{"id":26338,"date":"2026-05-22T17:25:09","date_gmt":"2026-05-22T15:25:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26338"},"modified":"2026-05-22T17:25:09","modified_gmt":"2026-05-22T15:25:09","slug":"johannes-644-51-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-644-51-4\/","title":{"rendered":"Johannes 6,44-51"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Predigt zum Pfingstmontag<br \/>\n25. Mai 2026<br \/>\nJohannes 6,44-51<br \/>\nvon Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Kirche neben der Autobahn<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Irgendwo zwischen Sor\u00f8 und Slagelse nimmt die Autobahn \u00fcber Seeland, Richtung auf eine wei\u00df get\u00fcnchte Dorfkirche. Doch kurz bevor die Kirche \u00fcberfahren wird, biegt die \u00fcberlastete vierspurige Verkehrsader gleichsam ehrerbietig zur Seite ab und l\u00e4sst die Kirche links liegen \u2013 mit ihrem Giebel und der rotweissen Fahne. Es mag bei der Kirche in Kindertofte schrecklich laut sein, aber sie liegt dort auf ihrem gr\u00fcnen H\u00fcgel wie ein kleiner wei\u00dfer Sieg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Ausl\u00e4nder ist es schlicht unglaublich zu sehen, wie viele solcher Kirchen es gibt. Kaum ist eine Kirche passiert, taucht der n\u00e4chste Turm auf. Und bef\u00e4nde man sich nicht im schallisolierten Inneren eines Autos, sondern drau\u00dfen im Land \u2013 morgens, abends oder an einem schlichten Sonntagmorgen \u2013, so f\u00e4nde man nirgendwo, ohne die Stimme der Kirchenglocke zu h\u00f6ren. Nichts im Land, ob lebendig oder tot, entgeht diesen Schall \u2013 nicht einmal die E20.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Landschaft erz\u00e4hlt von menschlicher Gegenwart in allen Winkeln. Von Generationen, die sich zun\u00e4chst auf windgesch\u00fctzten und fruchtbaren Flecken niederlie\u00dfen und sich dann jeden einzelnen Quadratkilometer zu eigen machten. Von einem Land, das sich von einer sesshaften Bev\u00f6lkerung in eine mobile Stadtbev\u00f6lkerung ver\u00e4ndert hat. Das Land erz\u00e4hlt von einer Effizienz, die sich kaum noch steigern l\u00e4sst. Jeder nutzbare Hektar ist entweder bebaut oder asphaltiert. Wir fahren durch ein Hochleistungsland.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dann sind da all die Kirchen. Wir meinen, sie geh\u00f6ren zur Landschaft. Doch bedenken wir f\u00fcr einen Moment: Im Grunde sind sie Fremdk\u00f6rper. Eingeklemmt zwischen Autobahn und Landstra\u00dfe, beengt von Siedlungsvierteln, \u00fcberschattet von einem Schornstein. Dort stehen die Kirchen und kommentieren alles um sich. Diesen Kommentar h\u00f6rt man, wenn man die Abfahrt nimmt und auf den Schotterparkplatz f\u00e4hrt: Mitten in menschlicher Effizienz spricht die Kirche vom \u00dcbermenschlichen und von der Ewigkeit. Dieser Kommentar ist in der Landschaft allein der Kirche vorbehalten. Vielleicht gibt es eine Inschrift, vielleicht dringen Kirchenlieder nach drau\u00dfen, vielleicht ist es nur das Glockengel\u00e4ut \u2013 ein Klang, der keinem anderen gleicht: Hier wird gesagt, woher du kommst und wohin du gehst. Du kommst von deiner Geburt und bist unterwegs zu deinem Tod. Und dazwischen lebst du, bewegst dich fort, verfolgst deine Ambitionen, suchst Anerkennung, begehrst neue materielle G\u00fcter, tust, was andere dich als das Notwenedige gelehrt haben. Aber wenn du den Fu\u00df vom Gaspedal nimmst und dich fragst: \u201eWarum tue ich das alles?