{"id":26300,"date":"2026-05-11T13:07:56","date_gmt":"2026-05-11T11:07:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26300"},"modified":"2026-05-11T13:07:56","modified_gmt":"2026-05-11T11:07:56","slug":"johannes-1720-26-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1720-26-7\/","title":{"rendered":"Johannes 17,20-26"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">\u201eUnd alle Menschen werden Br\u00fcder\u201c | Christi Himmelfahrt | 14.05.2026 | Joh 17,20-26 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde, Jesu Worte r\u00fchren mich an. \u201e\u2026<em>dass sie alle eins seien<\/em>\u201c (17,21) Wie sch\u00f6n w\u00e4re das. Danach sehne ich mich in all dem Streit und Leid unserer Zeit, die ich manchmal nur eingekuschelt in meiner eigenen Bubble ertrage. Die gibt mir wenigstens ein wenig Sicherheit in einer Welt, in der nicht vieles sicher scheint. Aber es muss doch mehr geben als das Sich-Verkriechen, Abschotten und Einigeln. \u201eEins-sein\u201c als Gesellschaft, als Kirche, als Welt. Das w\u00fcrde so vieles leichter machen, mit vereinten Kr\u00e4ften k\u00f6nnte man stark sein, Konflikte l\u00f6sen und Verantwortung teilen. F\u00fcr mich bedeutet Eins-sein aber nicht Gleich-sein und in allem einig sein. Es geht nicht darum, dass alle den gleichen Geschmack und die gleiche Meinung haben. Gerade Vielfalt ist lebendig, macht kreativ und frei. \u201eEins-sein\u201c \u2013 das hei\u00dft f\u00fcr mich: bei allen Unterschieden zwischen uns Menschen gibt es einen gemeinsamen Nenner, der uns eint, in unserer Verschiedenheit vers\u00f6hnt und uns leben hilft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mein Wunsch ist eine uralte Sehnsucht. \u201eEinigkeit und Recht und Freiheit\u201c. Fr\u00fcher hat mich diese Zeile unserer Nationalhymne nicht ganz so beeindruckt, die Worte wirkten auf mich eher wie eine Formel, die fast schon banale Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ausspricht. \u201eEinigkeit und Recht und Freiheit\u201c \u2013 ja sicher, was denn sonst? Heute wirkt das auf mich aktueller denn je, weil ich so viel Streit erlebe, weil ich so viel Recht des St\u00e4rkeren und Rechtlosigkeit sehen muss, weil ich an so viele Grenzen und Mauern sto\u00dfe. Ich denke an die politischen Polarisierungen, die oft so aufgeladene Stimmung, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, die allzu oft an die Stelle gegenseitiger Hilfe treten. \u201eEins sein\u201c \u2013 diese alte und immer neue Sehnsucht schl\u00e4ft und schlummert nicht, sondern sie schleicht sich subversiv immer wieder in meine Stunden und Fragen. Friedrich Schillers \u201eOde an die Freude\u201c, die Hymne einer gleichberechtigen und in Freundschaft verbundenen Gesellschaft, vertont von Ludwig van Beethoven, klingt in mir seit dem ersten H\u00f6ren nach, heute lauter den je.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Freude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken,<br \/>\nTochter aus Elysium,<br \/>\nWir betreten feuertrunken,<br \/>\nHimmlische, dein Heiligtum.<br \/>\nDeine Zauber binden wieder,<br \/>\nWas die Mode streng geteilt,<br \/>\nAlle Menschen werden Br\u00fcder,<br \/>\nWo dein sanfter Fl\u00fcgel weilt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eEins-sein, alle Menschen werden Br\u00fcder.