{"id":26387,"date":"2026-06-11T11:32:38","date_gmt":"2026-06-11T09:32:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26387"},"modified":"2026-06-11T11:32:38","modified_gmt":"2026-06-11T09:32:38","slug":"lukas-1425-35-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1425-35-5\/","title":{"rendered":"Lukas 14,25-35"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Predigt zum Zweiten Sonntag nach Trinitatis | 14. Juni 2026 | Lk 14,25-35 | von Leise Christensen<strong> |<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Rockkonzert und Thermoskaffee<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn es sich herumspricht, dass die Rolling Stones noch ein Konzert in Kopenhagen planen, stelle ich mich geduldig in die Online-Warteschlange, um Karten zu kaufen. Beim letzten Mal dachte ich, ich w\u00fcrde mir etwas Besonderes g\u00f6nnen und Sitzpl\u00e4tze kaufen, nachdem ich bei gen\u00fcgend vielen Konzerten im Stehen gedr\u00fcckt, gesto\u00dfen und herumgeschubst worden war. Gesagt, getan. Der gro\u00dfe Konzertabend kam, mein Mann und ich fanden unsere Pl\u00e4tze, begr\u00fc\u00dften freundlich die Nachbarn, mit denen wir ein paar Stunden verbringen sollten \u2013 und dann kam der Schock. Das gepflegte Ehepaar, das die Pl\u00e4tze neben uns belegt hatte, hatte f\u00fcr den k\u00fchlen Sommerabend eine selbst geh\u00e4kelte Kuscheldecke aus buntem Nylongarn mitgebracht sowie eine ausladende Zwei-Liter-Thermoskanne mit fr\u00f6hlichen Blumenmotiven und Pumpverschluss im Schraubdeckel \u2013 nicht un\u00e4hnlich jener, die wir beim Kirchenkaffee verwenden. Ein Konzert des selbsternannten \u201cgreatest rock\u2019n\u2019roll band in the world\u201d, angereichert mit Kuscheldecke und Thermoskanne mit kirchlicher Assoziation. W\u00e4hrend der damals knapp 75-j\u00e4hrige Mick Jagger st\u00f6hnte, sich wand und schrie im verzweifelten Versuch, wie ein Siebzehnj\u00e4hriger auszusehen, sa\u00dfen wir artig und tranken Kaffee, den uns die Nachbarn auf den Plastiksitzen gro\u00dfz\u00fcgig anboten. Kuscheldecke \u00fcber den Knien. Irgendetwas stimmte da nicht. Irgendwelche Vorstellungen vom typischen Stones-Fan deckten sich nicht mit der Wirklichkeit. Irgendwie wollte sich das mit \u201csex, drugs and rock\u2019n\u2019roll\u201d nicht bis zu den Sitzpl\u00e4tzen verbreiten. Der st\u00e4rkste Stoff waren die koffeinhaltigen Tropfen. Irgendwie stimmten Idee und Wirklichkeit nicht \u00fcberein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gef\u00fchl, die Dinge passen nicht so zusammen, wie man es erwartet, kann sich auch beim Lesen des heutigen Evangeliums melden. Rockkonzert und bunte Nylonkuscheldecke \u2013 Jesus und eine Forderung nach Hass. Das passt schlecht zusammen, und dennoch steht es da. Wir sollen unsere N\u00e4chsten hassen, unseren Ehepartner, Kinder und Geschwister, ja, das ganze Leben hassen. Und das ausgerechnet an einem Tag, an dem wir das sch\u00f6nste Baby zur Taufe getragen haben, innig geliebt von seiner Familie. Es kommt bestimmt im Leben vor, dass wir unserer Familie geh\u00e4ssig sind. Wie oft schreit ein Teenagekind nicht, es hasse Vater und Mutter und den kleinen Bruder? Ist es nicht ein Beispiel f\u00fcr Jesu Forderung, die N\u00e4chsten zu hassen? Aber kann es wirklich sein, dass Jesu Bild vom J\u00fcnger in wahrer Nachfolge einem unm\u00f6glichen Teenager vergleichbar ist \u2013 mit Ring in Augenbraue, Nase und Bauchnabel, Tattoo auf dem Hinterteil und mit jenem ganz besonderen unwilligen Gesichtsausdruck, den nur ein Teenager hinbekommt, wenn er den M\u00fclleimer rausbringen soll? Sollte das wirklich der Inbegriff von Christus\u00e4hnlichkeit sein?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Allem Anschein nach verh\u00e4lt es sich so, denn genau so stellt Jesus die Sache dar. Bei allem Guten, das sich \u00fcber die Familie sagen l\u00e4sst, muss man dem alten Professor P.G. Lindhardt {d\u00e4n. Theologe, 1910-1988, A.d.\u00dc.} manchmal recht geben, wenn er sagte: \u201cFamilie \u2013 das ist aller Krieg gegen alle.