{"id":26137,"date":"2026-04-01T16:49:49","date_gmt":"2026-04-01T14:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26137"},"modified":"2026-04-01T16:49:53","modified_gmt":"2026-04-01T14:49:53","slug":"2-korinther-514-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-514-21\/","title":{"rendered":"2. Korinther 5,14\u201321"},"content":{"rendered":"<h3>Das Kreuz \u2013 Zeichen der Vers\u00f6hnung | Karfreitag| 03.04.2026 | 2. Kor 5,14\u201321 | Sabine Handrick |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Karfreitag \u2013 Tag der Kreuzigung Jesu. Der heutige Tag richtet unseren Blick auf das Kreuz. Kreuze als Zeichen des christlichen Glaubens begegnen uns im Alltag h\u00e4ufig. Doch was sehen wir da eigentlich, was verbinden wir damit? Ist es einfach ein vertrautes Symbol wie bei einem Schmuckst\u00fcck oder Tattoo? Oder wenn es als Icon auf Websites auftaucht, ist es selbsterkl\u00e4rend und verweist auf christliche Inhalte? Was denken wir, wenn wir im \u00f6ffentlichen Raum Kreuze sehen?<\/p>\n<p>Meine Lieben, ich m\u00f6chte mit Euch heute bewusst das Kreuz Christi in den Blick nehmen. Nicht im Sinne eines voyeuristischen Interesses, so wie einst das Volk nach Golgatha zur Hinrichtung str\u00f6mte. Diese allzu menschliche Neugier, die sich am Leid anderer erg\u00f6tzt, meine ich nicht. Sie steckt zwar in vielen und veranlasst Menschen, bei Unf\u00e4llen und Katastrophen das Handy zu z\u00fccken und zu filmen, statt zu helfen &#8230; Nein, mit dem Hinschauen auf das Kreuz geht es mir darum, dass wir uns fragen, was das Kreuz Christi f\u00fcr uns bedeutet.<\/p>\n<p>Hier steht ein sehr einfaches Kreuz, das zwei d\u00fcnne Metall-Streben miteinander verbindet. Anders als in anderen Konfessionen haben wir in unserer reformierten Kirche kein Kruzifix und verwenden keine bildlichen oder plastischen Darstellungen, die den K\u00f6rper des leidenden und sterbenden Jesus zeigen. In reformierter Tradition ist man vorsichtig angesichts der suggestiven Wirkung von Bildern und orientiert sich am Bilderverbot. So fixieren sich unsere Gedanken und unser Glauben nicht allein am Anblick des Schmerzensmannes, sondern \u00f6ffnen sich f\u00fcr das, was das Kreuz Christi bewirkt. Darum soll es heute gehen.<\/p>\n<p>In den Augen der Welt starb Jesus am Kreuz wie tausende andere Menschen auch, die machtpolitischen R\u00e4nkespielen zum Opfer fallen. Man beschuldigte ihn als Verbrecher, hielt ihn f\u00fcr grandios gescheitert und gar von Gott verflucht. Die Passionsgeschichten erz\u00e4hlen davon, wie sich Schimpf und Schande \u00fcber den Gekreuzigten ergossen, wie sich Anh\u00e4nger und Zuschauer abwandten und er einsam und verlassen starb. Erwartbar w\u00e4re gewesen, dass Jesu Tod auf Golgatha im Dunkel der Geschichte vers\u00e4nke und kein Hahn je mehr danach kr\u00e4hte&#8230; Doch, genau dies geschah nicht.<\/p>\n<p>Die biblischen \u00dcberlieferungen von Jesu Leben, seinem Leiden und Sterben und seiner Auferstehung \u00fcberdauerten die Zeit. Paulus hat mit seinen Briefen daran grossen Anteil. Er war der erste Theologe, der versuchte, Worte f\u00fcr das Geschehen am Kreuz zu finden, nicht in Verzweiflung und Schrecken stecken zu bleiben, sondern aller Abgr\u00fcndigkeit zum Trotz einen Sinn zu entdecken. Wie kann man verstehen, was da geschah? Wie kann man die Gottverlassenheit des Gekreuzigten und Gott zusammendenken?<\/p>\n<p>Aussenstehende, Kirchenferne und Atheisten sch\u00fctteln den Kopf und fragen: \u00abWas gibt es f\u00fcr Christen am Karfreitag zu feiern?\u00bb \u2013 \u00abEs ist doch absurd, das Leiden und ein Folterwerkzeug zu verherrlichen!