&#8220; \u2013 dann kannst du leicht sprachlos werden. Die blo\u00dfe Notwendigkeit kann n\u00e4mlich kein Menschenleben tragen \u2013 allenfalls ein Sklavenleben, aber kein Leben in Freiheit und Sinn. Es muss eine andere Begr\u00fcndung geben, einen tieferen Sinn. Es gibt Leute, die im letzten Augenblick einen Selbstmordversuch beim Klang einer Kirchenglocke abgebrochen haben. So lautet n\u00e4mlich die Aussage von jedem einzelnen wei\u00dfen Kirchenturm, von jeder allgegenw\u00e4rtigen Kirchenglocke: Wir sind nicht blo\u00df R\u00e4dchen im Getriebe der Gesellschaft. Unser B\u00fcrgerrecht ist, wie wir im Choral singen, \u201ein Gottes Reich&#8220;. Darum stehen die Kirchen so dicht beieinander: Es soll kein einziges gottverlassenes Dorf geben, wo dieses nicht morgens und abends erklingt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir leben in zwei Welten \u2013 das ist es, was die Kirchen sagen. Was wir gerade jetzt tun, ist nicht blo\u00df geselliges Beisammensein, nicht nur ein Sich-aneinander-Orientieren. Nein: Im Gottesdienst bekennen wir uns zu unserem doppelten B\u00fcrgerrecht in Gebet und Lobgesang. Und wenn Kinder hier in der Kirche getauft werden, ist das nicht blo\u00df eine Namensgebung und der feierliche Auftakt zu einem Familienfr\u00fchst\u00fcck. Nein: Das Kreuz, das \u00fcber Stirn und Brust geschlagen wird, weiht ein in das doppelte B\u00fcrgerrecht. Das ist mehr als blo\u00dfe Fortpflanzung und Weiterf\u00fchrung des Geschlechts. Das ist das, was wir mit dem Wort Geist meinen: den Unterschied zwischen Roboter und Mensch, zwischen einem dumpfen Dasein und dem Leben als Freigekaufte, Befreite, Vergebene, geliebte Kinder in Gottes Reich \u2013 \u201eWir sind Gottes Gl\u00fcckskinder&#8220; [Zit. aus einem Kirchenlied von Grundtvig (DDS 164): &#8222;lykkens sk\u00f8deb\u00f8rn er vi&#8220;, A.d.\u00dc.].<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das alles k\u00f6nnen kalte K\u00f6pfe nicht verstehen. F\u00fcr sie steht die Kirche nur im Weg, und ihr Inhalt ist blo\u00df absurdes Theater. Kalte K\u00f6pfe l\u00e4cheln mitleidig \u00fcber das, was Menschen dazu bringt, in die Kirche zu gehen. Kalte K\u00f6pfe sind arme Seelen, die erb\u00e4rmlich leben und erb\u00e4rmlich sterben werden \u2013 ohne Trost, ohne Hoffnung, ohne wirklich gelebt zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Evangelist Johannes spricht davon, wovon Menschen leben: das Manna in der W\u00fcste, das die Menschen a\u00dfen \u2013 und dann war es vorbei. Und von Christus, der \u201edas lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist&#8220; genannt wird (Johannes 6,51). Nur das ist Speise zum ewigen Leben und zur Seligkeit \u2013 \u201edes Paradieses Wein und Brot&#8220; [Zit. aus einem Kirchenlied von Grundtvig (DDS 380&#8243;: &#8222;Paradisets vin og br\u00f8d \/ tr\u00f8ster os i liv og d\u00f8d&#8220;, A.d.\u00dc.]. Doch das begreifen kalte K\u00f6pfe leider nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es braucht W\u00e4rme. Und der christliche Glaube beruht darauf, dass du diese W\u00e4rme nicht aus dir selbst mobilisieren kannst. Der kalte Kopf und das kalte Herz k\u00f6nnen nicht aus sich selbst heraus warm werden. Die W\u00e4rme, das Erwachen \u2013 es muss von au\u00dfen kommen, damit unsere Augen aufgehen und unsere Ohren sich \u00f6ffnen und wir all das verstehen, was nicht von dieser Welt ist, woran wir aber Anteil haben, weil wir eingeladen sind in ein doppeltes B\u00fcrgerrecht. \u201eKommt her zu mir, alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid&#8220;, sagt Jesus (Matth\u00e4us 11,28). Wir sind berufen, in zwei Reichen zu leben \u2013 in dieser Welt und in Gottes Reich. Und die Einladung, die unsere Augen \u00f6ffnet und das kalte Wissen warm macht \u2013 das ist das Werk des Heiligen Geistes. \u201eKomm, Gott Heiliger Geist, komm bald, durchleuchte die dunkle Nacht&#8220; [Zit. aus Grundtvigs Fassung des &#8222;Veni sancte Spiritus&#8220; (DDS 305): &#8222;Kom, Gud Hellig\u00e5nd, kom brat&#8220;, A.d.