{"id":26200,"date":"2026-04-09T12:02:45","date_gmt":"2026-04-09T10:02:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26200"},"modified":"2026-04-09T12:03:14","modified_gmt":"2026-04-09T10:03:14","slug":"jesaja-4026-31-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-4026-31-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 40,26\u201331"},"content":{"rendered":"<h3>Adlerfl\u00fcgel unter blauen und unter grauem Himmel | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Jes 40,26\u201331 | Katharina Wiefel-Jenner<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Adlerfl\u00fcgel unter blauen und unter grauem Himmel<\/strong><\/p>\n<p>In Glaucha, einem kleinen Ort vor den Toren Halles, \u00fcbernahm 1692 ein ambitionierter und frommer Theologe seine erste Pfarrstelle. Er hie\u00df August Herman Francke. Was er in seiner Gemeinde erlebte, war desastr\u00f6s. Die Menschen lebten unter prek\u00e4ren Bedingungen. Armut, Alkoholismus, Krankheiten und Arbeitslosigkeit herrschten. Die Kinder konnten nicht lesen und mit dem Glauben an den Gottes Gnade waren sie auch nicht vertraut. Als Francke 4 Taler und 16 Groschen in seiner Kollektendose fand, gr\u00fcndete er mit dem Geld eine Armenschule. Mit Hilfe von verm\u00f6genden und m\u00e4chtigen Sponsoren entstand aus dieser kleinen Schule eine weltbekannte Bildungsinstitution, die Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale. Das Zentrum dieser Stiftungen war eine regelrechte Schulstadt. Einflussreiche Familien schickten ihre Kinder nach Halle und diese trugen die Ideen Franckes in alle Welt. Das Herzst\u00fcck der Schulstadt war das Waisenhausgeb\u00e4ude, ein barocker Bau, schlicht und prachtvoll zugleich. Im Giebel leuchtet eine goldene Sonne, auf die zwei Adler mit gespreizten Fl\u00fcgeln zufliegen. Die V\u00f6gel halten mit ihren F\u00fc\u00dfen ein blaues, gewelltes Schriftband mit den Worten: \u201eDie auf dem Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler.\u201c Daneben steht Jes. 40.31 \u2013 also der abschlie\u00dfende Vers unseres Predigtabschnitts.<\/p>\n<p>Ja, so hat Francke das empfunden. Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft. Er hat auf den Herrn geharrt und gr\u00fcndete seine Armenschule in Glaucha. Er hat auf den Herrn geharrt und es entstand ein gigantisches Unternehmen, das Beziehungen in alle Welt pflegte und die Lebenshaltung von Generationen pr\u00e4gte. Alles scheint ihm gelungen zu sein. Als sei sein Projekt wie ein Adler von seinem Horst aufgestiegen und majest\u00e4tischen durch den Himmel geflogen. R\u00fcckschlage w\u00e4ren f\u00fcr ihn wohl ein Zeichen von der M\u00fcdigkeit gewesen, die schon der Prophet beklagt. Francke sah den Erfolg seiner Unternehmungen als Folge seines unersch\u00fctterlichen Vertrauens auf Gott. Wer auf Gott harrt, kann gegen die l\u00e4hmende M\u00fcdigkeit etwas ausrichten. Wer auf Gott harrt, wird nicht mehr vor M\u00fcdigkeit stolpern und das Werk zur Ehre Gottes in Gefahr bringen. Wer auf Gott harrt, ist hellwach und hat Kraft, das Unm\u00f6gliche zu tun. Das Prophetenwort im Giebel des Waisenhauses war ein Bekenntnis, eine Botschaft, ein Motto und Ausdruck von Franckes Gewissheit. Francke kannte schlie\u00dflich nicht nur diesen einzelnen Vers, den er auch noch ein wenig k\u00fcrzen musste, damit er in den Giebel passt. Er kannte unseren gesamten Predigtabschnitt. Er hatte vor Augen, welche M\u00fcdigkeit der Prophet meint.<\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Jesaja 40,26\u201331<\/em><\/p>\n<p>Jesaja spricht zu den M\u00fcden, deren M\u00fcdigkeit chronisch ist. Kein Ausschlafen hilft gegen solche M\u00fcdigkeit. Der Prophet sah die Menschen, die ihre M\u00fcdigkeit nicht absch\u00fctteln k\u00f6nnen, die sich am Ende angekommen f\u00fchlen. Die Welt hat sich im Elend eingerichtet und die Menschen mit ihr. Was blieb ihnen anderes \u00fcbrig, als sich an das anzupassen, was die M\u00e4chtigen von ihnen erwarten. Sie m\u00fcssen Kompromisse schlie\u00dfen, um ihren Kindern die Zukunft nicht zu verbauen. Sie m\u00fcssen sich damit zufriedengeben, dass sie halbwegs sicher leben, aber von der Freiheit tr\u00e4umen sie nur. An den Tempel in Jerusalem haben nur die Alten noch Erinnerungen. Von Gott haben sie auch schon lange nichts mehr geh\u00f6rt. Jeder Gedanke an die Zukunft macht m\u00fcde. Die M\u00e4chtigen beuten diese Welt mit ihrer Gier aus und preisen sich als Sieger.<\/p>\n<p>Franckes Waisenhaus hat goldene Zeiten erlebt \u2013 so golden wie die Sonne auf dem Giebel. Die Schulstadt, das Waisenhaus und seine Betriebe entwickelten sich. Die Fassade mit dem Giebel verk\u00fcndete die stolze Botschaft vom Gottvertrauen.