\u201c Himmlisch sch\u00f6n w\u00e4re das. Aber in uns wohnen noch andere Instinkte als diese Sehnsucht. Angst, Neid und Gier, Besserwisserei, auch Hass auf die anderen, die man nicht versteht, und auf die, die einen selbst nicht verstehen. Das ist menschlich, allzu menschlich. Vielleicht reicht es bei uns Menschen einfach nicht, dass wir einander den Himmel auf Erden bereiten, aber uns gegenseitig das Leben zur H\u00f6lle zu machen, kann es doch auch nicht sein. Es muss doch mehr geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Dass sie alle eins seien.<\/em>\u201c (17,21) Die Worte Jesu sind keine p\u00e4dagogische Ermahnung, kein gut gemeinter Rat, kein schulmeisterlicher Wunsch. \u201eNun vertragt euch mal, nun einigt euch mal.\u201c Jesu Worte sind ein Gebet. Das scheint mir wichtig zu sein. Wenn ich mir etwas im Gebet w\u00fcnsche, ist es ernst. Das ist nicht nur so dahingesagt, das ist mit Leib und Seele vor Gott gebracht. Es ist Jesu letztes gro\u00dfes Gebet vor seinem Tod, sein letzter Wille. Das macht es noch ernster. Mehr geht nicht, mehr W\u00fcnschen, mehr Dr\u00e4ngen, mehr Hoffen geht nicht. \u201eDass sie alle eins seien.\u201c\u00a0 So betet Jesus. Er meint es ernst, er meint wirklich alle. Dass sie <em>alle<\/em> eins seien. \u201eAlle\u201c sind alle, nicht mehr und nicht weniger, nicht nur die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen Jesu, die sich als verschworene Gesellschaft in ihrer Bubble einschlie\u00dfen, heilsam miteinander umgehen in ihrer kleinen heilen Welt, w\u00e4hrend die gro\u00dfe Welt um sie herum im Chaos versinkt. So einfach ist es nicht. Jesus betet um mehr, es geht ihm um mehr. Jesus schlie\u00dft alle ein, \u00fcber allen soll der Himmel aufgehen, auch \u00fcber denen, die sich selbst, den anderen oder Gott nicht verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e\u2026 <em>auf dass sie eins seien, wie wir eins sind\u201c<\/em> (17,22) \u2013 Wir feiern heute Christi Himmelfahrt. Der Sohn kehrt zum Vater zur\u00fcck, sitzt zu seiner Rechten, dass sie wieder eins seien, Vater und Sohn. Lukas erz\u00e4hlt davon. 40 Tage nach seiner Auferstehung ist Jesus noch bei seinen J\u00fcngern, dann f\u00e4hrt er in den Himmel auf, ist leiblich weg, aber im Geist da, verleiht der Welt seinen Geist, den Heiligen Geist, den \u201eTr\u00f6ster\u201c, wie der Evangelist Johannes ihn nennt. Das mag beim ersten H\u00f6ren wie eine seltsame Geschichte klingen, irgendwo zwischen Fantasy und Science-Fiction, mit rechten Dingen oder gar mit Naturgesetzen geht es da nicht zu. Ich kann die verstehen, die Jesu Heimkehr zum Vater nicht verstehen und lieber Vatertag feiern gehen. Doch w\u00f6rtlich nehme ich Christi Himmelfahrt nicht. Ich glaube nicht, dass Jesus irgendwo ins Weltall gebeamt wurde, nachdem er seine Mission auf der Erde erf\u00fcllt hat. Das w\u00e4re nach heutigen Erkenntnissen eine ziemlich unglaubw\u00fcrdige Geschichte. Himmel ist f\u00fcr mich kein Raum \u00fcber den Sternen und Jesus ist f\u00fcr mich nicht weg. Christi Himmelfahrt ist eine Glaubensgeschichte, eine Geschichte Gottes mit uns, eine, die bleibt in Ewigkeit. Jesu Menschsein war keine g\u00f6ttliche Stippvisite in unserer Welt, Gott Sohn war nicht nur Gast auf Erden, und nun ist er gegangen, heim zum Vater gegangen, und alles wird wieder, wie es immer war: die Erde verloren und Gottes Sohn oben im Himmel, aus den Augen, aus dem Sinn. Das w\u00e4re eine sinnlose Geschichte. So ist es aber nicht. \u201e<em>Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast<\/em>.