{"id":26257,"date":"2026-04-29T21:30:31","date_gmt":"2026-04-29T19:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26257"},"modified":"2026-04-29T21:30:31","modified_gmt":"2026-04-29T19:30:31","slug":"2-chronik-51-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-chronik-51-14\/","title":{"rendered":"2. Chronik 5,1-14"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Klangwolken I-III | Kantate | 3. Mai 2026 | 2. Chr 5,1-14 | Jochen Riepe |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201aUnd als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: \u2018Er ist g\u00fctig und seine Barmherzigkeit w\u00e4hret ewig\u2018, da wurde das Haus erf\u00fcllt mit einer Wolke\u2026 soda\u00df die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erf\u00fcllte das Haus Gottes\u2018.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">I<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wolken haben ein wundersames Gesicht. Eben noch da und im n\u00e4chsten Augenblick entschwunden. Sie verh\u00fcllen und verbergen, sie erheben und verkl\u00e4ren. \u201aGegen Stre\u00df und Kummer, Eifersucht, Depression, \/ empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken\u2026\u2018, meint der Poet (H. M. Enzensberger). Aber ich habe auch die Stimme von Joni Mitchell im Ohr: \u201a(But) now they only block the sun, \/ they rain and snow on everyone\u2018.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Gegenwart in einer Wolke, jenem Naturph\u00e4nomen, das eben am Himmel dahinzieht und dann schon vergeht? Er, der \u201aschlechterdings Verborgene\u2018 (G. Ebeling), gegenw\u00e4rtig, ja, aber gleichsam anwesend und abwesend in einem?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">II<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klangwolke I: Gottesdienst. So erging es mir oft: Wir h\u00f6rten das Orgelspiel. Die Musik f\u00fchrte uns hinaus, nach drau\u00dfen, oder besser \u201ahimmelan\u2018. Sursum corda! Es war, als w\u00fcrde die Gemeinde von Kl\u00e4ngen emporgezogen. Helle Orgelpfeifen umschmeichelten liebevoll das Ohr, dunkle B\u00e4sse lie\u00dfen uns vibrieren, der Kirchraum \u00f6ffnete sich und die schweren Steine bekamen Fl\u00fcgel\u2026 Ja, unaussprechlich \u2013 die \u201a<em>Herrlichkeit des Herrn<\/em>\u2018.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nach dieser Himmelsreise soll ich reden? Z\u00f6gern und Scheu: Wer kann oder will jetzt die \u201aKlang-Wolke\u2018 verlassenund auf die Kanzel steigen, wo doch ein jeder noch \u201ain sich\u2018 ist und in einem \u201a\u00fcber-sich-hinaus\u2018? Auch der Prediger. Ich gebe mir einen Ruck. Meine Worte sind n\u00fcchtern, hoffentlich taktvoll\u2026 Sind die anderen mit zur\u00fcckgekommen? Wenn man den Gipfel erstiegen hat, kann es doch danach nur bergab gehen\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">III<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jerusalem soll singen und spielen. Der biblische Chronist in nachexilischer Zeit h\u00e4lt R\u00fcckschau auf die Geschichte seines Volkes und sagt: Es ist gut, da\u00df die Stadt und der Tempel nach der Zerst\u00f6rung wiederaufgebaut wurden. Ein neuer Tempel, ein zweites Haus f\u00fcr Gott, das mu\u00dfte und mu\u00df immer wieder neu gefeiert werden. Wo sonst sollten die unterschiedlichen Menschen zusammengef\u00fchrt werden, wenn nicht hier? Er kennt den Streit zwischen den R\u00fcckkehrern aus Babylon und den Dagebliebenen. Er wei\u00df um die Skeptiker und will auch diese \u00fcberzeugen. Etwa so:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201aDenkt doch an fr\u00fcher, damals als der erste Tempel geweiht wurde. Unverge\u00dflich: \u201a<em>Alle M\u00e4nner Israels<\/em>\u2018 versammelten sich zum Fest, Priester und Leviten, S\u00e4nger und Musiker trafen sich im neuerbauten Haus \u2013 und w\u00e4hrend des gemeinsamen Musizierens und Singens geschah das Wunder: \u201a<em>es war, als w\u00e4re es einer, der trompetete und<\/em> <em>s\u00e4nge<\/em>\u2018, \u201a<em>als h\u00f6rte man eine Stimme danken und loben den Herrn<\/em>\u2018. Viele Menschen wurden zu einem Chor: \u201aAus vielen eins\u2018. Die Kr\u00f6nung, der g\u00f6ttliche Lohn, aber des einigen Gesangs: Eine geheimnisvolle Wolke, die Gottes Gegenwart anzeigte. Die Zeit stand still. Die Priester mu\u00dften warten. Und der Opferdienst mit ihnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0Der Chronist meint: Lest das damalige \u201aideale\u2018 Ereignis auch als g\u00f6ttliche Verhei\u00dfung f\u00fcr unsere Zeit: \u201a<em>Ich kehre wieder auf den Zion zur\u00fcck und will zu Jerusalem wohnen<\/em>\u2018(Sach 8.3).