<\/p>\n<p>Die Menschen m\u00fcssen nur ihre K\u00f6pfe heben und die Schrift auf dem Giebel lesen. Das Prophetenwort ist in der Welt. Immer noch spricht der Prophet und verk\u00fcndete den M\u00fcden und denen, die durch das Leben stolpern, woher sie Lebenskraft und ihren Mut finden k\u00f6nnen. Selbst in den Zeiten, als die M\u00e4chtigen von Gott nichts hielten, blieb das Prophetenwort lesbar. \u2013 Haben die M\u00e4chtigen nicht verstanden, was da unter dem Himmel geh\u00e4ngt war? Unter grauem Himmel leuchtete immer weiter das Motto des Gottvertrauens f\u00fcr die, die schon lange nichts mehr von Gott geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Gelegentlich f\u00fchlten sich die Machthaber in Franckes Stadt dazu veranlasst, die Fassade des Waisenhauses neu zu streichen. Dann wurde auch das Prophetenwort aufgefrischt und die von Gott ferngehaltenen Menschen konnten die Botschaft in goldenen Buchstaben \u00fcber ihren K\u00f6pfen lesen. Sie mussten nur ihre K\u00f6pfe heben und aufschauen. Der Himmel war zwar grau, aber die Schrift war da. Der Himmel war ges\u00e4ttigt von giftiger Chemie und Gestank. Eine futuristische Hochstra\u00dfe wurde mitten durch das Waisenhausgel\u00e4nde gebaut. Die Schrift blieb. Die Mauern drum herum verfielen, der Putz br\u00f6ckelte. Die Adler und die Sonne wurden unansehnlich. Die Schrift verblasste. Als die M\u00e4chtigen das Haus dem Verfall preisgaben, konnte man die Worte des Propheten trotzdem lesen. Als auch die Macht der M\u00e4chtigen allm\u00e4hlich verfiel, konnte man die Schrift immer noch mitten im Grau entziffern.<\/p>\n<p>Als der Prophet seine Worte an die M\u00fcden richtete, ging es ihm nicht nur darum, dass die M\u00fcden mutig werden und Gott vertrauen. Er zeigte den Ersch\u00f6pften, wer wirklich Macht hat. Macht haben nicht die, die \u00fcber die Erde und ihre Ressourcen zu herrschen meinen. Nicht die, die in der Lage sind, die Luft zu vergiften, den Himmel mit Blut zu tr\u00e4nken und Tr\u00fcmmer hinterlassen. Wirkliche Macht ist nicht in den H\u00e4nden derer, die mit Angst vor der Zukunft regieren und die Menschen um ihrer Kinder willen zu Kompromissen zwingen. Der Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde ist Herr der Welt. Gottes Macht ist gr\u00f6\u00dfer. Selbst wenn der Himmel grau ist und alles verf\u00e4llt, bleibt das Versprechen des Propheten g\u00fcltig. Die M\u00fcdigkeit angesichts der aussichtslosen Zust\u00e4nde schwindet mit dem Vertrauen zu Gott. Die M\u00e4chtigen k\u00f6nnen mit ihrer Ma\u00dflosigkeit die Schwachen in eine bleierne M\u00fcdigkeit zwingen. Gottes Macht weckt auf und schenkt neues Leben. Gott gibt denen recht, die die Augen heben und nicht auf die M\u00e4chtigen dieser Welt vertrauen.<\/p>\n<p>Die M\u00fcden, zu denen der Prophet sprach, haben es dann erlebt, wie sich Gottes Macht zeigte. Sie konnten aus dem Exil nach Jerusalem zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Die Schrift im Giebel des Waisenhauses blieb unter dem Grau immer sichtbar. Als die Sonne nicht gl\u00e4nzte und die Adlerfl\u00fcgel von Schmutz schwer waren, blieb das Versprechen des Propheten weiterhin g\u00fcltig. Und dann geschah es: Die Sonne strahlte in neuem Glanz, die Adler hielten wieder mit goldenen Klauen das Prophetenwort fest.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr der M\u00fcden nach Jerusalem war gro\u00dfartig. Das Versprechen des Propheten war zuverl\u00e4ssig. Aber die Heimgekehrten haben das Gl\u00fcck nicht festgehalten.<\/p>\n<p>Das Waisenhaus ist saniert und zieht Besucher aus aller Welt an. Die Sonne gl\u00e4nzt, der Himmel ist unbelastet, die Luft sauber und die Botschaft des Propheten ist sichtbar. Aber wer schaut zu ihr heute auf? \u201eDie auf dem Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Katharina Wiefel-Jenner, geb. 1958, Pfarrerin i.R., bildet in Berlin als Dozentin f\u00fcr Liturgik und Homiletik Ehrenamtliche f\u00fcr den Verk\u00fcndigungsdienst aus.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adlerfl\u00fcgel unter blauen und unter grauem Himmel | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Jes 40,26\u201331 | Katharina Wiefel-Jenner &nbsp; Adlerfl\u00fcgel unter blauen und unter grauem Himmel In Glaucha, einem kleinen Ort vor den Toren Halles, \u00fcbernahm 1692 ein ambitionierter und frommer Theologe seine erste Pfarrstelle. Er hie\u00df August Herman Francke. 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