{"id":26253,"date":"2026-04-29T21:28:38","date_gmt":"2026-04-29T19:28:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26253"},"modified":"2026-04-29T21:28:38","modified_gmt":"2026-04-29T19:28:38","slug":"johannes-828-36-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-828-36-3\/","title":{"rendered":"Johannes 8,28\u201336"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Die beiden Steinfiguren | Kantate (d\u00e4n. fjerde s\u00f8ndag efter p\u00e5ske)| 3. Mai 2026 | Joh 8,28\u201336 | Jan Asmussen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unter den Hunderten von gemei\u00dfelten Steinfiguren auf der Fassade einer gotischen Kathedrale sah ich zwei Frauen, die sich zu beiden Seiten des Hauptportals gegen\u00fcberstanden. Die eine steht kerzengerade wie eine K\u00f6nigin: Es ist Ecclesia, die christliche Kirche, die den Blick zum Horizont richtet. Die andere steht gebeugt und gel\u00e4hmt, mit verbundenen Augen, tastet sich unsicher voran: Es ist Synagoga, der j\u00fcdische Glaube, dargestellt und verurteilt als blind und taub daf\u00fcr, dass Jesus der Christus ist. Das ist antij\u00fcdische Propaganda, in Sandstein gehauen. Ich kann nicht vor diesen beiden Frauen stehen, ohne daran zu denken, wozu diese Verurteilung in der Geschichte gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im achten Kapitel des Johannesevangeliums ist es Jesus selbst, der zu den Juden spricht und sie blind und taub nennt. Ein Quelltext f\u00fcr nahezu alle Formen christlichen Antisemitismus. Es ist Johannes, der die Auffassung kolportiert, die Juden seien im Bunde mit dem B\u00f6sen selbst, ja seien seine Kinder. Es ist Johannes, der hier weissagt, dass die Zeit der Juden als Gottes auserw\u00e4hlte Lieblinge bald enden wird. Es ist wieder Johannes, der die Juden als blind und unfrei bezeichnet \u2013 im Unterschied zu denen, die Christus bekennen: \u201edie Wahrheit wird euch frei machen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir verstehen, dass diese Polemik gegen die Juden ihren Platz in der Gemeinde hatte, in der das Johannesevangelium entstand. Es war eine Entt\u00e4uschung, dass der Christusglaube sich nicht in der Synagoge verbreitete, sondern als Minderheit in der damaligen Welt verblieb \u2013 als eine eigenartige Jesus-Sekte. Wir lesen aus dem Text heraus, dass die Christusgl\u00e4ubigen sogar von der umgebenden j\u00fcdischen Gesellschaft verfolgt wurden. Doch sp\u00e4ter in der Geschichte kehrten sich diese Machtverh\u00e4ltnisse um. Und damit wurde Johannes 8 \u2013 \u00fcber die Blindheit der Synagoge und die siegreiche Kirche \u2013 zu einer gef\u00e4hrlichen Waffe des christlichen Antisemitismus. Davon erz\u00e4hlen die beiden Figuren auf der Fassade der Kathedrale.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kein Jude wird selbstverst\u00e4ndlich dem Blick des Johannesevangeliums zustimmen k\u00f6nnen. Kein Jude wird sich selbstverst\u00e4ndlich als blind und unfrei bezeichnen. Im Gegenteil: Freiheit und Einsicht entstehen gerade im best\u00e4ndigen Studium der Tora. \u201eWohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen \u2026, sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und \u00fcber sein Gesetz nachsinnt Tag und Nacht\u201c \u2013 mit diesem Programmsatz beginnt der Psalter. Im Gesetz Gottes Freude und Freiheit zu finden, bedeutet zu wissen, dass man den Rahmen des eigenen Lebens weder selbst erfinden noch selbst setzen muss. Diesen Rahmen hat Gott gesetzt, so wie Eltern den Rahmen f\u00fcr das Leben ihrer Kinder setzen. In dieser geborgenen Position, in diesem v\u00e4terlichen Haus, bedarf es keiner Sorge um die \u00e4u\u00dferen Grenzen