{"id":26292,"date":"2026-05-11T13:02:28","date_gmt":"2026-05-11T11:02:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26292"},"modified":"2026-05-11T13:02:28","modified_gmt":"2026-05-11T11:02:28","slug":"johannes-1720-26-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1720-26-3\/","title":{"rendered":"Johannes 17,20-26"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Sichtbar werden | Christi Himmelfahrt | 14. Mai 2026 | Joh 17,20-26 | Barbara Signer |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern, liebe Br\u00fcder<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir feiern heute die Himmelfahrt Christi. Es ist ein Feiertag, der zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle ausl\u00f6sen kann. Einerseits ist er nat\u00fcrlich Grund zur Freude, denn Christus kehrt zum Vater zur\u00fcck. Mission erf\u00fcllt. Andererseits haftet bei manchen auch ein Hauch des Zweifels an. Wie hat man sich diese Himmelfahrt vorzustellen? Das ber\u00fchmte <em>\u201eBeam me up, Scotty\u201c<\/em> aus StarTrek kommt mir da in den Sinn und ich verliere mich in Spekulationen dar\u00fcber, was da wohl tats\u00e4chlich passiert sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt aber noch einen dritten Punkt, auf den wir uns heute einlassen wollen: Die Himmelfahrt Christi bedeutet f\u00fcr die J\u00fcnger den definitiven Abschied von ihrem Freund und Lehrer. Ich stelle mir vor, wie das f\u00fcr sie gewesen sein muss. Erst der Schock von Karfreitag: Jesus wurde grausam hingerichtet und die ganze sch\u00f6ne neue Welt, die er den Menschen versprochen hat, scheint verloren. Danach der Schrecken und die Freude von Ostern. Der Totgeglaubte lebt, er kommt zu seinen J\u00fcngern, sie k\u00f6nnen ihn sogar ber\u00fchren und mit ihm reden. Alles ist wieder gut. Vierzig Tage des Gl\u00fccks. Und dann die Trennung, der Abschied, endg\u00fcltig.Also ich w\u00e4re in diesem Moment sehr deprimiert gewesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und deshalb ist unser heutiger Predigttext relevant f\u00fcr Himmelfahrt, obwohl er auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben scheint. Jesus betet f\u00fcr seinen J\u00fcnger. Und zwar eben ganz ausdr\u00fccklich nicht nur f\u00fcr diejenigen, die ihm als Zeitgenossen auf seinem Weg gefolgt sind, sondern eben auch f\u00fcr jene, die erst kommen werden; f\u00fcr jene, die durch das Zeugnis der Menschen, die Jesus pers\u00f6nlich kennenlernen durften, zum Glauben an ihn kommen werden, ohne ihm je physisch begegnet zu sein. Wenn wir das Gebet Jesu lesen, merken wir, dass er sich des Problems bewusst ist. Was bleibt denn nach der Trennung? Was verbindet die J\u00fcnger noch miteinander? Die damals Lebenden konnten wenigstens von der Erinnerung zehren und weitererz\u00e4hlen, was sie mit Jesus erlebt hatten, was er sie alles gelehrt hatte. Doch was verbindet sie mit denen, die sp\u00e4ter kommen, mit jenen, die nicht mehr sehen und doch glauben? (Joh 20,29). Was verbindet also uns heutige Christ:innen mit diesen Menschen, die vor so langer Zeit von ihrem Freund und Lehrer Abschied nehmen mussten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier setzt unser Predigttext an. Jesus bittet den Vater darum, dass alle untrennbar miteinander verbunden sein sollen: alle, die J\u00fcnger von damals und alle Christen, durch die Geschichte hindurch bis heute. Diese Verbundenheit ist extrem wichtig und hat ihr Vorbild in der Verbundenheit des Sohnes mit dem Vater. Nicht nur das: Diese Verbundenheit zwischen Vater und Sohn, dieses Eins-Sein hat einen Zweck, n\u00e4mlich dass alle, die Jesus nachfolgen, untereinander und mit Christus und dem Vater eins sind. Ich finde das eine grossartige Vorstellung: Wir alle sind eingeladen, einzutauchen in diese Verbindung von vollendeter Liebe zwischen Vater und Sohn.