{"id":26183,"date":"2026-04-04T13:52:56","date_gmt":"2026-04-04T11:52:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26183"},"modified":"2026-04-04T13:52:56","modified_gmt":"2026-04-04T11:52:56","slug":"joh-201-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/joh-201-18\/","title":{"rendered":"Joh 20,1\u201318"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die Osternarzisse\u00a0<\/strong>| Ostermontag | 06.04.2026 | Joh 20,1\u201318 | Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Osternarzisse<\/strong><\/p>\n<p>Das Jahr ist 1817. Grundtvig ist gerade \u00fcber drei\u00dfig, mitten in einer seiner dunklen Zeiten, und er soll predigen \u2013 am Ostersonntag predigen.<\/p>\n<p>Wie kann es passieren, dass etwas in einem Menschen Widerhall findet, so dass die Worte eines anderen nicht nur zu den eigenen werden, sondern zu etwas, das man gemeinsam sagen und singen kann? Ich glaube, es beginnt mit der Aufrichtigkeit. Dem ehrlichen Bekenntnis zum Menschlichen. Wer selbstsicher nach vorn tritt, sicher in seiner Sache und sicher in seinem Glauben, kann andere leicht drau\u00dfen stehen lassen. So wie die zwei J\u00fcnger, die am Ostermorgen zum Grab laufen. Sie laufen, kommen an, sehen &#8211; und wissen es einfach: Er ist auferstanden. Es hat eine eigent\u00fcmliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Und gerade das ist eigent\u00fcmlich, denn die wenigsten gehen froh von einem Grab fort. Die wenigsten lesen aus einer Abwesenheit eine F\u00fclle heraus. Die meisten bleiben trauernd stehen und wissen, was es hei\u00dft, vom Zweifel erfasst zu werden.<\/p>\n<p>Grundtvig kennt den Zweifel und gibt ihm Ausdruck. Und f\u00fcr die, denen an der Auferstehung nichts selbstverst\u00e4ndlich ist, kann darin eine einladende Mitmenschlichkeit liegen. Grundtvig soll die Auferstehung predigen, ist aber selbst nicht dabei. Er befindet sich eher in einem Karsamstags-Zwischenleben. Dort, wo wir sehen, dass vieles noch aussteht, und doch vieles auch vorbei ist und der Tod das Seine genommen hat. Dieses Zwischenleben, in dem die Welt sich noch dreht und wir ein wenig Gl\u00fcck erfahren, das aber zerbrechlich ist und eine Unsicherheit hinterl\u00e4sst. Das Zwischenleben, das nicht ohne Vertrauen ist, aber auch nicht ohne Entt\u00e4uschung. Wie das Wetter im April \u2013 ein unmittelbares Bild f\u00fcr die Wandelbarkeit des Zwischenlebens. Dieses Zwischenleben l\u00e4sst mehr Fragen offen, als es Antworten gibt. Fragen wie: Was haben wir zu bedeuten? Steht hinter dem, was wir Hoffnung und Zukunft nennen, eine Wirklichkeit? Gibt es ein Leben, das weitergeht, wenn wir sterben? Gibt es so etwas wie einen neuen Anfang?<\/p>\n<p>Jemand hat Grundtvig eine Narzisse auf den Schreibtisch gestellt. Grundtvig wundert sich. Was soll das? Sie duftet nicht, ist zu gelb und zu gew\u00f6hnlich. Ein schlichtes Unkrautgew\u00e4chs. Ja, so betrachtete man Narzissen damals. Sie waren wie die L\u00f6wenz\u00e4hne, die wir nie willkommen hei\u00dfen, aber immer j\u00e4ten. Dichter wollen kein Unkraut. Sie wollen Rosen, die rot sind. Rot wie das Blut, das rinnt, und das Herz, das schl\u00e4gt. \u00dcber Rosen kann man Lieder schreiben. \u00dcber die Dornen, die kratzen und nagen. Oder umgekehrt: Man kann f\u00fcr einen Augenblick vergessen, dass so vieles widrig ist, und sich stattdessen der Sch\u00f6nheit hingeben. Dass es so etwas gibt wie ein samtweiches rotes Bl\u00fctenblatt.<\/p>\n<p>Aber jetzt steht die Narzisse da und dr\u00e4ngt sich neongelb auf. Einem Dichter kann so ein gelbes Gew\u00e4chs ganz sch\u00f6n in die Augen stechen. Aber genau diese Art von Aufdringlichkeit kann einen Zweifler zum Reden bringen. Und so geschieht es: Der Dichter und die Blume beginnen miteinander zu sprechen. Und das eigentlich Merkw\u00fcrdige daran, wie sich zeigt, ist nicht, dass eine Blume und ein Mann miteinander sprechen. Das Merkw\u00fcrdige ist, dass das l\u00e4stige Unkraut zu Grundtvig spricht. Es erz\u00e4hlt ihm, was <em>er<\/em> zu bedeuten hat.