{"id":26309,"date":"2026-05-14T07:04:00","date_gmt":"2026-05-14T05:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26309"},"modified":"2026-05-13T18:52:33","modified_gmt":"2026-05-13T16:52:33","slug":"johannes-1720-26-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1720-26-8\/","title":{"rendered":"Johannes 17,20\u201326"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die Welt hat dich nicht gekannt! <\/strong>| Exaudi | 17. Mai 2026 | Joh 17,20\u201326 | Rasmus N\u00f8jgaard |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Welt hat dich nicht gekannt!<\/strong><\/p>\n<p>Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt! \u2013 Das muss wie eine Entt\u00e4uschung klingen, wenn man h\u00f6rt, wie Jesus das sagt, gerade f\u00fcr den, der Gott unabl\u00e4ssig gesucht hat, Jahr f\u00fcr Jahr. Haben wir \u00fcberhaupt einen Begriff davon, wer Gott ist?\u00a0 Oder wer er nicht ist? Ist es nicht zutiefst menschlich, Gott auf unserer Seite zu w\u00e4hnen und als selbstverst\u00e4ndlich vorauszusetzen, dass unsere Entscheidungen uns selbst und die Welt, in der wir leben, ver\u00e4ndern k\u00f6nnen? Benutzen wir unseren Glauben und unser christliches Menschenbild nicht, um unsere Handlungen zu rechtfertigen? Aber Jesus sagt: Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt!<\/p>\n<p>Und dennoch beten und meditieren wir, weil wir glauben, ihn kennenlernen zu k\u00f6nnen. Vielleicht sogar, um Erl\u00f6sung zu erlangen, vielleicht damit die Seele wandert, um einen Zustand der Leere zu erreichen oder einfach, um in uns selbst zu versinken; vielleicht, um Gott zu verstehen, vielleicht sogar, um mit ihm eins zu werden. Versuchen wir nicht alle ein wenig eitel, Gott ein bisschen zurecht zu r\u00fccken? Aber k\u00f6nnen wir Gott wirklich wie eine Spielfigur auf dem Brett bewegen? Oder k\u00f6nnte das genau das sein, was f\u00fcr Jesus als ein Fehlgriff steht? Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt!<\/p>\n<p>Ich habe \u00f6fters mit diesem Text des Johannes gerungen. Es scheint, als h\u00e4tte Johannes etwas Ernstes im Sinn. Im Johannesevangelium redet Jesus nicht ins Blaue hinein; alles, was er sagt, ist in strenge Formen gefasst, mit wesentlichen Aussagen. Wer behauptet, Gott zu kennen, ist nach Johannes entweder ein Gottesl\u00e4sterer oder ein Scharlatan. Das passt erstaunlich gut in unsere Zeit, wo wir Religion und Politik in unseliger Verbindung miteinander vermengen \u2013 als ob unser Gott, oder meinetwegen Jahwe oder Allah, nach Unfrieden und unschuldiges Blut trachtet, als ob Gott hinter der einen oder der anderen Politik oder politischen Ideologie st\u00e4nde. An denjenigen, der Politik betreibt mit dem Gesetz in der einen und der Bibel in der anderen Hand, ergeht Jesu Ruf: Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt.<\/p>\n<p>An anderer Stelle schreibt Johannes, dass Finsternis und Unfrieden nicht Gottes Wille sind. Sie sind vielmehr Ausdruck von Gottes Abwesenheit. Jesu Sendung ist, dass er gekommen ist, um Gott bekannt zu machen. Wie Jesus es etwas r\u00e4tselhaft formuliert: Gerechter Vater! Die Welt hat dich nicht erkannt. Aber ich habe dich erkannt, und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan. Das ganze Ziel von Jesu Leben schlicht formuliert: Die Liebe, mit der du mich geliebt hast, soll in ihnen sein, und ich in ihnen. Die Gotteserkenntnis ist also nichts Weltfernes und Spekulatives. Der Weg zu Gott f\u00fchrt immer durch das Leben:<\/p>\n<p>Wenn wir erkennen, dass Gott uns liebt und sein Sohn sich f\u00fcr uns geopfert hat. Wenn wir begreifen, dass der Glaube niemals erfunden werden kann, niemals eine Idee, niemals blo\u00dfes Gerede ist, sondern einzig und allein Liebe. Die Liebe, die darin liegt, von unserer Mutter geboren zu sein, von unserer Familie und unseren Versorgern gen\u00e4hrt zu werden, von unseren Freunden gesch\u00e4tzt und von unseren Liebsten geliebt zu werden. Wenn wir verstehen, dass Jesus derjenige ist, der uns wiedergeboren hat, der uns n\u00e4hrt und versorgt, uns achtet, dass er derjenige ist, der uns liebt. Dann begreifen wir, dass die Zuwendung, nach der wir uns sehnen, bereits f\u00fcr uns da ist. Diese Gotteserkenntnis l\u00e4sst sich nicht erdenken; wir k\u00f6nnen ihr auch nicht durch einsames Versinken in uns selbst meditierend nahekommen \u2013 aber wir k\u00f6nnen sie erlernen, indem wir sie tun. Indem wir unserer Welt Sch\u00f6pferfreude zeigen, indem wir zu Tischgemeinschaften einladen, indem wir anderen unseren Respekt erweisen und unsere Mitmenschen mit Liebe umh\u00fcllen. Nicht durch kl\u00fcgelnde Gedankenexperimente, sondern durch das \u00dcben des Glaubens sollen wir die Wahrheit des Glaubens finden.