten durch das Rote Meer gerettet werden, gefangen in einer v\u00f6llig ausweglosen Lage zwischen dem Meer und den Feinden, geschah das Unm\u00f6gliche: Das Meer \u00f6ffnete sich, und es entstand ein Weg, wo es keinen gegeben hatte. Die Israeliten flohen durch das Meer, das zu beiden Seiten wie eine Mauer stand; als sie aber hindurchgekommen waren, schloss es sich \u00fcber dem Heer des Pharao, das ihnen nachsetzte. Da hei\u00dft es, Mirjam ergriff eine Pauke und begann zu tanzen, und sie f\u00fchrte alle Frauen im Tanz und Gesang: &#8222;Singet dem HERRN, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Reiter warf er ins Meer.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch in gewisser Weise hatte es Mirjam leichter. Sie sang nach dem Gang durch das Rote Meer als Ausdruck der Erleichterung und Freude. Sie sang gemeinsam, in der Gemeinschaft mit allen anderen. Maria hingegen singt vor ihrem Roten Meer von Geburt und Schmerz, von Furcht und ungewisser Zukunft. Maria singt allein. Sie singt von einer Freude, die noch bevorsteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Magnificat hat in der ganzen Welt ein Echo hervorgerufen und tut es immer noch. Es ist ein Lied davon, wie Gott das Machtverh\u00e4ltnis zwischen Starken und Schwachen umkehrt. Nicht nur f\u00fcr Marias eigenes Volk. Denn erw\u00e4hlt ist f\u00fcr Gott jedes unterdr\u00fcckte Volk. Erw\u00e4hlt ist jeder unterdr\u00fcckte und leidende Mensch. Denn Gott ist derjenige, der die Niedrigen erh\u00f6ht. Gottes Gerechtigkeit stellt die Welt auf den Kopf. Im Magnificat lebt Mut und Aufbegehren. Gott schafft Wandel, Verwandlung und Umbruch, singt Maria.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man selbst wie die Made im Speck lebt und mit der Ordnung der Dinge zufrieden ist, ist dies keine angenehme Botschaft. Es ist ein Lied der Drohung: &#8222;Er \u00fcbt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoff\u00e4rtig sind in ihres Herzens Sinn. Er st\u00f6\u00dft die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen f\u00fcllt er mit G\u00fctern und l\u00e4sst die Reichen leer ausgehen.&#8220; Es ist eine Drohung f\u00fcr diejenigen, die zu den M\u00e4chtigen auf dem Thron geh\u00f6ren oder es zu werden erhoffen. Am leichtesten h\u00f6ren wir es als Drohung gegen andere, gegen den Feind, gegen die m\u00e4chtigen Tyrannen. Und auch hier gilt: Dieses Lied kann den Menschen in den Tr\u00fcmmern und in den Gef\u00e4ngnissen Mut geben, und denen, die jetzt vom Hunger betroffen sind. Es kann den Menschen Mut geben, die jetzt mit leeren H\u00e4nden aus dem Iran und aus den Krisenherden der Welt in die Welt str\u00f6men. Das Lied kann daran erinnern, dass es bedeutet, dass sie Hilfe und Schutz finden sollen \u2013 und werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Magnificat kann nie dazu verwendet werden, nur f\u00fcr andere und nicht f\u00fcr uns selbst zu gelten. Es kann nicht dazu benutzt werden, andere zu unterwerfen, denn das Lied h\u00e4lt stets zur Seite der Verlierer. Wenn wir selbst priviligiert sind, f\u00fchlt es sich an wie eine Bedrohung: Wir k\u00f6nnten unsere Macht verlieren. Wir k\u00f6nnten zu denen werden, die nichts haben und ohnm\u00e4chtig sind. Wir m\u00fcssen uns f\u00fcrchten, selbst Opfer zu werden. Deshalb ist das Magnificat provokativ, denn es ist ein Lied davon, dass die Kleinsten die Gr\u00f6\u00dften sind. Dort, wo wir alles verloren haben, stehen wir einander gleich \u2013 und dort ist Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Magnificat ist die Stimme der Niedrigen und der \u00dcbersehenen. Sein Klang weckt Hoffnung. Sein Klang weckt unseren Mut, sodass wir es wagen, Teil jener g\u00f6ttlichen Bewegung zu sein, die die Schwachen erhebt, uns erhebt \u2013 und die M\u00e4chtigen \u2013 uns \u2013 vom Thron st\u00f6\u00dft. Das Lied \u00f6ffnet unsere Augen und Ohren auf neue Weise f\u00fcr die Wirklichkeit. Wir bekommen Blick und Geh\u00f6r f\u00fcr diejenigen, die gerade unterdr\u00fcckt, niedergehalten, ausgeschlossen werden \u2013 auch durch uns selbst. Auch bei uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So tr\u00e4gt der Tag der Verk\u00fcndigung Marias die Hoffnung in unsere Gegenwart und l\u00e4sst uns den Blick in die Zukunft erheben. Er steht wie ein Tor hin zu Ostern und erinnert uns daran, dass Jesus der Sohn Marias ist: Ein Mensch wie seine Mutter mit Leib und Seele, mit Freude und Furcht und mit der Verletzlichkeit gegen\u00fcber Schmerz und Tod. Wie Maria, wie wir. Ein Mensch, der mit den Kleinen gemeinsame Sache macht und in den Tod geht mit den Ausgesto\u00dfenen und schlie\u00dflich den Allerm\u00e4chtigsten vom Thron st\u00fcrzt: den Tod selbst. Diese Botschaft und diese Hoffnung will das Fest in unsere Zeit hineintragen \u2013 wie auch immer diese Zeit sein m\u00f6ge.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Marianne Christiansen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bisch\u00f6fin in Hadersleben<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mch(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesang vor der Morgend\u00e4mmerung | Judika (d\u00e4n. 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