{"id":26205,"date":"2026-04-09T11:58:44","date_gmt":"2026-04-09T09:58:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26205"},"modified":"2026-04-09T19:26:20","modified_gmt":"2026-04-09T17:26:20","slug":"johannes-2115-19-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2115-19-3\/","title":{"rendered":"Johannes 21,15\u201319"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Sei ein Hirte | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Joh 21,15\u201319 | Eva Holmegaard Larsen |\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sei ein Hirte<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Es ist still geworden nach Ostern. Der Alltag ist zur\u00fcck. Ostern ist eine grosse Zumutung, von Anfang bis Ende. Kreuz und Tod. Ein leeres Grab. Ger\u00fcchte, die niemand einordnen kann \u2013 und die unglaubliche Behauptung, Jesus sei auferstanden.<\/p>\n<p>Wir haben das hochdramatische Geschehen hinter uns gelassen und begegnen dem Auferstandenen in aller Stille, am See Tiberias, wo er mit seinen J\u00fcngern gebratenen Fisch isst.<\/p>\n<p>Das Leben geht weiter. Es ist Zeit zur Besinnung geworden. Und Jesus hat noch etwas zu sagen, bevor er zu seinem himmlischen Vater aufbricht. Das Johannesevangelium zeichnet uns ein friedvolles Bild, wie Gott dem Tod \u00fcberlegen ist. Es gibt noch etwas hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrden unsere Verstorbenen uns sagen, wenn sie noch einmal sprechen k\u00f6nnten? Jesus hat dem Petrus etwas Wichtiges zu sagen. Denn wie war das noch mit ihm?<\/p>\n<p>Er war der treue J\u00fcnger Jesu. Er war es, der am letzten Abend \u2013 beim letzten Abendmahl \u2013 feierlich beteuerte, er denke im Gegensatz zum Verr\u00e4ter Judas nicht daran, seinen Freund Jesus zu verraten.<\/p>\n<p>Aber genau das tat er. Das taten sie ja alle. Nat\u00fcrlich taten sie es. Als alles zusammenbrach \u2013 Verhaftung, Verh\u00f6r, Folter und Hinrichtung \u2013 bekamen sie Angst.<\/p>\n<p>Sie liefen davon. Auch Simon Petrus. Er leugnete schlechthin, Jesus jemals gekannt zu haben. \u00abEhe der Hahn zweimal kr\u00e4ht, wirst du mich dreimal verleugnen\u00bb, hatte Jesus zu Petrus gesagt. Und obwohl Petrus dies leidenschaftlich verneinte, kam es genau so: Dreimal Nein \u2013 er kenne diesen Jesus von Nazaret nicht und habe nichts mit ihm zu tun.<\/p>\n<p>Er bereute es in demselben Augenblick, als der Hahn zum zweiten Mal kr\u00e4hte \u2013 aber da war es zu sp\u00e4t. In jener Nacht verlor er nicht nur Jesus, seinen Freund und Meister \u2013 er verlor sich selbst.<\/p>\n<p>Denn wer war er noch, wenn er dem nicht treu geblieben war, was er liebte &#8211; und woran er glaubte?<\/p>\n<p>Nun sitzen sie hier um das Feuer am Ufer, und Jesus fragt ihn: Liebst du mich? Er fragt ihn nicht nur einmal, sondern gleich dreimal. Jesus hat guten Grund zu fragen. Aber wir sp\u00fcren geradezu, wie peinlich diese Fragen f\u00fcr Petrus sind.<\/p>\n<p>Und Petrus antwortet leise. Als wolle er diesmal nicht zu viel versprechen. Als h\u00e4tte er gelernt, vorsichtiger mit grossen Worten umzugehen.<\/p>\n<p>Denn er hatte seine Selbstachtung und seine Identit\u00e4t verloren, als er das letzte Mal etwas versprach, ohne es halten zu k\u00f6nnen. Darum kommt es sehr sachte von Petrus: \u00abJa, ich hab dich lieb. Das weisst du doch!\u00bb<\/p>\n<p>Jesus muss wissen, wie schwer und besch\u00e4mend es f\u00fcr Petrus ist. Warum tut er es dann? Ist er wirklich aus dem Reich der Toten zur\u00fcckgekehrt, nur um in unserem schlechten Gewissen zu bohren \u2013 wegen all der Male, da wir die Menschen, die wir lieben, entt\u00e4uscht und unsere Ideale verraten haben?