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen immer dort beginnen, wo wir nun einmal sind. F\u00fcr einen Zweifler bedeutet das, dass man seine Ostern nicht in einem verkl\u00e4rten Schein beginnen kann, der wei\u00df leuchtet wie eines Engels Gewand. Aber vielleicht mit etwas Gelbem. Einer schlichten Blume, die in Dorfg\u00e4rten w\u00e4chst. Das Besondere an Narzissen ist, dass sie p\u00fcnktlich kommen. Sie brechen unter Wintersturm und Regen hervor und brechen genau ins Zwischenleben. Genau dort, wo man leicht unsicher wird, ob es nur k\u00e4lter und k\u00e4lter wird. Denn es ist fast so, als geschehe das in einer Welt, die den Ehrgeiz nach einer gemeinsamen Zukunft verloren zu haben scheint. Wo es sich abschlie\u00dft, Nation f\u00fcr Nation, Mensch f\u00fcr Mensch, und die Zukunft als angstgef\u00fcllter Ort heruntergeredet wird. Aber die Narzisse kommt an. Sie wei\u00df Bescheid. Auch wenn es kalt ist, wird es nicht so bleiben. Es ist dunkel, wenn sie sich ihren Weg bahnt. Aber sie bricht durch, weil sie von einem lichtgef\u00fcllten Ort wei\u00df.<\/p>\n<p>Eine Narzisse ist nichts. Ein flacher, kantiger St\u00e4ngel mit einer gezackten Krone und einem nach unten geneigten Kopf. Eine Gew\u00f6hnlichkeit. Und doch ist sie auch ein Gew\u00e4chs mit einer Erfahrung. N\u00e4mlich der Erfahrung, dass aus dem Sterben neues Leben werden kann. Dass das, was tot in der Erde lag, so gelb durchbrechen kann,. Sie durchsticht das Graue des Grabsteins. So gelb, dass es ein Versprechen auf ein Leben ist, das weitergeht. Wenn es keine Auferstehungskraft g\u00e4be, w\u00e4re die Narzisse l\u00e4ngst vergessen. Sie w\u00fcrde der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Aber hier ist sie, und jemand hat sie auf einen Schreibtisch gestellt, damit ein Dichter sie nicht \u00fcbersehen kann. Mit seinem Dichtersinn bekommt Grundtvig pl\u00f6tzlich wirklich Augen f\u00fcr sie. Er sieht: Hier ist nicht nur eine gezackte Krone. Hier ist ein Kelch, aus dem man trinken kann \u2013 eine Abf\u00fcllung ihrer Auferstehungskraft.<\/p>\n<p>Anderswo in der Welt sitzen andere Dichter, denen die Augen f\u00fcr andere Gew\u00f6hnlichkeiten aufgegangen sind, die die Auferstehung mitten in ihrer Wirklichkeit verankert haben. Bei uns wurde es eine Narzisse. Oder es wurde das, was Johannes als den Augenblick der Auferstehung f\u00fcr eine Frau beschreibt: Dass sie bei ihrem Namen gerufen wurde. So unendlich einfach, beinahe nichts. Dass jemand unseren Namen sagt, ist das Allerallt\u00e4glichste. Und doch reicht es, eine Frau aus ihrer einsamen Trauer herauszurufen. Wenn jemand unseren Namen sagt, ist es ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir Bedeutung haben. Dass wir nicht irgendwer sind, sondern genau diese Bestimmten. Der Name ist der Faden um unsere Existenz. Alles Innere \u2013 das sind wir. Und wenn jemand unseren Namen sagt, ist es zugleich ein Zeugnis daf\u00fcr, dass wir nicht allein sind. Wir sind die, die wir sind, weil jemand uns hervorruft. \u201eMaria\u201c sagt Christus. Und das Weinen h\u00f6rt auf. Es ist nicht vorbei. Sie ist noch immer die, die sie ist. Ein Mensch, der Gott geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Eine Narzisse und ein Name \u2013 darin liegt kein sicherer Beweis. Aber es ist ein Ausgangspunkt. Eine Narzisse und ein Name sind ein Zeugnis daf\u00fcr, dass die Auferstehung Teil unserer Wirklichkeit ist. Was haben wir zu bedeuten? Wir sind die, die im Licht des Blickes des Auferstandenen leben. Wir sind die, die nicht allein in einer \u00f6den Welt zur\u00fcckgelassen sind, sondern zwischen gelben Narzissen gehen. Wo endet es? Vielleicht an einem Morgen mit Sonne in den Augen und jemandem, der unseren Namen sagt. Bis dahin singen wir. Wir singen ein Loblied darauf, dass das Lebendige vorauswartet, wie das Lebendige schon jetzt hier ist. Wir singen mit Grundtvig:<\/p>\n<p><em>Ja, wir wissen, du sagst die Wahrheit:<br \/>\n<\/em><em>Der Heiland ist auferstanden von den Toten.<\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>[Diese Predigt ist eine Liedpredigt \u00fcber ein popul\u00e4res d\u00e4n. Kirchenlied von N.F.S. Grundtvig: &#8222;P\u00e5skeblomst, hvad vil du her?&#8220; (1817). Eine singbare deutsche Fassung gibt es im &#8222;Dansk-tysk Kirkesangbog&#8220; Nr. 236: <em>&#8222;Sag mir doch, was willst du hier, Osterglocke, dorfgeboren, ohne Duft und Pracht und Zier&#8220;,<\/em> A.d.\u00dc.]<\/p>\n<hr \/>\n<p>Christiane Gammeltoft-Hansen<br \/>\nPastor in Lindevang, Kopenhagen<br \/>\ncgh@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Osternarzisse\u00a0| Ostermontag | 06.04.2026 | Joh 20,1\u201318 | Christiane Gammeltoft-Hansen | &nbsp; Die Osternarzisse Das Jahr ist 1817. 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