{"id":26280,"date":"2026-05-06T12:44:11","date_gmt":"2026-05-06T10:44:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26280"},"modified":"2026-05-06T12:44:11","modified_gmt":"2026-05-06T10:44:11","slug":"mt-65-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/mt-65-15\/","title":{"rendered":"Mt 6,5-15"},"content":{"rendered":"<h3>Redekur des Glaubens | Rogate | 10. Mai 2026 |\u00a0<span lang=\"DE\">Mt 6,5-15\u00a0<\/span>|\u00a0<span lang=\"DE\">Wolfgang V\u00f6gele <\/span>|<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Friedensgru\u00df<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Predigttext f\u00fcr den Sonntag Rogate steht Mt 6,5-15:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>\u201eUnd wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Stra\u00dfenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein K\u00e4mmerlein und schlie\u00df die T\u00fcr zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir\u2019s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erh\u00f6rt, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater wei\u00df, was ihr bed\u00fcrft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<h3>Redekur des Glaubens<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">auf das erste H\u00f6ren wirkt der Ton altmodisch, angestaubt. Niemand w\u00fcrde heute von einem K\u00e4mmerlein reden, das ist eher die Sache von Minnes\u00e4ngern. Das alte K\u00e4mmerlein-Leben vergangener Zeit drehte sich als Rad: harte Arbeit, Schlafen, Hoffen auf gute Ernte, stetiger Wechsel von Weihnachten, Ostern, Kirchweih, Leben mit Sommer und Winter, Kriegsgefahren, wenig Reisen, Hagel und Gewitter, die die Ernte zerst\u00f6ren. Leben in der modernen Gegenwart hat sich v\u00f6llig ver\u00e4ndert; es ist gepr\u00e4gt von Pendeln, Arbeiten, Schlafen, von pausenloser Aufmerksamkeit, Hetzen und Zeitnot, dem zwanghaften Scrollen auf dem Handy, dem Jagen nach Individualisierung und Selbstdarstellung, Karriere, Follower: Ich bin ganz anders \u2013 mit gro\u00dfem Ausrufezeichen! Schaut meine Reels und Fotos an! Beneidet mich!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beten steht quer zur schnell drehenden Aufmerksamkeitsspirale. Beten ist Teil entschleunigter Lebensweisheit. Darum pa\u00dft es als kleines, wunderbares Mosaiksteinchen in den geordneten, rhythmisierten Lebenslauf der Alten. Und aktuell formt es einen passenden Kontrapunkt zur hyperschnellen, aufmerksamkeitss\u00fcchtigen Gegenwart. Darum liebe ich diese Passage aus Jesu Bergpredigt so sehr. Es ist etwas dar\u00fcber zu lernen, wie das Beten die Lebenswelt eines glaubenden Menschen sprengt und bereichert. Es ist etwas zu lernen, wie man dem Schleudergang der Moderne entkommt. Dabei erhalten wir sogar zweierlei zum Nachdenken, zuerst eine Gebrauchsanweisung zum Beten und dann mit dem Vaterunser einen exemplarischen Gebetstext. In dieser Predigt werde ich mich auf die freundliche Anleitung zum Beten konzentrieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst einmal schlie\u00dft Jesus f\u00fcr das Beten alle Formen der \u00d6ffentlichkeit aus. Er warnt ausdr\u00fccklich vor Heuchelei. Nicht einmal Pfarrer sind davor gefeit, im \u00f6ffentlichen Gebet im Gottesdienst: Zwar sprechen sie Gott in den F\u00fcrbitten an, aber im selben Moment teilen sie ihrer Gemeinde oft unterschwellige, nein, gar nicht so unterschwellige moralische Botschaften: Ihr m\u00fc\u00dft euch so und so verhalten. Gebet verkommt zur billigen Moral. Die Warnung vor Heuchelei zielt auf die Instagram-Menschen, die alles tun, um Likes zu schaufeln und mit jedem unpassenden Mittel vom inszenierten Shitstorm bis zu den Kulleraugen von Katzenbabies Aufmerksamkeit zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beten aber kann nicht Teil von gezielten Inszenierungen sein. Um nicht falsch verstanden zu werden: Damit sind andere Formen \u00f6ffentlicher Verk\u00fcndigung nicht ausgeschlossen. Beten in der \u00d6ffentlichkeit ist eine Kunst, die theologisch studiert sein will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus empfiehlt f\u00fcr das Beten das sprichw\u00f6rtlich gewordene stille K\u00e4mmerlein. Noch interessanter ist, wie Jesus das begr\u00fcndet: Gott wirkt im Verborgenen. Niemand hat Gott je gesehen. Wir reden zu ihm gerade nicht von Angesicht zu Angesicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beten ist ein Sprechen zu einem Anderen, der unsichtbar bleibt und der auch nicht wie ein Gespr\u00e4chspartner antwortet. Das Beten kann sehr unterschiedliche Tonlagen und -h\u00f6hen annehmen: Betende schreien vor Zorn, stammeln vor Aufregung, stottern vor Peinlichkeit, schnauben vor Wut. Betende schweigen auch, weil ihnen die Worte fehlen, weil ihnen ihr eigenes oder das Elend der Welt die Sprache verschlagen hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer danach wieder Worte findet, der f\u00e4ngt vorsichtig an: Lieber Gott! Barmherziger Gott! Vater unser! Mit den ersten Worten des Gebets treten Betende einen Schritt neben sich selbst und die Welt. Betende lassen Tun und Sein ihrer Lebenswelt hinter sich und ziehen sich ins K\u00e4mmerlein zur\u00fcck. Denn sie haben eingesehen, dass sie durch Denken, Sprechen und Handeln zwar vieles, aber nicht alles erreichen k\u00f6nnen. Die erste Einsicht der Betenden lautet darum: Ich wende mich Gott zu und von der Hektik der Welt ab. Ich nehme mir Zeit und Konzentration, schenke meine Aufmerksamkeit in der Stille einem anderen. Ich trete vor\u00fcbergehend einen kleinen Schritt aus der Welt heraus. Und darum ist es elementar wichtig, f\u00fcr die Zeit des Betens das Handy stumm zu schalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Umso mehr \u00f6ffnen sich Beter im K\u00e4mmerlein f\u00fcr ein Wunder. Wer betet, erkennt die Existenz Gottes an. Das Gebet \u00f6ffnet eine T\u00fcr, die \u00fcber die allt\u00e4gliche Wirklichkeit hinaus zu Gott f\u00fchrt. Dass es diese T\u00fcr gibt, darauf k\u00f6nnt ihr euch verlassen, sagt Jesus. Wer betet, der sucht nach Gott. Aber findet er ihn auch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Beten ist zweitens keine Einbahnstra\u00dfe. Kein Gebet verhallt unerh\u00f6rt in den Weiten des Universums. Sondern alle Betenden erhalten eine Antwort. Das gilt auch f\u00fcr diejenigen, die schweigend beten, f\u00fcr die Sprachlosen, denen die Worte fehlen, f\u00fcr die v\u00f6llig Verzweifelten, denen nicht einmal Worte der Klage einfallen. Trotzdem! Auf der Stra\u00dfe des Gebets herrscht Verkehr. Gebet ist Kommunikation. Jesus ermuntert seine J\u00fcnger und alle Glaubenden zum Beten. So er\u00f6ffnet er ein Gespr\u00e4ch zwischen Gott und den Glaubenden. Gott antwortet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einer franz\u00f6sischen Kirche habe ich etwas sehr Kluges gesehen: ein Schild mit einem Handy und einem diagonalen roten Balken. Darauf stand zu lesen, ich \u00fcbersetze das: Wenn Sie diese Kirche betreten, bitte schalten Sie Ihr Smartphone aus. Es kann sein, dass Gott mit Ihnen spricht, aber anrufen wird er Sie bestimmt nicht. Genau das ist es. Beten braucht die Stille, denn es ist genauso sehr ein H\u00f6ren wie ein Sprechen. Gebet ist \u2013 mit einem Ausdruck Sigmund Freuds \u2013 die Redekur des Glaubens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus warnt ausdr\u00fccklich vor dem Plappern. Denn Beten kann auch in Quasselei ausarten, in die endlose Wiederholung von Banalit\u00e4ten, auch frommen und politischen. Wem die Worte fehlen, der schweigt. Oder er betet das Vaterunser, welches Jesus als eine Art Zusammenfassung aller Gebete einf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott antwortet auf Gebete, habe ich gerade gesagt. Das ist, auch f\u00fcr Beter und Glaubende, ein tollk\u00fchner Satz. Denn er legt nahe, in dem allm\u00e4chtigen und barmherzigen Gott ein pers\u00f6nlich sprechendes Gegen\u00fcber zu sehen. Das aber ist nicht unbedingt der Fall. Die Unsichtbarkeit Gottes bezieht sich nicht nur auf das menschliche Sehen, sondern auch auf sein H\u00f6ren. Gebet er\u00f6ffnet einen neuen, himmlischen Horizont, der nicht unbedingt eine <em>direkte<\/em> Antwort sein muss. Das Gebet als Gespr\u00e4ch begr\u00fcndet keine einfache, eher und frei heraus gesagt eine komplizierte Beziehung. Gott schweigt auch, und manchmal, nein viel zu oft, ist das f\u00fcr leidende und von Schmerzen gequ\u00e4lte Menschen schwer zu ertragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott antwortet. Dieser Satz kann missverstanden werden. Dieser Spitzensatz verwandelt Gott nicht in eine gute Fee, die im M\u00e4rchen ihren Zauberstab zweimal im Kreis schwingt, woraufhin die erbetene Waschmaschine anschlussfertig im Badezimmer wartet. Jesu Anleitung zum Beten f\u00fchrt zum biblischen Gott der Barmherzigkeit und <em>seinen<\/em> Verhei\u00dfungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Menschen haben von Gott eine sehr formale Vorstellung. Er ist das Wesen, das alles vermag. Er kann den Zufall steuern wie die Kugeln in der Lostrommel. Er ist der Marionettenspieler, welcher an den F\u00e4den unseres Lebens zieht und sie irgendwann, hoffentlich erst im hohen Alter, abschneidet.\u00a0 Er ist der Generalfeldmarschall, der strategisch \u00fcber die Geschicke der Weltpolitik wacht. Bei vielen Menschen schwingen, wenn sie an Gott denken, viele Wunschvorstellungen mit. In der Bibel ist das anders.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder, Jesus von Nazareth spricht von <em>seinem<\/em>, einem ganz <em>anderen<\/em> Gott. Er wirbt f\u00fcr Gott den Vater, f\u00fcr den, der seine Sonne aufgehen l\u00e4sst \u00fcber Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45), Jesus spricht von dem Gott, den er \u201eUnser Vater im Himmel\u201c nennt. Sein Reich verk\u00fcndet er, die Botschaft seiner Liebe gibt er weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn die Betenden Gott suchen, schweigend oder seufzend oder klagend oder schreiend, dann gibt kein anderer Gott Antwort als der Gott der Bibel und der Gott Jesu Christi. Und er antwortet mit den Verhei\u00dfungen, die sich bereits in der Bibel finden: Gottes Reich, das himmlische Jerusalem, wo sich Gerechtigkeit und Liebe k\u00fcssen, Vergebung, Vers\u00f6hnung, Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Angesicht dieser Antworten mag sich manche Bitte eigensinnig, ja sogar egoistisch ausnehmen. Aber ich bin mir sicher: Wer sich auf die Suche nach Gott begibt, der wird mit diesen W\u00fcnschen anders umgehen, wenn er Bekanntschaft gemacht hat mit den gro\u00dfen Verhei\u00dfungen Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beten bedeutet einen R\u00fcckzug. Gebet braucht Stille, um h\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Wer das ein\u00fcbt, wird reich belohnt. Denn er kann aus dem Gebet heraus das eigene Verhalten \u00e4ndern. Auch daf\u00fcr gibt Jesus am Ende dieser Passage einen Hinweis. Wer betet, der legt die gefalteten H\u00e4nde nicht in den Scho\u00df. Beten und Vergeben geh\u00f6ren zusammen. Das christliche Beten ver\u00e4ndert die Perspektive, die Lebenshaltung und den Glauben eines Christenmenschen. Alles was hart ist und sich verfestigt hat, Zorn, Groll und Bitterkeit gegen\u00fcber anderen Menschen, es kann sich nach dem Gebet aufl\u00f6sen in Vergebung \u2013 so der Beter das auch will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gebet stellt ein neues Gleichgewicht her, ein zerbrechliches und gef\u00e4hrdetes Gleichgewicht des Glaubens, das die Erdenschwere und Himmelsferne ausbalanciert \u2013 in Richtung auf Vers\u00f6hnung, Vergebung und Hoffnung. Die Betenden k\u00f6nnen vieles ansprechen und sich vieles erhoffen. Am Ende steht als Antwort auch der Satz aus dem Vaterunser: Dein Wille geschehe. Zwischen Hoffnung im K\u00e4mmerlein und Gottes Willen er\u00f6ffnet sich ein neuer manchmal steiniger, manchmal freudvoller Weg. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele<br \/>\nKarlsruhe<br \/>\nwolfgangvoegele1@googlemail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er schreibt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog \u201eGlauben und Verstehen\u201c (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, M\u00fcnster 2025.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Redekur des Glaubens | Rogate | 10. Mai 2026 |\u00a0Mt 6,5-15\u00a0|\u00a0Wolfgang V\u00f6gele | Friedensgru\u00df Der Predigttext f\u00fcr den Sonntag Rogate steht Mt 6,5-15: \u201eUnd wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Stra\u00dfenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. 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