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">IV<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klang-Wolke II: Eine katholische Christin erz\u00e4hlt von der Fronleichnamsprozession. \u201aUnterwegs mit Christus\u2018. F\u00fcr uns Evangelische ist das eher fremd. Man war durch das Dorf, durch Wiesen und Felder gezogen und hatte die Monstranz mit der geweihten Hostie, den Leib des Herrn, hinausgetragen. Ein hei\u00dfer Sommertag. Unterwegs wurde viel gesungen und gebetet. Sie waren ersch\u00f6pft, der K\u00f6rper meldete sich, schwere F\u00fc\u00dfe, Durst, Hunger, aber noch war der Tag nicht zu Ende.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum Abschlu\u00df dann Versammlung in der Kirche: \u201aTe Deum\u2018. Die Gemeinde sang: \u201aGro\u00dfer Gott wir loben dich\u2018. Die M\u00fcden wuchsen noch einmal \u00fcber sich hinaus. Stimmen, Kl\u00e4nge, T\u00f6ne, die zum Himmel trugen: \u201aIch bekam eine G\u00e4nsehaut\u2018. Ja, es war wie sp\u00e4ter manchmal bei einem Konzert, wenn es im Stadion dunkelte, Feuerzeuge oder Handys leuchteten und alle mitsangen: \u201a\u00dcber sieben Br\u00fccken mu\u00dft du gehn\u2018. Auch Fu\u00dfballfans k\u00f6nnen davon ein Lied singen: Waren wir nicht eins? Flo\u00df nicht von einer Hand, von einem Arm, von einem K\u00f6rper die Kraft des Gesanges in den anderen, und der gab es weiter und ich bekam es vielfach zur\u00fcck? \u201aIch\u2018, aber wer war dieses Ich in diesem Augenblick, da es zum Wir wurde?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">V<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jerusalem singt und spielt\u2026 \u201a<em>als h\u00f6rte man eine Stimme loben und danken dem Herrn<\/em>\u2018. Der Chronist wei\u00df: Dem zweiten Tempel in Jerusalem waren Jahre des Streits vorangegangen. War es nicht vermessen, angesichts der vertanen Geschichte einen Tempel zu bauen und in ihm Gottes Gegenwart feiern zu wollen? Die R\u00fcckkehrer aus dem Exil argumentierten umgekehrt: W\u00fcrde Gott nicht gerade durch dieses, sein Haus, gleichsam bewegt, zu seinem Volk zur\u00fcckkommen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Daheimgebliebene waren gleichg\u00fcltig oder ablehnend. Man solle besser die Mittel f\u00fcr die Armen aufwenden. Was dann geschah, nennt man politische \u00dcberzeugungsarbeit: Zwei Propheten taten sich besonders hervor: Haggai und Sacharja. Sie legten den Grund f\u00fcr den Tempelneubau und erm\u00f6glichten so etwas wie einen \u201agesellschaftlichen Kompromi\u00df\u2018 (Z. Czyglanyi). Man einigte sich und versprach, dies zusammen zu halten: Ein Gotteshaus, das den kultischen und geselligen Mittelpunkt der Stadt bildete, und eine Gesetzgebung, die die Wohlfahrt nach innen sicherte. \u201a<em>Witwen, Waisen, Fremdlinge und Arme<\/em>\u2018(Sach 7,10) sollten zu ihrem Recht kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich, wir kennen die Frage: W\u00fcrde der Kompromi\u00df tragen? W\u00fcrde es zu St\u00f6rungen kommen? H\u00e4lt das Idealbild von damals, was es verspricht? \u201a\u2026<em>sollte Gott wirklich auf Erden<\/em> <em>wohnen<\/em>?\u2018 (1. K\u00f6n.8,27a).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">VI<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klangwolke III: Ein Taufgottesdienst. Unruhe. Versp\u00e4teter Anfang. Viele Kinder und nerv\u00f6se G\u00e4ste. Hatte es \u00c4rger gegeben? War die Fahrt stressig? Faszinierend der Liedvortrag einer S\u00e4ngerin: \u201aVergi\u00df es nie, \/ da\u00df du lebst, war nicht deine eigene Idee,\/ und da\u00df du atmest, kein Entschlu\u00df von dir\u2018. Es wird ganz still, mucksm\u00e4uschenstill. Die Stimme verzaubert uns und f\u00fchrt uns in ein \u201aJenseits\u2018. Alle sind ger\u00fchrt. Eine Besucherin hat Tr\u00e4nen in den Augen und sagt sp\u00e4ter: \u201aDas haben Sie ganz pers\u00f6nlich f\u00fcr mich gesungen\u2026 Gott war mir nie so nah\u2018.