{"id":26139,"date":"2026-04-01T16:46:33","date_gmt":"2026-04-01T14:46:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26139"},"modified":"2026-04-01T16:49:25","modified_gmt":"2026-04-01T14:49:25","slug":"2-korinther-519-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-519-21\/","title":{"rendered":"2. Korinther 5,19\u201321"},"content":{"rendered":"<h3>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! | Karfreitag | 03.04.2026 | 2. Kor 5,19\u201321 | Thomas Muggli-Stokholm |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott!<\/strong><\/p>\n<p>Von Vers\u00f6hnung ist in unserer Zeit wenig zu sp\u00fcren. Im Gegenteil: Konflikte und Kriege haben dramatisch zugenommen. Die sogenannte regelbasierte Weltordnung ist innert k\u00fcrzester Zeit zusammengebrochen. Nun gilt wieder das Recht des St\u00e4rkeren. Und dieses nehmen die Machthaber hemmungslos und auf \u00e4usserst gewaltt\u00e4tige Weise wahr: Die Kriege, das schreiende Unrecht und das grauenhafte Leiden zahlloser Unschuldiger machen uns sprachlos. Ich bekenne, dass ich voller Wut und Hass auf die starken M\u00e4nner bin, welche die Hauptverantwortung f\u00fcr das aktuelle Chaos und die Gewalt tragen. Ich frage mich, wo Gott bleibt und w\u00fcnsche mir sehnlichst, dass er doch endlich eingreift und die Tyrannen beseitigt. Die nettere Form w\u00e4re, wenn Gott diese W\u00f6lfe in L\u00e4mmer verwandelt, so dass sie zu Friedef\u00fcrsten werden, die alles tun f\u00fcr die Gerechtigkeit und den Schutz der Schwachen. Doch zugegeben: Oft \u00fcberfallen mich Rachegef\u00fchle, und ich hoffe, dass die Gewaltt\u00e4ter bestraft werden und all das Schlimme am eigenen Leib erleiden m\u00fcssen, welches sie Wehrlosen zuf\u00fcgten.<\/p>\n<p>Doch solche Gedanken, Phantasien und Gef\u00fchle werden heute, am Karfreitag, fragw\u00fcrdig, ja unm\u00f6glich. Zwar greift Gott in Jesus sehr wohl in die Weltgeschichte ein, aber ganz anders, als ich mir das w\u00fcnsche: Um Frieden auf Erden zu schaffen, gibt er in Jesus sein Liebstes hin. Er vergibt uns die Schuld, indem er sie in seinem Sohn auf sich nimmt. Er schafft S\u00fchne und stellt so die Gerechtigkeit wieder her. Damit vers\u00f6hnt er die Menschheit und die Welt mit sich selbst. All dies klingt an in unserem Predigttext: Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich, indem er den Menschen die Verfehlungen nicht anrechnete. Gott macht Jesus, seinen Sohn und zugleich einzigen Menschen ohne S\u00fcnde zur S\u00fcnde f\u00fcr uns. Er l\u00e4sst ihn den Tod des S\u00fcnders sterben, um unsere S\u00fcnde zu s\u00fchnen und uns damit zu Gerechten zu machen. Darin besteht grob zusammengefasst die sogenannte Satisfaktionslehre, die im Mittelalter von Anselm von Canterbury entwickelt wurde und die Theologie bis heute massgeblich beeinflusst. Sie ist gepr\u00e4gt vom menschlichen Rechtsverst\u00e4ndnis: Schuld kann nicht einfach mir nichts dir nichts aus der Welt geschafft werden. Sie muss zwingend ges\u00fchnt werden. Und so muss der vollkommen unschuldige Jesus ausgeliefert werden und sterben, damit die Gerechtigkeit, die mit dem S\u00fcndenfall verlorenging, wieder hergestellt werden kann. Das ist alles theologisch korrekt und biblisch begr\u00fcndbar (Lk 9,22 und 24,7). Ich k\u00f6nnte es nun noch genauer ausf\u00fchren und h\u00e4tte dann relativ schmerzlos eine anst\u00e4ndige Karfreitagspredigt beisammen.