<a href=\"applewebdata:\/\/B9AF80AA-B8B0-434E-8E62-EBC4655FB1B1#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Und doch muss ich mich fragen: F\u00fchle <em>ich<\/em> mich eins mit Gott oder mit Christus? F\u00fchle ich mich eins mit Ihnen, meinen Mitchrist:innen? Wenn wir ehrlich sind, empfinden sich die meisten von uns doch eher als getrennte Einheiten. Ich bin ich und du bist du. Bis zu einem gewissen Grad lebt doch jeder in seiner eigenen Welt. Ich bemerke das bei mir selber besonders dann, wenn ich viel Arbeit habe und an vieles denken muss, damit ich nicht die H\u00e4lfte vergesse. In diesen F\u00e4llen bekomme ich h\u00e4ufig einen Tunnelblick, bin so auf mich und meine Aufgaben fokussiert, dass ich die Bed\u00fcrfnisse und \u00c4ngste anderer kaum noch wahrnehme. Ich habe das auch bei meiner Mutter im Alter beobachtet: Wenn sie ausnahmsweise einmal zum Einkaufen mitgekommen ist, hat sie sich im Laden seltsam verhalten. Wenn sie ein bestimmtes Produkt suchte, hat sie alles, was sich ihr in den Weg stellte, rigoros zur Seite geschubst, ob das nun Einkaufswagen oder Menschen waren. Und ich bin hinterher und habe mich links und rechts entschuldigt. Ja, diese Vorstellung vom Eins-Sein mit Gott und den Mitmenschen ist eine sch\u00f6ne Idee und doch scheint sie unerreichbar oder macht vielleicht sogar Angst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und trotzdem w\u00fcnschen sich viele Menschen, dass sie in einer liebenden Beziehung aufgehoben sein k\u00f6nnen. F\u00fcr Jesus ist es das h\u00f6chste Ziel, dass wir als Christ:innen in die liebenden Beziehung zwischen Vater und Sohn eingebunden sind und aus derselben Liebe heraus eine Gemeinschaft bilden. Deshalb ist es doppelt traurig, dass wir einander immer wieder einmal das Leben schwer machen, auch und besonders in einer Kirchgemeinde. Denn es geht Jesus in seinem Gebet ja gerade darum, dass die Welt anhand der Beziehung und des Handelns von uns J\u00fcnger:innen untereinander erkennt: <em>Du hast mich gesandt,<\/em> <em>und du liebst sie, so wie du mich liebst<\/em>. (Joh 17,23) Das Einssein in der Liebe muss f\u00fcr alle sichtbar und erkennbar werden, die sich ausserhalb dieser Gemeinschaft bewegen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich glaube, wir sind uns alle bewusst, dass dies in unserer Realit\u00e4t leider nicht so ganz funktioniert. Ich denke, wir alle wissen, dass wir uns auch in der Gemeinde und in der Familie immer wieder einmal gegenseitig auf die Zehen treten, oft gar nicht einer Meinung sind und uns gegenseitig kritisieren, h\u00e4ufig sogar in unn\u00f6tig harschem Ton. Dieser Umstand wird von der Welt um uns herum wahrgenommen, mitunter sehr kritisch und nicht selten mit einem gewissen Mass an Entt\u00e4uschung. Ich denke \u00f6fters dar\u00fcber nach, warum dem so ist. Was h\u00e4lt uns davon ab, eins zu sein, untereinander und mit dem Vater und dem Sohn? Ich denke, dass es damit zusammenh\u00e4ngt, dass dieses Einssein und Verbundensein nicht bedeutet, dass wir wesensgleich sind oder sein m\u00fcssen. Im Gegenteil: Wir sind nun einmal verschieden und in diesem Sinn getrennte Wesen, untereinander und von Gott. Aber wir leben in Beziehung zueinander und indem wir versuchen, diese Beziehung so zu gestalten wie die Beziehung zwischen Vater und Sohn,<a href=\"applewebdata:\/\/B9AF80AA-B8B0-434E-8E62-EBC4655FB1B1#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> k\u00f6nnen wir uns dem Ideal ann\u00e4hern, das Jesus in seiner Bitte an den Vater formuliert, wenn er sagt: <em>sie sollen eins sein, so wie wir eins sind. Ich bin mit ihnen verbunden und du mit mir,<\/em> <em>damit sie untrennbar eins sind.