{"id":26373,"date":"2026-06-03T16:43:49","date_gmt":"2026-06-03T14:43:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26373"},"modified":"2026-06-03T16:43:49","modified_gmt":"2026-06-03T14:43:49","slug":"apostelgeschichte-432-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-432-37\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 4,32\u201337"},"content":{"rendered":"<h3><strong>\u00abTaxmenow\u00bb | 1. So. n. Trinitatis | 07. Juni 2026 | Apg 4,32\u201337 | Martina Jan\u00dfen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00abTaxmenow\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe k\u00fcrzlich ein Buch entdeckt. \u201eToxisch reich\u201c (2025) hei\u00dft es. Das klingt ein bisschen nach linkem Reichen-Bashing. So einfach ist es aber nicht. Es sind nicht immer die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, die Mega-Verm\u00f6gen kritisieren und Solidarit\u00e4t einfordern. Sebastian Klein, der Autor des Buches, ist Unternehmer, sehr reich und engagiert sich f\u00fcr \u201eTaxmenow\u201c (= \u201eBesteuert mich jetzt\u201c). In dieser Initiative sprechen sich verm\u00f6gende Menschen f\u00fcr mehr Steuer- und Verm\u00f6gensgerechtigkeit aus. Das finde ist gut. Wenn zu wenige zu viel haben und zu viele zu wenig, ger\u00e4t etwas aus dem Gleichgewicht. Das vergiftet das Klima und wird auf die Dauer ungesund, \u201etoxisch\u201c eben. Dagegen wollen die Unternehmer:innen etwas tun und nutzen ihre privilegierte Position gerade nicht, um ihren Reichtum zu vermehren, sondern um machtkritisch zu agieren. \u201eWir wollen Wohlstand, Teilhabe und soziale Sicherheit f\u00fcr alle. Die Voraussetzung daf\u00fcr ist ein starkes und gerechtes Steuersystem, das auf demokratische und transparente Weise f\u00fcr Umverteilung sorgt und durch die Finanzierung \u00f6ffentlicher G\u00fcter und Dienstleistungen das Gemeinwohl st\u00e4rkt.\u201c \u00a0\u200b\u200b(<a href=\"https:\/\/www.taxmenow.eu\/\">https:\/\/www.taxmenow.eu\/<\/a>). Um diese Vision Realit\u00e4t werden zu lassen, machen die Menschen hinter \u201eTaxmenow\u201c auch vor sich selbst nicht halt. \u201eEnterbt uns doch endlich\u201c (2022) \u2013 so der Buchtitel eines anderen Autors, Yannick Haan. Mich beeindruckt das. Da sind die, die viel haben, bereit, weniger zu haben, damit andere etwas mehr haben. Mehr zum Leben, mehr Chancen, mehr Teilhabe. Das st\u00fctzt und sch\u00fctzt die Demokratie und schafft sozialen Frieden. Davon haben am Ende alle etwas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Lesung Apg 4,32\u201337: 32\u00a0Die Menge der Gl\u00e4ubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen G\u00fctern, dass sie sein w\u00e4ren, sondern es war ihnen alles gemeinsam.\u200233\u00a0Und mit gro\u00dfer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und gro\u00dfe Gnade war bei ihnen allen.\u200234\u00a0Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder H\u00e4user hatte, verkaufte sie und brachte das Geld f\u00fcr das Verkaufte\u200235\u00a0und legte es den Aposteln zu F\u00fc\u00dfen; und man gab einem jeden, was er n\u00f6tig hatte.