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201aGegen Stre\u00df und Kummer empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken\u2018, meint der Poet und sah zum Himmel. Ein Lied geht noch einen Schritt weiter oder tiefer: Es \u201animmt\u2018 dich sozusagen in die Klangwolke \u201ahinein\u2018. Es \u201adurchzittert\u2018 dich und erinnert an Zeiten, die eben nur schwer in Worte zu fassen sind, und die manche mit unserem anf\u00e4nglichen, vorgeburtlichen Sein zusammenbringen. \u201a<em>Von allen Seiten umgibst du mich<\/em>\u2026\u2018 (Ps 139, 5). Am Anfang war Musik, Klang\u2026 am Anfang, zu der Zeit, als wir soz. ganz Ohr waren und die H\u00f6r-Welt im \u201aOzean des Mutterleibes\u2018 (A. Tomatis) uns umgab, erregte und beruhigte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">VII<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das zeigt nat\u00fcrlich auch: Klang-Wolken, gerade weil sie so tief gehen, haben wie die Himmelswolken ein Doppelgesicht \u2013 mindestens. Sie erheben, sie k\u00f6nnen aber auch vernebeln und verdunkeln. \u201aEinigkeit\u2018, \u201a<em>eine Stimme<\/em>\u2018, kann nicht befohlen werden. Die Lehrerin hat zwar recht: \u201aWir k\u00f6nnen nicht alle auf einmal sprechen, wir k\u00f6nnen jedoch zusammen singen\u2018, aber kunstvoller, nein, heiliger Gesang, Lob und Dank, ist eben mehrstimmig. Wenn Musik ideologisch \u2013 politisch genutzt wird, wenn der S\u00e4nger Parolen schreit, dann zeigt sich hinter Balladen, die uns zur\u00fcckf\u00fchren in unsere Vorzeit, da wir hingebungsvoll lauschten und swingten, eine h\u00e4\u00dfliche Fratze; jener \u201aSportpalast\u2018, der zum \u201atotalen Krieg\u2018 rief und das Ich dem Wir unterwarf oder mehr es ausl\u00f6schte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Chronist Israels wei\u00df: Die Wolke ist nicht Gott, sie zeigt an seine Gegenwart und weist in einem \u00fcber sich hinaus.Sein \u201aidealer\u2018 Salomo spricht es betend aus: \u201a<em>Selbst der Himmel<\/em> <em>und<\/em> <em>die Himmel der Himmel fassen dich nicht<\/em> \u2026\u2018 (2.Chron. 6,18). Und der zweite Tempel ist Gottes Haus, sofern und wann immer Er es sich zu eigen macht. Auch der sch\u00f6nste, einigste Gesang kann Gott nicht herbeizwingen. Denn wie Wolken so sind\u2026 Sie ziehen dahin und im n\u00e4chsten Augenblick vergehen sie \u2013 \u201aihrer Verg\u00e4nglichkeit kann sowieso \/ keiner das Wasser reichen\u2018.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">VIII<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und meine Predigt im Verklingen der Klangwolke? Die Priester damals konnten nicht ihr Werk tun. Wie spricht der Prediger unter dem Eindruck eines intensiven musikalischen Erlebnisses, befangen, umw\u00f6lkt, weggetreten? Ich lie\u00df mich tragen. Auch ern\u00fcchtert und gef\u00fchlt-strohern kann man Gott loben, danken und sich freuen, da\u00df er mitten unter uns sein will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und eben: Prediger sind keine Solisten. Verl\u00e4\u00dflich kam mir die Gemeinde mit ihrem Gesang zu Hilfe. Kantate, Ihr Lieben!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(Gebet nach der Predigt) \u201a Herr, <em>la\u00df deine Augen offen stehen \u00fcber diesem Hause Nacht und Tag, \u00fcber der St\u00e4tte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest h\u00f6ren das Gebet, das dein Knecht an dieser St\u00e4tte betet und wollest erh\u00f6ren das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel , wenn<\/em> <em>sie hier bitten werden an dieser St\u00e4tte<\/em>.\u2018 (1. K\u00f6n. 8, 29f; aus dem sog. Tempelweihgebet Salomos)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedvorschl\u00e4ge: W\u00e4re Gesanges voll unser Mund (Gotteslob Nr.810 \/ Bistum M\u00fcnster) <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NSpba9jwkgY\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NSpba9jwkgY<\/a> \u00a0\/ Gott ist gegenw\u00e4rtig (eg 165) \/ Du, meine Seele, singe (eg 302) \/ J. Mitchell , Both sides, Now (1969; Album \u201aClouds\u2018 ) \/ J. Werth, Vergi\u00df es nie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=V166RMAd20U\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=V166RMAd20U<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jochen Riepe<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lit.: H.M. Enzensberger, Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen, 2003 \/ G. Ebeling, Einf\u00fchrung in theologische Sprachlehre, 1971 \/ U. Barth, Musik und Religion, in: ders., Kritischer Religionsdiskurs, 2014, S. 469ff\u00a0 \/ A. Tomatis, Klangwelt Mutterleib, 1999 \/ Z. Cziglanyi, Der Wiederaufbau des zweiten Tempels als Ergebnis eines gesellschaftlichen Kompromisses, in : A. Schart \/ J. Krispenz (Hgg.), Die Stadt im Zw\u00f6lfprophetenbuch, 2012, S.385 -401<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klangwolken I-III | Kantate | 3. Mai 2026 | 2. 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