<\/p>\n<p>Stellt Jesus Simon Petrus mit seiner inquisitorischen Forderung nach Liebesbeteuerungen auf die Folterbank? Liebst du mich, liebst du mich, liebst du mich? Dreimal fragt er ihn. Einmal f\u00fcr jede Verleugnung an jenem schrecklichen Abend, als Petrus den Mut verlor.<\/p>\n<p>Liebst du mich, liebst du mich? Man kann an dieser Frage fast irre werden. \u00a0Wenn Freunde und Geliebte einander unaufh\u00f6rlich Rechenschaft \u00fcber ihre Liebe abverlangen, kommt man erst recht in Zweifel.<\/p>\n<p>Ehe wir anfangen zu spekulieren \u2013 &#8222;was steckt dahinter? Was bedeutet das?&#8220;, sollten wir innehalten. Und einfach einen Menschen h\u00f6ren, der nach der Liebe eines anderen fragt.<\/p>\n<p>Es ist n\u00e4mlich sehr menschlich, sich nach Best\u00e4tigung zu sehnen \u2013 und die Menschlichkeit Jesu ist entscheidend daf\u00fcr, ob das G\u00f6ttliche hier in der Welt zur Entfaltung kommt.<\/p>\n<p>Das Menschliche an Jesus ist entscheidend daf\u00fcr, ob wir begreifen, dass Gott nicht einfach etwas ist, das gr\u00f6sser ist als wir selbst \u2013 denn das kann ja alles M\u00f6gliche sein! Was ist das, das gr\u00f6sser ist als wir selbst? Es ist die Liebe, die nach uns ausgreift.<\/p>\n<p>Es ist die Liebe, die auf uns zukommt und uns ruft und uns etwas bedeutet. Und das k\u00f6nnen wir durch Jesus Christus verstehen und sp\u00fcren \u2013 denn in ihm tritt Gott ganz in unser Leben ein. Er war ganz Mensch als das Kind in der Krippe. Und er war ganz Mensch am Kreuz.<\/p>\n<p>Und nun am Ufer des Sees Tiberias sehen wir abermals sein Menschsein in voller Gestalt. Wir sehen einen Menschen, der dem\u00fctig sein Herz nach einem anderen Menschen ausstreckt.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich liegt auch eine Anklage in der Frage an Petrus \u2013 denn jeder weiss, dass man nur um Best\u00e4tigung der Liebe bittet, wenn man sich nicht sicher ist, wie man beieinandersteht. Ein Zittern der Unsicherheit liegt hinter allem. Es ist also zugleich eine Entbl\u00f6ssung<strong><sup>\u00a0 <\/sup><\/strong>und eine Anklage. Eine verletzliche Frage, die gleichzeitig einen inquisitorischen Unterton hat: Liebst du mich?<\/p>\n<p>Ihr alle kennt diese Frage. Jeder von uns war schon dort. Liebst du mich, fragen wir \u00e4ngstlich und bittend zugleich. Es sind die allermenschlichsten Worte, die es gibt. Aber es sind auch Sch\u00f6pfungsworte. Die Frage ruft den anderen und ruft vielleicht etwas hervor. Ruft die Liebe im Antworten hervor: Ja, ich liebe dich.<\/p>\n<p>Es ist wie beim Taufbecken. GLAUBST DU? werden wir gefragt. JA, antworten wir \u2013 wenn du es bist, der fragt. Denn wir wissen wohl, dass derjenige, der fragt, es gut mit uns meint. Wir wissen wohl, dass die Frage aus einem Ort kommt, wo die Decke hoch ist.<\/p>\n<p>Unser JA zu Gott in der Taufe \u2013 auch wenn es stellvertretend f\u00fcr unsere Kinder gesprochen wird \u2013 ist, \u00e4hnlich wie Petrus&#8216; Antwort an Jesus ist kein makelloses Ja. Kein Ja ohne Risse. Petrus ist noch immer derselbe alte Petrus wie in jener Nacht, als er im Glauben wankte und immer wieder sagte: NEIN, ich kenne diesen Jesus nicht \u2013 ich kenne diesen Menschen nicht und habe nichts mit ihm zu schaffen!<\/p>\n<p>Warum kann er dann jetzt JA sagen? Und es sogar so meinen? Er kann es, weil jemand nach ihm ausgreift und ihn ruft.<\/p>\n<p>Darum ist es so wichtig, dass wir gefragt werden. So wie wir in der Taufe gefragt werden und Ja antworten \u2013 auch wenn wir gewiss viele Vorbehalte und Zweifel und unbeantwortete Fragen an Gott haben.