der Freiheit. Man kann innerhalb des Rahmens leben. Die Freiheit ist bereits gestiftet. Sie ist eine Geborgenheit, in der man gehorsam verweilen kann. Der freieste Mensch der Welt ist derjenige, der im Gehorsam in dem Rahmen lebt, den Gott ihm gesetzt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darum tut die tastende Frau mit verbundenen Augen, so wie sie dort an der Steinfassade der Kirche steht, dem j\u00fcdischen Glauben gro\u00dfes Unrecht. Und entsprechend leuchtet die aufrechte Kirchenk\u00f6nigin allzu strahlend. Beide werden getragen vom achten Kapitel des Johannesevangeliums. Von hier holte sich das Christentum die Gleichung \u201eChristus ist Freiheit\u201c. Und es fand dieses Programm wieder in den vielen Erz\u00e4hlungen von Jesus, der ethnische Grenzen, Sabbatgrenzen, soziale Grenzen \u00fcberschreitet \u2013 alles auf der Grundlage der unmittelbaren Deutung, dass das j\u00fcdische Gesetz und die christliche Freiheit Gegens\u00e4tze seien. Ja, mehr noch: dass das Christentum sich das Recht herausnimmt, sich selbst \u00fcber sogenannte \u201eGesetzesreligionen\u201c wie das Judentum \u2013 und sp\u00e4ter den Islam \u2013 zu stellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die beiden Steinfiguren stehen getrennt, jede auf ihrer Seite des Hauptportals. Allzu getrennt \u2013 denn sie f\u00fchren zu einem v\u00f6llig verfehlten Verst\u00e4ndnis davon, wie es sich mit Freiheit und Gebundenheit, Wahrheit und Verblendung verh\u00e4lt. Die strahlende Freiheit \u2013 das war nicht, was Jesus verk\u00fcndete. Die Lebensform, in die Jesus seine J\u00fcnger einzutreten lehrte, ist gewiss nicht ohne Bindungen. Im Gegenteil: Das Gesetz ist sehr scharf: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. Das gilt auch, wenn Sabbat ist und dein N\u00e4chster kultisch unrein ist. Jesus versch\u00e4rft das Gesetz: Es gibt keinen neutralen Bereich, in dem man auf Gnade s\u00fcndigen und die Freiheit nutzen kann, um der Verantwortung zu entfliehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Freiheit erlangt man, indem man das Gesetz Tag und Nacht studiert, hei\u00dft es in der Synagoge. \u201eDie Wahrheit wird euch frei machen\u201c, lauten Jesu Worte an die, die Jesus als Retter bekennen. Jesus h\u00e4tte auch sagen k\u00f6nnen: \u201eDie Wahrheit wird euch binden\u201c \u2013 n\u00e4mlich daran, Gottes Willen zu tun, also die Liebe um euch herum wachsen zu lassen. \u201eEin Christenmensch ist aller Welt Knecht und jedermann untertan\u201c, sagt Luther \u00fcber diese gebundene Freiheit. Der Unterschied zwischen den beiden Sandsteinfiguren verwischt sich: Wie sollen die beiden Frauen in der Welt leben, in dem Rahmen, den Gott ihnen zum Leben gesetzt hat? Ich tr\u00e4ume davon, dass sie nachts, wenn die Kathedrale in Stille und Dunkel daliegt, miteinander zu sprechen beginnen. \u00dcber den Hochmut der christlichen Kirche und all das Unheil, das er mit sich gebracht hat. \u00dcber die Freude daran, \u201e\u00fcber sein Gesetz nachzusinnen Tag und Nacht\u201c und gehorsam zu sein. Und \u00fcber das, was sie verbindet \u2013 jede auf ihrer Seite des Eingangs zu Gottes Haus.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jan Sievert Asmussen<br \/>\nPastor in Farum<br \/>\njsas@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden Steinfiguren | Kantate (d\u00e4n. fjerde s\u00f8ndag efter p\u00e5ske)| 3. Mai 2026 | Joh 8,28\u201336 | Jan Asmussen | Unter den Hunderten von gemei\u00dfelten Steinfiguren auf der Fassade einer gotischen Kathedrale sah ich zwei Frauen, die sich zu beiden Seiten des Hauptportals gegen\u00fcberstanden. 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