\u201d Das ist freilich ein wenig dystopisch formuliert, ein wenig bedauerlich, ein wenig l\u00e4stig \u2013 aber vielleicht auch, im Stillen eingestanden, ein wenig wahr. Die Familie ist, wenn \u00fcberhaupt etwas, ein wunder, empfindlicher und widerspruchsvoller Ort. Es ist der Ort, wo wir lieben \u2013 aber auch der Ort, wo wir die h\u00e4rtesten Urteile \u00fcber die anderen f\u00e4llen k\u00f6nnen, Urteile, gegen die keine h\u00f6here Instanz Berufung einlegt: eine schlechte Mutter, ein abwesender Vater, eine liebeslose Ehe \u2013 und was sonst noch unter Anklage gestellt wird. In wenigen Wochen beginnt der Sommerurlaub. Auch sie kann die Familie belasten. Alle sollten gl\u00fccklich und froh und frei und eintr\u00e4chtig sein, aber\u2026 Nicht selten sehnt man sich nach dem friedlichen Studierzimmer zur\u00fcck. Das ist mein Gef\u00fchl \u2013 aber es bleibt unausgesprochen, denn es ist tabuisiert, es einzugestehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da ist Jesu Aussage also zu viel, zu undifferenziert. K\u00f6nnte Jesus nicht ein bisschen weniger kompromisslos sein? K\u00f6nnte er nicht etwas lauwarmer sein? Es ist schwer, in seinen Ansagen so absolut zu sein \u2013 wir liegen im Streit in der Stra\u00dfe von Hormus und sanktionieren Russland, w\u00e4ren aber trotzdem sehr ungl\u00fccklich, wenn sie das Gas nach Europa ganz abdrehen w\u00fcrden, und wenn der Benzinpreis zu sehr steigt\u2026 Wir sind mit nationalen Kompromissen verschiedenster Art aufgewachsen und meinen im Grunde, die Verh\u00e4ltnisse sind so gut und vern\u00fcnftig, wie es nun m\u00f6glich ist. Nicht alle bekommen alles, aber etwas bekommen wir alle. Was also fangen wir mit Jesu v\u00f6llig kompromisslosem Zugang zum Leben heute an? Ja, die Familie kann m\u00fchsam sein; nein, Familienurlaub ist keine Erholung; ja, die Scheidungsrate n\u00e4hert sich der 50-Prozent-Marke. Und macht es nicht alles nur schlimmer, wenn wir uns im Freundeskreis v\u00f6llig stur zeigen, in der Familie stets auf die kleinen Fehler pochen, im Beruf auf Perfektion bestehen? W\u00fcrden wir mit anderen besser zurechtkommen, w\u00e4ren wir biegsamer, etwas flexibler, kompromissbereiter?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, Jesus \u2013 was sollen wir mit diesem heutigen Evangelium anfangen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alles, glaube ich. Alles. Denn wir wissen tief in uns, dass wir manchmal standhaft sein m\u00fcssen. Manchmal m\u00fcssen wir Stellung beziehen, koste es, was es wolle. In der echten Liebe muss man Farbe bekennen. Deshalb glaube ich, wir verstehen, dass Jesus recht hat \u2013 auch wenn es provokant klingt. Wir kennen aus unserem eigenen Leben unz\u00e4hlige Situationen, in denen wir nicht auf der Stelle treten k\u00f6nnen, sondern Stellung beziehen m\u00fcssen \u2013 auch wenn es etwas kostet. Die mittlere Position der Neutralit\u00e4t l\u00e4sst sich dort w\u00e4hlen, wo es nur darum geht, ob man zu dem einen oder anderen Fu\u00dfballclub h\u00e4lt \u2013 aber in den entscheidenden Augenblicken des Lebens wird eine klare Antwort von uns gefordert; eine klare Haltung wird uns abverlangt. Und genau hier legt Jesus den Finger auf einen wunden Punkt: Denn mit Gott und dem Christsein ist das keine Sonntagsfreizeitbesch\u00e4ftigung zwischen zehn und elf \u2013 nein, es ber\u00fchrt alle Winkel des Lebens. Es ist schlicht und einfach eine Lebenshaltung, die bei uns Spuren hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nein, ich will damit niemanden radikalisieren oder f\u00fcr irgendeine Art heiligen Krieg rekrutieren. Aber ich will die Frage stellen: Was ist in genau dieser Situation das Richtige als Christ? Was w\u00e4hlst du? Was sagst du? Was tust du? Wie verwendest du dein Leben \u2013 deine Zeit \u2013 dein Geld? Beugst du \u00e4ngstlich den Nacken, schaust du weg, verschlie\u00dft du die Augen vor dem Unrecht, w\u00e4hlst du den bequemen Weg? Denkst du, die Thermoskanne mit Pumpverschluss sei das Richtige in deinem Leben, obwohl es eigentlich um Rock\u2019n\u2019Roll geht? H\u00e4ltst du inne, bleibst du standhaft, nimmst du die Konsequenzen entgegen, zahlst du den vollen Preis, gehst du bis ans Ende f\u00fcr das, was dir am wichtigsten ist? Und nein, ich wei\u00df es \u2013 das tut keiner von uns; ich jedenfalls nicht, und jedenfalls bei weitem nicht immer. Aber Jesus selbst hat es getan: Er w\u00e4hlte die Wahrheit und die Liebe und die Gerechtigkeit und die Aufrichtigkeit \u2013 auch wenn sie ihn das Leben am Kreuz kostete. Er tat es f\u00fcr lauwarm-halbherzige Typen wie dich und mich \u2013 er tat es, um uns den Weg zu weisen \u2013 um uns zu zeigen, dass die Liebe keinen Kompromiss mit der Wahrheit schlie\u00dft. Die Liebe glaubt alles, hofft alles, ertr\u00e4gt alles.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Leise Christensen<br \/>\nPastorin, Skt. Johannes Kirke, Aarhus<br \/>\nlec@km.dk<br \/>\nA.d.\u00dc.: Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Zweiten Sonntag nach Trinitatis | 14. Juni 2026 | Lk 14,25-35 | von Leise Christensen | Rockkonzert und Thermoskaffee Wenn es sich herumspricht, dass die Rolling Stones noch ein Konzert in Kopenhagen planen, stelle ich mich geduldig in die Online-Warteschlange, um Karten zu kaufen. 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