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen sagen von sich, dass sie nicht sonderlich gl\u00e4ubig sind \u2013 aber dennoch ein bisschen. Aber warum dann dennoch dieses schallende JA bei der Taufe? Weil jemand nach uns ausgreift und uns ruft. Die Taufe ist ein Herz, das einem anderen Herzen antwortet.<\/p>\n<p>Die Fragen des Glaubensbekenntnisses sind Worte, die einst von gl\u00e4ubigen Menschen geformt wurden \u2013 und sie klingen sehr formelhaft. Aber hinter den Worten erklingt Gottes Stimme. Glaubst du an dies und das und jenes? So klingt es, wenn wir mit JA auf die Worte des Glaubensbekenntnisses antworten. Das ist aber keine Pr\u00fcfung im Glauben \u2013 man soll nicht vergessen, dass dahinter ein Herz steckt.<\/p>\n<p>Wir legen keinen Eid am Taufstein ab, und auch nicht, wenn wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst sprechen. Wir antworten auf einen Ruf. Wir empfangen jemanden, der nach uns ausgreift.<\/p>\n<p>Und dann erhalten wir eine Aufgabe. Getauft zu werden bedeutet auch, eine Aufgabe zu bekommen. Genau so, wie Jesus dem Petrus eine gibt.<\/p>\n<p>Weide meine Schafe! Das ist die Aufgabe. Sorge f\u00fcr meine Schafe. Sei an meiner Stelle, Petrus \u2013 sorgt f\u00fcreinander. Sorgt f\u00fcr meine Br\u00fcder und Schwestern. Steht f\u00fcreinander ein \u2013 das ist Gottes Auftrag. Sorgt f\u00fcreinander \u2013 das ist die Aufgabe. Und das ist eine Vertrauenserkl\u00e4rung. Ganz gleich, wie viel Angst wir haben k\u00f6nnen, wie Petrus in jener Nacht, als er seinen Freund verriet.<\/p>\n<p>Wir sind ja alle nur Menschen, und unsere Liebesbeteuerungen und Glaubensversprechen sind angreifbar und zerbrechlich. Das gilt \u00fcberall, wo wir Ja sagen \u2013 zu Gott und zueinander.<\/p>\n<p>Aber dann sollen wir einander rufen. Liebst du mich? Wir sollen ausgreifen. Und antworten \u2013 immer wieder. Wir werden hier in der Kirche gerufen, und jetzt gerade, da wir hier sind, ist es nicht so schwer, Ja zu sagen. Wenn wir beten und singen und niederknien.<\/p>\n<p>Erst wenn wir hinausgehen in den Alltag, wird es schwerer, dazu zu stehen. Aber die kleine Szene zwischen Jesus und Petrus, der wir heute Zeuge werden, l\u00f6st unseren Zweifel, ob wir uns \u00fcberhaupt Glaubende nennen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen wir das. Gott weiss wohl, dass unser JA ein zerbrechliches, z\u00f6gerndes Ja ist. Ein \u00abgebrochenes Hallelujah\u00bb. \u00a0Aber Gott fragt dennoch und greift immer wieder nach uns aus. Denn es gibt eine Aufgabe! Und diese Aufgabe ist viel wichtiger als unsere Standhaftigkeit im Glauben.<\/p>\n<p>Und vielleicht ist Glaube in Wirklichkeit, dass wir alle \u00dcberlegungen dar\u00fcber vergessen, wie viel oder wie wenig wir glauben, und einfach anfangen. Es gibt ein g\u00f6ttliches Leben, das gelebt werden soll. Es gibt Menschen, die uns brauchen. Es gibt eine Welt, die wartet. Es gibt so viel Bedarf an Liebe in der Welt, dass sie nicht warten kann, bis du ganz bereit bist. So geh denn frei, ein jeder an seinen Ort, und vertrau auf Gottes Gnade [Zit. eines d\u00e4n. Kirchenlieds, A.d.\u00dc.]. Sei ein Hirte.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Eva Holmegaard Larsen<br \/>\nPastorin in N\u00f8debo\/Gadevang<br \/>\nehl@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sei ein Hirte | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Joh 21,15\u201319 | Eva Holmegaard Larsen |\u00a0 &nbsp; Sei ein Hirte \u00a0Es ist still geworden nach Ostern. Der Alltag ist zur\u00fcck. Ostern ist eine grosse Zumutung, von Anfang bis Ende. Kreuz und Tod. Ein leeres Grab. 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