\u200236\u00a0Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde \u2013 das hei\u00dft \u00fcbersetzt: Sohn des Trostes \u2013, ein Levit, aus Zypern geb\u00fcrtig,\u200237\u00a0der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu F\u00fc\u00dfen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob Josef Barnabas heute bei \u201etaxmenow\u201c mitmachen w\u00fcrde? Passen w\u00fcrde es. Seinen Acker verkauft er, gibt das Geld den Aposteln, damit das, was seins gewesen ist, allen zugutekommt. Er macht ernst damit, etwas zum Wohl aller beisteuern zu wollen. Es bleibt nicht bei einem gut gemeinten Vorsatz oder einem leeren Versprechen. An Josef Barnabas, einem der einflussreichten M\u00e4nner im fr\u00fchen Christentum, kann es jeder sehen; an seinem Handeln wird es aller Welt vorbildlich vor Augen gestellt. Die, die an Christus glauben und vom Geist erf\u00fcllt sind, sind ein \u201eHerz und eine Seele\u201c. Lukas beschreibt die erste christliche Gemeinde als einm\u00fctige G\u00fctergemeinschaft. Die Antike ist voll mit \u00e4hnlichen Gedanken, Visionen, Utopien. \u201eEs sei Freunden alles gemeinsam\u201c \u2013 so lautet ein Programmsatz des hellenistischen Freundschaftsideals (vgl. Cicero, de officiis 1,51). Exklusiv ist das urchristliche Gemeinschaftsmodell vielleicht nicht, aber exklusiv ist die Begr\u00fcndung. Wer Gott liebt, liebt auch seinen N\u00e4chsten. Nicht nur Familie und Freunde, auch Fremde und selbst Feinde.<\/p>\n<p>\u201eEs war ihnen alles gemeinsam\u201c \u2013 ein hohes Idal, mit dem die \u00e4lteste Kirchengeschichte ganz zu Beginn startet, gleich zweimal erz\u00e4hlt Lukas davon (Apg 2,44\u201346; 4,32\u201337), doppelt h\u00e4lt besser. Das zeigt, wie wichtig ihm dieses Ideal ist. Doch Lukas ist nicht nur Idealist, er ist auch Realist. Dass nicht immer alles gleich klappt, verschweigt er nicht. Es gibt Geschichten \u00fcber jene, die etwas unterschlagen (Apg 5,1\u201311). Das geht nach Lukas gar nicht und f\u00fcr die beiden, die das tun, geht die Geschichte auch nicht gut aus. Und es gibt Geschichten vom \u00dcbersehen-Werden, die gut ausgehen: Als eine Gruppe von Witwen nicht bedacht und beachtet wurde, wird ein Amt eingef\u00fchrt, deren Inhaber daf\u00fcr sorgen, dass das nicht mehr passiert: die ersten Diakone (Apg 6,1\u20137). \u201eEin Herz und eine Seele; es war ihnen alles gemeinsam\u201c \u2013 einfach war das auch an den Anf\u00e4ngen des Christentums nicht. Das finde ich, ehrlich gesagt, auch irgendwie tr\u00f6stlich.<\/p>\n<p>Geht es in der Apostelgeschichte um eine reale oder ideale Gemeinschaft? Dar\u00fcber streitet sich die Forschung. Haben die Menschen in der ersten christlichen Gemeinde wirklich so miteinander gelebt? Oder ist das nur eine Utopie einer fiktiven Christianopolis? Auf jeden Fall eins der Lieblingsthemen von Lukas, sei es in seinem Evangelium, sei es in der Apostelgeschichte. Bei Lukas geht es ja oft um arm und reich, und f\u00fcr wen Lukas Partei ergreift, ist offensichtlich, von Anfang an: \u201eUnd Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.\u201c (Lk 1,48). Das Bewusstsein daf\u00fcr, dass Reichtum toxisch und Armut qu\u00e4lend und elend sein kann, findet sich bei Lukas \u00fcberall; so manches hat geradezu sozialrevolution\u00e4res Potential: \u201eEr st\u00f6\u00dft die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.\u00a0Die Hungrigen f\u00fcllt er mit G\u00fctern und l\u00e4sst die Reichen leer ausgehen (Lk 1,52f). Nicht umsonst gilt Lukas als der \u201eEvangelist der Armen\u201c, als der Che Guevara unter den Evangelisten, der immer wieder den Finger in die Wunde der sozialen Ungerechtigkeit legt und bei dem die Reichen oft nicht gut dastehen und gut wegkommen (Lk 16,19\u201331 [Evangelium des Tages]). Andere Evangelisten haben andere Lieblingsthemen. Relativiert das die Vision von Lukas? Ist er vielleicht nur das vertr\u00e4umte \u201eEnfant terrible\u201c unter den biblischen Autoren, das noch nicht verstanden hat, dass es in der wirklichen Welt anders zugeht und dass real existierender Sozialismus in der Regel nicht gut ausgeht?