{"id":26328,"date":"2026-05-20T07:04:12","date_gmt":"2026-05-20T05:04:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26328"},"modified":"2026-05-19T11:34:28","modified_gmt":"2026-05-19T09:34:28","slug":"apostelgeschichte-21-21-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-21-21-3\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 2,1\u201321"},"content":{"rendered":"<h3>Pfingsten auf dem Dorf | Pfingstsonntag | 24.05.2026 | Apg 2,1\u201321 | Ralf Reuter<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pfingsten auf dem Dorf<\/strong><\/p>\n<p>Der Duft von frischem Heu zieht in die Kirche ein. Er kommt durch die wenigen \u00d6ffnungen der Fenster. Es ist warm und still auf dem Dorf. Die Besucher geben sich die Hand. Sie singen nach den ersten T\u00f6nen der Orgel und bitten um den Heiligen Geist.<\/p>\n<p>Geschichten erz\u00e4hlen vom Pfingstfest. Vom Windsto\u00df, von den Flammen auf den H\u00e4uptern, vom pl\u00f6tzlichen Reden in den Sprachen der anderen. Ekstase, Entflammen, andere reden in meiner Sprache. So waren sie alle an einem Ort beieinander.<\/p>\n<p>Gibt es das \u00fcberhaupt? Diese Erz\u00e4hlung von Lukas, mit den Ankl\u00e4ngen aus j\u00fcdischen Festen, mit der Schilderung der 10 Gebote vom Berg Sinai, sie f\u00fchrte erst um 400 nach Christi zu einem eigenen christlichen Pfingstfest. Ab da ist es der Geburtstag der Kirche.<\/p>\n<p>An einem Ort beieinandersitzen und so etwas wie den Geist Gottes empfangen, dies bleibt wohl ein Traum von Zukunft. Schon bei den Propheten sollten die Jungen \u201aGeschichte sehen\u2018 und die Alten \u201aTr\u00e4ume haben\u2018, \u201aS\u00f6hne und T\u00f6chter weissagen\u2018 und alle den Geist empfangen.<\/p>\n<p>Vielleicht bleiben von Pfingsten nur einzelne Geschichten. Wie soll es sonst zugehen, mit dem Geist. \u201eErz\u00e4hlt einander die Lebensbilder\u201c hat es Peter Handtke in einem dramatischen Gedicht genannt. \u201eDas Dorf ist gro\u00df. Der ewige Friede ist m\u00f6glich\u201c, schreibt er.<\/p>\n<p>Also gehe ich \u201e\u00dcber die D\u00f6rfer\u201c, heute auf der Kanzel. Schon dem Pastor in Rheinsberg versagte die Stimme, als mit einem Windsto\u00df Friedrich Wilhelm I. Pfingstsonntag 1737 in die Kirche kam. Er konnte das Fest nicht erkl\u00e4ren, trotz k\u00f6niglicher Aufforderung, so Theodor Fontane.<\/p>\n<p>Konfirmationen auf dem Dorf, da sitzen sie alle zusammen, in ihrer Festtagskleidung. Und h\u00f6ren erst zu, als sie mit Namen pers\u00f6nlich angesprochen werden. Soweit es geht in ihrer Sprache. Mit Worten, die von ihren Hobbys berichten, und ihren Bibelspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Der Geist Gottes, \u201aSchutz und Schirm vor allem Argen, St\u00e4rke und Hilfe zu allem Guten\u2018, dies ist schon Pfingsten. \u201aS\u00f6hne und T\u00f6chter\u2018 werden es sein, die die Erde bebauen und bewahren. Mit Hoffen auf den Geist, damit sich ihre \u201aSonne nicht in Finsternis\u2018 verwandelt.<\/p>\n<p>All das beginnt schon fr\u00fcher. In den Taufen. Da steht die Familie zusammen, mit den Freunden, Paten. Oft haben sie gute W\u00fcnsche mitgebracht. Dann die Einschulung. Da sitzen die Kleinen im Altarraum, mit ihren ersten Schultaschen, und alle segnen mit.<\/p>\n<p>Dorf ist beileibe nicht nur Kirche, Dorf ist auch Feuerwehr. Die Fahrten zu den Eins\u00e4tzen, eng im Wagen zusammensitzend. F\u00fcr das Helfen, das L\u00f6schen, den Einsatz entflammt. Und doch ist ihnen immer auch bange, was werde ich sehen, geht es gut aus?<\/p>\n<p>Dorf ist Vereinsleben. Sport- und Heimatverein engagieren sich f\u00fcr Kinder, f\u00fcr Jugendliche, in gesch\u00fctzten R\u00e4umen, mit Einsatz, mit Freude. Und was machen wir als Kirche f\u00fcr Familien? Und, noch besser, wie kann alles miteinander im Dorf verbunden werden?<\/p>\n<p>Wo brennen Menschen f\u00fcr ein gemeinsames Ganzes? F\u00fcr einen Spielplatz, f\u00fcr die Busverbindungen, f\u00fcr den Erhalt der alten Dorfkirche. F\u00fcr das Kl\u00f6ncaf\u00e9, in denen die \u00c4lteren zusammenkommen und ihre Geschichten des Lebens erz\u00e4hlen, mit leuchtenden Augen.