<\/p>\n<p>Wenn das verkehrt klingt \u2013 als sollten wir das Geld ausgeben, bevor wir es verdient haben \u2013, dann ist das genau Jesu Pointe. Ganz unverdient hat Gott uns geliebt und seinen Sohn zu uns gesandt, damit wir uns von seiner Liebe umh\u00fcllt f\u00fchlen. Das ist kein verdienter Lohn, sondern ein kostenloses Geschenk der kostbarsten Art. Ein Geschenk, das wir selbst \u00fcben sollen, in die Welt weiterzureichen. Auch um der Welt willen \u2013 aber ebenso sehr um unseretwillen: damit wir Christus kennenlernen. Damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. Wir sind eins, du in mir, ich in ihnen!<\/p>\n<p>Jeden Sonntag erleben wir den Ostertag neu. Die Bosheit, die Jesus get\u00f6tet hat, wird an jedem Herrentag besiegt. Bei jedem Gottesdienst erinnern wir einander daran, dass wir Anteil an seiner Gemeinschaft haben und dieselbe Kraft besitzen. Im Glauben werden wir Teil der Geschichte und empfangen Anteil an dieser Lebenskraft. Weil Gott es gut mit uns meint. Weil das B\u00f6se, das uns trifft, etwas ist, das uns von au\u00dfen trifft. Weil wir hier, in der Gemeinschaft mit Christus und unseren Mitchristen, lernen, mit dem Leben als unserer Bedingung zu leben. Lernen, ihm ins Gesicht zu sehen und es auf uns zu nehmen \u2013 damit wir in Gemeinschaft die Freuden teilen und die Lasten tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Kraft zu leben liegt darin, dass Gott uns liebt \u2013 auch dich, der du dich nicht besonders liebenswert f\u00fchlst. Die Befreiung liegt darin, dass nicht mein Urteil oder das Urteil der Welt der Ma\u00dfstab ist, sondern Gottes Urteil. Und diese Liebe bemisst sich wie die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, wie Jesus sagt: Die Liebe, mit der du mich geliebt hast, soll in ihnen sein, und ich soll in ihnen sein. Das ist die Botschaft, die uns jeden Sonntag zugerufen wird, damit wir nicht den Kopf beugen und den Blick senken m\u00fcssen, sondern uns erheben und den Blick heben auf die Welt, der wir zugeteilt sind, um uns an ihr zu erfreuen, und die nur wir zum Bl\u00fchen bringen k\u00f6nnen. Weil wir es uns selbst schulden, unseren Schwestern und Br\u00fcdern schulden, weil wir es Gott schulden.<\/p>\n<p>An diesem Sonntag zwischen dem Fest der Himmelfahrt Christi und der tanzenden Pfingstsonne {Anspielung auf den d\u00e4n. Volksglauben, dass die Sonne am Pfingstmorgen tanzt, A.d.\u00dc.}entfaltet Jesus das rechte Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Mensch: Es f\u00fchrt durch Christus, wahren Menschen und wahren Gott. In dieser Verwandtschaft kommen wir zusammen &#8211; mit unserer ganzen Person aus Fleisch und Geist. Jesus betet f\u00fcr uns, f\u00fcr jeden von uns, so bedeutungslos wir uns auch vorkommen m\u00f6gen. Wir d\u00fcrfen aus dem Glauben leben, dass unser Leben nicht nur einen g\u00f6ttlichen Keim in sich tr\u00e4gt, sondern dass dieser Keim sich auch entfalten und Spuren hinterlassen soll. Damit wir Gott kennenlernen durch das gute Leben. Denn wie die Feuerzungen auf den H\u00e4uptern der Apostel gl\u00fchten, so sollen sie auch in unserem Leben gl\u00fchen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rasmus N\u00f8jgaard<br \/>\nSkt. Jakobs Kirke, Kopenhagen<br \/>\nrn@km.dk<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Deklaration d.\u00dc.: diese deutsche Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt hat dich nicht gekannt! | Exaudi | 17. Mai 2026 | Joh 17,20\u201326 | Rasmus N\u00f8jgaard | &nbsp; Die Welt hat dich nicht gekannt! Gerechter Vater! 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