<\/p>\n<p>So leicht kommt man nicht davon. Die Option f\u00fcr die Armen zieht sich durch die gesamte Bibel; den Zehnten soll man geben (3 Mos 27,30\u201332), denn: \u201eEs sollte \u00fcberhaupt kein Armer unter euch sein.\u201c (Dtn 15,4). Die F\u00fclle des Lebens ist unteilbar und steht jedem zu; es gilt allen: \u201eSchmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist.\u201c (Psalm 34, [Tagespsalm]). Da muss niemand wie Lazarus drau\u00dfen vor der T\u00fcr kauern und lauern, um sich \u201ezu s\u00e4ttigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschw\u00fcren.\u201c (Lk 16,21). So soll es nicht sein. Der Kuchen ist f\u00fcr alle da, niemand soll nur von Kr\u00fcmeln leben oder gar hungern m\u00fcssen. \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7). Barnabas ist in der Apostelgeschichte nicht der einzige, der das tut. Auch \u201eTabita tat viele gute Werke und gab reichlich Almosen\u201c (Apg 9,36); Kornelius \u201ewar fromm und gottesf\u00fcrchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.\u201c (Apg 10,2). Viele andere auch. Das ist nicht als Enteignung von oben misszuverstehen, das ist Liebe, die von innen flie\u00dft \u2013 freiwillig und freudig. \u201eJeder [soll geben], wie er\u2019s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fr\u00f6hlichen Geber hat Gott lieb.\u201c\u2002(2 Kor 9,7).<\/p>\n<p>In der ersten Gemeindeordnung, der Didache, wird die Vision des Lukas wiederholt und bekommt quasi kirchenrechtlichen Charakter: \u201eDu sollst dich nicht abwenden von den Bed\u00fcrftigen; du sollst vielmehr alles teilen mit deinem Bruder, und sollst nicht sagen, etwas sei (dein) Eigentum. Denn wenn ihr Teilhaber seid in dem Unsterblichen, um wieviel mehr in den sterblichen Dingen?\u201c (Did 4,8). Bis heute ist N\u00e4chstenliebe eine Eigenschaft, die mit Kirche assoziiert wird. Wer Kirche h\u00f6rt, h\u00f6rt Diakonie und Caritas mit. Das finden auch Menschen gut, die sonst nicht so viel mit Kirche anfangen k\u00f6nnen. Das war damals auch so. Als Lukas das erste Mal die G\u00fctergemeinschaft und das gemeinsame Brotbrechen beschreibt (Apg 2,44\u201346), sagt er auch etwas \u00fcber die Au\u00dfenwirkung. \u201eSie fanden Wohlgefallen beim Volk\u201c. Doch darum geht es nicht, zumindest nicht in erster Linie. Es geht um Liebe und um Gott, der Liebe ist und Liebe will. Wer Gott liebt, liebt den N\u00e4chsten, l\u00e4sst ihn nicht leer ausgehen und hungrig dastehen. \u201eMeine Kinder, lasst uns lieben [\u2026] mit der Tat und mit der Wahrheit.\u201c (1 Joh 3,18).<\/p>\n<p>Und nun? Was hei\u00dft das nun heute? Gut gemeint, aber nicht umsetzbar? Vielleicht ist das ein Freundschaftsideal im privaten Umfeld, aber gesellschaftstauglich ist es nicht. So zu denken sei ferne! Solidarit\u00e4t ist kein sozialromantisches Luftschl\u00f6sschen, sondern eine Grundfeste der Demokratie. Also: Zur\u00fcck zur G\u00fctergemeinschaft? In Kl\u00f6stern ist das ja so. Aber f\u00fcr alle? Alles allen und nichts eigenes f\u00fcr mich? \u201eUnd du sollst nicht sagen, etwas sei (dein) Eigentum.