<\/p>\n<p>Anst\u00e4ndig? Blicke ich auf das Chaos der Welt, muss ich mich fragen, was die Lehre vom S\u00fchnetod Jesu bringt. Hilft sie auch nur einem einzigen Menschen, der Unrecht und Gewalt erleidet? Ja, ist es nicht sogar hochgradig unanst\u00e4ndig, das Leid der Welt und seine \u00dcberwindung theologisch korrekt und rechtgl\u00e4ubig weg zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Wir werden Paulus nicht gerecht, wenn wir unseren Predigttext als distanzierte theologische Abhandlung interpretieren. Was er den R\u00f6mern und uns heute schreibt, ist eng verkn\u00fcpft mit seinem eigenen Lebensweg. Sein Schl\u00fcsselerlebnis vor Damaskus spielt dabei die zentrale Rolle. Paulus zieht hoch erhobenen Hauptes hin, um die Christinnen und Christen, seine Feinde, zu verfolgen und vernichten. Doch vor den Toren der Stadt wirft ihn eine Vision buchst\u00e4blich zu Boden: Ihm erscheint der auferstandene Christus und fragt ihn, warum er ihn verfolge. Diese Vision verwandelt Paulus von Grund auf: Aus dem Verfolger wird ein Verfolgter, aus dem stolzen Pharis\u00e4er der Verk\u00fcndiger des Evangeliums, der daf\u00fcr Spott und unertr\u00e4gliches Leiden auf sich nimmt. Paulus sieht sich dadurch nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: Das Mitleiden mit Christus ist f\u00fcr ihn das Zeichen und die Bedingung daf\u00fcr, dass er als Miterbe Christi mit ihm verherrlicht wird (R\u00f6m 8,17). Unser Predigttext wird erst auf dieser Grundlage verst\u00e4ndlich. Er umfasst drei Verse und drei Spitzens\u00e4tze, S\u00e4tze, die nicht bloss theologische Einsichten vermitteln, sondern ber\u00fchren und wehtun.<\/p>\n<p>So schreibt Paulus als Erstes: Gott war in Christus. Die Tragweite dieses Satzes wird uns erst bewusst, wenn wir uns einf\u00fchlen in das uns\u00e4gliche Leiden des Gekreuzigten. Jesus bew\u00e4ltigt dieses Leiden nicht tapfer und heroisch. Er zerbricht beinahe daran und sieht sich von allen verlassen: Seine Freunde sind weg. Das Volk beschimpft und verspottet ihn. Gott, sein Vater, schweigt zu alldem. Ja, wo bleibt Gott in dieser gottlosesten aller m\u00f6glichen Situationen? Jesus schreit: \u00abMein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?\u00bb Dieser Schrei l\u00e4sst sich nicht theologisch sch\u00f6nreden. Wir m\u00fcssen auf ihn h\u00f6ren, so weh er tut. Schweigen wir einen Moment und f\u00fchlen uns ein in die Verlassenheit Jesu:<\/p>\n<p><em>Stille<\/em><\/p>\n<p>\u00abMein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?\u00bb So trostlos sie klingen, es liegt doch ein winziger Hoffnungsschimmer in diesen Worten. Sie sind ein Zitat aus dem Klagesalm 22. In der \u00e4ussersten Not findet Jesus in diesem Gebet Halt und eine Sprache, um vor Gott sein ganzes Elend hinauszuschreien, vor ihm zu klagen, ihn anzuklagen, ohne ihn zu l\u00e4stern und verfluchen. In diesem Licht wird der erste Spitzensatz unseres Textes verst\u00e4ndlicher. Gott war in Christus: Das meint nicht, dass Gott distanziert die F\u00e4den zog und Jesus ans Kreuz steuerte, um so das notwendige Opfer als Voraussetzung der Vers\u00f6hnung zu leisten. Wenn Gott selbst am Kreuz in Christus war, heisst das, dass er auch in der \u00e4ussersten Not gegenw\u00e4rtig blieb und bleibt. Es gibt keinen absolut gottlosen Ort, keine totale Leere. Gott war in Christus \u2013 im Moment seiner Kreuzigung. Das bedeutet, dass Gott erst da wirklich gegenw\u00e4rtig ist, wo alle G\u00fcter und Sicherheiten weg sind, wo in irdischer Sicht v\u00f6llige Leere und Verlassenheit herrschen.