\u00bb<\/p>\n<p>Bereits Paulus sah, dass \u00abdas Wort vom Kreuz eine Torheit ist f\u00fcr die, die verloren gehen, f\u00fcr die aber, die gerettet werden, f\u00fcr uns, ist es Gottes Kraft.\u00bb (1.Kor.1,18)<\/p>\n<p>Nun, es ist wohl so, dass viele Menschen in unserer Gegenwart keinen Zugang mehr zum christlichen Glauben haben und sich erst recht nicht mit dem Kreuzesgeschehen auseinandersetzen wollen. Die Diskussion um die Feiertagsruhe am Karfreitag zeigt das. Menschen f\u00fchlen sich von Kirche bevormundet und wollen \u00abauf Teufel komm raus\u00bb am Karfreitag Party machen&#8230;<\/p>\n<p>Doch mir macht die wachsende Zahl derer mehr zu schaffen, die im christlichen Glauben aufgewachsen sind und immer weniger damit anfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr unseren Glauben ist es wichtig, dass wir verstehen oder ahnen, was es mit dem Kreuz Christi auf sich hat. Deshalb liegt mir daran, liebe Gemeinde, dass wir uns auch heute am Karfreitag st\u00e4rken lassen. Denn wir vertrauen doch auf den Gekreuzigten und Auferstandenen! Und wir d\u00fcrfen mit Ostern im R\u00fccken glauben.<\/p>\n<p>Mit dem Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief haben wir einen Text zum Nachdenken, in dessen Mitte ein wunderbar helles Wort strahlt. Es ist ein bekannter Vers, der gern als Taufspruch verwendet wird: \u00abDenn wenn jemand in Christus ist, dann ist er ein neues Gesch\u00f6pf. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist entstanden.\u00bb \u2013 Und dann geht es aber entscheidend weiter: \u00abUnd das alles durch Gott, der uns mit sich vers\u00f6hnt hat durch Christus und uns den Dienst der Vers\u00f6hnung \u00fcbertragen hat\u00bb -Neuwerden h\u00f6re ich als Stichwort, Neuwerden durch die Vers\u00f6hnung in Christus! Und dass wir Christinnen und Christen f\u00fcr Vers\u00f6hnung in dieser Welt in Dienst genommen werden.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Auftrag! Wie herausfordernd, denke ich und: wie grossartig! Aber sofort melden sich Zweifel: Kann ich das? Kann ich so vers\u00f6hnungsbereit sein wie Jesus, der Feindesliebe nicht nur predigte, sondern wirklich lebte? Und wenn ich in meinem kleinen Leben schon scheitere, was ist dann im Grossen? Wie geht Vers\u00f6hnung bei gegens\u00e4tzlichen Interessen und Spannungen? Wie soll es im Konfliktfall, gar im Krieg gelingen? Wie wird Vers\u00f6hnung m\u00f6glich, ist nicht nur die grosse Frage, an der sich Juden und Muslime seit Jahrzehnten die Z\u00e4hne ausbeissen. Alle Krisen und Kriege dieser Welt drehen sich darum, wie sich die Unvers\u00f6hnlichkeit der Gegner aufl\u00f6sen liesse&#8230; wie die Logik der Eskalation gestoppt werden kann, wie Feinde einen Ausweg aus der Spirale von Hass und Vergeltung finden. \u2013 Meine Lieben, kennt Ihr angesichts der aktuellen Weltlage die Atemlosigkeit solcher Gedanken?<\/p>\n<p>Halten wir einen Moment inne und lesen wir noch einmal: <em>Und das alles durch Gott, der uns mit sich vers\u00f6hnt hat durch Christus und uns den Dienst der Vers\u00f6hnung \u00fcbertragen hat.<\/em> Gott hat den ersten Schritt getan und uns mit sich vers\u00f6hnt! Das ist die Voraussetzung. Gottes Handeln setzt den Anfang, damit alles neu werden kann.<\/p>\n<p>Paulus versucht den Korinthern &#8230; und schliesslich auch uns klarzumachen, dass Gott sich in Jesus identifiziert hat. In Jesu Worten und Taten spiegelt sich Gottes Handeln wider. An ihm verstehen wir, wie wahres Menschsein aussieht, so wie es Gottes Willen entspricht.