<\/em> (Joh 17,22-23)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sind also als Christ:innen und auch als Gemeinde eingeladen, auf dieses Ideal hinzuarbeiten. Und wenn ich arbeiten sage, meine ich das auch so. Die moderne Psychologie hat uns ja schon l\u00e4ngstens gelehrt, dass Beziehung eben Arbeit ist. Sie ist nicht einfach da, sondern \u00e4ndert sich und kann gestaltet werden. Eben und gerade auch dann, wenn ich abends m\u00fcde von der Arbeit nach Hause komme und mich nur noch aufs Sofa vor den Fernseher schwingen m\u00f6chte, w\u00e4hrend andere zuhause ungeduldig darauf warten, dass sie mir endlich erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, was sie an diesem Tag alles erlebt haben oder was sie gerade bewegt. Oder auf die Gemeinde \u00fcbertragen: Da gibt es Menschen, die alles gerne so machen w\u00fcrden, wie man es in den letzten 30 Jahren gemacht hat \u2013 oder zumindest das Gef\u00fchl hat, man habe es so gemacht \u2013 und dann sind eben jene, die merken, dass gewisse Sachen einfach nicht so ablaufen wie fr\u00fcher. J\u00fcngst sollte ich bei einer Versammlung, die sich Christliche Jugend nennt, einen geistlichen Input geben. Ich war angesichts meines fortgeschritteneren Alters leicht \u00fcberfordert mit dieser Aufgabe. Als ich mich dann vor die Versammelten stellte, war ich doch einigermassen erstaunt, denn der gr\u00f6sste Teil des Publikums war bereits deutlich ergraut. F\u00fcr mich ist das ein ganz klares Zeichen, dass wir Gemeinde und Kirche neu denken m\u00fcssen, um die Menschen zu erreichen, die in der Welt da draussen leben. Just bei dieser Aufgabe will uns Christus helfen, wenn er in unserem Predigttext f\u00fcr uns betet. Wenn wir mit ihm verbunden bleiben und uns an seiner Liebe und an seinem Wort orientieren, haben wir eine gute Chance, dass wir uns als Christ:innen und als Gemeinde weiterentwickeln hin zum Ziel, dass wir untrennbar eins werden mit dem Vater und dem Sohn. Sein Wort soll uns auf diesem Weg begleiten und uns Mut machen: <em>Ich habe dich erkannt,<\/em> <em>und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.<\/em> <em>Ich habe dich bei ihnen bekannt gemacht<\/em> <em>und werde es weiter tun.<\/em> <em>Dann bleibt die Liebe, mit der du mich geliebt hast,<\/em> <em>auch bei ihnen.<\/em> <em>Und so bleibe ich mit ihnen verbunden<\/em>. (Joh 17,25-26) Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Barbara Signer<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">St. Gallen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:barbara.m.signer@gmx.ch\">barbara.m.signer@gmx.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal, Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B9AF80AA-B8B0-434E-8E62-EBC4655FB1B1#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Zumstein, Johannesevangelium, S.652.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B9AF80AA-B8B0-434E-8E62-EBC4655FB1B1#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Zumstein, Johannesevangelium, S 652-3, besonders Fussnote 162.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sichtbar werden | Christi Himmelfahrt | 14. 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