<\/p>\n<p>Im Kirchenvorstand, wer tut sich das an? Undichte Fenster und Landverpachtung, darum geht es, St\u00fchle schleppen und die Zusammenlegungen mit anderen Gemeinden. Wo bleibt der Heilige Geist? Und dann doch wunderbares Singen, die Ch\u00f6re, das Heilige Abendmahl.<\/p>\n<p>Sch\u00fctzenfest und Kirmes, wer darf dazugeh\u00f6ren, mitschie\u00dfen, mitfeiern? Alteingesessene, und Neub\u00fcrger, und auch diejenigen, die auf der Flucht bis hierhergekommen sind. Die eine andere Sprache sprechen. Rhabarberkuchen anbieten, ein Bier zusammen trinken.<\/p>\n<p>An diesem Pfingstfest gibt es jedenfalls im Anschluss noch gegrillte W\u00fcrstchen. Und im Juni einen WM-Fu\u00dfballgottesdienst mit dem ganzen Dorf. Ist es der Heilige Geist, der hier zusammenf\u00fchrt? Oder nur ein Event? Die Pfingstpredigt des Petrus jedenfalls zielt auf alle.<\/p>\n<p>Dabei geht es schon mit dem Preu\u00dfenk\u00f6nig schief. Erst verhagelt er dem Pastor die Predigt, d\u00fcpiert die Gemeinde, und dann g\u00e4ngelt er seinen Sohn, dem sp\u00e4teren \u201aAlten Fritz\u2018. Der wird sein Leben lang darunter leiden. Auch Peter Handtke wei\u00df von b\u00f6sen Dorfgeschichten.<\/p>\n<p>Wenn die Totenglocke ausl\u00e4utet, was kann auf einer Beerdigung erz\u00e4hlt werden? Die guten und die nicht so guten Geschichten? Meine Rettung ist dann nur das Bibelwort, das w\u00fcrdigend und ehrlich, dankend und bittend durch die Trauerfeier f\u00fchrt. Wo dies gelingt, ist es der Geist.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, wie die Zeitlichkeit des Lebens zur Chance wird f\u00fcr ein Miteinander und ein gegenseitiges Helfen. Fr\u00fcher waren die T\u00fcren auf dem Dorf niemals verschlossen, immer war jemand da. Heute soll es zumindest ein offenes Herz sein und ein wachsamer Blick.<\/p>\n<p>Geschichten erz\u00e4hlen, das ist so wichtig. Neu lernen, sich Zeit zu nehmen und anderen zuh\u00f6ren. Nicht gleich antworten. Und wenn, es so sagen, dass die Worte ankommen, dass sie wohltun. Durchs Dorf gehen, wie fr\u00fcher Jesus selber, so stelle ich mir das vor.<\/p>\n<p>Doch Vorsicht, nicht \u00fcberh\u00f6hen, es braucht immer auch die Stadt, das Rausfahren, das Kloster, die Zweitgemeinde, das Mitmachen im Anonymen, das Sitzen im Restaurant. Und die Reisen, das ganz andere, sich selber mitnehmen, zur\u00fcckkommen und gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Dorf hat Zukunft. Junge Familien ziehen gerne raus, das Bauland ist billiger. Doch bitte nicht aus st\u00e4dtischer Sicht sagen, wie das Land sein soll. Das Potential liegt hier. Und die Kirche der Zukunft? Lasst sie eine geistvolle Kirche sein, offen, den Menschen nahe.<\/p>\n<p>Denn nirgends sonst als im Dorf zieht das frische Heu bis in die Kirche hinein. Immer gibt es Tage, die gelebt werden wollen, mit Wind und Wetter, Hunden und Pferden, Acker und Vieh. Heute Gl\u00fcckwunsch, liebe Kirche, zum Geburtstag. Komm, Heiliger Geist, Pfingsten auf dem Dorf.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ralf Reuter,<\/strong> G\u00f6ttingen E-Mail: <a href=\"mailto:Ralf.Reuter@evlka.de\">Ralf.Reuter@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Pastor der Ev.-luth. Weststadt-Kirchengemeinde G\u00f6ttingen und der G\u00f6ttinger Westd\u00f6rfer, gelegentlich als Pastor f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte mit Klausuren und Retraiten im Kloster Loccum<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Daniel Marguerat: Die Aposteleschichte. Kritisch-exegetischer Kommentar \u00fcber das Neue Testament, Band 3, 2022, S. 88-114<\/p>\n<p>Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Die Rheinsberger Kirche, 1864, in: Werke Band 3, Hg. Hansludwig Geiger, S. 83<\/p>\n<p>Peter Handtke: \u00dcber die D\u00f6rfer, 1980\/81, in: Werke, Prosa 2, S. 745-830, Zitate: S. 825 und 830<\/p>\n<p>Andreas M\u00f6ller: Die Untersch\u00e4tzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet, 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingsten auf dem Dorf | Pfingstsonntag | 24.05.2026 | Apg 2,1\u201321 | Ralf Reuter &nbsp; Pfingsten auf dem Dorf Der Duft von frischem Heu zieht in die Kirche ein. 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