<\/p>\n<p>W\u00e4ren wir Menschen, die den Wegweisungen Gottes folgen, dann w\u00fcrden wir \u2013 bildlich gesprochen \u2013 den Weg ins \u00abgelobte Land\u00bb finden. Ich meine die 10 Gebote \u2013 wir erinnern uns. Die geben uns eine gute Richtschnur f\u00fcr eine gerechte, w\u00fcrdige, lebensf\u00f6rderliche Existenz.<\/p>\n<p>Aber, meine Lieben, wir wissen alle, wie schwer sich Menschen im Allgemeinen mit der gottgegebenen Freiheit tun und wie regelm\u00e4ssig wir selbst scheitern: Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, Hybris, Gottesverachtung, Masslosigkeit, Egoismus, Eigennutz, Mord und Totschlag, Missachtung, Ausbeutung, Gewalt, Missbrauch, L\u00fcgen und Betrug, Eifersucht und Gier &#8230; (gern k\u00f6nnt Ihr diese Liste in Gedanken fortsetzen). Was f\u00fcr Abgr\u00fcnde tun sich nicht alles im menschlichen Miteinander auf. K\u00f6nnen wir im Ernst meinen, dass so ein Leben aussieht, das Bestand haben kann?! (nein)<\/p>\n<p>Leider lernen wir nur selten aus unseren Fehlern, unserem Scheitern, unserem schuldhaften Versagen. Pessimisten w\u00fcrden es f\u00fcr aussichtslos halten, dass Menschen sich \u00e4ndern k\u00f6nnen. Aber, die Schuld, die nun mal in der Welt ist, soll wieder \u00abaus der Welt geschafft\u00bb werden. Darum geht es Gott. Deshalb geht er bis zum \u00e4ussersten. Im unschuldigen Sterben des Gekreuzigten war Gott selbst am Wirken. Paulus schreibt (V19): <em>\u00abGott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich, indem er ihnen ihre \u00dcbertretungen nicht anrechnete und das Wort der Vers\u00f6hnung unter uns aufrichtete.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Es brauchte den einen, der uns die Augen \u00f6ffnet: Christus, der uns Weg, Wahrheit und Leben gezeigt hat \u2013 durch das Kreuz hindurch.<\/p>\n<p>Paulus hat es am eigenen Leib erfahren. Er ist ein Parade-Beispiel f\u00fcrs Neuwerden! Aus einem erbarmungslosen Gegner und Verfolger der fr\u00fchen Christen wurde ein Christusgl\u00e4ubiger. Der erhellende Strahl der Gottes-Erkenntnis ging ihm durch Mark und Bein, Herz und Verstand. Paulus wurde zu Jesu Freund, Anh\u00e4nger, Apostel. Er verstand: <em>\u00abWenn einer an Stelle aller starb, starben alle. Wenn er an Stelle aller starb, leben sie ja nicht mehr f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr den, der statt ihrer starb und auferweckt wurde.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>D.h. meine Lieben: Unser Tod liegt bereits hinter uns. \u2013 Ja, ich weiss: Dies widerspricht nat\u00fcrlicher Logik, denn unser aller Leben l\u00e4uft darauf hinaus, dass wir eines Tages sterben werden&#8230; Nehmen wir aber den Tod als Metapher, als Abbruch aller Beziehungen und als Zustand der Verlorenheit und Gottesferne. Diesen Tod ist Christus f\u00fcr uns gestorben, ein f\u00fcr alle Mal. Dieser Tod ist besiegt. Gott hat den Gekreuzigten nicht dem Tod \u00fcberlassen!<\/p>\n<p>In drei Tagen werden wir Ostern feiern! Nicht die M\u00f6rder, Menschenschinder, Kriegstreiber, L\u00fcgner und selbsternannten Herren der Welt werden das letzte Wort behalten, sondern der, den Gott zu neuem Leben erweckt.<\/p>\n<p>An seinem neuen Leben haben wir Anteil, meine Lieben. Uns, die wir getauft sind, ist ein neues, unzerst\u00f6rbares Leben geschenkt worden: Wir d\u00fcrfen das Leben ganz neu verstehen. Wir verdanken uns nicht uns selbst, sondern der Sch\u00f6pferkraft und dem Vers\u00f6hnungswillen Gottes.<\/p>\n<p>Vergebung ist das Werkzeug, das die Verstrickungen von S\u00fcnde und Schuld l\u00f6st. Lasst Euch vers\u00f6hnen mit Gott, bittet Paulus (V20) Das ist die zentrale Botschaft.