\u201c (Did 4,8). Ist Eigentum also Diebstahl?\u00a0 Immerhin ist die Vision des Lukas als \u201ereligi\u00f6ser Liebeskommunismus\u201c (Ernst Troeltsch) bezeichnet worden. Also Enteignung als L\u00f6sung? Ich denke, auch das ist kein Weg. Nicht jeder muss gleich viel haben. Leistung darf sich lohnen. Aber jeder muss die gleichen Chancen haben. Und niemand darf unter dem Tisch fallen und au\u00dfen vor bleiben, w\u00e4hrend die anderen sich satt essen. Alle brauchen ihren Platz am Tisch der Gesellschaft und ihre Chance, auch ein St\u00fcck vom Kuchen abzukriegen. Und selbst wenn sie ihre Chance verpassen, gilt: \u201eBrich den Hungrigen dein Brot\u201c und sagt zu ihnen: \u201eSchmecket und sehet.\u201c Das w\u00e4re christlich und menschlich sowieso. Doch so geht es ja heutzutage leider immer weniger zu. Die Zahl der Superreichen steigt, die der Menschen, die Flaschen sammeln und zur Tafel gehen, auch. Wir lesen \u00fcber Armut und Reichtum, \u00fcber Gerechtigkeit und Spaltung t\u00e4glich in den Nachrichten: Umbau des Sozialstaates, Gesundheitsreform, Reform der Erbschaftssteuer. Bei allen Unterschieden scheinen sich alle einig zu sein: Es ist nicht gut, wie es ist. Doch wer ist schuld? Die, die den Mund nicht voll genug kriegen, oder die, die den Hintern nicht hochkriegen? Sind das wirklich die richtigen Fragen? Polemik, Polarisierung und Populismus helfen ja nie. So einfach ist es nicht. Es gibt Arme, die habgierig sind, und Reiche, die freigiebig sind.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re es Zeit f\u00fcr \u201eTaxmenow\u201c. \u201eTaxmenow\u201c ist nicht nur was f\u00fcr Reiche. \u201eTaxemenow\u201c ist eine Haltung, die jeder und jede einnehmen kann. Mein eigenes Wohl und das Wohl anderer sind verbunden. Darum will ich etwas beisteuern zum Wohl aller, so wie ich eben kann, sei es das Scherflein der Witwe (Lk 21,1\u20134), seien es 5 Millionen. Ganz konkret und im Kleinen: Steuern zahlen und auf legal-illegale Steuertricks verzichten, weniger kreative Buchf\u00fchrung und mehr karikatives Engagement, weniger Worte und mehr wohl-t\u00e4tig sein. \u201eWenn jeder gibt, was er hat, werden alle satt.\u201c Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Kirchensteuer. Nicht jede Gemeinde hat einen Barnabas, eine Tabitha oder einen Kornelius, die mit einem F\u00f6rderverein Stellen aufstocken und vieles andere finanzieren k\u00f6nnen. Kirchensteuer ist innerkirchliche Solidarit\u00e4t, damit um die Leuchtt\u00fcrme herum das Licht nicht ganz ausgeht. \u201eTaxmenow\u201c w\u00e4re f\u00fcr jeden und jede an der Zeit. Aus \u00f6konomischer Vernunft, aus demokratischer Leidenschaft, aus menschlicher Solidarit\u00e4t \u2013 und weil sich f\u00fcr die, die es sehen oder sehen wollen, in dieser Haltung nichts weniger als der Geist Gottes zeigt. \u201eUnd dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.\u201c (1 Joh, 4,21 [Epistellesung des Tages]).<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>PD Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\nHildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Martina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abTaxmenow\u00bb | 1. So. n. Trinitatis | 07. Juni 2026 | Apg 4,32\u201337 | Martina Jan\u00dfen &nbsp; \u00abTaxmenow\u00bb Ich habe k\u00fcrzlich ein Buch entdeckt. \u201eToxisch reich\u201c (2025) hei\u00dft es. 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