\u00dc.], hei\u00dft es in einem Pfingstlied: \u201eMach unser kaltes Wissen warm&#8220; [ebd., A.d.\u00dc. ], damit wir sehen und sp\u00fcren, was wir zuvor nicht gesehen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Pfingsten mit dem Feuer als seinem Symbol verbunden ist. Nicht Feuer, das zerst\u00f6rt und verbrennt, sondern Feuer, das w\u00e4rmt. So wie es in der Pfingstgeschichte geschieht, wo das Feuer die Zunge zum Gl\u00fchen bringt \u2013 &#8222;bei Heiden wie bei Juden&#8220; [Zit. aus Grundtvigs Kirchenlied, DDS 290, A.d.\u00dc.].<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist die W\u00e4rme, um die es an Pfingsten geht. Menschen sind durch den Heiligen Geist seit den Tagen der J\u00fcnger in ihrem kalten Wissen erw\u00e4rmt worden, sodass sie sehen und h\u00f6ren konnten. Sodass sie f\u00fcr die Sache zu brennen begannen, f\u00fcr die sie ausgesandt waren zu verk\u00fcndigen. Sodass sie pl\u00f6tzlich sahen und erlebten: Ja, sie mochten kleine Weltb\u00fcrger am Ende der Reihe sein. Aber auch Vorhut unter denen, mit denen Gott sein Reich bev\u00f6lkert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darum braucht es all die Kirchen in der d\u00e4nischen Landschaft. Sie sind Fenster aus unserer Welt in eine andere Welt, in ein anderes B\u00fcrgerrecht. Manche Kirchen m\u00f6gen teure Gemeindeh\u00e4user und ein Budget von Millionen haben, andere sind bauf\u00e4llige alte Halbruinen. Das alles tut nichts zur Sache \u2013 denn es hat nichts damit zu tun, wof\u00fcr die Kirche steht. Sie steht n\u00e4mlich in der Kraft des Heiligen Geistes, der lebendig macht, wenn wir beten und lobsingen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jan Sievert Asmussen<br \/>\nPastor in Farum<br \/>\njsas@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Pfingstmontag 25. Mai 2026 Johannes 6,44-51 von Jan Sievert Asmussen Kirche neben der Autobahn Irgendwo zwischen Sor\u00f8 und Slagelse nimmt die Autobahn \u00fcber Seeland, Richtung auf eine wei\u00df get\u00fcnchte Dorfkirche. Doch kurz bevor die Kirche \u00fcberfahren wird, biegt die \u00fcberlastete vierspurige Verkehrsader gleichsam ehrerbietig zur Seite ab und l\u00e4sst die Kirche links liegen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":26335,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,185,157,853,114,1458,250,349,3,392,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-26338","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-jan-sievert-asmussen","category-kapitel-06-chapter-06","category-kasus","category-nt","category-pfingstmontag","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26338"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26339,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26338\/revisions\/26339"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26338"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=26338"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=26338"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=26338"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=26338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}