<\/p>\n<p>Jedes Kreuz, das wir vor Augen haben, will uns daran erinnern: Lass dich vers\u00f6hnen. Lass dich vers\u00f6hnen durch Gott, mit Gott, mit deinen Mitmenschen:<\/p>\n<ul>\n<li>mit deinem Nachbarn, mit dem du seit Jahren \u00fcber Kreuz liegst,<\/li>\n<li>mit deiner Schwester, mit der du dich wegen des Erbes \u00fcberworfen hast,<\/li>\n<li>mit dem Kollegen, der dir zu nahegetreten ist,<\/li>\n<li>mit dem politischen Kontrahenten, dessen Argumente du nicht teilst,<\/li>\n<li>mit dem Feind, an dem du nicht ein gutes Haar findest&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gibt so viel Abwertung, Hass, Spaltung, Abgrenzung und Engstirnigkeit in dieser Welt. Wie w\u00e4re es, wenn wir Christ\/innen, dem bewusst etwas entgegensetzten? Wenn wir aus dem tiefen Vertrauen heraus, dass wir \u00abin Christus\u00bb leben, uns unseren Mitmenschen vers\u00f6hnungsbreit zeigten?<\/p>\n<p>Ich denke, wir Christ\/innen sind unverzichtbar f\u00fcr unsere Welt, die gerade vor so vielen Herausforderungen steht. Es braucht jede\/n von uns, um das Wort der Vers\u00f6hnung aufzurichten, wie es Paulus nannte. Und es ist klar, dass es keine Lippenbekenntnisse sein d\u00fcrfen, die nur etwas behaupten, sondern es soll stimmen!<\/p>\n<p>Wer ein Kreuz sieht, soll darin die erl\u00f6sende, befreiende, vers\u00f6hnende Wirkung erkennen k\u00f6nnen! Dann w\u00fcrden auch Fernstehende im Kreuz nicht mehr nur ein Zeichen des Scheiterns oder des grausamen Sterbens sehen, sondern eine Kraft, die Menschen zusammenbringt.<\/p>\n<p>Du denkst: Das ist nicht m\u00f6glich? \u2013 Doch!<\/p>\n<p>Nehmen wir z.B. Fr\u00e8re Roger. Nach dem 2. Weltkrieg gr\u00fcndete er mit einer Handvoll junger M\u00e4nner in Taiz\u00e9 eine \u00f6kumenische Gemeinschaft. Sie begannen sich um Kriegsgefangene zu k\u00fcmmern, die ehemaligen Feinde. Sp\u00e4ter bauten sie eine schlichte \u00abKirche der Vers\u00f6hnung\u00bb, die inzwischen immer wieder vergr\u00f6ssert wurde, um Platz zu haben f\u00fcr Tausende von Menschen aus aller Welt. Seit Jahrzehnten str\u00f6men sie nach Taiz\u00e9, um die Kraft des Glaubens zu sp\u00fcren, um Vers\u00f6hnung und Frieden suchen.<\/p>\n<p>Die Taiz\u00e9-Ges\u00e4nge entfalten ihre Wirkung in den Herzen. Wo G\u00fcte und Liebe gelebt werden, da ist Gott nahe. \u00abUbi caritas et amor deus ibi est.\u00bb Neben solchen Melodien, die sich in die Seele hineingesungen haben, gibt es auch andere Lieder, die auf einmal wieder aktuelle Kraft bekommen, wie z.B.: \u00abGib Frieden, Herr, gib Frieden\u00bb. (RG 827) Dieses Lied liess mich nicht los, als ich \u00fcber Vers\u00f6hnung meditierte und dar\u00fcber nachdachte, wie ich sagen kann, warum Jesus am Kreuz f\u00fcr uns gestorben ist. Und ich fand die Antwort in den Zeilen:<\/p>\n<p>&#8230; damit wir leben k\u00f6nnten, in \u00c4ngsten und doch frei,<br \/>\nund jedem Freude g\u00f6nnten, wie feind er uns auch sei.<\/p>\n<p>Und auch in der letzten Strophe:<\/p>\n<p>&#8230;gib Mut zum H\u00e4ndereichen, zur Rede, die nicht l\u00fcgt,<\/p>\n<p>und mach aus uns ein Zeichen daf\u00fcr, dass Friede siegt.<\/p>\n<p>Amen, so sei es.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Verfasst von:<\/strong><br \/>\n<strong>Sabine Handrick<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kreuz \u2013 Zeichen der Vers\u00f6hnung | Karfreitag| 03.04.2026 | 2. Kor 5,14\u201321 | Sabine Handrick | &nbsp; Liebe Gemeinde! Karfreitag \u2013 Tag der Kreuzigung Jesu. Der heutige Tag richtet unseren Blick auf das Kreuz. Kreuze als Zeichen des christlichen Glaubens begegnen uns im Alltag h\u00e4ufig. 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