<\/p>\n<p>Die meisten von uns kennen die Verlassenheit Jesu am Kreuz nur ansatzweise. Wir leben beh\u00fctet und friedlich in sattem Wohlstand. Gerade das f\u00fchrt uns jedoch weg von Gott. Wir meinen, wir k\u00f6nnten unser Leben aus eigener Kraft meistern und verdr\u00e4ngen die Tatsache, dass hinter allen Zerstreuungen unseres Alltags das Nichts des Todes lauert. Gott war in Christus. Zum einen tr\u00f6sten uns diese Worte: Sie nehmen uns die Angst vor dem Nichts. Keine Not dieser Welt kann uns von Gott trennen. Zum andern fordern sie uns heraus, zu unterscheiden, was wirklich z\u00e4hlt im Leben: Kein Reichtum und keine Macht, keine noch so hohe gesellschaftliche Stellung schenken uns die F\u00fclle, die bleibt. Wollen wir Gott erfahren, folgen wir wie Paulus Christus nach und leben seine Liebe \u2013 auch dann, wenn uns der Wind entgegenbl\u00e4st.<\/p>\n<p>Ich komme zum zweiten Spitzensatz: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! Eine merkw\u00fcrdige Aufforderung. Denn eigentlich ist es umgekehrt: Wir stehen in Schuld vor Gott. Wir sind angewiesen darauf, dass er sich mit uns vers\u00f6hnt. Das ist der Sinn der Opferrituale in den verschiedenen Religionen: Menschen bringen Gott Opfer dar, um ihn vers\u00f6hnlich zu stimmen, so dass er auf Strafen f\u00fcr ihr Fehlverhalten verzichtet. Im \u00fcbertragenen Sinn kennen wir diese Rituale bestens. So entschuldigen sich bei mir viele Leute, dass sie nicht in den Gottesdienst k\u00e4men. Sie schauten daf\u00fcr, dass sie im Alltag Gott dienten, nett seien mit den Nachbarn oder einem Hilfswerk spendeten. Ich nehme mich selbst nicht aus. Auch ich kann ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich zu wenig bete. Gott opfern, etwas ihm Wohlgef\u00e4lliges tun, damit er uns gn\u00e4dig gestimmt ist. Das steckt tief in uns. Paulus kehrt nun den Spiess um: Gott bittet uns, dass wir uns vers\u00f6hnen mit ihm, dass wir uns nicht abwenden, wenn er unsere W\u00fcnsche nicht erf\u00fcllt, dass wir uns \u00f6ffnen f\u00fcr seine Barmherzigkeit, die unsere Vorstellungen sprengt. Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! Auch dieser Spitzensatz hat zwei Seiten. Zum einen ist er ein unerh\u00f6rter Zuspruch: Wir k\u00f6nnen das Opfern definitiv sein lassen. Die Versuche, den allm\u00e4chtigen Gott mit S\u00fchneleistungen gn\u00e4dig zu stimmen, sind kindisch und unn\u00f6tig: Mit der Kreuzigung Jesu hat uns Gott seine Gnade und sein Erbarmen erwiesen, voll und ganz, unumkehrbar. Wir haben dem nichts hinzuzuf\u00fcgen. Gottes Angebot ver\u00e4ndert uns jedoch von Grund auf: Wenn wir uns auf seine Vers\u00f6hnung einlassen, werden unsere W\u00fcnsche nach Vergeltung und Rache fragw\u00fcrdig. Wir m\u00fcssen damit zurechtkommen, dass Gott seine Gerechtigkeit nicht mit Gewalt, sondern mit Erbarmen durchsetzt. Es gibt vern\u00fcnftige Gr\u00fcnde, warum Gott nicht mit Gewalt eingreift. W\u00fcrde er das n\u00e4mlich tun und alle M\u00e4nner und Frauen, die wir f\u00fcr b\u00f6se halten, von einem Augenblick auf den andern aus der Welt schaffen, dann k\u00e4me es im Moment vielleicht zu einem \u00e4usseren Frieden. Dieser w\u00e4re jedoch alles andere als nachhaltig, weil das Entscheidende nicht geschehen w\u00fcrde: Wir w\u00fcrden, unvers\u00f6hnt mit Gott, bei unserem Hass und unseren Rachegel\u00fcsten bleiben. Sie w\u00fcrden sich einfach auf neue Feinde beziehen.