\u201c (17,24). Jesus nimmt etwas mit, wenn er wieder zu seinem Vater geht und mit ihm eins wird, er nimmt uns mit, zieht uns zum Vater, gibt uns Heimat in jenem Sehnsuchtsort, dem wir uns entgegensehnen. Etwas von uns Menschen wird mit dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Sohn in den Himmel erhoben, mit Jesus ist das Menschliche eingetreten in das Innerste Gottes, wir alle werden aus all dem Dreck und Dunkel zur Rechten Gottes erhoben, wir Menschen haben eine Heimat in Gott, schlagen mitten auf der Erde Wurzeln im Himmel. Das ver\u00e4ndert alles. Das macht den Himmel menschlicher und die Erde himmlischer. Uns allen \u201esteht der Himmel offen, welcher \u00fcber alles Hoffen, \u00fcber alles W\u00fcnschen ist.\u201c (EG 123, 9).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e.. <em>dass wir alle eins seien<\/em>.\u201c (17.21) Nicht nur miteinander, sondern auch mit Jesus und dem Vater. Das ist mehr als die Vision einer gleichberechtigen und in Freundschaft verbundenen Gesellschaft, mehr als das Streben nach Einigkeit und Recht und Freiheit, woran wir doch immer wieder scheitern, straucheln und stolpern. Christi Himmelfahrt feiern wir etwas, das meine Vorstellung \u00fcbersteigt. Wir sind eins mit Gott, weil Jesus eins ist mit uns und mit Gott; <em>\u201eWie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast<\/em>.\u201c (17,21). Unser Schmerz. Die Opfer. Die Tr\u00e4nen und Tr\u00e4ume. Unsere Narben und Farben \u2013 all das ist in Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen<\/em>\u201c (17,26). Alles ist Liebe, flie\u00dfende Liebe, \u00fcberflie\u00dfende Liebe, die \u00fcber die Grenzen zwischen Himmel und Erde hinwegflie\u00dft, sie niederrei\u00dft, uns mitrei\u00dft mitten hinein in Gottes Herrlichkeit. So wird es am Ende der Zeiten sein: Ich werde meinen Sehnsuchtsort sehen, ich habe schon jetzt einen Fu\u00df in der T\u00fcr zum Himmel und ein Bild des Friedens in meinem Herzen. \u201eAlsdenn so wirst du mich\/ zu deiner Rechten stellen \/ und mir als deinem Kind \/ ein gn\u00e4dig Urteil f\u00e4llen \/ mich bringen zu der Lust \/ wo deine Herrlichkeit \/ ich werden schauen an \/ in alle Ewigkeit\u201c (Johann Sebastian Bach, Auf Christi Himmelfahrt allein [BWV 128]). Mit einem Fu\u00df im Himmel kann ich sicher auf der Erde gehen, \u00fcber meinen Schatten springen und meine Grenzen \u00fcberwinden. Zumindest wird es leichter. Ich habe Sicherheit in dieser Welt, in der so wenig sicher scheint. Das nimmt mir Angst und macht mir Mut: Ich m\u00f6chte den anderen verstehen, nicht weggehen, sondern auf ihn zugehen. Davon will ich reden, daf\u00fcr will einstehen, daf\u00fcr will beten \u2013 dass die Liebe, mit der Gott uns Menschen liebt, in uns sei, dass wir eins sind miteinander in Gott, dass wir es sehen und sein k\u00f6nnen, manchmal auch schon hier und jetzt mitten auf der Erde, mitten auf unserer Welt voll Leid und Streit: Freude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken, Einigkeit und Recht und Freiheit, alle Menschen werden Br\u00fcder, Glanz glei\u00dfender Ewigkeit, wo dein sanfter Fl\u00fcgel weilt \u00a0\u2013 ich gebe nicht auf, diese alte und immer neue Sehnsucht mit Leib und Seele vor Gott zu bringen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">PD Dr. Martina Jan\u00dfen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hildesheim<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnd alle Menschen werden Br\u00fcder\u201c | Christi Himmelfahrt | 14.05.2026 | Joh 17,20-26 | Martina Jan\u00dfen | Liebe Gemeinde, Jesu Worte r\u00fchren mich an. \u201e\u2026dass sie alle eins seien\u201c (17,21) Wie sch\u00f6n w\u00e4re das. 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