<\/p>\n<p>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! Ein grossartiger Zuspruch \u2013 aber auch ein enormer Anspruch: Von uns aus werden wir die destruktiven Gedanken und Gef\u00fchle nie los. Wir m\u00fcssen stets neu unter dem Kreuz durch, den Blick auf den aushalten, der am Unrecht und an der Gewalt stirbt und auf ihn h\u00f6ren. Noch unmittelbar vor seinem Tod betet Jesus f\u00fcr seine Verfolger: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Noch im Moment seines Todes bleibt Jesus bei seiner Liebe und seinem Erbarmen. Diesem Anspruch haben wir uns bei der Gestaltung unseres Alltags zu stellen.<\/p>\n<p>Ich komme zum dritten und letzten Spitzensatz: Gott hat den, der von keiner S\u00fcnde wusste, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht. Dieser Satz spitzt das Ungeheure, das am Karfreitag geschieht, nochmals zu: Jesus stirbt nicht als verehrter und gepriesener Erl\u00f6ser und Vers\u00f6hner. Er wird brutal hingerichtet als Verbrecher. Da ist niemand mehr, der ihn lobt und anbetet. Jesus ist f\u00fcr alle, M\u00e4chtige und Kleinb\u00fcrger, Reiche und Arme, Gebildete und Dummk\u00f6pfe, der verachtete Verlierer, der S\u00fcnder aller S\u00fcnder, den man mit bestem Recht beschimpfen, verspotten und bespucken kann. Sogar der eine der beiden Verbrecher, die links und rechts von Jesus am Kreuz h\u00e4ngen, verh\u00f6hnt ihn und findet Trost in der Meinung, dass es mit Jesus wenigstens einen Menschen auf der Welt gibt, der noch erb\u00e4rmlicher und verachtenswerter ist als er selbst.<\/p>\n<p>Nur ein einziger Mensch l\u00e4sst sich nicht in die Spirale von Hass, Verachtung und Zerst\u00f6rungswut hineinziehen: Der andere Verbrecher am Kreuz. Er weist den Sp\u00f6tter zurecht. Und er allein erkennt, dass Jesus ohne S\u00fcnde sterben muss, w\u00e4hrend er selbst seine Strafe zu Recht verb\u00fcsst. Jesus verspricht ihm: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Ein Verbrecher wird zum ersten vers\u00f6hnten und erl\u00f6sten Menschen und damit zum Vorbild des Glaubens!<\/p>\n<p>Gott hat den, der von keiner S\u00fcnde wusste, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht. Am Kreuz kommt unser Gr\u00f6ssenwahn ans Ende. Wir sind und bleiben S\u00fcnderinnen und S\u00fcnder. Wenn wir diese Tatsache leugnen und uns einbilden, wir seien bessere Menschen als andere, man\u00f6vrieren wir uns nur weiter in den Sumpf der S\u00fcnde hinein. Wenn wir jedoch wie der Verbrecher zu unserer Schuld stehen und um Vergebung bitten, finden wir Erl\u00f6sung und Anteil an Gottes Gerechtigkeit. Und wir leben in der Hoffnung auf das Paradies, wo wir die endg\u00fcltige Vers\u00f6hnung und den Frieden mit Gott und den Menschen finden. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Verfasst von:<\/strong><br \/>\n<strong>Thomas Muggli-Stokholm<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! | Karfreitag | 03.04.2026 | 2. Kor 5,19\u201321 | Thomas Muggli-Stokholm | &nbsp; Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! Von Vers\u00f6hnung ist in unserer Zeit wenig zu sp\u00fcren. Im Gegenteil: Konflikte und Kriege haben dramatisch zugenommen. Die sogenannte regelbasierte Weltordnung ist innert k\u00fcrzester Zeit zusammengebrochen. 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